Bindung 2.4

Ein Bauer lag in einer Blutlache tot auf dem Boden. Ebenso der von mir erstochenen Bandit. Ich zitterte, während ich im Morgenlicht vor dem Bauernhaus auf der Erde saß, um das gerade Erlebte zu verarbeiten. Dù Xīnwǔ half dabei, einen verletzten Hausbewohner zu versorgen, dann ging er zum Wegelagerer, den er vor der Scheunentür erschlagen hatte.

“Gut gemacht. Sehr gut”, sagte der alte Mann im Vorbeigehen und strich mir über den Kopf.

Ich schluckte. Ich hatte meinen ersten echten Kampf erlebt und dabei einen Menschen umgebracht. Er hatte ohne Zweifel viele böse Taten begangen. Aber trotz dieser Gewissheit fühlte ich mich unwohl und irgendwie nicht wie ich selbst. Als ob ich mich im falschen Körper befand.

Die Sonne ging auf. Ich zwang mich, die Fassung zu bewahren und betrachtete den Körper des Banditen. Er lag regungslos im Staub. Mein Speer stak noch immer in seinem Rücken und schwankte leicht im aufkommenden Wind. Er war ein Mann mittleren Alters. Über seine Wange zog sich eine schlecht verheilte Narbe aus einem früheren Kampf. In seinem Mundwinkel befand sich Blut. Ich zog den Speer aus seinem Körper, wozu ich mehr Kraft aufwenden musste, als ich erwartet hatte. Die Spitze schimmerte ölig im Morgenlicht. Blut floss aus der Wunde und färbte die Kleidung des Toten dunkelrot. Mir wurde übel.

Mein Lehrer trat zu mir. “Bist du verletzt?”

“Nein. Aber ich fühle mich nicht gut.”

Er beruhigte mich: “Es ist wichtig, dass du so fühlst. Wir sollten die Gefallenen betrauern, auch wenn sie unsere Feinde waren. Wen der Tod seines Gegners mit Freude erfüllt, der lässt Dunkelheit in sein Herz.”

Er warf einen Blick über die Schulter hin zu den Bauern, die um den Mann am Boden vor der Scheune standen. “Es ist Zeit für uns zu gehen.”

“Was ist mit ihm?” fragte ich und deutete zum Erschlagenen.

“Mein Stab hat ihm den Schädel gebrochen. Ich weiß nicht, ob er noch einmal das Bewusstsein erlangt.”

“Was sollen wir mit ihm machen?”

“Gar nichts werden wir machen. Das ist Sache der Bauern.”

Ich sah zu den Hausbewohnern. Sie warfen uns finstere Blicke zu.

“Hole rasch den Beutel und lass uns aufbrechen!” ermahnte mich mein Begleiter.

Ich ging zur Scheune. Das Gesicht des am Boden liegenden Räubers war geschwollen und hatte eine dunkelviolette Färbung angenommen. Keine Regung zeigte, ob er noch am Leben war. Die Bauern schwiegen, doch ihre Körpersprache verriet Ablehnung, so dass ich schnell an ihnen vorbei in die Scheune huschte. Der  Beutel lag noch an jener Stelle, wo ich ihn in der Nacht gelassen hatte. Grußlos brachen wir auf. Die Hausbewohner betrachteten uns mit steinernen Mienen, als wir in den Wald gingen. Wenig später waren wir allein und komplett von Bäumen und Dickicht umringt. Nur das Zwitschern von Vögeln war zu hören.

Mir fiel der Wegelagerer ein, den ich im Kampf in die Flucht geschlagen hatte. “Wir sollten vorsichtig sein! Einer der Räuber flüchtete in diese Richtung!”

Dù Xīnwǔ beruhigte mich: “Der ist längst über alle Berge. So, wie die anderen Schufte! Sie haben nicht mit Widerstand gerechnet und werden damit beschäftigt sein, ihre Wunden zu lecken!” Er lachte und legte mir eine Hand auf die Schulter. “Dein mutiges Eingreifen hat sie in die Flucht geschlagen! Du hast einen kühlen Kopf bewahrt und deine Feinde besiegt. Es gibt viele Männer, die an deiner Stelle versagt hätten!”

Diese Worte gaben mir Kraft und ich fühlte, wie mir eine Welle von Stolz Auftrieb verlieh. Trotz der schrecklichen Ereignisse. Trotz des Mannes, der wegen mir tot im Schmutz lag. Ich hatte etwas geleistet, was noch vor wenigen Tagen unmöglich gewesen wäre. Ich hatte zwei Feinde im Kampf besiegt und einem Mitstreiter aus einer schwierigen Lage geholfen. Dank meiner Hilfe waren die Bauern nicht alle abgeschlachtet worden.

Doch warum hatten sie sich so undankbar gezeigt, dass wir sie gerettet hatten? Ich verlieh meinem Missfallen Ausdruck: “Weshalb waren die Bauern so abweisend? Wir haben ihnen doch geholfen!”

Mein Begleiter antwortete: “Ich habe das Gefühl, dass sie uns für die Ereignisse  verantwortlich machen.”

“Aber wir haben an ihrer Seite gekämpft! Ohne unsere Hilfe wären sie alle getötet worden!”

“Ja. Wir haben die Halunken vertrieben.” Der alte Mann hatte die Augen zusammen gekniffen und die Unterlippen vorgeschoben. Er sprach mit leiser Stimme weiter: “Aber die Räuber werden wieder kommen. Und dann werden sie Rache für die erlittene Schmach und ihre zwei Toten nehmen.”

Ich blieb abrupt stehen, denn plötzlich verstand ich. Im Gegensatz zu uns konnten die Bauern nicht von hier fort. Hier war ihre Heimat. An ihr Land gebunden waren sie für die Banditen ein leichtes Ziel, die sich beim nächsten Mal nicht so leicht überraschen lassen würden.

Ein Gefühl von Schuld überkam mich.

“Mach dir keine Vorwürfe!” hörte ich die Stimme meines Lehrers, der meine Gedanken zu erraten schien. “Wir hatten keine andere Wahl und mussten uns Verteidigen!” Ich zwang mich, weiterzugehen. Als ich ihn wieder eingeholt hatte, drehte sich Dù Xīnwǔ zu mir und sagte: “Es gibt Situationen, in denen du alles richtig und trotzdem falsch machen kannst. So ist das Leben.”

Wie wahr! Als Begleiterin Dù Xīnwǔs war meine Situation eine bessere – viel bessere – als im Haus der Familie Lìu. Nun begann ich zu begreifen, dass auch dieses neue Leben kein einfaches sein würde – wenn auch auf ganz andere Weise.

—–

Der Pfad verließ das Tal und führte uns steil bergauf. Nach mehreren Stunden erreichten wir schließlich eine Senke zwischen zwei Berggipfeln, die neben uns hoch in den Himmel ragten. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass hier keine Bäume mehr wuchsen und ich fragte Dù Xīnwǔ, ob es hier Holzfäller gab. Er klärte mich darüber auf, dass so hoch in den Bergen keine Bäume mehr wuchsen, weil das Wetter zu rauh war. Wie zum Beweis pfiff plötzlich ein scharfer Wind um uns. Wir suchten Schutz hinter einem knorrigen Zedernbusch und nahmen einen Teil des Proviants zu uns. Laut Dù Xīnwǔ hatten wir noch mehrere Tage des Marschierens vor uns. Der schwierigste Teil war aber überstanden. Unser nächstes Ziel war die Stadt Shíyàn, die auf der anderen Seite der Berge lag.

Bevor ich meinem Führer weiter folgte, genoss ich für einen Augenblick die Aussicht. Vor mir erstreckte sich das bewaldete Tal, das wir gerade durchquert hatten. Dahinter erhob sich Wǔdāng Shān, der Berg der höchsten Harmonie. Irgendwo dort musste der Tempel sein, in dem wir die Nacht verbracht hatten. Und noch weiter entfernt: Tiánwǔ. Ich suchte zwischen den Bäumen nach dem Bauernhof, konnte ihn aber nicht entdecken.

Der Wind zerzauste mir die Haare und ich erzitterte leicht, als mir bewusst wurde, dass es für mich kein Zurück mehr gab. Der einzige Weg voraus führt in das Sòng-Reich.

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