Eine Fackel mit orangem Feuer brennt in der Dunkelheit

Bindung 2.3

“Leise!” befahl mir Dù Xīnwǔ. Er hatte sich an der Wand neben der Tür positioniert und lugte durch die Spalten zwischen den Brettern. Ich stellte mich neben ihn, um zu sehen, was draußen vor sich ging. Es war noch Nacht und nur eine zarte dunkelblaue Färbung hinter den Bergen kündigte das kommende Morgengrauen an. Vor dem Haus standen die mit Messern und Stöcken bewaffneten Bauern. Ihnen gegenüber befand sich eine Gruppe von mehreren Fackelträgern. Im Flackern des Feuers sah ich ihre Waffen aufblitzen.

“Wer sind diese Leute?” fragte ich leise.

“Räuber und Halsabschneider”, raunte Dù Xīnwǔ.

“Räuber”, wiederholte ich überrascht. “Hier?”

“Dies ist Grenzland. Soldaten der Shǔ finden ihren Weg selten so hoch in die Berge. Sie bleiben lieber unten in den Niederungen, wo sie ihre Festungen haben. Banditen gehen ein geringes Risiko ein, wenn sie abgelegene Höfe wie diesen überfallen. Dass sie so offen auftreten bedeutet, dass sie sich ihrer Sache sicher sein müssen.”

Wie auf ein Kommando trat aus der Gruppe der Wegelagerer plötzlich ein Mann hervor und rief: “Gebt uns eure Käsch Münzen und wir werden euch verschonen!”

“Wir sind arm und haben nichts von Wert. Geht weiter und lasst uns in Ruhe!” antwortete eine Stimme, die ihre Angst hinter Forschheit zu verstecken versuchte.

“Wie ihr wollt”, antwortete der Anführer und zog ein jiàn Schwert aus seinem Gürtel, dessen zweischneidige Klinge bedrohlich funkelte. Er deutete auf unsere Scheune, worauf sich zwei Männer aus der Gruppe der Banditen lösten und in unsere Richtung kamen. Das jiàn erhob er drohend in Richtung der Bauern.

“Halte dich bereit!” flüsterte mein Lehrer und ich packte meinen Speer fest mit beiden Händen. Er griff nach seinem Stab und wartete, bis die beiden Wegelagerer direkt vor der Tür der Scheune standen. Dann trat er kräftig zu. Die Tür flog auf und einer der Räuber stürzte mit einem Schrei zu Boden. Wir stürmten nach draussen und mein Lehrer ließ seinen Stab mit Wucht auf den Kopf des Gestürzten niederfahren.

Ich sprang an ihnen vorbei und stach mit meinem Speer auf den anderen Banditen ein. Er machte einen Satz zurück und mein Angriff ging ins Leere. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich zwischen dem Rest der Banditen und den Bauern ein Kampf entwickelte und dass Dù Xīnwǔ in ihre Richtung eilte.

Ich hielt meine Waffe drohend in die Richtung meines Gegners und verschaffte mir einen raschen Überblick. Der Schuft war mit einer Keule bewaffnet und damit klar im Nachteil. Hinter ihm befand sich vor abfallendem Gelände ein einfacher Holzzaun. Rechts von mir kämpften Dù Xīnwǔ und die Hausbewohner vor dem Bauernhaus gegen die Gruppe der Wegelagerer. Zu meiner linken verschwand der Pfad im Dunkel des Waldes.

Mein Gegner schien sich unsicher, wie er mich angreifen konnte, ohne aufgespießt zu werden. Ich täuschte einen Stoß an, worauf er einen weiteren Sprung nach hinten machte. Der Bandit stand nun mit dem Rücken am Zaun. Seine Augen blickten nervös zu den Seiten. Er schien die Nähe zu seinen Kameraden zu suchen. Ich wartete ab, um ihn zu einer Bewegung zu verleiten. Ich lag richtig, denn plötzlich machte er einen Satz zum Bauernhaus hin. Ich stach zu. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in den Unterleib zu treffen. Doch der Stoß war schlecht berechnet, striff bloß seinen Arm und fuhr dann in den Zaun.

Der Wegelagerer stieß einen Schmerzensschrei aus und nutzte die Gelegenheit, um in die entgegengesetzte Richtung des Waldes zu flüchten. Ich zog den Speer aus dem Holz und wollte nachsetzen, doch da war der Mann bereits zwischen den Bäumen und einen Moment später zur Gänze in der Finsternis verschwunden.

Sollte ich ihn verfolgen? Ich verwarf den Gedanken. In der Dunkelheit war es gefährlich und ich kannte das Gelände nicht. Plötzlich hörte ich einen lauten Schrei hinter mir. Ich fuhr herum. Zwischend den Kämpfenden lag ein Mann am Boden. Mein Blick landete auf Dù Xīnwǔ, der gerade dem Angriff eines Banditen auswich. Der Angreifer war mit einem Spieß bewaffnet und stand mit dem Rücken zu mir. Ich lief auf ihn zu, holte Schwung und stieß ihm meinen Speer in den Rücken.

Das Metall fuhr ihm ohne Widerstand ins Fleisch, bis ich in meiner Bewegung plötzlich gestoppt wurde. Ich musste auf einen Knochen gestoßen sein. Ein Gefühl von Hitze, dass in Kälte überging, schoss durch meinen Körper. Erschrocken ließ ich den Speer los. Der Räuber sackte zusammen, ohne einen Laut von sich zu geben. Dù Xīnwǔ sah mir kurz in die Augen und wandte sich dann ab, um einem bedrängten Bauern zu helfen.

Da ertönte ein lauter Ruf und die Wegelagerer ließen von uns ab. Ich benötigte einen Augenblick um zu begreifen, dass die Angreifer offenbar das Weite suchten. Die Räuber warfen ihre Fackeln weg und liefen, so schnell sie konnten, weg. Einen Moment später waren sie im Wald verschwunden. Ihre gefallenen Kameraden hatten sie zurückgelassen. Wir verharrten und lauschten. Nichts war zu hören, außer das angestrengte Keuchen der Bauern und das Stöhnen eines Verwundeten.

So schnell alles begonnen hatte, war es wieder vorbei gewesen. Wir hatten den Angriff überstanden.

Zum vorigen Kapitel —– Nächstes Kapitel

Werbeanzeigen

Veröffentlicht von

Suchender

Ich schreibe gerne.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s