Bindung 2.1

Die Sonne ging unter, als wir aus dem Wald traten und einen Komplex aus mehreren Bauwerken auf einer Bergkuppe erreichten. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Wǔdāng Shān, einem heiligen Berg mit Klöstern, Pagoden und andere Bauten. Eine breite Freitreppe führte zum mächtigen Tor des Tempels, vor dem ein Mönch die einkehrenden Personen kontrollierte.

Nach einer kurzen Unterredung mit Dù Xīnwǔ wurden wir von ihm durch ein Netz aus Hallen, Gängen und kleinen Höfen zu zwei benachbarten Räumen gebracht, die uns als Unterkunft für die Nacht dienten. Die Einrichtung der Zimmer war zweckmäßig: Ein Bett und auf dem Boden daneben eine Schüssel für nächtliche Bedürfnisse. In einer Ecke stand ein grob gezimmerter Tisch und an der Tür befand sich ein Haken, um Kleidung daran aufzuhängen. Im Raum hing ein muffiger Geruch, aber er war sauber und um Welten besser, als das verrottete Sklavenhaus, in dem ich bisher meine Nächte verbracht hatte.

Unser Abendessen aus Reis mit etwas gedämpften Gemüse nahmen wir gemeinsam mit den Mönchen in einem großen Saal ein, dessen Dach von mächtigen Holzsäulen getragen wurde. Obwohl es ein im Sinne der Mönche einfaches Mahl war, genoss ich jeden Bissen. Unter den wohlwollenden Blicken der anderen holte ich mir dreimal einen Nachschlag vom weiß glänzenden Reis und ließ nicht ein Korn in meiner Schüssel übrig. Die Bewohner des Tempels waren freundlich. Mit Ausnahme ihrer privaten Gemächer gestatteten sie uns freien Zugang zu allen Bereichen der Anlage. Wir verspürten nach dem langen Aufstieg aber keine Lust, den Tempel zu erkunden. Nach einem kurzen Gebet an einem der zahlreichen Altäre gingen wir früh zu Bett. Satt und mit einem Gefühl der Dankbarkeit schlief ich ein.

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Am nächsten Morgen wurde ich von Dù Xīnwǔ früh geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er seinen Stab und führte mich durch das Labyrinth des Tempels, bis wir schließlich durch eine Tür ins Freie traten. Wir standen auf einem Platz, der zu drei Seiten von roten Mauern umschlossen war. An einer der Mauern befanden sich ein Tisch und zwei Hocker aus Stein. Bis auf eine Ecke, in der eine Kiefer stand, war der Platz vollständig mit Steinplatten gepflastert. Zur vierten Seite hin fiel das Terrain am Rand des Platzes abrupt ab und man konnte einen ungehinderten Ausblick auf die uns umgebende Berglandschaft genießen. Von irgendwoher ertönte das Pfeifen eines Mönches.

“Kannst du mit Waffen umgehen?”, fragte mich Dù Xīnwǔ unvermittelt.

Ich kannte ihn für keine drei Tage. Dennoch glaubte ich, den Charakter meines Führers bereits einschätzen zu können. Ich riskierte ein Bisschen Humor. “Nein. Aber mit Schaufeln und anderen Geräten für die Feldarbeit kenne ich mich aus!”

Dù Xīnwǔ kicherte und ich freute mich, dass ihm mein Scherz gefallen hatte. Dann wurde seine Miene wieder ernst und er sagte: “Das verwundert mich nicht. Denn das Letzte, was ein Herr will, sind Sklaven, die etwas vom Kampf verstehen.”

Er setzte sich auf einen der Steinhocker. “Lass uns bei den Grundlagen beginnen, damit du mir besser folgen kannst. Wie ich dir gestern schon erklärt habe und wie du auch am eigenen Leib erfahren hast, leben wir in einer harten Welt, die viele schlechte Menschen hervorgebracht hat. Und um in dieser Welt bestimmte Ziele zu erreichen, müssen wir manchmal zum äußersten aller Mittel greifen: Gewalt.”

Ich schwieg und als er sah, dass ich keine Einwände hatte, fuhr er fort. “Wird Gewalt von einem Herrscher gegen ein anderes Reich organisiert, spricht man von Krieg. Es gibt verschiedene Arten, wie ein Krieg geführt werden kann. Aber fast immer bedeutet er großes, zum Teil unermessliches Leid – abgetrennte Körperteile, ausgestochene Augen, Verstümmelungen aller Art. Verzweifelte und gebrochene Menschen.”

Mit Krieg hatte ich keine unmittelbare Erfahrung. Aber auch ohne ihn hatte ich Grausamkeit gesehen und erlebt. Ich dachte an weggelaufene Sklaven, die von ihren Herren wieder eingefangen und dann bestraft wurden. Ausgepeitschte Körper vor den Toren Tiánwǔs, von denen blutige Hautfetzen herab hingen. Menschen, denen man die Füße gebrochen hatte. Und ich erinnerte mich an den Schmerz, als man mir zur Strafe für ein Vergehen den kleinen Finger verstümmelte. Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem die Hand oder den ganzen Arm abgehackt wurde?

Mein Lehrer setzte fort: “Ich werde mit dir nicht über die Sinnhaftigkeit oder Unsinnhaftigkeit des Kriegs sprechen. Im Gegenteil. Meine Aufgabe ist sogar, dich auf den Kampf vorzubereiten. Dich so auszubilden, dass du andere Menschen im Kampf besiegen und auch töten kannst.” Er blickte um sich. “Auch wenn wir uns hier auf dem Wǔdāng Shān, dem Berg der höchsten Harmonie befinden.”

Ich verstand nicht. “Warum sollte ich kämpfen und jemand anderen töten wollen?”

Dù Xīnwǔ richtete seinen Blick auf das Bergpanorama und fixierte einen Punkt in der Ferne. “Im Reich der Sòng gibt es einen bösen und gefährlichen Mann namens Cáo Yǔ. Er hat sich gegen den Kaiser Sòng Tàizǔ aufgelehnt, Dörfer überfallen und geplündert, unschuldige Bauern getötet und ihre Frauen vergewaltigt. Der Kaiser möchte ihn unschädlich machen, doch das ist nicht so einfach, denn er hat eine Gabe.”

Er wandte sich an mich. “Weißt du, was das ist?”

Ein ungutes Gefühl beschlich  mich. Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. “Ich habe davon nur in Erzählungen gehört. Wer die Gabe hat, soll zum Beispiel über unermessliche Kraft verfügen, kann stundenlang unter Wasser verweilen oder trifft immer sein Ziel. Das besagen zumindest die Legenden”, antwortete ich.

“Keine Legenden”, sagte er bestimmt. “Es gibt nur wenige Menschen mit der Gabe, aber sie existieren! Dank ihr kämpft Cáo Yǔ mit der Kraft von 20 Männern. Er ist ein fast unbezwingbarer Gegner.”

Er blickte mir fest in die Augen. “Außer, wenn sein Gegner eine Frau aus dem Reich der Shǔ ist. Keine Sòng, sondern eine Shǔ. Das ist entscheidend! Dann verliert seine Gabe ihre Kraft und er ist nicht mehr, als ein feiger Deserteur!“

Er musterte mich, um meine Reaktion zu lesen. Dann sagte er: „Hier kommst du ins Spiel. Ich möchte, dass du gegen ihn kämpfst und mir dabei hilfst, das Monster zu besiegen!”

Ich wollte ihm widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab. “Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Warum ich gerade dich für diese Aufgabe ausgewählt habe. Dass du als Frau gegen ihn nicht bestehen können wirst, ob mit oder ohne Gabe. Wie du ohne jegliche Vorkenntnisse den Umgang mit einer Waffe erlernen sollst. Dass du noch nie in einem Kampf auf Leben und Tod standest und dir schon beim alleinigen Gedanken daran die Knie zittern.”

Ich blickte zu Boden, denn er hatte Recht. Das alles hörte sich unglaublich und gefährlich und überwältigend an. Da legte er mir eine Hand auf die Schulter. “Ich werde dich nicht dazu zwingen, diesen Weg mit mir zu gehen. Denn der brillianteste General kann keinen Erfolg haben, wenn seine Soldaten ihm nicht folgen.”

“Im Haus der Liù konnte ich dir das ganze Ausmaß dieser Aufgabe nicht erläutern. Darum kann ich es dir auch nicht verübeln, dass du mein Angebot angenommen und ohne alle Details zu kennen mit mir gegangen bist, um aus einer elenden Lage zu entkommen. Jetzt aber haben wir Tiánwǔ hinter uns gelassen und ich brauche deine unerschütterliche Zusage.”

Ich schwieg.

Dù Xīnwǔ schürzte die Lippen. “Wenn du ablehnst, gebe ich dich frei.” Er deutete zur Tür. “Dort ist der Ausgang. Ein Mönch wird dich zum Tor des Tempel begleiten und du wirst nie wieder von mir hören. Wie du aber allein, ohne Geld und Dach über dem Kopf überleben willst, bleibt dann deine Sorge. Ob du als Bettlerin in Dreck und Staub lebst, dich Männern als Bettgefährtin anbietest, oder dich wieder in die Abhängigkeit eines Herren begibst, ist mir gleich.”

Er machte eine Pause, um seine Worte auf mich wirken zu lassen. “Übernimmst du jedoch diese Bürde und hilfst mir dabei, Cáo Yǔ zu besiegen, dann verspreche ich dir, dass du frei sein wirst und nie mehr Not leiden musst! Kaiser Sòng Tàizǔ wird sich für diese Tat sehr erkenntlich zeigen. Außerdem werde ich dich ausbilden, so dass du gegen Cáo Yǔ kämpfen und ihn besiegen kannst. Du wirst auch nicht alleine gegen ihn bestehen müssen. Einige der besten Kämpfer aus allen Reichen werden dich bei deiner Aufgabe unterstützen.”

Dù Xīnwǔ sah, dass ich innerlich zerrissen war. Ich wollte frei sein und ich wollte auch kein Leben in Armut und Elend führen. Denn um zu überleben, brauchte man Arbeit und Geld. Das wusste sogar ich. Aber einen Menschen töten?

Da nahm sein Gesicht die Züge eines Raubvogels an und er sagte: “Bedenke auch das Gute, das deine Tat bewirken kann. Ich weiß nicht, was man dir über die Vergangenheit deines alten Herren Liù Róng erzählt hat. Aber ich Lüge nicht, wenn ich behaupte, dass es zwischen ihm und Cáo Yǔ nur wenige Unterschiede gibt. Der eine hat im Auftrag seines Königs und der andere gegen seinen Herrscher gehandelt. Ihre Taten waren aber fast dieselben.”

Hass durchströmte mich, als ich an Liù Róng und seinen verdorbenen Sohn denken musste. Welche Qualen ich in ihrem Haus erleiden hatte müssen! Ich wusste wirklich nicht viel über ihn, außer, dass er sich im Krieg gegen die Táng ausgezeichnet hatte. Niedergebrannte Dörfer, erschlagene Kinder und ähnliche Taten traute ich ihm aber definitiv zu. Wenn ich dabei helfen konnte mit Cáo Yǔ einen ähnlich schlechten Menschen zu besiegen, war das nicht tatsächlich etwas Gutes?

Ich traf meinen Entschluss. “Ich werde mit dir gehen und gegen den Rebellenführer kämpfen!”

Entgegen meiner Erwartung ließ Dù Xīnwǔ keine Regung der Freude erkennen. Statt dessen sah er mich entschlossen an und sagte: “Gut. Dann lass uns mit deinem Training beginnen!”

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Episode 1.5 – Vom Problem des Kaisers

Kaiser Sòng Tàizǔ hatte gut gefrühstückt. Mit ein paar Weinbeeren in der Hand schlenderte er durch den Steingarten bis zu jenem Teil des Sommerpalastes, in dem sich sein Arbeitszimmer befand. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den See mit seinen zahlreichen Buchten. Das Schilf schwankte sanft im Wind und zwischen Seerosen tummelten sich zahlreiche Schwäne und Mandarinenten.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen und obwohl die Sonne erst vor kurzem aufgegangen war, konnte der Kaiser bereits viele Menschen ausmachen, die durch den Park am Ufer des Sees spazierten. Später würde er als Bediensteter oder Bote verkleidet ebenfalls einen Spaziergang machen. Derart getarnt gab es vielleicht die Chance, in einem der zahlreichen Pavillons ein Gespräch zu belauschen. Denn auch hier, eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt entfernt, blühten die Palastintrigen. Und es war immer gut, über die neuesten Gerüchte und Verschwörungen informiert zu bleiben.

Nun aber musste er sich einer anderen Sache widmen. Es ging um eine Angelegenheit, die zwar nicht seine ungeteilten Aufmerksamkeit, aber doch einer baldigen Lösung bedurfte, bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem auswuchs. Zur vereinbarten Zeit erschien an der Türschwelle Mǎ Sānbǎo, einer seiner engsten Berater und Ansprechperson für vertrauliche Dinge. Der Kaiser ließ ihn für einen Moment warten und deutete ihm dann, auf einem Sessel in einigen Metern Entfernung Platz zu nehmen. Die beiden Männer hätten Freunde sein können, aber derartige Gesten der Macht waren wichtig, um die Autorität zu wahren.

“Nun, mein Lieber. Wie stehen die Dinge im Norden?”

Der Berater striff sich sein Gewand zurecht und räusperte sich. “Es ist, wie wir befürchtet hatten. Eine Gruppe von Soldaten um den Rebellenführer Cáo Yǔ ist desertiert und hat nahe der nordöstlichen Grenze einen Aufstand angezettelt. Es ist ein schändliches Verhalten, das kaiserliche Vertrauen derart…”

Sòng Tàizǔ erhob eine Hand, um ihn zu unterbrechen, und der Berater verstummte. Derartige Bekundungen waren erfreulich, aber an dieser Stelle unangebracht. Der Kaiser fragte: “Wie weit ist die Rebellion fortgeschritten?”

“Noch sehr begrenzt. Nicht mehr, als ein paar Dörfer.”

“Wie viele Männer hat er?”

“Wir schätzen, dass es im Moment nicht mehr als 200 sind.”

“Wie gut sind sie bewaffnet?”

“Die Aufständischen konnten sich aus den Beständen der örtliche Garnison bedienen. Alles in allem gehen wir von etwa 50 ausreichend bewaffneten Männern aus. Der Rest wird nur mit minderwertigen Waffen wie Spießen in den Kampf ziehen.”

Der Kaiser machte eine Geste und der Berater trat zu einem großen Tisch. Darauf befand sich eine Karte des betroffenen Gebiets. Auf dem Tisch standen mehrere kleine Figuren aus Jade, Holz und Elfenbein. Sòng Tàizǔ nahm einige Jadefiguren und platzierte sie an verschiedenen Stellen auf der Karte. Das waren seine Truppen. Dann platzierte er eine Holzfigur in der nordöstlichen Ecke der Karte. “Das erste Ziel der Verräter wird somit sein, mehr Waffen und Ausrüstung zu erbeuten.”

Der Berater nickte. “Bis nach Dìngzhōu sind es von dort nur ein paar Tage. Die Stadt ist nur von wenigen Männern gesichert, verfügt aber über ein großes Kontor, da es als Versorgungspunkt für die umliegenden Garnisonen dient. Damit wird er in der Lage sein, einen Großteil seiner Männer gut auszurüsten.”

“Fällt Dìngzhōu ist der Weg nach Westen frei”, sprach der Kaiser. Die Stadt war ein wichtiger Handelsknoten. Von dort konnte die Rebellion rasch auf andere Gebiete übergreifen. Das war ein Problem.

“Können wir die Sache durch Bestechung regeln?”

Der Berater machte eine Miene. “Die zwei Boten, die wir mit Angeboten zu ihm geschickt haben, kamen nicht mehr zurück…”

“Also kein Pragmatiker”, schloss der Kaiser und erhob die Hand. Ein Diener erschien mit einem Teller voller Pfirsiche. Der Kaiser nahm sich ein zartrosanes, besonders pralles Exemplar und biss hinein. Nachdem der Diener sich wieder zurückgezogen hatte, setzte der Konsultant mit seinen Ausführungen fort: “Nein. Dass er unsere Avancen ausgeschlagen hat, bestätigt eine weitere Vermutung und deckt sich auch mit dem, was unsere Quellen über ihn berichtet haben.”

“Er hat eine Gabe”, sagte der Kaiser im Ton ernster Feststellung.

“Ja. Den uns vorliegenden Berichten zufolge scheint sie ihm die Kampfkraft von 20 Männern zu verleihen. Offensichtlich hat er Schaukämpfe veranstaltet, um seine Macht zu demonstrieren und um neue Anhänger zu gewinnen.”

Menschen mit einer Gabe. Menschen, deren Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich weit über jene normaler Personen hinausreichten. Der Kaiser betrachtete die ausgebreitete Karte. Im Falle des Rebellenführers war es weniger sein strategisches Geschick, sonder seine große Strahlkraft, die ihn gefährlich machte. Schaukämpfe also. Wenn sich erst einmal die Idee von seiner scheinbaren Unbezwingbarkeit in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatten, würde es sehr viel schwieriger werden, sich seiner zu entledigen. Hinzu kam: Wenn dieser Mann tatsächlich über eine solch enorme Kampfkraft verfügen sollte, würde es eine ganze Armee brauchen, um ihn zu besiegen. Soldaten, die er an anderer Stelle benötigte.

Der Kaiser deutete erneut auf die Karte. Seine Hand wanderte nun nach Süden. “Die Shǔ sind unruhig. Unsere Spione verzeichnen Truppenbewegungen unweit der Grenze. Wenn der Angriff gelingen soll, kann ich es mir im Moment nicht erlauben, zur Bekämpfung der Verräter größere Kontingente so weit nach Nordosten zu verlegen.”

Ohne von der Karte aufzublicken, setzte er fort: “Aber wie ich dich kenne, mein lieber Mǎ Sānbǎo, hast du doch sicher schon eine Idee parat.”

Der Berater fühlte sich ob dieses Lobs geschmeichelt und fühlte seinen Einfluss wachsen. “Tatsächlich habe ich einen Weg gefunden, das Problem zu lösen, ohne dass wir Truppen von anderen Teilen des Reiches abziehen müssen. Die Lösung hängt mit Cáo Yǔ selbst zusammen. Wie jeder Mensch mit einer Gabe verfügt auch er über einen Schwachpunkt, der ihre Vorteile außer Kraft setzt. Wir haben stichhaltige Hinweise darauf, wo diese empfindliche Stelle bei ihm liegt.”

Der Kaiser lächelte wissend, ließ den Konsultant aber weitersprechen.

“Setzt man seine Gabe außer Kraft, ist er leicht zu besiegen. Ist der Schlange erst einmal der Kopf abgeschlagen, werden sich seine Männer schnell in alle Richtungen verteilen und die Rebellion ist im Keim erstickt!”

Der Kaiser strich sich über seinen Bart. “Das hört sich alles gut an. Aber um Erfolg zu haben, braucht es doch sicherlich noch mehr?”

Mǎ Sānbǎo antwortete: “Wir müssen geschickt vorgehen. Cáo Yǔ darf nicht wissen, dass wir seinen Schwachpunkt kennen. Gleichsam muss verborgen bleiben, dass wir bereits entsprechende Vorbereitungen für den Schlag gegen ihn unternehmen.“ Dann senkte er den Ton in seiner Stimme und raunte: „Wenn mein Kaiser es erlaubt, werde ich mich zu diesem Zwecke an den blauen Lotus wenden.”

Der Kaiser erinnerte sich an frühere Berichte und sein Gesicht verfinsterte sich. “Ein Geheimorden?”

“Seid unbesorgt”, beschwichtigte der Berater seinen Herren. “Es ist ein Orden, dessen Mitglieder zwar zurückgezogen leben, aber wiederholt Unterstützung für Euren Thronanspruch geäußert haben. Der blaue Lotus verfügt über einige Elemente, die im Verborgenen wirken und uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen. So können wir die Angelegenheit klären, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr selbst wisst, dass Feinde ihre Augen und Ohren überall haben. Sogar hier, in Eurem Palast.”

Der Kaiser war zu einem der Fenster gegangen und beobachtete von dort zwei Reiher, die am Ufer des Sees langsam durch das Wasser schritten und dabei nach Fröschen Ausschau hielten. “Den richtigen Moment abwarten und dann zuschlagen”, murmelte er mit Blick auf die Vögel und dachte dabei an den blauen Lotus, Cáo Yǔ und das Shǔ-Königreich. Sein Ausdruck war hart geworden und der Konsultant befürchtete, dass es ihm nicht gelungen war, die Zweifel des Kaisers zu zerstreuen. Doch dann wandte sich Sòng Tàizǔ zu ihm.

“Nun gut, vertrauen wir auf dein Urteilsvermögen. Leite umgehend alles in Notwendige in die Wege!”

Der Berater erschauderte unter diesen Worten. Doch schnell fasste er sich wieder und antwortete: “Sehr wohl. Ich werde einen der besten Männer des Ordens mit der Aufgabe betrauen.”

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