Bindung 2.6

Mit einem dumpfen Plok! fuhr mein Speer in die Rinde des abgestorbenen Baumes. Wir waren seit dem Morgengrauen wach und Dù Xīnwǔ nutzte die ungestörte Umgebung des verlassenen Klosters, um mich weiter im Speerkampf zu trainieren.

“Ein Angriff mit dem Speer kann auch einhändig erfolgen. Dazu lässt du den Schaft mit der führenden Hand los und übst den Stoß nur mit dem hinteren Arm aus. Der größte Vorteil ist, dass du deine Reichweite so noch um ein Stück erhöhst. Sei dir aber Bewusst, dass der Speer durch die Bewegung deines Armes nach oben schnellt. Das macht die Berechnung des Stoßes schwieriger. ” Zur Demonstration ließ er seinen Stab wie beschrieben nach vorne schnellen.

“Du kannst deinen Gegner damit überraschen, da er üblicherweise mit einem beidhändig geführten Angriff rechnet. Dieser Angriff kommt jedoch auch mit Nachteilen. Er ist weniger kraftvoll und eignet sich somit nur gegen ungeschützte Teile des Feindes.” Mein Lehrer deutete auf ein Astloch. “Da der Angriff mit einer Hand geführt wird, ist er auch viel ungenauer. Versuche hier zu treffen.”

Ich stellte mich vor den Baum, nahm Maß und stieß zu. Die Spitze bohrte sich knapp neben dem Astloch in den Stamm. “Nochmal!” kam die Aufforderung. Wieder stieß ich zu, dieses Mal mitten in das Ziel. “Nochmal!” Wieder traf ich die vorgegebene Stelle. Ich sah zu Dù Xīnwǔ, der die Stirn in Falten gelegt hatte. Er schien überrascht, was mir innerlich Vergnügen bereitete. Dann nickte er anerkennend und sagte: “Wie ich gestern bereits sagte. Du lernst schnell.” Ich musste grinsen, worauf er mahnend den Zeigefinger hob und sagte: “Lass dir das Lob aber nicht zu Kopf steigen! Denn das macht unvorsichtig und offen für Angriffe.” Mit diesen Worten berührte er mit der Spitze seines Stabes meine Brust. Ich verstand.

—–

Wie mein Führer vorausgesagt hatte, erreichten wir die Stadt nach einem Tag. Shíyàn war größer und hatte viel mehr Einwohner als Tiánwǔ. Zahlreiche Häuser befanden sich außerhalb der Stadtmauern und noch bevor wir das Innere der Stadt erreichten, herrschte auf der Straße ein reges Treiben. Durch das westliche Stadttor drängte ein steter Menschenstrom, der uns an den Wachsoldaten vorbei in das Innere der Stadt trug. Wir folgten zunächst der Hauptstraße und zweigten dann in ein Gewirr aus verschlungenen Seitengassen ab.

Hier fand man das pralle Leben vor. Noble Damen wurden in Sänften getragen, Händler feilschten miteinander, Verkäufer priesen ihre Waren an, Sklaven schleppten allerlei Gegenstände umher, Bettler saßen im Staub und hofften auf Almosen. Und über allem hingen der Gestank von Unrat und der köstliche Duft verschiedener Speisen.

Dù Xīnwǔ interessierte das pulsierende Stadtleben nicht. Er schien den Weg zu kennen und drängte sich zielgerichtet durch die Menschenmenge. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Schließlich hielt er vor einem unscheinbaren Haus, in dessen Erdgeschoss ein Gemüsehändler seine Produkte feilbot. Ich wunderte mich, warum mein Lehrer ausgerechnet diesen Laden gewählt hatte. Denn sein Angebot war mager und nicht alle der angebotenen Waren frisch.

Aus dem Inneren des Geschäfts erschien ein Mann. Dù Xīnwǔ wandte sich an ihn und fragte: “Führt Ihr auch Lotuswurzeln im Angebot?”

Der Verkäufer deutete auf einige kümmerliche Knollen in einer Holzkiste. “Selbstverständlich! Wollt ihr welche kaufen?”

“Nein, ich möchte bloß einen Blick darauf werfen”, antwortete mein Führer und kratzte sich am Kinn.

Ich verstand den Sinn dieser Aussage nicht. Doch der Verkäufer riss für einen Moment überrascht die Augen auf. Dann verbeugte er sich hastig, machte eine unauffällige Geste, ihm zu folgen, und führte uns in das Innere des Geschäfts.

“Meister! Eure Ankunft überrascht uns! Boten haben uns über Eure Reise informiert. Dennoch haben wir Euch nicht so früh erwartet. Wie können wir Euch behilflich sein?”

“Die Dinge haben sich besser als erwartet und zu unserem Vorteil entwickelt. Ich wünsche ehestmöglich mit dem örtlichen Vorsitzenden zu sprechen!”

“Selbstverständlich, Meister! Er wird sofort hier sein.”  

Tatsächlich erschien wenig später ein älterer Mann, der sich wie der Gemüseverkäufer vor meinem Lehrer verbeugte und im Flüsterton mit ihm sprach. Nach einer kurzen Unterredung rief mich Dù Xīnwǔ zu sich.

“Gùan. Ich muss wichtige Dinge besprechen. Dinge, die nicht für die Ohren anderer bestimmt sind.” Er winkte einen kleinen Jungen zu sich, der offensichtlich zu den Bewohnern des Hauses gehörte. “Dieser junge Mann wird dir die Stadt zeigen und auf dich aufpassen. Hier, nimm das Geld und kauf dir etwas Gutes zu essen. Du hast es dir verdient!” Mit diesen Worte drückte er mir etwas Käsch in die Hand. Dann fasste er mich am Arm und sprach eindringlich auf mich ein: „Verhalte dich unauffällig! Wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.“ Ich nickte, worauf er zufrieden lächelte. Einen Moment später verschwand er mit den anderen Männern hinter einer Tür.

—–

„Mein Name ist Lèlè“, sagte der Junge, den ich auf etwa 7 Jahre schätzte.

„Glücklich-glücklich.“ So sah er in der Tat aus, als er mich fröhlich von einem Bein auf das andere springend durch das Labyrinth der Gassen führte. Wahrscheinlich war dieser unerwartete Ausflug eine willkommene Abwechslung für ihn.

„Arbeitest du auch im Gemüseladen?“ fragte ich ihn.

„Ja, ich helfe bàba jeden Tag.“ Er machte eine Miene. „Aber wir haben nicht so viele Kunden. Oft ist es ziemlich langweilig.“

Er sprang auf eine Stufe vor einem Haus und drehte sich zu mir. „Und du? Was machst du?“

Ich konnte ihm nicht erzählen, dass ich noch vor wenigen Tagen als Sklavin auf den Feldern geschuftet hatte. „Ich mache eine Reise mit meinem Vater“, antwortete ich.

„Wie aufregend! Ich würde auch gerne eine Reise machen!“ Lèlè wiegte den Kopf kurz hin und her. „Wohin reist ihr denn? Ist es schön dort?“

Gute Frage. Nach kurzem Überlegen sagte ich: „Nach Norden, in die Heimat meines Vaters.“ Das war nur zum Teil gelogen.

Er nickte nachdenklich. „Hm. Dabei sprichst du anders, als dein Vater. Er hat den Dialekt der Hauptstadt. Du aber…“ Er zuckte mit den Schultern. „… dein Dialekt ist anders.“

Schlauer kleiner Kerl!

„Ich… habe für eine Zeit lang im Reich der Shǔ gelebt. Das ist der Grund, warum meine Aussprache etwas anders ist.“

Lèlè schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Er war von der Stufe wieder herabgesprungen und führte mich weiter durch das Gewirr der Gassen. „Du musst viel erlebt haben. Ich habe Shíyàn noch nie verlassen. Nur einmal, als mein bàba und ich Verwandte in einem Dorf besucht haben.“ Wir erreichten eine Straße mit vielen Geschäften. Er warf einen Blick zu beiden Seiten und schien zu überlegen, wohin er mich führen sollte. „Wie ist das Essen bei den Shǔ?“ 

„Manchmal sehr gut. Aber meistens nicht so besonders“, antwortete ich kryptisch.

Er warf mir einen irritierten Blick zu. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er fragte: „Möchtest du eine Spezialität von Shíyàn probieren?“

„Es ist aber nicht ganz billig“, sagte mein junger Begleiter in entschuldigendem Ton. „Aber süßer Shíyàn-Tofu schmeckt wirklich köstlich!“

Wir traten zu einem der zahlreichen Stände und ich kramte die Käsch Münzen hervor. Als Sklave war ich mit Geld nie in Berührung gekommen. Ich hatte nur gewusst, dass meine alten Herren über sehr viel davon verfügten. Waren die Münzen in meiner Hand viel Wert?

„Ist das genug?“ fragte ich Lèlè und zeigte ihm das Geld.

Ja“, antwortete er, nahm einige der Münzen und reichte sie dem Verkäufer.

Dieser machte sich sogleich daran, kleine Tofu-Würfel in einem großen Wok anzubraten. Als sie an allen Seiten eine goldbraune Farbe angenommen hatten, gab er Sojasoße und einige Gewürze hinzu. Schließlich kamen auch noch eine Handvoll Magnolienknospen und ein großer Löffel Honig in den Wok. Nun verstand ich, warum dieses Gericht so teuer war!

Aber wie wunderbar es schmeckte! Der Tofu war außen knusprig und innen ganz weich. Die Sojasoße hatte sich mit dem Honig vermischt und verbreitete ein süßes, warmes Gefühl in meinem Mund. Ich hatte seit meiner Kindheit nichts mehr Süßes gegessen, so dass ich einige Laute des Wohlbefindens nicht unterdrücke konnte. Lèlè lachte, als er mich so sah und in seinem Blick lag auch eine Spur Stolz, dass er mir so ein schönes Erlebnis bereitet hatte.

„Du hattest Recht. Es schmeckt wirklich großartig!“ sagte ich und musste ebenfalls lachen.

—–

Nachdem wir fertig gegessen hatten, schlenderten wir weiter die Verkaufsstraße entlang. Hier gab es nicht nur Geschäfte, wo man etwas zu Essen kaufen konnte. Händler boten auch viele andere Dinge an. Man konnte Gegenstände für den Haushalt ebenso kaufen, wie Hühner, Schweine oder Kleidung.

Mein Blick fiel auf ein Seidentuch dass vor einem Laden über einen Tisch ausgebreitet war. Das delikate Material hatte in der warmen Nachmittagssonne einen tiefblauen Ton angenommen und zog mich sofort in seinen Bann. Der Verkäufer erkannte die Möglichkeit für ein Geschäft und fragte, ob ich Interesse hätte. Ganz so, wie all die Verkäufer in dieser Straße all die anderen vorbeikommenden Männer, Frauen und Kinder ansprachen.

Plötzlich, wie ein Gewitter im Sommer, überkam mich ein großes Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Dafür, dass ich nicht mehr auf den Feldern arbeiten musste, dass ich nicht mehr geschlagen wurde und dass Lèlè mir diesen köstlichen Tofu gezeigt hatte und für diesen wunderbaren Ausflug in dieser fremden Stadt, der so ganz anders war, als alles, was ich bisher in meinem Leben erfahren und erlebt hatte.

Und es musste meinem kleinen Begleiter und dem Ladenbesitzer wohl etwas sonderbar vorgekommen sein, als sie mich mit Tränen in den Augen in mitten der Straße verharren sahen, so dass mich Lèlè vor einer heran nahenden Sänfte zur Seite ziehen musste.

„Es ist nichts, nur ein Staubkorn“, antwortete ich ihm auf seine besorgten Fragen und bedankte mich beim verdutzten Verkäufer. Dann atmete ich mehrmals tief ein und aus und sagte: „Lass uns zurück zum Geschäft deines Vaters gehen.“

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