Episode 1.5 – Vom Problem des Kaisers

Kaiser Sòng Tàizǔ hatte gut gefrühstückt. Mit ein paar Weinbeeren in der Hand schlenderte er durch den Steingarten bis zu jenem Teil des Sommerpalastes, in dem sich sein Arbeitszimmer befand. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den See mit seinen zahlreichen Buchten. Das Schilf schwankte sanft im Wind und zwischen Seerosen tummelten sich Schwäne und Mandarinenten.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen und obwohl die Sonne erst vor kurzem aufgegangen war, konnte der Kaiser bereits viele Menschen ausmachen, die am Ufer des Sees spazierten. Später würde er als Bediensteter oder Bote verkleidet ebenfalls einen Rundgang machen. Derart getarnt gab es vielleicht die Chance, in einem der zahlreichen Pavillons ein Gespräch zu belauschen. Denn auch hier, eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt entfernt, blühten die Palastintrigen. Und es war immer gut, über die neuesten Gerüchte und Verschwörungen informiert zu bleiben.

Nun aber musste er sich einer anderen Sache widmen. Es ging um eine Angelegenheit, die zwar nicht seine ungeteilten Aufmerksamkeit, aber doch einer baldigen Lösung bedurfte, bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem auswuchs. Zur vereinbarten Zeit erschien an der Türschwelle Mǎ Sānbǎo, einer seiner engsten Berater und Ansprechperson für vertrauliche Dinge. Der Kaiser ließ ihn für einen Moment warten und deutete ihm dann, auf einem Sessel in einigen Metern Entfernung Platz zu nehmen. Die beiden Männer hätten Freunde sein können, aber derartige Gesten der Macht waren wichtig, um die Autorität zu wahren.

“Nun, mein Lieber. Wie stehen die Dinge im Norden?”

Der Berater striff über sein Gewand und räusperte sich. “Es ist, wie wir befürchtet hatten. Eine Gruppe von Soldaten um den Rebellenführer Cáo Yǔ ist desertiert und hat nahe der nordöstlichen Grenze einen Aufstand angezettelt. Es ist ein schändliches Verhalten, das kaiserliche Vertrauen derart…”

Sòng Tàizǔ erhob eine Hand, um ihn zu unterbrechen, worauf der Berater verstummte. Derartige Bekundungen waren erfreulich, aber an dieser Stelle unangebracht.

Cáo Yǔ. Der Kaiser lehte sich in seinem Sessel zurück und dachte an das Festmahl, dass er kurz nach seiner Machtübernahme zu Ehren der Generäle hatte ausrichten lassen. Fast vier Jahre war das nun her. Doch als sei es gestern gewesen, sah er sie nun vor seinem geistigen Auge im Halbkreis um sich herum sitzen. Und eine Reihe dahinter – ihre Hauptmänner. Man hatte gut gespeist und der frisch gebackene Regent hatte den besten Reiswein bringen lassen, um die Heerführer wohlwollend zu stimmen, für das, was er ihnen anzubieten gedachte. Sòng Tàizǔ war immer schon ein begabter Redner gewesen. Doch an diesem Tag hatte er so gut, wie nie zuvor, gesprochen. Mit Erfolg. Denn am Ende des Abends hatten alle Generäle ihre Ämter zurückgelegt und ihm die alleinige Macht über das Reich übertragen.

Es waren großzügige Geschenke an die Heerführer und ihre Familien nötig gewesen, damit dieses Kunststück gelang. Doch was bei den alten Männern glückte, war bei ihren Hauptmännern auf Ablehnung gestoßen. Sie waren zu jung und zu ehrgeizig. Die Abmachung, die der Kaiser mit ihren Vorgesetzten getroffen hatte, untergrub ihre Ambitionen und Chancen auf mehr Macht und Einfluss. Sòng Tàizǔs wachen Augen waren ihre steinernen Minen und so manche sich ballende Faust nicht entgangen. „Auch sie werde ich noch bändigen“, hatte er sich gedacht. Und tatsächlich – wo Geld nichts erreichte, hatte er sie beseitigen lassen oder schickte sie und ihre Soldaten als Grenzbewacher in abgelegene Gebiete des Reiches. So hatte er sie alle gefügig gemacht. Bis auf Cáo Yǔ.

Ein Räuspern riss den Kaiser aus seinen Gedanken. Sòng Tàizǔ sammelte seine Gedanken wieder in der Gegenwart und fragte: “Wie weit ist die Rebellion fortgeschritten?”

“Noch sehr begrenzt. Nicht mehr, als ein paar Dörfer.”

“Wie viele Männer hat er?”

“Wir schätzen, dass es im Moment nicht mehr als 100 sind.

“Wie gut sind sie bewaffnet?”

“Die Aufständischen konnten sich aus den Beständen der örtliche Garnison bedienen. Alles in allem gehen wir von etwa 50 ausreichend bewaffneten Männern aus. Der Rest wird nur mit minderwertigen Waffen in den Kampf ziehen.”

Der Berater setzte fort: „Nicht verifizierten Meldungen zufolge sollen die Deserteure Unterstützung von den Liao erhalten. Ob dem tatsächlich so ist und in welcher Form dies geschieht, steht noch völlig offen.“

Die Liao Dynastie. Der Regent strich sich nachdenklich über den Bart. Mit ihren schnellen Reitern waren sie für seine Truppen schwer zu fassen, so dass er ihren Raubzügen in die nördlichen Grenzregionen nur wenig entgegen setzen konnte. Mit reichlichen Zahlungen in Silber hatten er sie schließlich dazu bewegen können, derartige Unternehmungen in Zukunft zu unterlassen. Doch das war weniger schlimm, als es sich anhörte. Denn durch den Handel zwischen den beiden Reichen kam ein nicht unerheblicher Teil des Geldes wieder zurück in seine Kassen. Die Liao würden es unter diesen Umständen nicht wagen, einen Krieg zu riskieren. Höchstwahrscheinlich würden sich die Berichte über ihre Unterstützung der Rebellen als nicht haltbar erweisen. Dennoch, ganz ausschließen konnte man eine solche Entwicklung nicht. Denn eine Destabilisierung dieses Gebiets käme den nördlichen Nachbarn nicht ungelegen.

Der Kaiser machte eine Geste und der Berater trat mit ihm zu einem großen Tisch. Darauf befand sich eine Karte des Reiches, auf der mehrere kleine Figuren aus Jade, Holz und Elfenbein verteilt waren. Sòng Tàizǔ betrachtete die Jadefiguren. Das waren seine Truppen. Dann nahm und platzierte er eine Holzfigur in der nordöstlichen Ecke der Karte. “Finde heraus, was es mit der Sache mit den Liao auf sich hat! In sechs Tagen will ich dazu einen Bericht vorliegen haben. Falls nötig, lass die Boten ihre Pferde zu Tode reiten, aber ich will diese Informationen so schnell wie möglich vorliegen haben!“

Mǎ Sānbǎo verbeugte sich, worauf der Kaiser wieder das Wort ergriff: „Unabhängig davon wird das nächste Ziel der Verräter sein, mehr Waffen und bessere Ausrüstung zu erbeuten.”

Der Berater nickte. “Bis nach Dìngzhōu sind es von dort nur ein paar Tage. Die Stadt ist nur von wenigen Männern gesichert, verfügt aber über ein großes Kontor, da es als Versorgungspunkt für die umliegenden Garnisonen dient. Damit wird Cáo Yǔ in der Lage sein, einen Großteil seiner Leute gut auszurüsten.”

“Fällt Dìngzhōu ist der Weg nach Süden und Westen frei”, sprach der Kaiser. Die Stadt war ein wichtiger regionaler Handelsknoten. Von dort konnte die Rebellion rasch auf andere Gebiete übergreifen. Auch auf die Hauptstadt. Das war ein Problem.

“Können wir die Sache durch Bestechung regeln?”

Der Berater machte eine Miene. “Die zwei Boten, die wir mit Angeboten zu ihm geschickt haben, kamen nicht mehr zurück…”

“Also kein Pragmatiker”, schloss der Kaiser. Es wäre auch sehr verwunderlich gewesen, wenn Cáo Yǔ seine Geldgeschenke plötzlich angenommen hätte. Er erhob die Hand, worauf ein Diener mit einem Teller voller Pfirsiche erschien. Der Kaiser nahm sich ein zartrosanes, besonders pralles Exemplar und biss hinein. Nachdem der Diener sich wieder zurückgezogen hatte, setzte der Konsultant mit seinen Ausführungen fort: “Dass er unsere Avancen ausgeschlagen hat, bestätigt eine weitere Vermutung und deckt sich auch mit dem, was unsere Quellen über ihn berichtet haben.”

“Er hat eine Gabe”, sagte der Kaiser im Ton ernster Feststellung.

“Ja. Den uns vorliegenden Berichten zufolge scheint sie ihm die Kampfkraft von 20 Männern zu verleihen. Offensichtlich hat er Schaukämpfe veranstaltet, um seine Macht zu demonstrieren und um neue Anhänger zu gewinnen.”

Menschen mit einer Gabe. Menschen, deren Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich weit über jene normaler Personen hinausreichten. Der Kaiser betrachtete die ausgebreitete Karte. Im Falle des Rebellenführers war es nicht nur sein strategisches Geschick, sonder auch seine große Strahlkraft, die ihn gefährlich machte. Schaukämpfe also. Wenn sich erst einmal die Idee von seiner scheinbaren Unbezwingbarkeit in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatten, würde es sehr viel schwieriger werden, sich seiner zu entledigen. Hinzu kam: Verfügte dieser Mann tatsächlich über eine solch enorme Kampfkraft, würde es eine ganze Armee brauchen, um ihn zu besiegen. Soldaten, die er an anderer Stelle benötigte.

Der Kaiser deutete erneut auf die Karte. Seine Hand wanderte nun nach Südwesten. “Die Shǔ ahnen noch nichts. Unsere Spione verzeichnen im Grenzgebiet keine nennenswerten Truppenbewegungen. Der ideale Zeitpunkt naht. Aber wenn der Angriff gelingen soll, kann ich es mir nicht erlauben, zur Bekämpfung der Verräter größere Kontingente so weit nach Nordosten zu verlegen.”

Ohne von der Karte aufzublicken, setzte er fort: “Aber wie ich dich kenne, mein lieber Mǎ Sānbǎo, hast du doch sicher schon eine Idee parat, wie wir dieses Problem lösen können.”

Der Berater fühlte sich ob dieses Lobs geschmeichelt und er sah seinen Einfluss wachsen. “Tatsächlich habe ich einen Weg gefunden, die Rebellion zu beenden, ohne dass wir Truppen von anderen Teilen des Reiches abziehen müssen. Die Lösung hängt mit Cáo Yǔ selbst zusammen. Wie jeder Mensch mit einer Gabe verfügt auch er über einen Schwachpunkt, der ihre Vorteile außer Kraft setzt. Wir haben stichhaltige Hinweise darauf, wo diese empfindliche Stelle bei ihm liegt.”

Der Kaiser lächelte wissend, ließ den Konsultant aber weitersprechen.

“Setzt man seine Gabe außer Kraft, ist er leicht zu besiegen. Ist der Schlange erst einmal der Kopf abgeschlagen, werden sich seine Männer schnell in alle Richtungen verteilen und die Rebellion ist im Keim erstickt!”

Der Kaiser strich sich wieder über seinen Bart. “Das hört sich alles gut an. Aber um Erfolg zu haben, braucht es doch sicherlich noch mehr?”

Mǎ Sānbǎo antwortete: “Wir müssen geschickt vorgehen. Cáo Yǔ darf nicht wissen, dass wir seinen Schwachpunkt kennen. Gleichsam muss verborgen bleiben, dass wir bereits entsprechende Vorbereitungen für den Schlag gegen ihn unternehmen.“ Dann senkte er den Ton in seiner Stimme und raunte: „Wenn mein Kaiser es erlaubt, werde ich mich zu diesem Zwecke an den Blauen Lotus wenden.”

Der Kaiser erinnerte sich an frühere Berichte und sein Gesicht verfinsterte sich. “Der taoistische Geheimorden?”

“Seid unbesorgt”, beschwichtigte der Berater, der die Bedenken seiner Herren kannte. “Es ist ein Orden, dessen Mitglieder zwar zurückgezogen leben und in mancherlei Hinsicht andere Ansichten vertreten. Der Blaue Lotus hat aber wiederholt Unterstützung für Euren Thronanspruch geäußert. Er verfügt über einige sehr fähige Elemente, die im Verborgenen wirken und uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen können. Das ermöglicht uns, diese Angelegenheit zu klären, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr selbst wisst, dass Feinde ihre Augen und Ohren überall haben. Sogar hier, in Eurem Palast.”

Der Kaiser war zu einem der Fenster gegangen und beobachtete von dort zwei Reiher, die am Ufer des Sees langsam durch das Wasser schritten und dabei nach Fröschen Ausschau hielten. “Den richtigen Moment abwarten und dann zuschlagen”, murmelte er mit Blick auf die Vögel und dachte dabei an den Blauen Lotus, Cáo Yǔ, die Liao, und das Shǔ-Königreich. Sein Ausdruck war hart geworden und der Konsultant befürchtete, dass es ihm nicht gelungen war, die Zweifel des Kaisers zu zerstreuen. Doch dann wandte sich Sòng Tàizǔ zu ihm.

“Nun gut, vertrauen wir auf dein Urteilsvermögen. Leite umgehend alles Notwendige in die Wege!“ Dann sah er ihm fest in die Augen und sagte: „Und enttäusche mich nicht!”

Der Berater erschauderte unter diesen Worten. Doch schnell fasste er sich wieder und antwortete: “Gewiss. Ich werde einen der besten Männer des Ordens mit der Aufgabe betrauen.”

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