Episode 2.8 – Nacht Geschichte

am

“Wàipó – Großmutter – erzählst du uns vor dem Schlafengehen noch eine Geschichte?”

“Habt ihr eurer Mutter beim Saubermachen geholfen?”

“Wir haben die Stube gekehrt, die Fensterläden geschlossen und alle Töpfe weggeräumt.”

“Und sonst?”

“Wir haben Pàngpàng die Abfälle von heute zu fressen gegeben, Bàbas Decke ausgeschüttelt, Holz für den Ofen geholt und eine Schüssel mit Wasser für die Nacht vorbereitet!”

“Ihr seid wirklich sehr brave Mädchen! Nun gut, lasst mich kurz überlegen.”

“Erzähl’ uns eine spannende Geschichte!”

“Seid ihr euch sicher? Was, wenn ihr wieder schlecht träumt?”

“Bitte, bitte, Wàipó!”

“Also gut, wie ihr wollt! Hört genau zu, denn heute erzähle ich euch die traurige Geschichte vom Geist der ermordeten Braut.”

“Es war einmal ein Mädchen namens Bīngbīng. Sie war die Tochter eines armen Bauern und wuchs in einem Dorf im Osten, nur ein paar Tagesreisen von hier entfernt auf. Sie hatte ein sanftmütiges, freundliches Wesen und wurde von allen Menschen geliebt. Sie war die Perle ihres Vaters und der Stolz ihrer Mutter.”

“War sie hübsch?”

“Sie war so hübsch, dass Erzählungen über ihre Schönheit weit über die Grenzen des Dorfes hinausreichten. Niemand hatte Zweifel, dass sie einmal in eine gute Familie einheiraten würde”

“Denn sie war nicht nur eine Schönheit, sondern auch wohlerzogen. Unter ihrer zarten Hand zerriss auch die delikateste Seide nicht und mit ihrer Nadel stickte sie die kunstvollsten Muster. Im Haushalt war sie eine große Hilfe. Bereits als kleines Kind bereitete sie den Teig selbst zu, um köstliche Jiǎozi zu machen. Und als sie alt genug war, um einen Mann zu finden, kamen Heiratsvermittler aus nah und fern angereist, um eine Ehe zu arrangieren.”

“Mit einer reichen Familie aus einem anderen Teil der Provinz wurde schließlich eine Heirat vereinbart und Geschenke ausgetauscht. Als der Tag des Abschieds gekommen war, weinten ihre Eltern bitterlich. Denn Bīngbīng war ihr einziges Kind und obwohl sie kein Sohn war, hatten ihre Eltern sie immer geliebt. Doch wie es die Tradition verlangte, bestieg Bīngbīng die Sänfte, um fortan im Haus der anderen Familie zu leben.”

“Aber was musste sie in ihrer neuen Heimat erleben!”

“War die Schwiegermutter böse zu ihr?”

“Sie war schrecklich und grausam zu Bīngbīng. Sie schalt sie jeden Tag. Und egal, wie sehr sie sich bemühte, nichts konnte die Schwiegermutter zufrieden stellen. Sie fand die Qualität ihrer gesponnenen Fäden ungenügend, bemängelte ihre Nähkünste und verschmähte die Speisen, die ihre Schwiegertochter für sie kochte. Sie beschimpfte das Mädchen als faul und ließ sie die niedersten Arbeiten erledigen, obwohl die Familie drei Sklaven besaß.”

“Bīngbīng weinte jeden Tag. Doch auch bei ihrem Ehemann fand sie keinen Trost, denn er war kalt und abweisend zu ihr. Aber das Allerschlimmste war, dass sie ihrem Mann nicht den heiß ersehnten Sohn gebären konnte. Er begann sie zu schlagen und verwünschte sie jeden Tag.”

“Zu den Feiertagen besuchte das Mädchen ihre Eltern. Oh, und wie sie weinte und klagte. Aber ihre Mutter sagte nur: ‘Meine liebe Tochter, du lebst nun im Haus einer anderen Familie. Ich fühle deinen Schmerz und leide mit dir. Aber ich kann dir nicht helfen, außer für dein Glück zu den Göttern zu beten!’”

“Traurig kehrte Bīngbīng in das Haus ihres Mannes zurück. Doch so sehr sie sich auch bemühte, ihre Lage verschlimmerte sich immer weiter und nichts, was sie tat, konnte die Familie ihres Mannes zufrieden stellen.”

“Eines Tages sagte die Schwiegermutter zu ihrem Sohn: ‘Sie ist eine Belastung für unsere Familie, denn sie ist nichts, als ein nutzloser Esser! Wir sollten sie wegschaffen, damit du eine neue und bessere Frau heiraten kannst!’ Zuerst zögerte der Mann, doch seine Mutter redete immer wieder auf ihn ein. So kam es, dass er das unschuldige Mädchen in einer mondlosen Nacht im Schlaf erdrosselte.”

“Aber war ihr Leidensweg schon zu Ende? Nein!”

“Was geschah dann, Großmutter?”

“Stellt euch nur vor! Sie waren wirklich schlechte Leute und warfen ihren leblosen Körper in einen alten Brunnen, in dem das Wasser versiegt war. Dann füllten sie das Loch mit Unrat, Erde und Steinen, um das Verbrechen zu verbergen.”

“Arme Bīngbīng!”

“Ja, fürwahr! Denn ohne eine richtige Bestattung konnte ihre Seele nicht den Weg in die Unterwelt finden. Seitdem wandelt der Rachegeist der unglücklichen Braut umher und ist getrieben von Hass auf jene, die sie so misshandelt und ihr ein ordentliches Begräbnis versagt haben!”

“Ist sie gefährlich?”

“Fast alle Geister sind für die Lebenden eine Gefahr. Und das bleiben sie, bis die Quelle für ihren Verdammnis beseitigt oder sie durch mächtige Zauber gebannt werden. Wenn sie euch sieht, wird sie euch verfolgen und versuchen zu fangen, damit sie euch mit ihren kalten Händen eure Lebensenergie stehlen kann! Aus diesem Grund sollt ihr euch in der Nacht auch nicht außerhalb des Hauses herumtreiben!”

“Aber ihr braucht keine Angst zu haben! Māma, Bàba und ich passen gut auf euch auf, damit euch kein Geist etwas zu Leide tut! Und nun schlaft! Morgen wartet ein langer Tag auf euch.”

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