Episode 2.8 – Nacht Geschichte

“Wàipó – Großmutter – erzählst du uns vor dem Schlafengehen noch eine Geschichte?”

“Habt ihr eurer Mutter beim Saubermachen geholfen?”

“Wir haben die Stube gekehrt, die Fensterläden geschlossen und alle Töpfe weggeräumt.”

“Und sonst?”

“Wir haben Pàngpàng die Abfälle von heute zu fressen gegeben, Bàbas Decke ausgeschüttelt, Holz für den Ofen geholt und eine Schüssel mit Wasser für die Nacht vorbereitet!”

“Ihr seid wirklich sehr brave Mädchen! Nun gut, lasst mich kurz überlegen.”

“Erzähl’ uns eine spannende Geschichte!”

“Seid ihr euch sicher? Was, wenn ihr wieder schlecht träumt?”

“Bitte, bitte, Wàipó!”

“Also gut, wie ihr wollt! Hört genau zu, denn heute erzähle ich euch die traurige Geschichte vom Geist der ermordeten Braut.”

“Es war einmal ein Mädchen namens Bīngbīng. Sie war die Tochter eines armen Bauern und wuchs in einem Dorf im Osten, nur ein paar Tagesreisen von hier entfernt auf. Sie hatte ein sanftmütiges, freundliches Wesen und wurde von allen Menschen geliebt. Sie war die Perle ihres Vaters und der Stolz ihrer Mutter.”

“War sie hübsch?”

“Sie war so hübsch, dass Erzählungen über ihre Schönheit weit über die Grenzen des Dorfes hinausreichten. Niemand hatte Zweifel, dass sie einmal in eine gute Familie einheiraten würde”

“Denn sie war nicht nur eine Schönheit, sondern auch wohlerzogen. Unter ihrer zarten Hand zerriss auch die delikateste Seide nicht und mit ihrer Nadel stickte sie die kunstvollsten Muster. Im Haushalt war sie eine große Hilfe. Bereits als kleines Kind bereitete sie den Teig selbst zu, um köstliche Jiǎozi zu machen. Und als sie alt genug war, um einen Mann zu finden, kamen Heiratsvermittler aus nah und fern angereist, um eine Ehe zu arrangieren.”

“Mit einer reichen Familie aus einem anderen Teil der Provinz wurde schließlich eine Heirat vereinbart und Geschenke ausgetauscht. Als der Tag des Abschieds gekommen war, weinten ihre Eltern bitterlich. Denn Bīngbīng war ihr einziges Kind und obwohl sie kein Sohn war, hatten ihre Eltern sie immer geliebt. Doch wie es die Tradition verlangte, bestieg Bīngbīng die Sänfte, um fortan im Haus der anderen Familie zu leben.”

“Aber was musste sie in ihrer neuen Heimat erleben!”

“War die Schwiegermutter böse zu ihr?”

“Sie war schrecklich und grausam zu Bīngbīng. Sie schalt sie jeden Tag. Und egal, wie sehr sie sich bemühte, nichts konnte die Schwiegermutter zufrieden stellen. Sie fand die Qualität ihrer gesponnenen Fäden ungenügend, bemängelte ihre Nähkünste und verschmähte die Speisen, die ihre Schwiegertochter für sie kochte. Sie beschimpfte das Mädchen als faul und ließ sie die niedersten Arbeiten erledigen, obwohl die Familie drei Sklaven besaß.”

“Bīngbīng weinte jeden Tag. Doch auch bei ihrem Ehemann fand sie keinen Trost, denn er war kalt und abweisend zu ihr. Aber das Allerschlimmste war, dass sie ihrem Mann nicht den heiß ersehnten Sohn gebären konnte. Er begann sie zu schlagen und verwünschte sie jeden Tag.”

“Zu den Feiertagen besuchte das Mädchen ihre Eltern. Oh, und wie sie weinte und klagte. Aber ihre Mutter sagte nur: ‘Meine liebe Tochter, du lebst nun im Haus einer anderen Familie. Ich fühle deinen Schmerz und leide mit dir. Aber ich kann dir nicht helfen, außer für dein Glück zu den Göttern zu beten!’”

“Traurig kehrte Bīngbīng in das Haus ihres Mannes zurück. Doch so sehr sie sich auch bemühte, ihre Lage verschlimmerte sich immer weiter und nichts, was sie tat, konnte die Familie ihres Mannes zufrieden stellen.”

“Eines Tages sagte die Schwiegermutter zu ihrem Sohn: ‘Sie ist eine Belastung für unsere Familie, denn sie ist nichts, als ein nutzloser Esser! Wir sollten sie wegschaffen, damit du eine neue und bessere Frau heiraten kannst!’ Zuerst zögerte der Mann, doch seine Mutter redete immer wieder auf ihn ein. So kam es, dass er das unschuldige Mädchen in einer mondlosen Nacht im Schlaf erdrosselte.”

“Aber war ihr Leidensweg schon zu Ende? Nein!”

“Was geschah dann, Großmutter?”

“Stellt euch nur vor! Sie waren wirklich schlechte Leute und warfen ihren leblosen Körper in einen alten Brunnen, in dem das Wasser versiegt war. Dann füllten sie das Loch mit Unrat, Erde und Steinen, um das Verbrechen zu verbergen.”

“Arme Bīngbīng!”

“Ja, fürwahr! Denn ohne eine richtige Bestattung konnte ihre Seele nicht den Weg in die Unterwelt finden. Seitdem wandelt der Rachegeist der unglücklichen Braut umher und ist getrieben von Hass auf jene, die sie so misshandelt und ihr ein ordentliches Begräbnis versagt haben!”

“Ist sie gefährlich?”

“Fast alle Geister sind für die Lebenden eine Gefahr. Und das bleiben sie, bis die Quelle für ihren Verdammnis beseitigt oder sie durch mächtige Zauber gebannt werden. Wenn sie euch sieht, wird sie euch verfolgen und versuchen zu fangen, damit sie euch mit ihren kalten Händen eure Lebensenergie stehlen kann! Aus diesem Grund sollt ihr euch in der Nacht auch nicht außerhalb des Hauses herumtreiben!”

“Aber ihr braucht keine Angst zu haben! Māma, Bàba und ich passen gut auf euch auf, damit euch kein Geist etwas zu Leide tut! Und nun schlaft! Morgen wartet ein langer Tag auf euch.”

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Episode 2.7 – Böses Werk

Die Eltern aus den umliegenden Dörfern ermahnten ihre Kinder, sie sollten sich vom Haus des Greises fernhalten. Sie taten gut daran, diese Warnung auszusprechen. Denn nur zu gerne hätte er eines von ihnen für seine Studien in die Finger bekommen. Aber er widerstand derartigen Versuchungen, denn letztlich hätte ihm das mehr Probleme als Nutzen bereitet.

Der Greis saß im Kerzenschein an einem Tisch voller Schriften. Verbotener Schriften, deren Besitz ihm bei Bekanntwerden großen Ärger einbringen konnte. Ein böser Husten unterbrach ihn bei seinen Forschungen. Er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Der Gedanke an seinen Tod ärgerte ihn. Eine Lästigkeit, denn es gab noch so viel zu tun und noch so viel zu entdecken. Aber er hatte Vorbereitungen getroffen.

Da klopfte es an der Tür. Oh? Was mochte wohl der Grund für den spät abendlichen Besuch sein? Nun, es konnte sich nur um eine geschäftliche Angelegenheit handeln. Oder um eine andere. Eine mit einem unerfreulicheren Ausgang. Die meisten Menschen fürchteten ihn und ließen ihn und seine Studien in Frieden. Es gab aber auch einige, denen er ein Dorn im Auge war und die zu drastischen Maßnahmen bereit waren. Wie gesagt, er hatte auch für diesen Fall alle notwendigen Vorbereitungen getroffen.

Der Greis öffnete die Tür. Vor ihm stand eine verhüllte Gestalt.

“Auftraggeber oder Attentäter?”, rätselte der Alte. Der Fremde musterte ihn für einen Moment und sagte schließlich: “Ich möchte, dass du jemanden ausfindig machst und tötest.” Der Greis kicherte. Das würde den Fremden etwas kosten. Dieser schien sich dessen bewusst zu sein, denn aus einem Ärmel holte er ein kleines Säckchen hervor, in dem es verheißungsvoll klimperte. Gierig griffen die dürren Finger des Greises danach. Seine Forschungen nahmen nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld in Anspruch. Er wog es prüfend in der Hand. Ja, das dürfte genügen.

Wortlos überreichte ihm der Vermummte ein Stück Papier und einen Fetzen Stoff. Etwas schien darin eingerollt zu sein. Der Greis entfaltete das Papier und las einen Namen. “Ein Mädchen?”, fragte er verwundet, erhielt vom Fremden aber keine Antwort. “Sieh an, sieh an”, dachte der Alte und gluckste. Dann öffnete er den Stoff. Darin befand sich ein kleines Knöchlein. “Das sollte ausreichen”, sagte er zur verhüllten Gestalt.

“Bringe mir zum Beweis den Kopf. Dann wirst du noch einmal belohnt. In drei Monaten komme ich wieder”, sprach der Fremde, drehte sich grußlos um und schritt davon. Der Greis blickte der verhüllten Gestalt nach, bis sie in der Nacht verschwunden war. Dann murmelte er: “Groß und kräftig gebaut. Mit dem hätte ich schon etwas anzufangen gewusst.”

—–

Er ging zum Tisch und brannte eine dicke Kerze an. Er ließ das flüssige Wachs in eine kleine Form aus Holz tropfen. Nachdem das Wachs erstarrt war, schlug er mit der Holzform mehrmals hart auf den Tisch, bis sich der Wachswürfel daraus löste. Ein neuerlicher Hustenanfall erschütterte ihn. Heftiger, als der letzte. Verflucht, diese Schmerzen! Er rang nach Luft. Ob er den kommenden Winter überleben würde?

Nachdem er sich erholt hatte, begann er mit einem kleinen Stab Zeichen in das Wachs zu ritzen. Er warf einen prüfenden Blick auf das Stück Papier. Er durfte keinen Fehler machen, sonst war die ganze Arbeit umsonst. Als der Würfel fertig bearbeitet war, ging er zu einem kleinen Schrank. Daraus nahm er ein Tongefäß, in dem sich eine penetrant riechende, gelbliche Masse befand. Er stellte den Behälter auf den Tisch.

Dann nahm der Greis das Tüchlein mit dem Knochenstück und schlug mit einem Stein mehrmals fest darauf ein. Als er den Stoff zu Seite schlug, sah er, dass das Knöchlein in viele kleine Stücke zerbrochen war. Behutsam nahm er sie mit dem Stofffetzen auf und gab sie in die gelbe Paste. Mit dem kleinen Stab rührte er die Masse vorsichtig um. Als sich die Knochenstücke zu seiner Zufriedenheit darin verteilt hatten, nahm er den Wachswürfel mit den Schnitzereien und tauchte ihn in die Paste. Dann umhüllte er ihn mit dem Stofffetzen und verstaute ihn in seiner Ärmeltasche.

In einem kleinen Raum im hinteren Teil des Hauses befand sich eine massive Holztür. Sie war schwer und es kostete ihn einige Anstrengung, um sie zu öffnen. Der Geruch von Verwesung schlug ihm entgegen. Aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil, er mochte ihn sogar. Ächzend stieg er die Treppe hinab in den Keller. Mit einer Laterne brachte er etwas Licht in die Dunkelheit, die ihn wie in einer Grabkammer umhüllte. Er suchte etwas Bestimmtes. Verflixt, wo hatte er ihn nur gelassen? Ah, da hinten!

Er kramte den Wachswürfel hervor und presste ihn fest gegen den gesuchten Gegenstand. Aus dem Dunkeln war ein Grunzen zu hören, doch der Greis beachtete es nicht weiter. Stolz betrachtete er die Früchte seiner Arbeit. Sein Auftraggeber würde zufrieden sein. “Dieser Körper”, murmelte er und dachte an die verhüllte Gestalt. Nun, vielleicht ergab sich ja noch eine Möglichkeit.

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Bindung 2.6

Mit einem dumpfen Plok! fuhr mein Speer in die Rinde des abgestorbenen Baumes. Wir waren seit dem Morgengrauen wach und Dù Xīnwǔ nutzte die ungestörte Umgebung des verlassenen Klosters, um mich weiter im Speerkampf zu trainieren.

“Ein Angriff mit dem Speer kann auch einhändig erfolgen. Dazu lässt du den Schaft mit der führenden Hand los und führst den Stoß nur mit dem hinteren Arm aus. Der größte Vorteil ist, dass du deine Reichweite so noch um ein Stück erhöhst.” Zur Demonstration ließ er seinen Stab wie beschrieben nach vorne schnellen.

“Auch kannst du deinen Gegner damit überraschen, da er üblicherweise mit einem beidhändig geführten Angriff rechnet. Dieser Angriff kommt jedoch auch mit Nachteilen. Er ist weniger kraftvoll und eignet sich somit nur gegen ungeschützte Teile des Feindes.” Mein Lehrer deutete auf ein Astloch. “Da der Angriff mit einer Hand geführt wird, ist er auch viel ungenauer. Versuche hier zu treffen.”

Ich stellte mich vor den Baum, nahm Maß und stieß zu. Die Spitze bohrte sich knapp neben dem Astloch in den Stamm. “Nochmal!” kam die Aufforderung. Wieder stieß ich zu, dieses Mal mitten in das Ziel. “Nochmal!” Wieder traf ich die vorgegebene Stelle. Ich sah zu Dù Xīnwǔ, der die Stirn in Falten gelegt hatte. Er schien überrascht, was mir innerlich Vergnügen bereitete. Dann nickte er anerkennend und sagte: “Wie ich gestern bereits sagte. Du lernst schnell.” Ich musste grinsen, worauf er mahnend den Zeigefinger hob und sagte: “Lass dir das Lob aber nicht zu Kopf steigen! Denn das macht unvorsichtig und offen für Angriffe.” Mit diesen Worten berührte er mit der Spitze seines Stabes meine Brust. Ich verstand.

—–

Wie mein Führer vorausgesagt hatte, erreichten wir die Stadt nach einem Tag. Shíyàn war größer und hatte viel mehr Einwohner als Tiánwǔ. Zahlreiche Häuser befanden sich außerhalb der Stadtmauern und noch bevor wir das Innere der Stadt erreichten, herrschte auf der Straße ein reges Treiben. Durch das westliche Stadttor drängte ein steter Menschenstrom, der uns an den Wachsoldaten vorbei in das Innere der Stadt trug. Wir folgten zunächst der Hauptstraße und zweigten dann in ein Gewirr aus verschlungenen Seitengassen ab.

Hier fand man das pralle Leben vor. Noble Damen wurden in Sänften getragen, Händler feilschten miteinander, Verkäufer priesen ihre Waren an, Sklaven schleppten allerlei Gegenstände umher, Bettler saßen im Staub und hofften auf Almosen. Und über allem hingen der Gestank von Unrat und der köstliche Duft verschiedener Speisen.

Dù Xīnwǔ interessierte das pulsierende Stadtleben nicht. Er schien den Weg zu kennen und drängte sich zielgerichtet durch die Menschenmenge. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Schließlich hielt er vor einem unscheinbaren Haus, in dessen Erdgeschoss ein Gemüsehändler seine Produkte feilbot. Ich wunderte mich, warum mein Lehrer ausgerechnet diesen Laden gewählt hatte. Denn sein Angebot war mager und nicht alle der angebotenen Waren frisch.

Aus dem Inneren des Geschäfts erschien ein Mann. Dù Xīnwǔ wandte sich an ihn und fragte: “Führt Ihr auch Lotuswurzeln im Angebot?”

Der Verkäufer deutete auf einige kümmerliche Knollen in einer Holzkiste. “Selbstverständlich! Wollt ihr welche kaufen?”

“Nein, ich möchte bloß einen Blick darauf werfen”, antwortete mein Führer und kratzte sich am Kinn.

Ich verstand den Sinn dieser Aussage nicht. Doch der Verkäufer riss für einen Moment überrascht die Augen auf. Dann verbeugte er sich hastig, machte eine unauffällige Geste, ihm zu folgen, und führte uns in das Innere des Geschäfts.

“Meister! Eure Ankunft überrascht uns! Boten haben uns über Eure Reise informiert. Dennoch haben wir Euch nicht so früh erwartet. Wie können wir Euch behilflich sein?”

“Die Dinge haben sich besser als erwartet und zu unserem Vorteil entwickelt. Ich wünsche ehestmöglich mit dem örtlichen Vorsitzenden zu sprechen!”

“Selbstverständlich, Meister! Er wird sofort hier sein.”  

Tatsächlich erschien wenig später ein älterer Mann, der sich wie der Gemüseverkäufer vor meinem Lehrer verbeugte und im Flüsterton mit ihm sprach. Nach einer kurzen Unterredung rief mich Dù Xīnwǔ zu sich.

“Gùan. Ich muss wichtige Dinge besprechen. Dinge, die nicht für die Ohren anderer bestimmt sind.” Er winkte einen kleinen Jungen zu sich, der offensichtlich zu den Bewohnern des Hauses gehörte. “Dieser junge Mann wird dir die Stadt zeigen und auf dich aufpassen. Hier, nimm das Geld und kauf dir etwas Gutes zu essen. Du hast es dir verdient!” Mit diesen Worte drückte er mir etwas Käsch in die Hand. Dann fasste er mich am Arm und sprach eindringlich auf mich ein: „Verhalte dich unauffällig! Wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.“ Ich nickte, worauf er zufrieden lächelte. Einen Moment später verschwand er mit den anderen Männern hinter einer Tür.

—–

„Mein Name ist Lèlè“, sagte der Junge, den ich auf etwa 7 Jahre schätzte.

„Glücklich-glücklich.“ So sah er in der Tat aus, als er mich fröhlich von einem Bein auf das andere springend durch das Labyrinth der Gassen führte. Wahrscheinlich war dieser unerwartete Ausflug eine willkommene Abwechslung für ihn.

„Arbeitest du auch im Gemüseladen?“ fragte ich ihn.

„Ja, ich helfe bàba jeden Tag.“ Er machte eine Miene. „Aber wir haben nicht so viele Kunden. Oft ist es ziemlich langweilig.“

Er sprang auf eine Stufe vor einem Haus und drehte sich zu mir. „Und du? Was machst du?“

Ich konnte ihm nicht erzählen, dass ich noch vor wenigen Tagen als Sklavin auf den Feldern geschuftet hatte. „Ich mache eine Reise mit meinem Vater“, antwortete ich.

„Wie aufregend! Ich würde auch gerne eine Reise machen!“ Lèlè wiegte den Kopf kurz hin und her. „Wohin reist ihr denn? Ist es schön dort?“

Gute Frage. Nach kurzem Überlegen sagte ich: „Nach Norden, in die Heimat meines Vaters.“ Das war nur zum Teil gelogen.

Er nickte nachdenklich. „Hm. Dabei sprichst du anders, als dein Vater. Er hat den Dialekt der Hauptstadt. Du aber…“ Er zuckte mit den Schultern. „… dein Dialekt ist anders.“

Schlauer kleiner Kerl!

„Ich… habe für eine Zeit lang im Reich der Shǔ gelebt. Das ist der Grund, warum meine Aussprache etwas anders ist.“

Lèlè schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Er war von der Stufe wieder herabgesprungen und führte mich weiter durch das Gewirr der Gassen. „Du musst viel erlebt haben. Ich habe Shíyàn noch nie verlassen. Nur einmal, als mein bàba und ich Verwandte in einem Dorf besucht haben.“ Wir erreichten eine Straße mit vielen Geschäften. Er warf einen Blick zu beiden Seiten und schien zu überlegen, wohin er mich führen sollte. „Wie ist das Essen bei den Shǔ?“ 

„Manchmal sehr gut. Aber meistens nicht so besonders“, antwortete ich kryptisch.

Er warf mir einen irritierten Blick zu. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er fragte: „Möchtest du eine Spezialität von Shíyàn probieren?“

„Es ist aber nicht ganz billig“, sagte mein junger Begleiter in entschuldigendem Ton. „Aber süßer Shíyàn-Tofu schmeckt wirklich köstlich!“

Wir traten zu einem der zahlreichen Stände und ich kramte die Käsch Münzen hervor. Als Sklave war ich mit Geld nie in Berührung gekommen. Ich hatte nur gewusst, dass meine alten Herren über sehr viel davon verfügten. Waren die Münzen in meiner Hand viel Wert?

„Ist das genug?“ fragte ich Lèlè und zeigte ihm das Geld.

Ja“, antwortete er, nahm einige der Münzen und reichte sie dem Verkäufer.

Dieser machte sich sogleich daran, kleine Tofu-Würfel in einem großen Wok anzubraten. Als sie an allen Seiten eine goldbraune Farbe angenommen hatten, gab er Sojasoße und einige Gewürze hinzu. Schließlich kamen auch noch eine Handvoll Magnolienknospen und ein großer Löffel Honig in den Wok. Nun verstand ich, warum dieses Gericht so teuer war!

Aber wie wunderbar es schmeckte! Der Tofu war außen knusprig und innen ganz weich. Die Sojasoße hatte sich mit dem Honig vermischt und verbreitete ein süßes, warmes Gefühl in meinem Mund. Ich hatte seit meiner Kindheit nichts mehr Süßes gegessen, so dass ich einige Laute des Wohlbefindens nicht unterdrücke konnte. Lèlè lachte, als er mich so sah und in seinem Blick lag auch eine Spur Stolz, dass er mir so ein schönes Erlebnis bereitet hatte.

„Du hattest Recht. Es schmeckt wirklich großartig!“ sagte ich und musste ebenfalls lachen.

—–

Nachdem wir fertig gegessen hatten, schlenderten wir weiter die Verkaufsstraße entlang. Hier gab es nicht nur Geschäfte, wo man etwas zu Essen kaufen konnte. Händler boten auch viele andere Dinge an. Man konnte Gegenstände für den Haushalt ebenso kaufen, wie Hühner, Schweine oder Kleidung.

Mein Blick fiel auf ein Seidentuch dass vor einem Laden über einen Tisch ausgebreitet war. Das delikate Material hatte in der warmen Nachmittagssonne einen tiefblauen Ton angenommen und zog mich sofort in seinen Bann. Der Verkäufer erkannte die Möglichkeit für ein Geschäft und fragte, ob ich Interesse hätte. Ganz so, wie all die Verkäufer in dieser Straße all die anderen vorbeikommenden Männer, Frauen und Kinder ansprachen.

Plötzlich, wie ein Gewitter im Sommer, überkam mich ein großes Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Dafür, dass ich nicht mehr auf den Feldern arbeiten musste, dass ich nicht mehr geschlagen wurde und dass Lèlè mir diesen köstlichen Tofu gezeigt hatte und für diesen wunderbaren Ausflug in dieser fremden Stadt, der so ganz anders war, als alles, was ich bisher in meinem Leben erfahren und erlebt hatte.

Und es musste meinem kleinen Begleiter und dem Ladenbesitzer wohl etwas sonderbar vorgekommen sein, als sie mich mit Tränen in den Augen in mitten der Straße verharren sahen, so dass mich Lèlè vor einer heran nahenden Sänfte zur Seite ziehen musste.

„Es ist nichts, nur ein Staubkorn“, antwortete ich ihm auf seine besorgten Fragen und bedankte mich beim verdutzten Verkäufer. Dann atmete ich mehrmals tief ein und aus und sagte: „Lass uns zurück zum Geschäft deines Vaters gehen.“

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Bindung 2.5

Ich musste mein Gesicht mit einem Tuch verhüllen. Obwohl wir niemandem begegneten, wollte Dù Xīnwǔ durch diese Maßnahme sicherstellen, dass wir keine ungewollte Aufmerksamkeit auf uns zogen. Wenn uns jemand fragte, würden wir uns fortan als Vater und Tochter ausgeben, die gemeinsam eine Pilgerreise nach Osten unternahmen.

Nachdem wir den Pass überquert hatten, führte uns der Weg wieder in tiefere Lagen. Wir wanderten durch eine abgeschiedene Gegend, die größtenteils von dichtem Wald bedeckt war. Andere Menschen sahen wir in diesen Tagen kaum.

Das Wandern machte mir großen Spaß. Das lag nicht nur daran, dass mich jeder Schritt weiter weg von meinen alten Herren brachte. Was ich empfand war ein Gefühl von Freiheit und ich sog begierig alles auf, was mir mein Lehrer beibrachte – welche der in den Bergen vorkommenden Pflanzen essbar waren, wie man Feuer machte oder man im Freien ein Lager für die Nacht bereitete.

Die ersten beiden Nächte verbrachten wir in einer Pagode und unter einem Felsvorsprung, den wir etwas Abseits des Pfades ausfindig gemacht hatten. Unsere Betten bestanden aus Zweigen und Laub. Da wir nicht wussten, ob wir mit Wegelagerern zu rechnen hatten, hielten wir abwechselnd Nachtwache und brannten nur ein sehr kleines Feuer an. An einen guten Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken und wir waren dankbar, als wir am dritten Tag auf einen verlassenen Tempel stießen.

Dù Xīnwǔ war über die unerwartete Entdeckung erfreut: “Mir war nicht bekannt, dass es hier einst einen Tempel gab. Die Mönche müssen ihn schon vor vielen Jahren aufgegeben haben.”

“Ich dachte, dass du mit dieser Gegend vertraut bist?” fragte ich.

Er verneinte. “Ich bin über eine andere Route in das Tal der hundert Sonnen gekommen. Dieser Weg ist mir unbekannt, aber er sollte uns schneller an unser Ziel führen.”

Prüfend stieß er mit der Schulter gegen das schwere Tor, das von verschiedenen Pflanzen überwuchert war. Ich half ihm und gemeinsam zwängten wir es so weit auf, dass wir ins Innere gelangen konnten. Wir standen auf einem gepflasterten Platz, der zu allen Seiten von einer Mauer umgeben war.

“Sieht so aus, als sei diese Anlage auch als Kloster genutzt worden”, stellte Dù Xīnwǔ fest. “Wahrscheinlich konnten die ansässigen Mönche in dieser Abgeschiedenheit keine Nachfolger gewinnen. Oder die Instandhaltung wurde zu aufwendig. Darum haben sie ihre Sachen gepackt und den Tempel verlassen.”

Wir sahen prüfend um uns. Zu unserer Linken hatten wuchernde Pflanzen ein undurchdringliches Dickicht geschaffen. Zu unserer Rechten befand sich eine heruntergekommenes, ebenerdiges Gebäude, dessen Fenster und Türen mit Holzlatten verbarrikadiert waren. Vor uns stand die große Haupthalle. Jener Ort, wo die wichtigsten religiösen Objekte verwahrt wurden. Sie ruhte auf einem Fundament aus Stein, das auf der ganzen Breite über zwei Stufen bestiegen werden konnte. Das Vordach der Halle wurde von mehreren massiven Holzsäulen getragen. Zu beiden Seiten konnte man über mit Steinplatten gepflasterte Wege in den dahinter liegenden Bereich gelangen. Wie viel Arbeit die Mönche wohl in all dies gesteckt haben mussten, nur, um es wieder dem Verfall zu überlassen?

“Weiter hinten muss es noch Wirtschaftsgebäude und die ehemaligen Schlafstätten der Mönche geben”, sagte Dù Xīnwǔ. “Ich werde mich dort umsehen. Untersuche du die Halle! Vielleicht finden wir etwas Brauchbares. Und halte Augen und Ohren offen. Wir wollen hier keine unliebsamen Überraschungen erleben!”

Ich nickte und ging auf das Gebäude zu, während der alte Mann hinter dem Bau verschwand. Ich versuchte die große Tür zu öffnen, doch der Eingang war fest verschlossen. Auch die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Ohne Gewalt war ein Eindringen nicht möglich. Ich sah mich nach einem Gegenstand um, mit dem die Bretter gelöst werden konnten. Da fiel mein Auge auf einen schwarzen Fleck, der sich zwischen zwei Säulen auf dem Boden befand. Ich kniete mich hin, um die Stelle untersuchen. Es sah aus wie Ruß. Hatte hier jemand ein Feuer gemacht?

Ein Geräusch ließ mich hochfahren. Tok, tok tok! Ich verharrte und hielt den Speer schützend vor mich. Dù Xīnwǔ? Nein, er war auf der anderen Seite der Halle verschwunden. Mein Herz klopfte, doch ich zwang mich zur Ruhe. Erneut hörte ich das Geräusch. Tok, tok tok! Ein Klopfen wie auf Stein oder Holz. Das Geräusch kam nicht aus dem Inneren des Gebäudes. Ich lugte angespannt um die Holzsäulen, konnte aber nichts erkennen. Der Vorplatz war verwaist. Die Quelle des Geräuschs musste hinter oder neben der Haupthalle liegen. Langsam schlich ich zur Ecke des Bauwerks. Dann presste ich mich an die Wand, reckte den Kopf und spähte vorsichtig um die Halle.

Rechts in meinem Blickfeld befand sich die Wand der Halle. Links die Außenmauer. Im Hintergrund erkannte ich ein weiteres Bauwerk…

Ein lautes Kreischen ließ mich zusammenzucken und ich riss meinen Blick nach oben. Auf der Mauerkrone saß ein Affe mit goldenem Fell. In der Hand hielt er eine Frucht. Erneut riss der Affe sein Maul auf und kreischte erbost. Aus dem Dickicht hinter ihm drang eine Vielzahl ähnlicher Laute. Dann machte er einen Satz zurück, sprang auf einen Ast und war einen Augenblick später im dichten Grün verschwunden.

Ich atmete erleichtert auf. Dù Xīnwǔ erschien aus dem hinteren Teil der Anlage und rief mir zu: “War das ein Affe?”

“Ja! Er hatte ein Fell wie aus Gold und war sehr böse, als er mich sah.”

“Du hast Glück! Diese Affen heißen Goldstumpfnasen und sind sehr scheu. Nur wenige Menschen bekommen sie zu Gesicht. Wahrscheinlich hast du ihn beim Fressen überrascht.”

Ich horchte nach weiteren Geräuschen. Doch jenseits der Mauer war alles ruhig, so dass ich zu meinem Lehrer ging, der hinter der Halle auf mich wartete. Ich folgte ihm zu einem Gebäude. Das Dach war auf einer Seite eingesunken. Zwischen dichtem Buschwerk stand eine Tür offen.

Ich benötigte einen Augenblick, um mich an das Halbdunkel im Inneren zu gewöhnen. Die meisten Fenster waren mit Holz verbarrikadiert. Durch die Spalten drang Sonnenlicht, in dem der Staub schwebte. Der Boden war übersät mit Unrat. Umgefallene Stühle und zerbrochene Schüsseln. Dazwischen lagen verrottete Fetzen Stoff. “Hier befanden sich einst die Schlaf- und Wohnquartiere der Mönche”, erklärte Dù Xīnwǔ. Wir traten zur Stelle, wo das Dach eingesunken war. Durch ein Loch konnte man den Himmel sehen. “Lass uns von draußen etwas trockenes Gras und Holz holen”, schlug er vor.

—–

Wenig später brannte auf dem Boden des Hauses ein kleines Feuer, dessen Rauch aus dem Loch in der Decke abzog. Wir hatte zwei der Stühle aufgerichtet und Platz genommen. Mit einem Zweig stierte Dù Xīnwǔ in der Glut herum. “Hier kann uns der Schein des Feuers nicht verraten”, sagte er zufrieden. Wir holten den Rest unseres Proviants hervor und nahmen unser Abendessen ein.

“In ein oder zwei Tagen erreichen wir die Stadt Shíyàn. Dort werde ich Erkundungen einholen. Sobald wir uns mit Proviant eingedeckt haben, reisen wir weiter nach Nordosten. Dort wartet ein weiterer Mitstreiter auf uns.”

“Wer ist er?”

“Einer der besten Schwertkämpfer, die ich jemals gesehen habe. Vielleicht sogar der beste, den es jemals gab.”

Ich hatte keine Vorstellung davon, was einen guten von einem weniger guten Schwertkämpfer unterschied. Doch Dù Xīnwǔ geriet ins Schwärmen und seine Augen leuchteten. “Wie er die Klinge führt, ist sensationell! Egal, wie stark sein Gegner verteidigt, er findet einen Schwachpunkt. Egal, wie furios der Feind attackiert, er wehrt alle Angriffe ab! Ich sah ihn einmal gegen vier Mann gleichzeitig kämpfen. Wie er das Momentum für Angriff und Verteidigung nutzt, ist unbegreiflich!” Es schien, als erzählte ein Vater von seinem Sohn, von dem er sich entfremdet hatte, auf den er aber noch immer stolz war. Ein hintergründiges, melancholisches Lächeln lag auf seinem Gesicht. In den letzten Tagen hatte ich ihn etwas besser kennen gelernt. Doch vieles über seine Person lag für mich noch im Dunkeln.

Dù Xīnwǔ besinnte und räusperte sich kurz, als ob ihm der zur Schau gestellte Überschwang peinlich war. “Auf jeden Fall hat er sehr viel Erfahrung und ich erwarte mir, dass du von ihm lernst!”

Schwertkampf? Ich hatte gerade erst die Grundlagen des Speerkampfes verinnerlicht. War das nicht zu viel auf einmal? Er sah mein zweifelndes Gesicht und sagte beruhigend: “Keine Sorge! Du musst keine Schwerter schwingen, sondern bleibst beim Speer. Seine Aufgabe wird es sein, dich so zu unterweisen, dass du dich mit dem Speer gegen einen Schwertkämpfer wie Cáo Yǔ behaupten kannst.”

“Wenn er wirklich so ein einzigartiger Meister im Schwertkampf ist, wird er mit einer Anfängerin wie mir überhaupt zu tun haben wollen?”

“Er muss”, sagte Dù Xīnwǔ knapp. “Es wird nicht einfach. Er hat einen etwas… komplizierten Charakter. Auf eine gewisse Art und Weise ist er wie du. Die Vorsehung hat euch beide auf schwierige Pfade geführt und ihr beide sucht noch nach eurem Platz in dieser Welt.”

Das Feuer flackerte und warf ein gespenstisches Licht in den Raum. In Gedanken versunken beobachtete ich das Spiel der Flammen. Mein Begleiter hatte Recht. Ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führte. Ich wusste nur, dass es ein Weg voller Gefahren war. Und wenn ich das Ende dieses Pfades erreichte? Wenn Cáo Yǔ tot im Staub lag? Was geschah dann? Bislang war mir immer von anderen gesagt und vorgeschrieben worden, was ich zu tun hatte. Doch seit wir aus dem Tal der hundert Brücken aufgebrochen waren, keimte in mir das Verlangen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wie das Glosen des verkohlten Holzes vor mir pulsierte dieses Verlangen mal stärker, mal schwächer, verschwand und tauchte wieder auf. Ich musste sicherstellen, dass es nicht wieder verlöschte.

Dù Xīnwǔ wollte meine Zweifel zerstreuen: “Du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Du lernst sehr schnell. Schneller, als die meisten anderen Schüler, die ich vor dir im Speerkampf unterwiesen habe. Du hattest lange eine schwere Last zu tragen, aber sie hat dich stark gemacht. Je mehr ich dich beobachte, desto sicherer bin ich mir, dass du Cáo Yǔ besiegen kannst! Habe Vertrauen in dich!”

Ich freute mich über dieses Lob. Außerdem hatte er Recht. Der Kampf gegen die Banditen hatte mir Zuversicht und mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten gegeben. Ich war mir sicher, im Kampf  mit etwas Glück gegen die meisten Gegner bestehen zu können.

Aber auch gegen den Rebellenführer Cáo Yǔ?

“Was ist die Gabe?”

Seitdem mir Dù Xīnwǔ berichtet hatte, dass der Mensch, den ich töten musste, über eine Gabe verfügte, verspürte ich beim Gedanken daran Unbehagen. Zwar verkörperte ich, war ich der Gegenpol, der Cáo Yǔs Gabe angeblich außer Kraft setzte. Trotzdem fühlte ich mich unwohl und ich wollte so viel, wie möglich, darüber in Erfahrung bringen. Denn mein Gefühl sagte mir, dass mein Überleben davon abhing. Umso mehr hatte es mich verwundert, dass mein Lehrer nie mehr mit mir darüber sprach.

Nun sagte er: “Eine Gabe verleiht übermenschliche Kräfte in einer bestimmten Disziplin. So viel ist dir bereits bekannt.”

Ich nickte und zählte Fähigkeiten auf, über die Menschen mit der Gabe laut Berichten und Erzählungen verfügten: “Eine übernatürliche Sprungkraft, das Gehör einer Katze, oder Augen, mit denen man das Gold im Inneren von Bergen sehen kann.“

“So ist es. Jedoch kann ein Mensch immer nur über eine Gabe verfügen. Nie über mehrere. Warum, ist nicht bekannt. Ebenso, wie Menschen eine Gabe erlangen.”

Von draußen drang von weit entfernt das Gekreische von Affen. Wir lauschten den Geräuschen für einen Moment, dann setzte Dù Xīnwǔ fort: “Die meisten Menschen erlangen nie eine Gabe. Vielleicht einer unter vielen zehntausenden. Manche davon erhalten ihre Gabe bereits als Kinder. Andere erst in hohem Alter. Jede Gabe verleiht dem, der sie hat, einen großen Vorteil. Doch mit dem richtigen Gegenmittel lässt sie sich außer Kraft setzen. Es kann ein Metall, eine Pflanze, ein gesprochenes Wort, oder die Nähe zu einem bestimmten Tier oder Menschen sein.”

“Manche Menschen mit einer Gabe verbergen ihre übernatürliche Fähigkeit vor anderen. Sei es aus Furcht oder aus Selbstschutz. Manche aber nutzen sie für ihre Zwecke. Cáo Yǔ schart mit ihrer Hilfe ein Heer um sich und verbreitet Angst und Schrecken. Es sind Menschen wie er, die ein schlechtes Bild von Menschen mit der Gabe entstehen ließen. Menschen wie er sind auch der Grund, dass der Kaiser das Aufkommen der Gabe als eine Gefahr sieht. Als eine Störung der Harmonie, die beseitigt werden muss.”  

“Wie will er das erreichen?”

“Hat jemand eine Gabe und der Kaiser erfährt davon, hängt viel vom Verhalten des Betroffenen ab. Der Kaiser ist pragmatisch. Verhält sich diese Person unauffällig, steht sie in der Regel nur unter Beobachtung. Sorgt sie jedoch für Aufsehen oder gar für Ärger, zögert der Kaiser meist nicht nicht lange.“ Er sah mir in die Augen. „Dann heißt es Kerker oder Scharfrichter.”

Das Feuer war niedergebrannt und wir legten uns zum Schlafen auf den Boden. Nach unserem Gespräch lag ich noch lange in der Dunkelheit und dachte nach. Über den mysteriösen Schwertmeister, den ich bald treffen sollte. Und darüber, wie ich von einer Sklavin zur Scharfrichterin des Kaisers geworden war.

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