Episode 1.5 – Vom Problem des Kaisers

Kaiser Sòng Tàizǔ hatte gut gefrühstückt. Mit ein paar Weinbeeren in der Hand schlenderte er durch den Steingarten bis zu jenem Teil des Sommerpalastes, in dem sich sein Arbeitszimmer befand. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den See mit seinen zahlreichen Buchten. Das Schilf schwankte sanft im Wind und zwischen Seerosen tummelten sich zahlreiche Schwäne und Mandarinenten.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen und obwohl die Sonne erst vor kurzem aufgegangen war, konnte der Kaiser bereits viele Menschen ausmachen, die durch den Park am Ufer des Sees spazierten. Später würde er als Bediensteter oder Bote verkleidet ebenfalls einen Spaziergang machen. Derart getarnt gab es vielleicht die Chance, in einem der zahlreichen Pavillons ein Gespräch zu belauschen. Denn auch hier, eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt entfernt, blühten die Palastintrigen. Und es war immer gut, über die neuesten Gerüchte und Verschwörungen informiert zu bleiben.

Nun aber musste er sich einer anderen Sache widmen. Es ging um eine Angelegenheit, die zwar nicht seine ungeteilten Aufmerksamkeit, aber doch einer baldigen Lösung bedurfte, bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem auswuchs. Zur vereinbarten Zeit erschien an der Türschwelle Mǎ Sānbǎo, einer seiner engsten Berater und Ansprechperson für vertrauliche Dinge. Der Kaiser ließ ihn für einen Moment warten und deutete ihm dann, auf einem Sessel in einigen Metern Entfernung Platz zu nehmen. Die beiden Männer hätten Freunde sein können, aber derartige Gesten der Macht waren wichtig, um die Autorität zu wahren.

“Nun, mein Lieber. Wie stehen die Dinge im Norden?”

Der Berater striff sich sein Gewand zurecht und räusperte sich. “Es ist, wie wir befürchtet hatten. Eine Gruppe von Soldaten um den Rebellenführer Cáo Yǔ ist desertiert und hat nahe der nordöstlichen Grenze einen Aufstand angezettelt. Es ist ein schändliches Verhalten, das kaiserliche Vertrauen derart…”

Sòng Tàizǔ erhob eine Hand, um ihn zu unterbrechen, und der Berater verstummte. Derartige Bekundungen waren erfreulich, aber an dieser Stelle unangebracht. Der Kaiser fragte: “Wie weit ist die Rebellion fortgeschritten?”

“Noch sehr begrenzt. Nicht mehr, als ein paar Dörfer.”

“Wie viele Männer hat er?”

“Wir schätzen, dass es im Moment nicht mehr als 200 sind.”

“Wie gut sind sie bewaffnet?”

“Die Aufständischen konnten sich aus den Beständen der örtliche Garnison bedienen. Alles in allem gehen wir von etwa 50 ausreichend bewaffneten Männern aus. Der Rest wird nur mit minderwertigen Waffen in den Kampf ziehen.”

Der Kaiser machte eine Geste und der Berater trat zu einem großen Tisch. Darauf befand sich eine Karte des betroffenen Gebiets. Auf dem Tisch standen mehrere kleine Figuren aus Jade, Holz und Elfenbein. Sòng Tàizǔ nahm einige Jadefiguren und platzierte sie an verschiedenen Stellen auf der Karte. Das waren seine Truppen. Dann platzierte er eine Holzfigur in der nordöstlichen Ecke der Karte. “Das erste Ziel der Verräter wird somit sein, mehr Waffen und Ausrüstung zu erbeuten.”

Der Berater nickte. “Bis nach Dìngzhōu sind es von dort nur ein paar Tage. Die Stadt ist nur von wenigen Männern gesichert, verfügt aber über ein großes Kontor, da es als Versorgungspunkt für die umliegenden Garnisonen dient. Damit wird er in der Lage sein, einen Großteil seiner Leute gut auszurüsten.”

“Fällt Dìngzhōu ist der Weg nach Süden und Westen frei”, sprach der Kaiser. Die Stadt war ein wichtiger Handelsknoten. Von dort konnte die Rebellion rasch auf andere Gebiete übergreifen. Das war ein Problem.

“Können wir die Sache durch Bestechung regeln?”

Der Berater machte eine Miene. “Die zwei Boten, die wir mit Angeboten zu ihm geschickt haben, kamen nicht mehr zurück…”

“Also kein Pragmatiker”, schloss der Kaiser und erhob die Hand. Ein Diener erschien mit einem Teller voller Pfirsiche. Der Kaiser nahm sich ein zartrosanes, besonders pralles Exemplar und biss hinein. Nachdem der Diener sich wieder zurückgezogen hatte, setzte der Konsultant mit seinen Ausführungen fort: “Nein. Dass er unsere Avancen ausgeschlagen hat, bestätigt eine weitere Vermutung und deckt sich auch mit dem, was unsere Quellen über ihn berichtet haben.”

“Er hat eine Gabe”, sagte der Kaiser im Ton ernster Feststellung.

“Ja. Den uns vorliegenden Berichten zufolge scheint sie ihm die Kampfkraft von 20 Männern zu verleihen. Offensichtlich hat er Schaukämpfe veranstaltet, um seine Macht zu demonstrieren und um neue Anhänger zu gewinnen.”

Menschen mit einer Gabe. Menschen, deren Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich weit über jene normaler Personen hinausreichten. Der Kaiser betrachtete die ausgebreitete Karte. Im Falle des Rebellenführers war es weniger sein strategisches Geschick, sonder seine große Strahlkraft, die ihn gefährlich machte. Schaukämpfe also. Wenn sich erst einmal die Idee von seiner scheinbaren Unbezwingbarkeit in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatten, würde es sehr viel schwieriger werden, sich seiner zu entledigen. Hinzu kam: Wenn dieser Mann tatsächlich über eine solch enorme Kampfkraft verfügen sollte, würde es eine ganze Armee brauchen, um ihn zu besiegen. Soldaten, die er an anderer Stelle benötigte.

Der Kaiser deutete erneut auf die Karte. Seine Hand wanderte nun nach Süden. “Die Shǔ sind unruhig. Unsere Spione verzeichnen Truppenbewegungen unweit der Grenze. Wenn der Angriff gelingen soll, kann ich es mir im Moment nicht erlauben, zur Bekämpfung der Verräter größere Kontingente so weit nach Nordosten zu verlegen.”

Ohne von der Karte aufzublicken, setzte er fort: “Aber wie ich dich kenne, mein lieber Mǎ Sānbǎo, hast du doch sicher schon eine Idee parat.”

Der Berater fühlte sich ob dieses Lobs geschmeichelt und er sah seinen Einfluss wachsen. “Tatsächlich habe ich einen Weg gefunden, das Problem zu lösen, ohne dass wir Truppen von anderen Teilen des Reiches abziehen müssen. Die Lösung hängt mit Cáo Yǔ selbst zusammen. Wie jeder Mensch mit einer Gabe verfügt auch er über einen Schwachpunkt, der ihre Vorteile außer Kraft setzt. Wir haben stichhaltige Hinweise darauf, wo diese empfindliche Stelle bei ihm liegt.”

Der Kaiser lächelte wissend, ließ den Konsultant aber weitersprechen.

“Setzt man seine Gabe außer Kraft, ist er leicht zu besiegen. Ist der Schlange erst einmal der Kopf abgeschlagen, werden sich seine Männer schnell in alle Richtungen verteilen und die Rebellion ist im Keim erstickt!”

Der Kaiser strich sich über seinen Bart. “Das hört sich alles gut an. Aber um Erfolg zu haben, braucht es doch sicherlich noch mehr?”

Mǎ Sānbǎo antwortete: “Wir müssen geschickt vorgehen. Cáo Yǔ darf nicht wissen, dass wir seinen Schwachpunkt kennen. Gleichsam muss verborgen bleiben, dass wir bereits entsprechende Vorbereitungen für den Schlag gegen ihn unternehmen.“ Dann senkte er den Ton in seiner Stimme und raunte: „Wenn mein Kaiser es erlaubt, werde ich mich zu diesem Zwecke an den blauen Lotus wenden.”

Der Kaiser erinnerte sich an frühere Berichte und sein Gesicht verfinsterte sich. “Ein Geheimorden?”

“Seid unbesorgt”, beschwichtigte der Berater seinen Herren. “Es ist ein Orden, dessen Mitglieder zwar zurückgezogen leben, aber wiederholt Unterstützung für Euren Thronanspruch geäußert haben. Der blaue Lotus verfügt über einige Elemente, die im Verborgenen wirken und uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen. So können wir die Angelegenheit klären, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr selbst wisst, dass Feinde ihre Augen und Ohren überall haben. Sogar hier, in Eurem Palast.”

Der Kaiser war zu einem der Fenster gegangen und beobachtete von dort zwei Reiher, die am Ufer des Sees langsam durch das Wasser schritten und dabei nach Fröschen Ausschau hielten. “Den richtigen Moment abwarten und dann zuschlagen”, murmelte er mit Blick auf die Vögel und dachte dabei an den blauen Lotus, Cáo Yǔ und das Shǔ-Königreich. Sein Ausdruck war hart geworden und der Konsultant befürchtete, dass es ihm nicht gelungen war, die Zweifel des Kaisers zu zerstreuen. Doch dann wandte sich Sòng Tàizǔ zu ihm.

“Nun gut, vertrauen wir auf dein Urteilsvermögen. Leite umgehend alles in Notwendige in die Wege!”

Der Berater erschauderte unter diesen Worten. Doch schnell fasste er sich wieder und antwortete: “Sehr wohl. Ich werde einen der besten Männer des Ordens mit der Aufgabe betrauen.”

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