Sklave 1.2

Es war das dreißigste Jahr der Regentschaft von König Mèng Chǎng. Der Spätfrühling war angebrochen und ich stand gebückt im Schlamm, um den Untergrund mit einer krummen Holzharke zu bearbeiten. Die Reisfelder mussten umgepflügt werden, denn in einigen Wochen würde die Aussaht erfolgen. Und etwas später, wenn die ersten zartgrünen Sprößlinge vorsichtig aus dem Schlamm wuchsen, musste der Untergrund erneut umgebraben und der Schlamm rund um die Wurzeln zu kleinen Hügeln aufgeschichtet werden. Das stellte sicher, dass die jungen Pflänzchen gut gediehen. Man musste dabei jedoch sehr darauf achten, sie nicht zu beschädigen – sonst gab es für uns Sklaven mehr Schläge und weniger zu essen.

Den Sommer über verbrachten wir mit der Jagd auf Mäuse, Ratten und anderes Ungeziefer. Ebenso musste das Unkraut aus den Feldern entfernt werden. Dann waren die Pflanzen trocken und hart, so dass sie einem in die nackten Arme und Beine stachen.

Ging alles gut, wurde der Reis im Herbst geerntet.

Ich verbrachte einen guten Teil des Jahres auf den Feldern. Es war harte Arbeit. Doch als Sklavin machte ich mir darüber keine Gedanken. Denn um zu leben, musste ich arbeiten – egal, ob die mir aufgetragenen Tätigkeiten schwer oder leicht waren. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Wenn das Wichtigste im Leben das Überleben selbst ist, hat man keine Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich dachte nicht über die Zukunft nach. Nur an das hier und jetzt. An die nächste Mahlzeit und an das ersehnte Kommando, das Abends das Ende der Arbeit verkündete.

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Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Rücken schmerzte. Auf meiner Haut hatte das schlammige Wasser eine dunkelbraune Kruste gebildet. Ich warf einen raschen Blick um mich. Liù Jiàn war hier. Selbstverständlich nicht mit uns Sklaven im Schlamm, sondern trockenen Fußes auf einem nahen Damm, von dem aus er unsere Arbeit beobachtete. Mit 16 Jahren war er schon voll in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Dazu zählte auch die regelmäßige Inspektion der Felder.

Wenn es zu heiß war, ließ er sich von zwei Männern in einer Sänfte vor die Tore der Stadt tragen. Heute aber war das Wetter angenehm, so dass er einen Ausritt auf seinem Pferd machte. Mit seiner schwarzen Hose und dem dunkelroten Oberteil aus Seide machte er eine hervorragende Figur. Die langen schwarzen Haare waren kunstvoll hochgesteckt. An seinem Gürtel hing ein Dolch aus Jade. Während er mit dem Aufseher, einem grobschlächtigen Mann mit bloßem Oberkörper, und seinem Sekretär sprach, ließ er das Pferd verschiedene Kunststücke machen. Er redete und handelte mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der die Gunst der Götter auf seiner Seite wusste.

Ich war noch ein Kind, als ich in das Haus der Familie Liù kam. Damals hatte ich Liù Jiàn als scheuen Jungen kennengelernt, dem es fast peinlich schien, Diener um sich zu haben. Doch nach dem Krieg schlug sein Vater seine Klauen in ihn und brachte sein verdorbenes Inneres zum Vorschein. Er wurde stolz und grausam im Umgang mit uns Sklaven, so dass ich seine Anwesenheit zu fürchten begann.

Während ich mit der Harke weiter die Erde bearbeitete, versuchte ich, keine auffälligen Bewegungen zu machen. So hoffte ich, seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu ziehen. Zur warmen Jahreszeit, wenn es draußen auf den Feldern viel zu tun gab, blieb ich nur selten im Haus der Liù, um dort zu dienen. Im Winter aber musste ich an den meisten Tagen als Haussklave arbeiten und war seinem Jähzorn schutzlos ausgesetzt. Gerade aber war er glücklicherweise so sehr in die Besprechung mit seinem Sekretär vertieft, dass er uns Sklaven nicht weiter beachtete.

—–

Die Sonne stach vom Himmel und ich nahm mir vor, auf dem Heimweg etwas Schilf von einem der zahlreichen Teiche zu sammeln. Zurück in Anwesen wollte ich mir aus den Blättern eine Kopfbedeckung flechten. Und dann würde ich wie jeden Abend an der vereinbarten Stelle im Garten auf Lilie warten. In der Nähe der Küche durfte ich mich nicht blicken lassen, weshalb wir uns immer in einer versteckten Ecke des Anwesens trafen. Wenn ich Glück hatte, brachte mir Lilie etwas zu essen mit. Oft erschien sie aber garnicht und ich musste mit dem kargen Bisschen vorlieb nehmen, das uns der Aufseher brachte. So ging das jeden Tag. Dienen, arbeiten und immer auf der Suche nach etwas zu essen.

Ich richtete mich auf und hielt mir das schmerzende Kreuz. Das war nicht ohne Risiko, denn der Aufseher duldete keine Pausen, außer er gab das Kommando dazu. Ich warf einen verstohlenen Blick auf Liù Jiàn. Doch weder er, noch der Aufseher beachteten mich. Ein alter Mann mit weißem Bart und kahl rasiertem Kopf war auf sie zugetreten. Er war in ein braunes Tuch gehüllt und trug auf dem Rücken ein zusammengeknotetes Bündel. In der Hand hielt er einen langen Stab und ich schloss daraus, dass er von außerhalb des Tals gekommen sein musste.

Wer auch immer der Wanderer sein mochte, er musste eine Person von Rang sein. Zunächst hatte ihn Liù Jiàn skeptisch von seinem Pferd herab beäugt, doch beeilte er sich plötzlich, abzusteigen. Dann verbeugte er sich vor dem Fremden. Ebenso zogen sich der Sekretär und der Aufseher diskret in den Hintergrund zurück. Der Fremde war mächtig.

Ein Gespräch entspannte sich zwischen dem alten Mann und dem jungen Sohn des Gouverneurs. Liù Jiàn machte eine ausladende Geste, die dem Fremden wohl das Ausmaß der familiären Besitztümer verdeutlichen sollte. Der alte Mann nickte anerkennend und ließ seine Augen über die Reisfelder schweifen. Als er mich sah, wurde sein Blick plötzlich starr. Ich senkte meinen Blick und nahm rasch wieder meine Arbeit auf. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Blick Liù Jiàn in meine Richtung wanderte und mein Herz sank. Eine Diskussion über meine Person schien sich zu entwickeln. Die Arbeit mit der Harke hatte mich in die Nähe des Damms geführt, so dass ich Teile ihres Gesprächs verstehen konnte.

Zudem schien Liù Jiàn zu wollen, dass ich seine Worte hörte. Laut sprach er: “Wir haben sie von einem Bauern aus einem der Dörfer bekommen, weil er seine Schulden nicht begleichen konnte. Ein schlechtes Geschäft.” Er schnaubte abfällig, dann wandte er sich wieder an den alten Wanderer. “Als Sklaven geborene lernen von klein auf, zu dienen. Sie stellen keine Fragen und haben keine Ansprüche. Diese da musste erst lernen, zu gehorchen.” Er machte eine kurze Pause. “Wollt Ihr wissen, wie man einem Sklaven Gehorsam beibringt?”

Ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten, befahl er mich zu sich. Ich unterbrach das Umpflügen und stieg mit der Harke in der Hand den Damm hoch. Er packte meinen linken Arm und hielt dem Fremden meine Hand hin, der ein Teil des kleinen Fingers fehlte. “Schmerz ist der beste Lehrmeister, nicht wahr?”

Ich starrte zu Boden, denn eines der wichtigsten Gebote für Sklaven besagt: “Sieh deinem Herren niemals in die Augen, ausser es wird dir befohlen!” Eine Welle ohnmächtigen Zorns durchströmte mich. Doch auch wenn es nur von kurzer Dauer war – das Aufflammen des Ungehorsams in meinem Gesicht entging Liù Jiàn nicht. Er riss mich herum und rief: “Aber trotzdem bleibt sie eine schlechte Sklavin!” Schon erhob er seinen Arm, um mich zu schlagen.

Noch bevor er seinem Impuls nachgeben konnte, wurde er von dem alten Mann unterbrochen: “Die Diener des Herren müssen dumm sein, damit er nicht faul wird.”

Liù Jiàn glotzte ihn überrascht an und ließ den Arm sinken. Der Fremde setzte fort: “So lautet ein Sprichwort aus meiner Heimat. Es bedeutet, dass der Herr davon profitiert, wenn er einen beschränkten oder rebellischen Diener im Hause hat. Denn so verfällt er nicht in Bequemlichkeit, bleibt gerissen und ist immer auf der Hut.”

“Ist das so?” sagte Liù Jiàn mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber.

Der Wanderer nickte und lenkte seine Aufmerksamkeit gegen die Stadt. “Ich sehe, dass Ihr sehr beschäftigt seid und möchte euch nicht weiter mit meinen Fragen belästigen. Könnt ihr mir vielleicht eine Gaststätte oder einen Tempel für die Nacht empfehlen? Ich habe gehört, Tiánwǔ soll eine sehr reizvolle Stadt sein.”

Mein junger Herr beeilte sich zu antworten: “Werter Meister, es wäre mir eine Ehre, Euch im Hause der Familie Liù willkommen heißen zu dürfen! Einer unserer Sklaven hat im Wald Fasanen gefangen und der Wein aus unseren Krügen ist süß. Gönnt uns die Freude, euch zu bewirten! Ich lasse Euch sofort eine Sänfte kommen.”

Sein Gegenüber hob die Hand. “Die Sänfte muss ich ablehnen. Das Geschaukel behagt mir nicht, so dass ich lieber zu Fuß gehe. Eure Einladung nehme ich aber gerne an!”

Liù Jiàn erstrahlte und auf seinen Ruf hin kam der Sekretär gelaufen. “Eile nach hause, damit alles für die Ankunft unseres Gastes vorbereitet wird!”, kam der Befehl und der Mann machte sich sogleich in Richtung der Stadt auf. Der Fremde bedankte sich, was Liù Jiàn mit einer erneuten Verbeugung quittierte. Dann klopfte der Wanderer einmal mit seinem Stab in den Straßenstaub und wandte sich der Stadt zu.

Mein Herr nahm sein Pferd am Zügel, um ihm zu folgen. Im Fortgehen machte er eine Geste zum Aufseher. Dieser knurrte mich an: “Pack dich fort!” und gab mir einen Stoß, so dass ich den Damm hinab in das schlammige Wasser stürzte. Schnell erhob ich mich und nahm die Harke wieder auf, um meine Arbeit fortzusetzen.

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