Bindung 2.5

Ich musste mein Gesicht mit einem Tuch verhüllen. Obwohl wir niemandem begegneten, wollte Dù Xīnwǔ durch diese Maßnahme sicherstellen, dass wir keine ungewollte Aufmerksamkeit auf uns zogen. Wenn uns jemand fragte, würden wir uns fortan als Vater und Tochter ausgeben, die gemeinsam eine Pilgerreise nach Osten unternahmen.

Nachdem wir den Pass überquert hatten, führte uns der Weg wieder in tiefere Lagen. Wir wanderten durch eine abgeschiedene Gegend, die größtenteils von dichtem Wald bedeckt war. Andere Menschen sahen wir in diesen Tagen kaum.

Das Wandern machte mir großen Spaß. Das lag nicht nur daran, dass mich jeder Schritt weiter weg von meinen alten Herren brachte. Was ich empfand war ein Gefühl von Freiheit und ich sog begierig alles auf, was mir mein Lehrer beibrachte – welche der in den Bergen vorkommenden Pflanzen essbar waren, wie man Feuer machte oder wie man im Freien ein Lager für die Nacht bereitete.

Die ersten beiden Nächte verbrachten wir in einer Pagode und unter einem Felsvorsprung, den wir etwas Abseits des Pfades ausfindig gemacht hatten. Unsere Betten bestanden aus Zweigen und Laub. Da wir nicht wussten, ob wir mit Wegelagerern oder gefährlichen Tieren zu rechnen hatten, hielten wir abwechselnd Nachtwache und brannten nur ein sehr kleines Feuer an. An einen guten Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken und wir waren dankbar, als wir am dritten Tag auf einen verlassenen Tempel stießen.

Dù Xīnwǔ war über die unerwartete Entdeckung erfreut: “Mir war nicht bekannt, dass es hier einst einen Tempel gab. Die Mönche müssen ihn schon vor vielen Jahren aufgegeben haben.”

“Ich dachte, dass du mit dieser Gegend vertraut bist?” fragte ich.

Er verneinte. “Ich bin über eine andere Route in das Tal der hundert Sonnen gekommen. Dieser Weg ist mir unbekannt, aber er sollte uns schneller an unser Ziel führen.”

Prüfend stieß er mit der Schulter gegen das schwere Tor, das von verschiedenen Pflanzen überwuchert war. Ich half ihm und gemeinsam zwängten wir es so weit auf, dass wir ins Innere gelangen konnten. Wir standen auf einem gepflasterten Platz, der zu allen Seiten von einer Mauer umgeben war.

“Sieht so aus, als sei diese Anlage auch als Kloster genutzt worden”, stellte Dù Xīnwǔ fest. “Wahrscheinlich konnten die ansässigen Mönche in dieser Abgeschiedenheit keine Nachfolger gewinnen. Oder die Instandhaltung wurde zu aufwendig. Darum haben sie ihre Sachen gepackt und den Tempel verlassen.”

Wir sahen prüfend um uns. Zu unserer Linken hatten wuchernde Pflanzen ein undurchdringliches Dickicht geschaffen. Zu unserer Rechten befand sich eine heruntergekommenes, ebenerdiges Gebäude, dessen Fenster und Türen mit Holzlatten verbarrikadiert waren. Vor uns stand die große Haupthalle. Jener Ort, wo die wichtigsten religiösen Objekte verwahrt wurden. Sie ruhte auf einem Fundament aus Stein, das auf der ganzen Breite über zwei Stufen bestiegen werden konnte. Das Vordach der Halle wurde von mehreren massiven Holzsäulen getragen. Zu beiden Seiten konnte man über mit Steinplatten gepflasterte Wege in den dahinter liegenden Bereich gelangen. Wie viel Arbeit die Mönche wohl in all dies gesteckt haben mussten, nur, um es wieder dem Verfall zu überlassen?

“Weiter hinten muss es noch Wirtschaftsgebäude und die ehemaligen Schlafstätten der Mönche geben”, sagte Dù Xīnwǔ. “Ich werde mich dort umsehen. Untersuche du die Halle! Vielleicht finden wir etwas Brauchbares. Und halte Augen und Ohren offen. Wir wollen hier keine unliebsamen Überraschungen erleben!”

Ich nickte und ging auf das Gebäude zu, während der alte Mann hinter dem Bau verschwand. Ich versuchte die große Tür zu öffnen, doch der Eingang war fest verschlossen. Auch die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Ohne Gewalt war ein Eindringen nicht möglich. Ich sah mich nach einem Gegenstand um, mit dem die Bretter gelöst werden konnten. Da fiel mein Auge auf einen schwarzen Fleck, der sich zwischen zwei Säulen auf dem Boden befand. Ich kniete mich hin, um die Stelle untersuchen. Es sah aus wie Ruß. Hatte hier jemand ein Feuer gemacht?

Ein Geräusch ließ mich hochfahren. Tok, tok tok! Ich verharrte und hielt den Speer schützend vor mich. Dù Xīnwǔ? Nein, er war auf der anderen Seite der Halle verschwunden. Mein Herz klopfte, doch ich zwang mich zur Ruhe. Erneut hörte ich das Geräusch. Tok, tok tok! Ein Klopfen wie auf Stein oder Holz. Das Geräusch kam nicht aus dem Inneren des Gebäudes. Ich lugte angespannt um die Holzsäulen, konnte aber nichts erkennen. Der Vorplatz war verwaist. Die Quelle des Geräuschs musste hinter oder neben der Haupthalle liegen. Langsam schlich ich zur Ecke des Bauwerks. Dann presste ich mich an die Wand, reckte den Kopf und spähte vorsichtig um die Halle.

Rechts in meinem Blickfeld befand sich die Wand der Halle. Links die Außenmauer. Im Hintergrund erkannte ich ein weiteres Bauwerk…

Ein lautes Kreischen ließ mich zusammenzucken und ich riss meinen Blick nach oben. Auf der Mauerkrone saß ein Affe mit goldenem Fell. In der Hand hielt er eine Frucht. Erneut riss der Affe sein Maul auf und kreischte erbost. Aus dem Dickicht hinter ihm drang eine Vielzahl ähnlicher Laute. Dann machte er einen Satz zurück, sprang auf einen Ast und war einen Augenblick später im dichten Grün verschwunden.

Ich atmete erleichtert auf. Dù Xīnwǔ erschien aus dem hinteren Teil der Anlage und rief mir zu: “War das ein Affe?”

“Ja! Er hatte ein Fell wie aus Gold und war sehr böse, als er mich sah.”

“Du hast Glück! Diese Affen heißen Goldstumpfnasen und sind sehr scheu. Nur wenige Menschen bekommen sie zu Gesicht. Wahrscheinlich hast du ihn beim Fressen überrascht.”

Ich horchte nach weiteren Geräuschen. Doch jenseits der Mauer war alles ruhig, so dass ich zu meinem Lehrer ging, der hinter der Halle auf mich wartete. Ich folgte ihm zu einem Gebäude. Das Dach war auf einer Seite eingesunken. Zwischen dichtem Buschwerk stand eine Tür offen.

Ich benötigte einen Augenblick, um mich an das Halbdunkel im Inneren zu gewöhnen. Die meisten Fenster waren mit Holz verbarrikadiert. Durch die Spalten drang Sonnenlicht, in dem der Staub schwebte. Der Boden war übersät mit Unrat. Umgefallene Stühle und zerbrochene Schüsseln. Dazwischen lagen verrottete Fetzen Stoff. “Hier befanden sich einst die Schlaf- und Wohnquartiere der Mönche”, erklärte Dù Xīnwǔ. Wir traten zur Stelle, wo das Dach eingesunken war. Durch ein Loch konnte man den Himmel sehen. “Lass uns von draußen etwas trockenes Gras und Holz holen”, schlug er vor.

—–

Wenig später brannte auf dem Boden des Hauses ein kleines Feuer, dessen Rauch aus dem Loch in der Decke abzog. Wir hatte zwei der Stühle aufgerichtet und Platz genommen. Mit einem Zweig stierte Dù Xīnwǔ in der Glut herum. “Hier kann uns der Schein des Feuers nicht verraten”, sagte er zufrieden. Wir holten den Rest unseres Proviants hervor und nahmen unser Abendessen ein.

“In ein oder zwei Tagen erreichen wir die Stadt Shíyàn. Dort werde ich Erkundungen einholen. Sobald wir uns mit Proviant eingedeckt haben, reisen wir weiter nach Nordosten. Dort wartet ein weiterer Mitstreiter auf uns.”

“Wer ist er?”

“Einer der besten Schwertkämpfer, die ich jemals gesehen habe. Vielleicht sogar der beste, den es jemals gab.”

Ich hatte keine Vorstellung davon, was einen guten von einem weniger guten Schwertkämpfer unterschied. Doch Dù Xīnwǔ geriet ins Schwärmen und seine Augen leuchteten. “Wie er die Klinge führt, ist sensationell! Egal, wie stark sein Gegner verteidigt, er findet einen Schwachpunkt. Egal, wie furios der Feind attackiert, er wehrt alle Angriffe ab! Ich sah ihn einmal gegen vier Mann gleichzeitig kämpfen. Wie er das Momentum für Angriff und Verteidigung nutzt, ist unbegreiflich!” Es schien, als erzählte ein Vater von seinem Sohn, von dem er sich entfremdet hatte, auf den er aber noch immer stolz war. Ein hintergründiges, melancholisches Lächeln lag auf seinem Gesicht. In den letzten Tagen hatte ich ihn etwas besser kennen gelernt. Doch vieles über seine Person lag für mich noch im Dunkeln.

Dù Xīnwǔ besinnte und räusperte sich kurz, als ob ihm der zur Schau gestellte Überschwang peinlich war. “Auf jeden Fall hat er sehr viel Erfahrung und ich erwarte mir, dass du von ihm lernst!”

Schwertkampf? Ich hatte gerade erst die Grundlagen des Speerkampfes verinnerlicht. War das nicht zu viel auf einmal? Er sah mein zweifelndes Gesicht und sagte beruhigend: “Keine Sorge! Du musst keine Schwerter schwingen, sondern bleibst beim Speer. Seine Aufgabe wird es sein, dich so zu unterweisen, dass du dich mit dem Speer gegen einen Schwertkämpfer wie Cáo Yǔ behaupten kannst.”

“Wenn er wirklich so ein einzigartiger Meister im Schwertkampf ist, wird er mit einer Anfängerin wie mir überhaupt zu tun haben wollen?”

“Er muss”, sagte Dù Xīnwǔ knapp. “Es wird nicht einfach. Er hat einen etwas… komplizierten Charakter. Auf eine gewisse Art und Weise ist er wie du. Die Vorsehung hat euch beide auf schwierige Pfade geführt und ihr beide sucht noch nach eurem Platz in dieser Welt.”

Das Feuer flackerte und warf ein gespenstisches Licht in den Raum. In Gedanken versunken beobachtete ich das Spiel der Flammen. Mein Begleiter hatte Recht. Ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führte. Ich wusste nur, dass es ein Weg voller Gefahren war. Und wenn ich das Ende dieses Pfades erreichte? Wenn Cáo Yǔ tot im Staub lag? Was geschah dann? Bislang war mir immer von anderen gesagt und vorgeschrieben worden, was ich zu tun hatte. Doch seit wir aus dem Tal der hundert Brücken aufgebrochen waren, keimte in mir das Verlangen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wie das Glosen des verkohlten Holzes vor mir pulsierte dieses Verlangen mal stärker, mal schwächer, verschwand und tauchte wieder auf. Ich musste sicherstellen, dass es nicht wieder verlöschte.

Dù Xīnwǔ wollte meine Zweifel zerstreuen: “Du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Du lernst sehr schnell. Schneller, als die meisten anderen Schüler, die ich vor dir im Speerkampf unterwiesen habe. Du hattest lange eine schwere Last zu tragen, aber sie hat dich stark gemacht. Je mehr ich dich beobachte, desto sicherer bin ich mir, dass du Cáo Yǔ besiegen kannst! Habe Vertrauen in dich!”

Ich freute mich über dieses Lob. Außerdem hatte er Recht. Der Kampf gegen die Banditen hatte mir Zuversicht und mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten gegeben. Ich war mir sicher, im Kampf  mit etwas Glück gegen die meisten Gegner bestehen zu können.

Aber auch gegen den Rebellenführer Cáo Yǔ?

“Was ist die Gabe?”

Seitdem mir Dù Xīnwǔ berichtet hatte, dass der Mensch, den ich töten musste, über eine Gabe verfügte, verspürte ich beim Gedanken daran Unbehagen. Zwar verkörperte ich, war ich der Gegenpol, der Cáo Yǔs Gabe angeblich außer Kraft setzte. Trotzdem fühlte ich mich unwohl und ich wollte so viel, wie möglich, darüber in Erfahrung bringen. Denn mein Gefühl sagte mir, dass mein Überleben davon abhing. Umso mehr hatte es mich verwundert, dass mein Lehrer nie mehr mit mir darüber sprach.

Nun sagte er: “Eine Gabe verleiht übermenschliche Kräfte in einer bestimmten Disziplin. So viel ist dir bereits bekannt.”

Ich nickte und zählte Fähigkeiten auf, über die Menschen mit der Gabe laut Berichten und Erzählungen verfügten: “Eine übernatürliche Sprungkraft, das Gehör einer Katze, oder Augen, mit denen man das Gold im Inneren von Bergen sehen kann.“

“So ist es. Jedoch kann ein Mensch immer nur über eine Gabe verfügen. Nie über mehrere. Warum, ist nicht bekannt. Ebenso, wie Menschen eine Gabe erlangen.”

Von draußen drang von weit entfernt das Gekreische von Affen. Wir lauschten den Geräuschen für einen Moment, dann setzte Dù Xīnwǔ fort: “Die meisten Menschen erlangen nie eine Gabe. Vielleicht einer unter vielen zehntausenden. Manche davon erhalten ihre Gabe bereits als Kinder. Andere erst in hohem Alter. Jede Gabe verleiht dem, der sie hat, einen großen Vorteil. Doch mit dem richtigen Gegenmittel lässt sie sich außer Kraft setzen. Es kann ein Metall, eine Pflanze, ein gesprochenes Wort, oder die Nähe zu einem bestimmten Tier oder Menschen sein.”

“Manche Menschen mit einer Gabe verbergen ihre übernatürliche Fähigkeit vor anderen. Sei es aus Furcht oder aus Selbstschutz. Manche aber nutzen sie für ihre Zwecke. Cáo Yǔ schart mit ihrer Hilfe ein Heer um sich und verbreitet Angst und Schrecken. Es sind Menschen wie er, die ein schlechtes Bild von Menschen mit der Gabe entstehen ließen. Menschen wie er sind auch der Grund, dass der Kaiser das Aufkommen der Gabe als eine Gefahr sieht. Als eine Störung der Harmonie, die beseitigt werden muss.”  

“Wie will er das erreichen?”

“Hat jemand eine Gabe und der Kaiser erfährt davon, hängt viel vom Verhalten des Betroffenen ab. Der Kaiser ist pragmatisch. Verhält sich diese Person unauffällig, steht sie in der Regel nur unter Beobachtung. Sorgt sie jedoch für Aufsehen oder gar für Ärger, zögert der Kaiser meist nicht nicht lange.“ Er sah mir in die Augen. „Dann heißt es Kerker oder Scharfrichter.”

Das Feuer war niedergebrannt und wir legten uns zum Schlafen auf den Boden. Nach unserem Gespräch lag ich noch lange in der Dunkelheit und dachte nach. Über den mysteriösen Schwertmeister, den ich bald treffen sollte. Und darüber, wie ich von einer Sklavin zur Scharfrichterin des Kaisers geworden war.

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