Episode 2.7 – Böses Werk

Die Eltern aus den umliegenden Dörfern ermahnten ihre Kinder, sie sollten sich vom Haus des Greises fernhalten. Sie taten gut daran, diese Warnung auszusprechen. Denn nur zu gerne hätte er eines von ihnen für seine Studien in die Finger bekommen. Aber er widerstand derartigen Versuchungen, denn letztlich hätte ihm das mehr Probleme als Nutzen bereitet.

Der Greis saß im Kerzenschein an einem Tisch voller Schriften. Verbotener Schriften, deren Besitz ihm bei Bekanntwerden großen Ärger einbringen konnte. Ein böser Husten unterbrach ihn bei seinen Forschungen. Er wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Der Gedanke an seinen Tod ärgerte ihn. Eine Lästigkeit, denn es gab noch so viel zu tun und noch so viel zu entdecken. Aber er hatte Vorbereitungen getroffen.

Da klopfte es an der Tür. Oh? Was mochte wohl der Grund für den spät abendlichen Besuch sein? Nun, es konnte sich nur um eine geschäftliche Angelegenheit handeln. Oder um eine andere. Eine mit einem unerfreulicheren Ausgang. Die meisten Menschen fürchteten ihn und ließen ihn und seine Studien in Frieden. Es gab aber auch einige, denen er ein Dorn im Auge war und die zu drastischen Maßnahmen bereit waren. Wie gesagt, er hatte auch für diesen Fall alle notwendigen Vorbereitungen getroffen.

Der Greis öffnete die Tür. Vor ihm stand eine verhüllte Gestalt.

“Auftraggeber oder Attentäter?”, rätselte der Alte. Der Fremde musterte ihn für einen Moment und sagte schließlich: “Ich möchte, dass du jemanden ausfindig machst und tötest.” Der Greis kicherte. Das würde den Fremden etwas kosten. Dieser schien sich dessen bewusst zu sein, denn aus einem Ärmel holte er ein kleines Säckchen hervor, in dem es verheißungsvoll klimperte. Gierig griffen die dürren Finger des Greises danach. Seine Forschungen nahmen nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Geld in Anspruch. Er wog es prüfend in der Hand. Ja, das dürfte genügen.

Wortlos überreichte ihm der Vermummte ein Stück Papier und einen Fetzen Stoff. Etwas schien darin eingerollt zu sein. Der Greis entfaltete das Papier und las einen Namen. “Ein Mädchen?”, fragte er verwundet, erhielt vom Fremden aber keine Antwort. “Sieh an, sieh an”, dachte der Alte und gluckste. Dann öffnete er den Stoff. Darin befand sich ein kleines Knöchlein. “Das sollte ausreichen”, sagte er zur verhüllten Gestalt.

“Bringe mir zum Beweis den Kopf. Dann wirst du noch einmal belohnt. In drei Monaten komme ich wieder”, sprach der Fremde, drehte sich grußlos um und schritt davon. Der Greis blickte der verhüllten Gestalt nach, bis sie in der Nacht verschwunden war. Dann murmelte er: “Groß und kräftig gebaut. Mit dem hätte ich schon etwas anzufangen gewusst.”

—–

Er ging zum Tisch und brannte eine dicke Kerze an. Er ließ das flüssige Wachs in eine kleine Form aus Holz tropfen. Nachdem das Wachs erstarrt war, schlug er mit der Holzform mehrmals hart auf den Tisch, bis sich der Wachswürfel daraus löste. Ein neuerlicher Hustenanfall erschütterte ihn. Heftiger, als der letzte. Verflucht, diese Schmerzen! Er rang nach Luft. Ob er den kommenden Winter überleben würde?

Nachdem er sich erholt hatte, begann er mit einem kleinen Stab Zeichen in das Wachs zu ritzen. Er warf einen prüfenden Blick auf das Stück Papier. Er durfte keinen Fehler machen, sonst war die ganze Arbeit umsonst. Als der Würfel fertig bearbeitet war, ging er zu einem kleinen Schrank. Daraus nahm er ein Tongefäß, in dem sich eine penetrant riechende, gelbliche Masse befand. Er stellte den Behälter auf den Tisch.

Dann nahm der Greis das Tüchlein mit dem Knochenstück und schlug mit einem Stein mehrmals fest darauf ein. Als er den Stoff zu Seite schlug, sah er, dass das Knöchlein in viele kleine Stücke zerbrochen war. Behutsam nahm er sie mit dem Stofffetzen auf und gab sie in die gelbe Paste. Mit dem kleinen Stab rührte er die Masse vorsichtig um. Als sich die Knochenstücke zu seiner Zufriedenheit darin verteilt hatten, nahm er den Wachswürfel mit den Schnitzereien und tauchte ihn in die Paste. Dann umhüllte er ihn mit dem Stofffetzen und verstaute ihn in seiner Ärmeltasche.

In einem kleinen Raum im hinteren Teil des Hauses befand sich eine massive Holztür. Sie war schwer und es kostete ihn einige Anstrengung, um sie zu öffnen. Der Geruch von Verwesung schlug ihm entgegen. Aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil, er mochte ihn sogar. Ächzend stieg er die Treppe hinab in den Keller. Mit einer Laterne brachte er etwas Licht in die Dunkelheit, die ihn wie in einer Grabkammer umhüllte. Er suchte etwas Bestimmtes. Verflixt, wo hatte er ihn nur gelassen? Ah, da hinten!

Er kramte den Wachswürfel hervor und presste ihn fest gegen den gesuchten Gegenstand. Aus dem Dunkeln war ein Grunzen zu hören, doch der Greis beachtete es nicht weiter. Stolz betrachtete er die Früchte seiner Arbeit. Sein Auftraggeber würde zufrieden sein. “Dieser Körper”, murmelte er und dachte an die verhüllte Gestalt. Nun, vielleicht ergab sich ja noch eine Möglichkeit.

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