Sklave 1.3

Die Festlichkeiten waren bereits in vollem Gange, als wir verschmutzt und erschöpft von den Feldern zurück kamen. Man hatte zu Ehren des Gastes die  besten Familien der Stadt eingeladen. Fröhliche Musik erfüllte das Haus. Diener und Sklaven huschten geschäftig umher. Die Tafel im großen Saal war gedeckt mit köstlichen Speisen wie gebratenem Schweinebauch, Fischkopf in Chilisoße oder eingelegte Bambussprossen. Die Stimmung war gelöst, was sicher auch am Wein lag, der ohne Unterlass in die Trinkgefäße der Gäste gegossen wurde. Reden wurden gehalten und gerötete Köpfe sprachen sich gegenseitig Glückwünsche zu. Zwischen Liù Jiàn und seinem Vater hatte der alte Wanderer Platz genommen. Milde lächelnd lauschte er ihren Ausführungen und beantwortete geduldig ihre Fragen.

Verschmutzt wie ich war, wollten mich die Herren nicht in der Nähe ihrer Gäste sehen und ich wurde rasch nach draußen geschickt. Wahrscheinlich dachten sie auch, dass ich etwas von den Speisen stehlen würde.

Ich schöpfte etwas Wasser aus dem Brunnen neben dem Haus, um mich vom gröbsten Schmutz zu befreien. Danach wartete ich am vereinbarten Ort auf Lilie, doch sie erschien nicht. Ich hatte sie nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie Speisen für die Gäste reichte. Sie würde wohl bis spät in die Nacht beschäftigt sein.

Das Abendessen von uns Sklaven bestand aus etwas wässrigem Brei, in dem ein paar geschmacklose Pilzen schwammen. Der Aufseher verteilte das Gemisch in grob gefertigte Holzschüsseln, die er jedem einzeln überreichte. Jene, die seiner Meinung nach an diesem Tag hart gearbeitet hatten, bekamen eine größere Portion. Die „faulen“ unter uns bekamen eine Schüssel, die nur zur Hälfte gefüllt war. Als Frau, die noch dazu als hässlich galt, war ich fast immer unter jenen, die weniger bekamen.

Nach Sonnenuntergang wurden zwei Laterne entzündet. Eine kam in den Teil des Sklavenhauses, in dem sich die Schlafplätze der Männer befanden. Die andere wurde zwischen den Betten der Frauen platziert. Das flackernde Licht konnte nur einen Teil des Sklavenhauses erleuchten. Die männlichen Sklaven scharten sich um ihre Laterne und verbrachten die Zeit mit simplen Spielen. Die Frauen erzählten sich gegenseitig Geschichten. Ich mochte es, diesen Märchen und Legenden schweigend im Halbdunkel zu lauschen. Meistens war eine der älteren Sklavinnen die Vortragende. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als mir meine māma vor dem Schlafengehen fantastische Geschichten erzählt hatte. Darin ging es oft um siegreiche Krieger, die Heldentaten vollbrachten, listige Drachen oder um arme Bauernmädchen, die einen Schatz fanden oder vom Kaiser zur Konkubine erkoren wurden. Um das Leben und Schicksal von Sklaven ging es in diese Erzählungen nie.

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Bis auf Lilie hatte ich unter den Dienern und Sklaven des Hauses keine Freunde. Die Diener standen in der Hierarchie über den Sklaven, da sie Freie waren. Oft mussten wir ihnen bei schweren Tätigkeiten zur Hand gehen. Wir hassten sie, denn sie waren undankbar und stets mussten wir darauf achten, sie nicht zu verärgern. Ging die Arbeit zu langsam von statten oder unterlief ein Fehler, waren sie rasch mit Schlägen zur Stelle oder schoben uns die Schuld zu. Erfolgte die Arbeit jedoch zur Zufriedenheit unserer Herren, spielten sie unseren Anteil herab, um selbst das Lob einzustreichen.

Bei den Sklaven standen die älteren über den jüngeren und die Männer über den Frauen. Obwohl ich ihnen bei der Arbeit auf dem Feld in Schnelligkeit und Ausdauer nicht nachstand, verachteten mich die Männer. Sie hielten mich für schwach. Oft sprachen sie sich ab und übertrugen mir die schwersten Arbeiten, um dann hinter meinem Rücken über mein Unglück zu feixen.

Auch bei der Hausarbeit, die meist eine Angelegenheit der weiblichen Sklaven war, stand ich als jüngste auf der untersten Stufe. Das lag nicht zuletzt an Liù Jiàn. Zwar benahm er sich in Gegenwart aller herrisch und grausam, aber sein Verhalten insbesondere mir gegenüber entging den anderen Sklavinnen nicht. Sie nahmen es als Anlass, mich als die rangniederste zu sehen und behandelten mich entsprechend.

Einzig Lilie sorgte für mich. Sie war drei oder vier Jahre älter als ich und stammte aus dem Süden. Manchesmal erzählte sie mir Geschichten von ihrer Heimat, den nebelumhangenen Bergen und vom großen Fluss, in dem abgerichtete Vögel für die Menschen nach Fischen jagten. Wie ich war sie von ihren Eltern verkauft worden. Dieses gemeinsame Schicksal war vermutlich auch der Grund, warum sie mich ins Herz geschlossen hatte und als Einzige unter Meinesgleichen gut behandelte. Wir vertrauten einander. Und auch auch wenn wir uns an den meisten Tagen kaum zu Gesicht bekamen, unterstützten wir uns gegenseitig, wo wir nur konnten. Ich war froh und dankbar, dass es Lilie gab.

Als ich mit schmerzenden Armen und Beinen zu Bett ging, war ich erleichtert, meinen Herren an diesem Tag nicht mehr dienen zu müssen. Doch der köstliche Geruch des Festmahls hing in der Luft und ich konnte trotz der anstrengenden Feldarbeit nicht schlafen.

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Die Musik hatte aufgehört, die Gäste waren aufgebrochen und die Bewohner des Hauses hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Endlich war die Stille eingekehrt, auf die ich gehofft hatte. Nachdem ich noch eine Zeit lang bewegungslos abgewartet und mich versichert hatte, dass tatsächlich überall im Anwesen Ruhe eingekehrt war, verließ ich mein Nachtlager und schlich mich hinter das Haus.

Ich hoffte in den Küchenabfällen verwertbare Reste des Festessens vorzufinden. Solche nächtlichen Streifzüge unternahm ich nach Feierlichkeiten unserer Herren häufig und ich war im Laufe der Jahre geübt darin geworden, mich ungesehen zu bewegen. Mitglieder der Familie Liù hatte ich zu dieser Zeit weniger zu fürchten. Vielmehr waren es andere Sklaven, Diener des Hauses, der Aufseher oder der Wachmann am Tor, die mich für die Gunst unserer Herren verraten konnten. Doch die anderen Sklaven schliefen alle, und auch die Figur des Wächters saß zusammengesunken im Schatten des Torhäuschens.

Mein Weg führte mich zum Stall. Ich presste mich an seine Wand aus grob gehauenem Stein und lugte vorsichtig um die Ecke. Vor hier aus hatte ich einen guten Überblick auf das Haus und einen Teil des Gartens. Ein Huhn gackerte schläfrig, sonst schien alles ruhig. Mein Ziel war die Küchentür an der Seite des Wohnhauses. Der Mond schien und tauchte alles in ein weißes Licht. Das kam mir ungelegen und ich beschloss, nicht den direkten Weg über den Vorplatz, sondern durch einen Teil des Gartens zu wählen.

Unter den herabhängenden Zweigen einer Weide pirschte ich mich näher ans Haus heran. Nichts regte sich, doch um sicherzugehen wartete ich noch für einen Moment ab. Schließlich entschloss ich mich den Weg zur Küchentür zu wagen. In wenigen Schritte war ich dort. Nun folgte der schwierigste Teil: Die Tür. Um unbemerkt ins Innere zu gelangen, musste ich sie ohne Geräusch öffnen. Das war bei dem alten Ding nicht ohne Probleme. Ich stellte mich zur Tür und übte sanft Druck aus. Langsam, ganz langsam, tat sich ein Spalt auf.

Ein Geräusch ließ mich vor Schreck umfahren.

Hinter mir stand der Fremde. Ich wollte mich auf den Boden werfen und ihn anflehen, mich nicht bei meinen Herren zu verraten. Doch er packte mich am Arm, drückte mir eine Hand auf den Mund und presste mich an die Wand des Hauses. “Still!” zischte er mich an und ich verharrte. Er sah sich rasch um und zog mich dann hastig in eine dunkle Ecke im Garten, wo dichte Bambusstauden den Blick verstellten.  

Panik stieg in mir auf. Wollte er sich an mir vergehen? Sollte ich um Hilfe rufen? Er hielt mich noch immer fest und ich war überrascht, mit welcher Kraft er es tat. Als er sprach, konnte ich den Wein in seinem Atem riechen. “Mädchen, wie heißt du?”

“Guàn” stieß ich hervor. Bewässerung – ein Name der meine bäuerliche Herkunft verdeutlichte.

“Wir haben nicht viel Zeit, also höre mir genau zu.”

Er vergewisserte sich noch einmal, dass wir ungestört waren und setzte schließlich fort: “Ich suche nach einer Gefährtin für eine weite Reise nach Norden. Du bist kräftig und ausdauernd, also genau richtig für dieses Vorhaben. Die Hintergründe kann ich dir noch nicht nennen. Nur so viel: Die Reise wird beschwerlich und gefährlich sein. Aber ich verspreche dir die Freiheit, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Willst du dich mir anschließen?”

Als er meinen Unglauben sah, wurde seine Stimme drängender: “Guàn, ich habe gesehen, wie die Familie Liù ihre Sklaven behandelt. Ich kann dir helfen und dich bei ihnen auslösen, aber dazu musst du jetzt eine Entscheidung treffen! Überlege rasch! Denn mit oder ohne dir werde ich diese Stadt morgen früh verlassen.”

Er hatte meinen Arm freigegeben. Was sollte ich ihm antworten? Ich wusste nichts über ihn und darüber, was er mit mir vorhatte. Aber ich war eine Sklavin der Familie Liù und damit weniger wert als ein Stück Dreck. In Tiánwǔ wartete keine andere Zukunft auf mich, als zu Tode geschuftet und geschlagen zu werden. Weglaufen war unmöglich. Ich war nur eine schwere Krankheit oder Verletzung davon entfernt, dass man meinen gebrochenen Körper achtlos auf der Straße liegen ließ. Was auch immer mich jenseits des Tals erwartete, es konnte kaum schlimmer sein.

“Ich komme mit”, sagte ich schließlich.

Im Mondschein sah ich, wie ein Lächeln über das Gesicht des Fremden huschte. “Gut. Wir werden gleich im Morgengrauen aufbrechen. Erzähle niemandem davon, was wir besprochen haben und halte dich bereit!” Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und war bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Verwirrt blieb ich zurück. Ich hatte die Worte leicht ausgesprochen, doch jetzt bereute ich sie. Was, wenn es ein Trick war? Falls ja, warum sollte der so fürstlich bewirtete Gast der Familie Liù so etwas tun? Und warum wollte er gerade mich als Gefährtin für eine lange Reise? Konnte er nicht ein andere Sklavin finden? Eine, die besser und hübscher war?

Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, doch ich fand auf diese Fragen keine Antworten. Mein Hunger war verflogen und ich beschloss, zu meinem Bett zurückzukehren. So leise ich konnte, schlich ich zum Sklavenhaus. Über allem lag Stille. Niemand schien meinen nächtlichen Ausflug und das Gespräch mit dem alten Mann bemerkt zu haben. Zitternd und mit pochendem Herz legte ich mich auf mein Nachtlager.

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“Der Herr verlangt nach dir!” rief die Stimme des Aufsehers. Nach dem unerwarteten Treffen mit dem Fremden hatte ich kaum ein Auge zugetan. Lilie hatte die ganze Nacht in einem anderen Bett verbracht. Auch wenn der alte Mann es mir verboten hatte, wie gerne hätte ich mich ihr anvertraut!

In der Empfangshalle des Hauses warteten Liù Róng und sein Sohn zusammen mit dem Fremden auf mein Erscheinen. Als ich vor die Herren trat, befürchtete ich das Schlimmste. Liù Róng saß in einem schweren Sessel aus Holz. Seine Augen waren stechend auf mich geheftet und seine Lippen zuckten missbilligend, so dass der schwarze Bart an seinem Kinn erzitterte. Der Reisende saß zu seiner Linken und sah mich ausdruckslos, aber nicht unfreundlich an. Da erhob der Kopf der Familie Liù seine Stimme. “Meister Dù Xīnwǔ wird heute zurück in seine Heimat reisen. Das Alter war nicht gut zu ihm und er benötigt einen Sklaven, um die weite Reise zu bewältigen. Er wünscht, dass du ihn begleitest.”

Der Fremde hatte die Wahrheit gesprochen!

Ich war nervös und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, dass es das Beste für mich war, keine Reaktion zu zeigen und still an meinem Platz zu verweilen. Liù Róng sah mich streng an. Das Gesicht Liù Jiàns war eine Maske aus Stein, nur seine Augen funkelten mich böse an.

Sein Vater fuhr fort: “Als unserem geschätzten Gast, dem wir viel zu verdanken haben, konnte ich ihm diese Bitte nicht abschlagen. Zwar habe ich versucht es ihm auszureden, da du nutzlos und hässlich wie die Kehrseite eines Schweins bist.” Er seufzte und machte eine kurze Pause. “Aber der Meister will sich nicht umstimmen lassen. Darum wirst du mit ihm dieses Haus verlassen!” In Richtung seines Gastes sagte er: “Sie ist ein faules, widerspenstiges Ding. Schlagt sie ordentlich, damit Ihr mit ihr keinen Kummer haben müsst!” Dann machte er eine Geste, um mich wegtreten zu lassen. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt und er würdigte mich keines weiteren Blickes.

Mein neuer Meister erhob sich vom Sessel, befahl mich mit einer Geste an seine Seite und reichte mir sein Bündel. Er bedankte sich bei Liù Róng und seiner Familie für die Bewirtung. “Die Berichte über Eure Gastfreundschaft waren nicht übertrieben. Ich werde Euer Haus und Tiánwǔ in bester Erinnerung behalten und allen über die Großzügigkeit der Familie Liù berichten.” Die Gastgeber zeigten zufriedene Gesichter. Dann nahm die Stimme des alten Mannes einen verschwörerischen Ton an: “Und wie besprochen werde ich mich für Euer Anliegen einsetzen. Ich denke, dass ich die Dinge zu Euren Gunsten beeinflussen kann.”

Daraufhin machten Liù Róng und Liù Jiàn eine tiefe Verbeugung, was mein neuer Herr erwiderte. Dann gab er mir einen Wink und sagte: “Komm!”

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Wir traten ins Freie und gingen in Richtung des großen Tores. Auf dem Anwesen herrschte die übliche morgendliche Geschäftigkeit. Ich sah einen Diener, der Essensreste zum Stall brachte. Aus der Küche drang geschäftiger Lärm. Vor dem Sklavenhaus standen Sklaven in einer Reihe vor dem Aufseher. Bald würden sie zur Feldarbeit aufbrechen. Als der Blick des Aufsehers mich traf, senkte ich rasch meinen Kopf und ging etwas schneller, um nicht den Anschluss zu meinem neuen Herren zu verlieren.

Als er uns sah, trat der Torwächter rasch aus seinem Häuschen und öffnete den Durchlass. Mein neuer Meister packte mich wortlos am Arm und schob mich am sich verbeugenden Wächter vorbei durch das Tor. Wir traten hinaus auf die Straße. Hinter mir hörte ich, wie der Zugang zum Anwesen wieder verschlossen wurde.

Wir hatten das Anwesen verlassen. Ich war keine Sklavin der Familie Liù mehr.

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