Bindung 2.6

Mit einem dumpfen Plok! fuhr mein Speer in die Rinde des abgestorbenen Baumes. Wir waren seit dem Morgengrauen wach und Dù Xīnwǔ nutzte die ungestörte Umgebung des verlassenen Klosters, um mich weiter im Speerkampf zu trainieren.

“Ein Angriff mit dem Speer kann auch einhändig erfolgen. Dazu lässt du den Schaft mit der führenden Hand los und führst den Stoß nur mit dem hinteren Arm aus. Der größte Vorteil ist, dass du deine Reichweite so noch um ein Stück erhöhst.” Zur Demonstration ließ er seinen Stab wie beschrieben nach vorne schnellen.

“Auch kannst du deinen Gegner damit überraschen, da er üblicherweise mit einem beidhändig geführten Angriff rechnet. Dieser Angriff kommt jedoch auch mit Nachteilen. Er ist weniger kraftvoll und eignet sich somit nur gegen ungeschützte Teile des Feindes.” Mein Lehrer deutete auf ein Astloch. “Da der Angriff mit einer Hand geführt wird, ist er auch viel ungenauer. Versuche hier zu treffen.”

Ich stellte mich vor den Baum, nahm Maß und stieß zu. Die Spitze bohrte sich knapp neben dem Astloch in den Stamm. “Nochmal!” kam die Aufforderung. Wieder stieß ich zu, dieses Mal mitten in das Ziel. “Nochmal!” Wieder traf ich die vorgegebene Stelle. Ich sah zu Dù Xīnwǔ, der die Stirn in Falten gelegt hatte. Er schien überrascht, was mir innerlich Vergnügen bereitete. Dann nickte er anerkennend und sagte: “Wie ich gestern bereits sagte. Du lernst schnell.” Ich musste grinsen, worauf er mahnend den Zeigefinger hob und sagte: “Lass dir das Lob aber nicht zu Kopf steigen! Denn das macht unvorsichtig und offen für Angriffe.” Mit diesen Worten berührte er mit der Spitze seines Stabes meine Brust. Ich verstand.

—–

Wie mein Führer vorausgesagt hatte, erreichten wir die Stadt nach einem Tag. Shíyàn war größer und hatte viel mehr Einwohner als Tiánwǔ. Zahlreiche Häuser befanden sich außerhalb der Stadtmauern und noch bevor wir das Innere der Stadt erreichten, herrschte auf der Straße ein reges Treiben. Durch das westliche Stadttor drängte ein steter Menschenstrom, der uns an den Wachsoldaten vorbei in das Innere der Stadt trug. Wir folgten zunächst der Hauptstraße und zweigten dann in ein Gewirr aus verschlungenen Seitengassen ab.

Hier fand man das pralle Leben vor. Noble Damen wurden in Sänften getragen, Händler feilschten miteinander, Verkäufer priesen ihre Waren an, Sklaven schleppten allerlei Gegenstände umher, Bettler saßen im Staub und hofften auf Almosen. Und über allem hingen der Gestank von Unrat und der köstliche Duft verschiedener Speisen.

Dù Xīnwǔ interessierte das pulsierende Stadtleben nicht. Er schien den Weg zu kennen und drängte sich zielgerichtet durch die Menschenmenge. Ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Schließlich hielt er vor einem unscheinbaren Haus, in dessen Erdgeschoss ein Gemüsehändler seine Produkte feilbot. Ich wunderte mich, warum mein Lehrer ausgerechnet diesen Laden gewählt hatte. Denn sein Angebot war mager und nicht alle der angebotenen Waren frisch.

Aus dem Inneren des Geschäfts erschien ein Mann. Dù Xīnwǔ wandte sich an ihn und fragte: “Führt Ihr auch Lotuswurzeln im Angebot?”

Der Verkäufer deutete auf einige kümmerliche Knollen in einer Holzkiste. “Selbstverständlich! Wollt ihr welche kaufen?”

“Nein, ich möchte bloß einen Blick darauf werfen”, antwortete mein Führer und kratzte sich am Kinn.

Ich verstand den Sinn dieser Aussage nicht. Doch der Verkäufer riss für einen Moment überrascht die Augen auf. Dann verbeugte er sich hastig, machte eine unauffällige Geste, ihm zu folgen, und führte uns in das Innere des Geschäfts.

“Meister! Eure Ankunft überrascht uns! Boten haben uns über Eure Reise informiert. Dennoch haben wir Euch nicht so früh erwartet. Wie können wir Euch behilflich sein?”

“Die Dinge haben sich besser als erwartet und zu unserem Vorteil entwickelt. Ich wünsche ehestmöglich mit dem örtlichen Vorsitzenden zu sprechen!”

“Selbstverständlich, Meister! Er wird sofort hier sein.”  

Tatsächlich erschien wenig später ein älterer Mann, der sich wie der Gemüseverkäufer vor meinem Lehrer verbeugte und im Flüsterton mit ihm sprach. Nach einer kurzen Unterredung rief mich Dù Xīnwǔ zu sich.

“Gùan. Ich muss wichtige Dinge besprechen. Dinge, die nicht für die Ohren anderer bestimmt sind.” Er winkte einen kleinen Jungen zu sich, der offensichtlich zu den Bewohnern des Hauses gehörte. “Dieser junge Mann wird dir die Stadt zeigen und auf dich aufpassen. Hier, nimm das Geld und kauf dir etwas Gutes zu essen. Du hast es dir verdient!” Mit diesen Worte drückte er mir etwas Käsch in die Hand. Dann fasste er mich am Arm und sprach eindringlich auf mich ein: „Verhalte dich unauffällig! Wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.“ Ich nickte, worauf er zufrieden lächelte. Einen Moment später verschwand er mit den anderen Männern hinter einer Tür.

—–

„Mein Name ist Lèlè“, sagte der Junge, den ich auf etwa 7 Jahre schätzte.

„Glücklich-glücklich.“ So sah er in der Tat aus, als er mich fröhlich von einem Bein auf das andere springend durch das Labyrinth der Gassen führte. Wahrscheinlich war dieser unerwartete Ausflug eine willkommene Abwechslung für ihn.

„Arbeitest du auch im Gemüseladen?“ fragte ich ihn.

„Ja, ich helfe bàba jeden Tag.“ Er machte eine Miene. „Aber wir haben nicht so viele Kunden. Oft ist es ziemlich langweilig.“

Er sprang auf eine Stufe vor einem Haus und drehte sich zu mir. „Und du? Was machst du?“

Ich konnte ihm nicht erzählen, dass ich noch vor wenigen Tagen als Sklavin auf den Feldern geschuftet hatte. „Ich mache eine Reise mit meinem Vater“, antwortete ich.

„Wie aufregend! Ich würde auch gerne eine Reise machen!“ Lèlè wiegte den Kopf kurz hin und her. „Wohin reist ihr denn? Ist es schön dort?“

Gute Frage. Nach kurzem Überlegen sagte ich: „Nach Norden, in die Heimat meines Vaters.“ Das war nur zum Teil gelogen.

Er nickte nachdenklich. „Hm. Dabei sprichst du anders, als dein Vater. Er hat den Dialekt der Hauptstadt. Du aber…“ Er zuckte mit den Schultern. „… dein Dialekt ist anders.“

Schlauer kleiner Kerl!

„Ich… habe für eine Zeit lang im Reich der Shǔ gelebt. Das ist der Grund, warum meine Aussprache etwas anders ist.“

Lèlè schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein. Er war von der Stufe wieder herabgesprungen und führte mich weiter durch das Gewirr der Gassen. „Du musst viel erlebt haben. Ich habe Shíyàn noch nie verlassen. Nur einmal, als mein bàba und ich Verwandte in einem Dorf besucht haben.“ Wir erreichten eine Straße mit vielen Geschäften. Er warf einen Blick zu beiden Seiten und schien zu überlegen, wohin er mich führen sollte. „Wie ist das Essen bei den Shǔ?“ 

„Manchmal sehr gut. Aber meistens nicht so besonders“, antwortete ich kryptisch.

Er warf mir einen irritierten Blick zu. Dann hellte sich sein Gesicht auf und er fragte: „Möchtest du eine Spezialität von Shíyàn probieren?“

„Es ist aber nicht ganz billig“, sagte mein junger Begleiter in entschuldigendem Ton. „Aber süßer Shíyàn-Tofu schmeckt wirklich köstlich!“

Wir traten zu einem der zahlreichen Stände und ich kramte die Käsch Münzen hervor. Als Sklave war ich mit Geld nie in Berührung gekommen. Ich hatte nur gewusst, dass meine alten Herren über sehr viel davon verfügten. Waren die Münzen in meiner Hand viel Wert?

„Ist das genug?“ fragte ich Lèlè und zeigte ihm das Geld.

Ja“, antwortete er, nahm einige der Münzen und reichte sie dem Verkäufer.

Dieser machte sich sogleich daran, kleine Tofu-Würfel in einem großen Wok anzubraten. Als sie an allen Seiten eine goldbraune Farbe angenommen hatten, gab er Sojasoße und einige Gewürze hinzu. Schließlich kamen auch noch eine Handvoll Magnolienknospen und ein großer Löffel Honig in den Wok. Nun verstand ich, warum dieses Gericht so teuer war!

Aber wie wunderbar es schmeckte! Der Tofu war außen knusprig und innen ganz weich. Die Sojasoße hatte sich mit dem Honig vermischt und verbreitete ein süßes, warmes Gefühl in meinem Mund. Ich hatte seit meiner Kindheit nichts mehr Süßes gegessen, so dass ich einige Laute des Wohlbefindens nicht unterdrücke konnte. Lèlè lachte, als er mich so sah und in seinem Blick lag auch eine Spur Stolz, dass er mir so ein schönes Erlebnis bereitet hatte.

„Du hattest Recht. Es schmeckt wirklich großartig!“ sagte ich und musste ebenfalls lachen.

—–

Nachdem wir fertig gegessen hatten, schlenderten wir weiter die Verkaufsstraße entlang. Hier gab es nicht nur Geschäfte, wo man etwas zu Essen kaufen konnte. Händler boten auch viele andere Dinge an. Man konnte Gegenstände für den Haushalt ebenso kaufen, wie Hühner, Schweine oder Kleidung.

Mein Blick fiel auf ein Seidentuch dass vor einem Laden über einen Tisch ausgebreitet war. Das delikate Material hatte in der warmen Nachmittagssonne einen tiefblauen Ton angenommen und zog mich sofort in seinen Bann. Der Verkäufer erkannte die Möglichkeit für ein Geschäft und fragte, ob ich Interesse hätte. Ganz so, wie all die Verkäufer in dieser Straße all die anderen vorbeikommenden Männer, Frauen und Kinder ansprachen.

Plötzlich, wie ein Gewitter im Sommer, überkam mich ein großes Gefühl von Glück und Dankbarkeit. Dafür, dass ich nicht mehr auf den Feldern arbeiten musste, dass ich nicht mehr geschlagen wurde und dass Lèlè mir diesen köstlichen Tofu gezeigt hatte und für diesen wunderbaren Ausflug in dieser fremden Stadt, der so ganz anders war, als alles, was ich bisher in meinem Leben erfahren und erlebt hatte.

Und es musste meinem kleinen Begleiter und dem Ladenbesitzer wohl etwas sonderbar vorgekommen sein, als sie mich mit Tränen in den Augen in mitten der Straße verharren sahen, so dass mich Lèlè vor einer heran nahenden Sänfte zur Seite ziehen musste.

„Es ist nichts, nur ein Staubkorn“, antwortete ich ihm auf seine besorgten Fragen und bedankte mich beim verdutzten Verkäufer. Dann atmete ich mehrmals tief ein und aus und sagte: „Lass uns zurück zum Geschäft deines Vaters gehen.“

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Bindung 2.5

Ich musste mein Gesicht mit einem Tuch verhüllen. Obwohl wir niemandem begegneten, wollte Dù Xīnwǔ durch diese Maßnahme sicherstellen, dass wir keine ungewollte Aufmerksamkeit auf uns zogen. Wenn uns jemand fragte, würden wir uns fortan als Vater und Tochter ausgeben, die gemeinsam eine Pilgerreise nach Osten unternahmen.

Nachdem wir den Pass überquert hatten, führte uns der Weg wieder in tiefere Lagen. Wir wanderten durch eine abgeschiedene Gegend, die größtenteils von dichtem Wald bedeckt war. Andere Menschen sahen wir in diesen Tagen kaum.

Das Wandern machte mir großen Spaß. Das lag nicht nur daran, dass mich jeder Schritt weiter weg von meinen alten Herren brachte. Was ich empfand war ein Gefühl von Freiheit und ich sog begierig alles auf, was mir mein Lehrer beibrachte – welche der in den Bergen vorkommenden Pflanzen essbar waren, wie man Feuer machte oder man im Freien ein Lager für die Nacht bereitete.

Die ersten beiden Nächte verbrachten wir in einer Pagode und unter einem Felsvorsprung, den wir etwas Abseits des Pfades ausfindig gemacht hatten. Unsere Betten bestanden aus Zweigen und Laub. Da wir nicht wussten, ob wir mit Wegelagerern zu rechnen hatten, hielten wir abwechselnd Nachtwache und brannten nur ein sehr kleines Feuer an. An einen guten Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken und wir waren dankbar, als wir am dritten Tag auf einen verlassenen Tempel stießen.

Dù Xīnwǔ war über die unerwartete Entdeckung erfreut: “Mir war nicht bekannt, dass es hier einst einen Tempel gab. Die Mönche müssen ihn schon vor vielen Jahren aufgegeben haben.”

“Ich dachte, dass du mit dieser Gegend vertraut bist?” fragte ich.

Er verneinte. “Ich bin über eine andere Route in das Tal der hundert Sonnen gekommen. Dieser Weg ist mir unbekannt, aber er sollte uns schneller an unser Ziel führen.”

Prüfend stieß er mit der Schulter gegen das schwere Tor, das von verschiedenen Pflanzen überwuchert war. Ich half ihm und gemeinsam zwängten wir es so weit auf, dass wir ins Innere gelangen konnten. Wir standen auf einem gepflasterten Platz, der zu allen Seiten von einer Mauer umgeben war.

“Sieht so aus, als sei diese Anlage auch als Kloster genutzt worden”, stellte Dù Xīnwǔ fest. “Wahrscheinlich konnten die ansässigen Mönche in dieser Abgeschiedenheit keine Nachfolger gewinnen. Oder die Instandhaltung wurde zu aufwendig. Darum haben sie ihre Sachen gepackt und den Tempel verlassen.”

Wir sahen prüfend um uns. Zu unserer Linken hatten wuchernde Pflanzen ein undurchdringliches Dickicht geschaffen. Zu unserer Rechten befand sich eine heruntergekommenes, ebenerdiges Gebäude, dessen Fenster und Türen mit Holzlatten verbarrikadiert waren. Vor uns stand die große Haupthalle. Jener Ort, wo die wichtigsten religiösen Objekte verwahrt wurden. Sie ruhte auf einem Fundament aus Stein, das auf der ganzen Breite über zwei Stufen bestiegen werden konnte. Das Vordach der Halle wurde von mehreren massiven Holzsäulen getragen. Zu beiden Seiten konnte man über mit Steinplatten gepflasterte Wege in den dahinter liegenden Bereich gelangen. Wie viel Arbeit die Mönche wohl in all dies gesteckt haben mussten, nur, um es wieder dem Verfall zu überlassen?

“Weiter hinten muss es noch Wirtschaftsgebäude und die ehemaligen Schlafstätten der Mönche geben”, sagte Dù Xīnwǔ. “Ich werde mich dort umsehen. Untersuche du die Halle! Vielleicht finden wir etwas Brauchbares. Und halte Augen und Ohren offen. Wir wollen hier keine unliebsamen Überraschungen erleben!”

Ich nickte und ging auf das Gebäude zu, während der alte Mann hinter dem Bau verschwand. Ich versuchte die große Tür zu öffnen, doch der Eingang war fest verschlossen. Auch die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Ohne Gewalt war ein Eindringen nicht möglich. Ich sah mich nach einem Gegenstand um, mit dem die Bretter gelöst werden konnten. Da fiel mein Auge auf einen schwarzen Fleck, der sich zwischen zwei Säulen auf dem Boden befand. Ich kniete mich hin, um die Stelle untersuchen. Es sah aus wie Ruß. Hatte hier jemand ein Feuer gemacht?

Ein Geräusch ließ mich hochfahren. Tok, tok tok! Ich verharrte und hielt den Speer schützend vor mich. Dù Xīnwǔ? Nein, er war auf der anderen Seite der Halle verschwunden. Mein Herz klopfte, doch ich zwang mich zur Ruhe. Erneut hörte ich das Geräusch. Tok, tok tok! Ein Klopfen wie auf Stein oder Holz. Das Geräusch kam nicht aus dem Inneren des Gebäudes. Ich lugte angespannt um die Holzsäulen, konnte aber nichts erkennen. Der Vorplatz war verwaist. Die Quelle des Geräuschs musste hinter oder neben der Haupthalle liegen. Langsam schlich ich zur Ecke des Bauwerks. Dann presste ich mich an die Wand, reckte den Kopf und spähte vorsichtig um die Halle.

Rechts in meinem Blickfeld befand sich die Wand der Halle. Links die Außenmauer. Im Hintergrund erkannte ich ein weiteres Bauwerk…

Ein lautes Kreischen ließ mich zusammenzucken und ich riss meinen Blick nach oben. Auf der Mauerkrone saß ein Affe mit goldenem Fell. In der Hand hielt er eine Frucht. Erneut riss der Affe sein Maul auf und kreischte erbost. Aus dem Dickicht hinter ihm drang eine Vielzahl ähnlicher Laute. Dann machte er einen Satz zurück, sprang auf einen Ast und war einen Augenblick später im dichten Grün verschwunden.

Ich atmete erleichtert auf. Dù Xīnwǔ erschien aus dem hinteren Teil der Anlage und rief mir zu: “War das ein Affe?”

“Ja! Er hatte ein Fell wie aus Gold und war sehr böse, als er mich sah.”

“Du hast Glück! Diese Affen heißen Goldstumpfnasen und sind sehr scheu. Nur wenige Menschen bekommen sie zu Gesicht. Wahrscheinlich hast du ihn beim Fressen überrascht.”

Ich horchte nach weiteren Geräuschen. Doch jenseits der Mauer war alles ruhig, so dass ich zu meinem Lehrer ging, der hinter der Halle auf mich wartete. Ich folgte ihm zu einem Gebäude. Das Dach war auf einer Seite eingesunken. Zwischen dichtem Buschwerk stand eine Tür offen.

Ich benötigte einen Augenblick, um mich an das Halbdunkel im Inneren zu gewöhnen. Die meisten Fenster waren mit Holz verbarrikadiert. Durch die Spalten drang Sonnenlicht, in dem der Staub schwebte. Der Boden war übersät mit Unrat. Umgefallene Stühle und zerbrochene Schüsseln. Dazwischen lagen verrottete Fetzen Stoff. “Hier befanden sich einst die Schlaf- und Wohnquartiere der Mönche”, erklärte Dù Xīnwǔ. Wir traten zur Stelle, wo das Dach eingesunken war. Durch ein Loch konnte man den Himmel sehen. “Lass uns von draußen etwas trockenes Gras und Holz holen”, schlug er vor.

—–

Wenig später brannte auf dem Boden des Hauses ein kleines Feuer, dessen Rauch aus dem Loch in der Decke abzog. Wir hatte zwei der Stühle aufgerichtet und Platz genommen. Mit einem Zweig stierte Dù Xīnwǔ in der Glut herum. “Hier kann uns der Schein des Feuers nicht verraten”, sagte er zufrieden. Wir holten den Rest unseres Proviants hervor und nahmen unser Abendessen ein.

“In ein oder zwei Tagen erreichen wir die Stadt Shíyàn. Dort werde ich Erkundungen einholen. Sobald wir uns mit Proviant eingedeckt haben, reisen wir weiter nach Nordosten. Dort wartet ein weiterer Mitstreiter auf uns.”

“Wer ist er?”

“Einer der besten Schwertkämpfer, die ich jemals gesehen habe. Vielleicht sogar der beste, den es jemals gab.”

Ich hatte keine Vorstellung davon, was einen guten von einem weniger guten Schwertkämpfer unterschied. Doch Dù Xīnwǔ geriet ins Schwärmen und seine Augen leuchteten. “Wie er die Klinge führt, ist sensationell! Egal, wie stark sein Gegner verteidigt, er findet einen Schwachpunkt. Egal, wie furios der Feind attackiert, er wehrt alle Angriffe ab! Ich sah ihn einmal gegen vier Mann gleichzeitig kämpfen. Wie er das Momentum für Angriff und Verteidigung nutzt, ist unbegreiflich!” Es schien, als erzählte ein Vater von seinem Sohn, von dem er sich entfremdet hatte, auf den er aber noch immer stolz war. Ein hintergründiges, melancholisches Lächeln lag auf seinem Gesicht. In den letzten Tagen hatte ich ihn etwas besser kennen gelernt. Doch vieles über seine Person lag für mich noch im Dunkeln.

Dù Xīnwǔ besinnte und räusperte sich kurz, als ob ihm der zur Schau gestellte Überschwang peinlich war. “Auf jeden Fall hat er sehr viel Erfahrung und ich erwarte mir, dass du von ihm lernst!”

Schwertkampf? Ich hatte gerade erst die Grundlagen des Speerkampfes verinnerlicht. War das nicht zu viel auf einmal? Er sah mein zweifelndes Gesicht und sagte beruhigend: “Keine Sorge! Du musst keine Schwerter schwingen, sondern bleibst beim Speer. Seine Aufgabe wird es sein, dich so zu unterweisen, dass du dich mit dem Speer gegen einen Schwertkämpfer wie Cáo Yǔ behaupten kannst.”

“Wenn er wirklich so ein einzigartiger Meister im Schwertkampf ist, wird er mit einer Anfängerin wie mir überhaupt zu tun haben wollen?”

“Er muss”, sagte Dù Xīnwǔ knapp. “Es wird nicht einfach. Er hat einen etwas… komplizierten Charakter. Auf eine gewisse Art und Weise ist er wie du. Die Vorsehung hat euch beide auf schwierige Pfade geführt und ihr beide sucht noch nach eurem Platz in dieser Welt.”

Das Feuer flackerte und warf ein gespenstisches Licht in den Raum. In Gedanken versunken beobachtete ich das Spiel der Flammen. Mein Begleiter hatte Recht. Ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führte. Ich wusste nur, dass es ein Weg voller Gefahren war. Und wenn ich das Ende dieses Pfades erreichte? Wenn Cáo Yǔ tot im Staub lag? Was geschah dann? Bislang war mir immer von anderen gesagt und vorgeschrieben worden, was ich zu tun hatte. Doch seit wir aus dem Tal der hundert Brücken aufgebrochen waren, keimte in mir das Verlangen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wie das Glosen des verkohlten Holzes vor mir pulsierte dieses Verlangen mal stärker, mal schwächer, verschwand und tauchte wieder auf. Ich musste sicherstellen, dass es nicht wieder verlöschte.

Dù Xīnwǔ wollte meine Zweifel zerstreuen: “Du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Du lernst sehr schnell. Schneller, als die meisten anderen Schüler, die ich vor dir im Speerkampf unterwiesen habe. Du hattest lange eine schwere Last zu tragen, aber sie hat dich stark gemacht. Je mehr ich dich beobachte, desto sicherer bin ich mir, dass du Cáo Yǔ besiegen kannst! Habe Vertrauen in dich!”

Ich freute mich über dieses Lob. Außerdem hatte er Recht. Der Kampf gegen die Banditen hatte mir Zuversicht und mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten gegeben. Ich war mir sicher, im Kampf  mit etwas Glück gegen die meisten Gegner bestehen zu können.

Aber auch gegen den Rebellenführer Cáo Yǔ?

“Was ist die Gabe?”

Seitdem mir Dù Xīnwǔ berichtet hatte, dass der Mensch, den ich töten musste, über eine Gabe verfügte, verspürte ich beim Gedanken daran Unbehagen. Zwar verkörperte ich, war ich der Gegenpol, der Cáo Yǔs Gabe angeblich außer Kraft setzte. Trotzdem fühlte ich mich unwohl und ich wollte so viel, wie möglich, darüber in Erfahrung bringen. Denn mein Gefühl sagte mir, dass mein Überleben davon abhing. Umso mehr hatte es mich verwundert, dass mein Lehrer nie mehr mit mir darüber sprach.

Nun sagte er: “Eine Gabe verleiht übermenschliche Kräfte in einer bestimmten Disziplin. So viel ist dir bereits bekannt.”

Ich nickte und zählte Fähigkeiten auf, über die Menschen mit der Gabe laut Berichten und Erzählungen verfügten: “Eine übernatürliche Sprungkraft, das Gehör einer Katze, oder Augen, mit denen man das Gold im Inneren von Bergen sehen kann.“

“So ist es. Jedoch kann ein Mensch immer nur über eine Gabe verfügen. Nie über mehrere. Warum, ist nicht bekannt. Ebenso, wie Menschen eine Gabe erlangen.”

Von draußen drang von weit entfernt das Gekreische von Affen. Wir lauschten den Geräuschen für einen Moment, dann setzte Dù Xīnwǔ fort: “Die meisten Menschen erlangen nie eine Gabe. Vielleicht einer unter vielen zehntausenden. Manche davon erhalten ihre Gabe bereits als Kinder. Andere erst in hohem Alter. Jede Gabe verleiht dem, der sie hat, einen großen Vorteil. Doch mit dem richtigen Gegenmittel lässt sie sich außer Kraft setzen. Es kann ein Metall, eine Pflanze, ein gesprochenes Wort, oder die Nähe zu einem bestimmten Tier oder Menschen sein.”

“Manche Menschen mit einer Gabe verbergen ihre übernatürliche Fähigkeit vor anderen. Sei es aus Furcht oder aus Selbstschutz. Manche aber nutzen sie für ihre Zwecke. Cáo Yǔ schart mit ihrer Hilfe ein Heer um sich und verbreitet Angst und Schrecken. Es sind Menschen wie er, die ein schlechtes Bild von Menschen mit der Gabe entstehen ließen. Menschen wie er sind auch der Grund, dass der Kaiser das Aufkommen der Gabe als eine Gefahr sieht. Als eine Störung der Harmonie, die beseitigt werden muss.”  

“Wie will er das erreichen?”

“Hat jemand eine Gabe und der Kaiser erfährt davon, hängt viel vom Verhalten des Betroffenen ab. Der Kaiser ist pragmatisch. Verhält sich diese Person unauffällig, steht sie in der Regel nur unter Beobachtung. Sorgt sie jedoch für Aufsehen oder gar für Ärger, zögert der Kaiser meist nicht nicht lange.“ Er sah mir in die Augen. „Dann heißt es Kerker oder Scharfrichter.”

Das Feuer war niedergebrannt und wir legten uns zum Schlafen auf den Boden. Nach unserem Gespräch lag ich noch lange in der Dunkelheit und dachte nach. Über den mysteriösen Schwertmeister, den ich bald treffen sollte. Und darüber, wie ich von einer Sklavin zur Scharfrichterin des Kaisers geworden war.

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Bindung 2.4

Im Morgenlicht saß ich vor dem Bauernhaus auf der Erde und betrachtete meine Umgebung. Ein Bauer lag in einer Blutlache tot auf dem Untergrund. Ebenso der von mir erstochenen Bandit. Dù Xīnwǔ half dabei, einen verletzten Hausbewohner zu versorgen, dann ging er zum Wegelagerer, den er vor der Scheunentür erschlagen hatte.

“Gut gemacht. Sehr gut”, sagte der alte Mann im Vorbeigehen und strich mir über den Kopf.

Ich schluckte. Ich hatte meinen ersten echten Kampf erlebt und dabei einen Menschen umgebracht. Er war ohne Zweifel ein böser Mensch gewesen. Aber trotz dieser Gewissheit fühlte ich mich unwohl und irgendwie nicht wie ich selbst. Als ob ich mich im falschen Körper befand.

Die Sonne ging auf. Ich zwang mich, die Fassung zu bewahren und betrachtete den Körper des Banditen. Er lag regungslos im Staub. Mein Speer stak noch immer in seinem Rücken. Er war ein Mann mittleren Alters. Über seine Wange zog sich eine schlecht verheilte Narbe aus einem früheren Kampf. In seinem Mundwinkel befand sich Blut. Ich zog den Speer aus seinem Körper. Dazu musste ich mehr Kraft aufwenden, als ich erwartet hatte. Die Spitze schimmerte ölig im Morgenlicht. Blut floss aus der Wunde und färbte die Kleidung des Toten dunkelrot. Mir wurde übel.

Mein Lehrer trat zu mir. “Bist du verletzt?”

“Nein. Nur… ich weiß nicht. Ich fühle mich nicht gut.”

Er beruhigte mich: “Das sind die Nachwirkungen des Kampfes. Keine Sorge, das wird vergehen.”

Er warf einen Blick über die Schulter hin zu den Bauern, die um den Mann am Boden vor der Scheune standen. “Es ist Zeit für uns zu gehen.”

“Was ist mit ihm?” fragte ich und deutete zum Erschlagenen.

“Mein Stab hat ihm den Schädel gebrochen. Ich weiß nicht, ob er noch einmal das Bewusstsein erlangt.”

“Was sollen wir mit ihm machen?”

“Gar nichts werden wir machen. Das ist Sache der Bauern.”

Ich sah zu den Hausbewohnern. Sie warfen uns finstere Blicke zu.

“Hole rasch den Beutel und lass uns aufbrechen!” ermahnte mich mein Begleiter.

Ich ging zur Scheune. Das Gesicht des am Boden liegenden Räubers war geschwollen und hatte eine dunkelviolette Färbung angenommen. Keine Regung zeigte, ob er noch am Leben war. Die Bauern schwiegen, doch ihre Körpersprache verriet Ablehnung, so dass ich schnell an ihnen vorbei in die Scheune huschte. Der  Beutel lag noch an jener Stelle, wo ich ihn in der Nacht gelassen hatte. Grußlos brachen wir auf. Die Hausbewohner betrachteten uns mit steinernen Mienen, als wir in den Wald gingen. Wenig später waren wir wieder allein und komplett von Bäumen und Dickicht umringt. Nur das Zwitschern von Vögeln war zu hören.

Mir fiel der Wegelagerer ein, den ich im Kampf in die Flucht geschlagen hatte. “Wir sollten vorsichtig sein! Einer der Räuber flüchtete in diese Richtung!”

Dù Xīnwǔ beruhigte mich: “Der ist längst über alle Berge. So, wie die anderen Schufte! Sie haben nicht mit Widerstand gerechnet und werden damit beschäftigt sein, ihre Wunden zu lecken!” Er lachte und legte mir eine Hand auf die Schulter. “Dein mutiges Eingreifen hat sie in die Flucht geschlagen! Du hast einen kühlen Kopf bewahrt und deine Feinde besiegt. Es gibt viele Männer, die an deiner Stelle versagt hätten!”

Diese Worte gaben mir Kraft. Ich fühlte mich stolz. Trotz der schrecklichen Ereignisse. Trotz des Mannes, der wegen mir tot im Dreck lag. Ich hatte etwas geleistet, was noch vor wenigen Tagen unmöglich gewesen wäre. Ich hatte zwei Feinde im Kampf besiegt und einem Mitstreiter aus einer schwierigen Lage geholfen. Dank meiner Hilfe waren die Bauern nicht alle abgeschlachtet worden.

Doch warum hatten sie sich so undankbar gezeigt, dass wir sie gerettet hatten? Ich verlieh meinem Missfallen Ausdruck: “Warum waren die Bauern so abweisend? Wir haben ihnen doch geholfen!”

Mein Begleiter antwortete: “Ich habe das Gefühl, dass sie uns für die Ereignisse  verantwortlich machen.”

“Aber wir haben an ihrer Seite gekämpft! Ohne unsere Hilfe wären sie vielleicht alle getötet worden!”

“Ja. Wir haben die Halunken vertrieben.” Der alte Mann hatte die Augen zusammen gekniffen und die Unterlippen vorgeschoben. Er sprach mit leiser Stimme weiter: “Aber die Räuber und Wegelagerer werden wieder kommen. Und dann werden sie Rache für die erlittene Schmach und ihre zwei Toten nehmen.”

Ich blieb abrupt stehen, denn plötzlich verstand ich. Im Gegensatz zu uns konnten die Bauern nicht von hier fort. Hier war ihre Heimat. An ihr Land gebunden waren sie für die Banditen ein leichtes Ziel, die sich beim nächsten Mal nicht so leicht überraschen lassen würden.

Ein Gefühl von Schuld überkam mich.

“Mach dir keine Vorwürfe!” hörte ich die Stimme meines Lehrers. “Wir hatten keine andere Wahl und mussten uns Verteidigen!” Ich ging weiter. Als ich ihn wieder eingeholt hatte, drehte er sich zu mir und sagte: “Es gibt Situationen, in denen du alles richtig und trotzdem falsch machen kannst. So ist das Leben.”

Wie wahr! Als Begleiterin Dù Xīnwǔs war meine Situation eine bessere als im Haus der Familie Lìu. Nun begann ich zu begreifen, dass auch dieses neue Leben kein einfaches sein würde – wenn auch auf ganz andere Weise.

—–

Der Pfad verließ das Tal und führte uns steil bergauf. Nach mehreren Stunden erreichten wir schließlich eine Senke zwischen zwei Berggipfeln, die neben uns hoch in den Himmel ragten. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass hier keine Bäume mehr wuchsen und ich fragte Dù Xīnwǔ, ob es hier Holzfäller gab. Er klärte mich darüber auf, dass so hoch in den Bergen keine Bäume mehr wuchsen, weil das Wetter zu rauh war. Wie zum Beweis pfiff plötzlich ein scharfer Wind um uns. Wir suchten Schutz hinter einem knorrigen Zedernbusch und nahmen einen Teil des Proviants zu uns. Laut Dù Xīnwǔ hatten wir noch mehrere Tage des Marschierens vor uns. Der schwierigste Teil war aber überstanden. Unser nächstes Ziel war die Stadt Shíyàn, die auf der anderen Seite der Berge lag.

Bevor ich meinem Führer weiter folgte, genoss ich für einen Augenblick die Aussicht. Vor mir erstreckte sich das bewaldete Tal, das wir gerade durchquert hatten. Dahinter erhob sich Wǔdāng Shān, der Berg der höchsten Harmonie. Irgendwo dort musste der Tempel sein und noch weiter dahinter: Tiánwǔ. Ich suchte zwischen den Bäumen nach dem Bauernhof, konnte ihn aber nicht entdecken.

Der Wind zerzauste mir die Haare und ich erzitterte leicht, als mir bewusst wurde, dass es für mich kein Zurück mehr gab. Der einzige Weg voraus führt in das Sòng-Reich.

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Bindung 2.3

“Leise!” befahl mir Dù Xīnwǔ. Er hatte sich an der Wand neben der Tür positioniert und lugte durch die Spalten zwischen den Brettern. Ich stellte mich neben ihn, um zu sehen, was draußen vor sich ging. Es war noch Nacht und nur eine zarte dunkelblaue Färbung hinter den Bergen kündigte das kommende Morgengrauen an. Vor dem Haus standen die mit Messern und Stöcken bewaffneten Bauern. Ihnen gegenüber befand sich eine Gruppe von mehreren Fackelträgern. Im Flackern des Feuers sah ich ihre Waffen aufblitzen.

“Wer sind diese Leute?” fragte ich leise.

“Räuber und Halsabschneider”, raunte Dù Xīnwǔ.

“Räuber”, wiederholte ich überrascht. “Hier?”

“Dies ist Grenzland. Soldaten der Shǔ finden ihren Weg selten so hoch in die Berge. Sie bleiben lieber unten in den Niederungen, wo sie ihre Festungen haben. Banditen gehen ein geringes Risiko ein, wenn sie abgelegene Höfe wie diesen überfallen. Dass sie so offen auftreten bedeutet, dass sie sich ihrer Sache sicher sein müssen.”

Wie auf ein Kommando trat aus der Gruppe der Wegelagerer plötzlich ein Mann hervor und rief: “Gebt uns eure Käsch Münzen und wir werden euch verschonen!”

“Wir sind arm und haben nichts von Wert. Geht weiter und lasst uns in Ruhe!” antwortete eine Stimme, die ihre Angst hinter Forschheit zu verstecken versuchte.

“Wie ihr wollt”, antwortete der Anführer und zog ein jiàn Schwert aus seinem Gürtel, dessen zweischneidige Klinge bedrohlich funkelte. Er deutete auf unsere Scheune, worauf sich zwei Männer aus der Gruppe der Banditen lösten und in unsere Richtung kamen. Das jiàn erhob er drohend in Richtung der Bauern.

“Halte dich bereit!” flüsterte mein Lehrer und ich packte meinen Speer fest mit beiden Händen. Er griff nach seinem Stab und wartete, bis die beiden Wegelagerer direkt vor der Tür der Scheune standen. Dann trat er kräftig zu. Die Tür flog auf und einer der Räuber stürzte mit einem Schrei zu Boden. Wir stürmten nach draussen und mein Lehrer ließ seinen Stab mit Wucht auf den Kopf des Gestürzten niederfahren.

Ich sprang an ihnen vorbei und stach mit meinem Speer auf den anderen Banditen ein. Er machte einen Satz zurück und mein Angriff ging ins Leere. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich zwischen dem Rest der Banditen und den Bauern ein Kampf entwickelte und dass Dù Xīnwǔ in ihre Richtung eilte.

Ich hielt meine Waffe drohend in die Richtung meines Gegners und verschaffte mir einen raschen Überblick. Der Schuft war mit einer Keule bewaffnet und damit klar im Nachteil. Hinter ihm befand sich vor abfallendem Gelände ein einfacher Holzzaun. Rechts von mir kämpften Dù Xīnwǔ und die Hausbewohner vor dem Bauernhaus gegen die Gruppe der Wegelagerer. Zu meiner linken verschwand der Pfad im Dunkel des Waldes.

Mein Gegner schien sich unsicher, wie er mich angreifen konnte, ohne aufgespießt zu werden. Ich täuschte einen Stoß an, worauf er einen weiteren Sprung nach hinten machte. Der Bandit stand nun mit dem Rücken am Zaun. Seine Augen blickten nervös zu den Seiten. Er schien die Nähe zu seinen Kameraden zu suchen. Ich wartete ab, um ihn zu einer Bewegung zu verleiten. Ich lag richtig, denn plötzlich machte er einen Satz zum Bauernhaus hin. Ich stach zu. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in den Unterleib zu treffen. Doch der Stoß war schlecht berechnet, striff bloß seinen Arm und fuhr dann in den Zaun.

Der Wegelagerer stieß einen Schmerzensschrei aus und nutzte die Gelegenheit, um in die entgegengesetzte Richtung des Waldes zu flüchten. Ich zog den Speer aus dem Holz und wollte nachsetzen, doch da war der Mann bereits zwischen den Bäumen und einen Moment später zur Gänze in der Finsternis verschwunden.

Sollte ich ihn verfolgen? Ich verwarf den Gedanken. In der Dunkelheit war es gefährlich und ich kannte das Gelände nicht. Plötzlich hörte ich einen lauten Schrei hinter mir. Ich fuhr herum. Zwischend den Kämpfenden lag ein Mann am Boden. Mein Blick landete auf Dù Xīnwǔ, der gerade dem Angriff eines Banditen auswich. Der Angreifer war mit einem Spieß bewaffnet und stand mit dem Rücken zu mir. Ich lief auf ihn zu, holte Schwung und stieß ihm meinen Speer in den Rücken.

Das Metall fuhr ihm ohne Widerstand ins Fleisch, bis ich in meiner Bewegung plötzlich gestoppt wurde. Ich musste auf einen Knochen gestoßen sein. Ein Gefühl von Hitze, dass in Kälte überging, schoss durch meinen Körper. Erschrocken ließ ich den Speer los. Der Räuber sackte zusammen, ohne einen Laut von sich zu geben. Dù Xīnwǔ sah mir kurz in die Augen und wandte sich dann ab, um einem bedrängten Bauern zu helfen.

Da ertönte ein lauter Ruf und die Wegelagerer ließen von uns ab. Ich benötigte einen Augenblick um zu begreifen, dass die Angreifer offenbar das Weite suchten. Die Räuber warfen ihre Fackeln weg und liefen, so schnell sie konnten, weg. Einen Moment später waren sie im Wald verschwunden. Ihre gefallenen Kameraden hatten sie zurückgelassen. Wir verharrten und lauschten. Nichts war zu hören, außer das angestrengte Keuchen der Bauern und das Stöhnen eines Verwundeten.

So schnell alles begonnen hatte, war es wieder vorbei gewesen. Wir hatten den Angriff überstanden.

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Bindung 2.2

“Im Kampf musst du viele Faktoren berücksichtigen. Bist du allein, oder hast du Verbündete? Kämpfst du gegen einen oder mehrere Gegner? Wie gut ist der Feind bewaffnet? Was für Waffen führst du selbst mit dir?”

Dù Xīnwǔ hatte seinen Stab genommen und war aufgestanden. “Damit noch nicht genug. Bist du überhaupt in der Lage, einen Kampf zu bestreiten? Das heißt: Bist du ausgeruht und siegessicher, oder bist du verletzt und hast Angst? Was ist mit deinem Gegenüber?”

Er deutete mit einer Hand zum Himmel. “Wie sind die Verhältnisse? Ist es Tag oder Nacht? Steht die Sonne hoch oder tief? Regnet es? Wie ist der Untergrund beschaffen?” Währenddessen war er zur Kiefer in der Ecke des Platzes gegangen und tat so, als würde er ihren Stamm als Deckung für seinen Körper nutzen. “Welche Dinge und Gegenstände befinden sich in deiner Umgebung? Nutze diese Informationen zu deinem Vorteil und zum Nachteil des Gegners!”

“Kämpfe mit allen Mitteln. Tritt deinem Gegner Staub in die Augen, lenke ihn ab. Täusche Schwäche vor und stoße überraschend zu. Bedenke aber, dass dein Gegner dasselbe versuchen wird!”

Er kam wieder hinter dem Baum hervor. “Die Tempel und Klöster auf dem Wǔdāng Shān haben zahlreiche Kampfkünste hervorgebracht. Doch sie zu erlernen ist schwierig und nimmt viel Zeit in Anspruch, weshalb ich dich im bewaffneten Kampf ausbilden werde. Das geht schneller.” Er klopfte mit seinem Stab auf den Boden. “Ein Stab oder ein Speer ist eine sehr einfach handzuhabende Waffe. Ideal für Anfänger.” Er nahm den Stab mit beiden Händen an einem der Enden und richtete die Spitze auf mich. “Der größte Vorteil ist die Reichweite. Mit einer einfachen Aktion bringst du eine Manneslänge Abstand zwischen dich und deinen Gegner. Der beste Schutz ist, wenn du dich vom Kampfgeschehen so weit wie möglich fernhälst.”

Er tat einen Schritt nach vorne, so dass die Spitze des Stabes meinem Gesicht gefährlich nahe kam. Unweigerlich trat ich einen Schritt zurück. “Der Speer ist eine Stichwaffe. Um den Gegner zu töten ziele auf das Gesicht, den Hals oder den Unterleib.” Dann holte er aus und tat so, als ob er mich damit von der Seite her mit dem Schaft treffen wollte. Dann führte er die selbe Bewegung über seinem Kopf aus, als ob er mich von oben herab erschlagen wollte. “Du kannst ihn jedoch auch als Schlagwaffe gegen Kopf und Oberkörper nutzen. Mit ausreichend Schwung vermagst du damit die Knochen deines Gegenübers zu brechen.”

Dann verschwand er durch die Tür und erschien wenig später mit einem Speer in der Hand. Der Schaft war aus dunklem Holz und überragte mich um zwei Köpfe. Die metallene Spitze funkelte in der Sonne.

“Dieser Speer ist ab sofort dein Begleiter. Lasse ihn nie aus den Augen und achte gut auf ihn. An ihm hängt dein Leben!” Er überreichte mir die Waffe. Der Speer war schwerer, als gedacht. “Aber ich kann erzählen was ich will. Du musst den richtigen Umgang selbst ausprobieren und am eigenen Körper erfahren. Erst dann lernst du es!”

Dù Xīnwǔ positionierte sich vor mir und gab mir Anweisungen: “Stelle deine Füße schulterbreit auseinander. Drehe deinen Körper – nein, nicht nur deine Hüften – zu mir, in Richtung deines Gegners. So bietest du ihm ein kleineres Ziel. Mit einem Fuß machst du einen Schritt nach vorne. Genau so! Der hinterer Fuß steht senkrecht zum Feind. So hast du einen guten Stand und kannst die Kraft für einen plötzlichen Angriff aufbringen. Gehe leicht in die Knie, um deinen Schwerpunkt zu senken. In dieser niedrigen Position gibt du zudem auch ein kleineres Ziel ab.”

“Nimm den Speer und ziele mit der Spitze auf meinen Körper. Die führende Hand ist eine Schulterbreite von der hinteren Hand entfernt. Wenn du den Abstand zwischen beiden Händen vergrößerst, kannst du den Speer leichter bewegen.”

“Nun stich mir in den Bauch!”

Ich wollte ihm zeigen, dass ich keine Angst hatte und versuchte ihn zu treffen. Scheinbar ohne Mühe wich er zur Seite, so dass mein Angriff ins Leere ging. “Nochmal! Nutze den Schwung deines ganzen Körpers.” Ich stieß wiederholt nach ihm. “Lehne dich dabei aber nicht nach vorne. Sonst…” Er packte den Speer mit seiner freien Hand und riss kurz daran, so dass ich einen Schritt auf ihn zu stolperte. Mit seinem Stab berührte er mich sanft an der Wange. “… verlierst du dein Gleichgewicht und machst deinen Kopf zum Ziel des nächsten Angriffs.”

“Greife deinen Gegner und nicht seine Waffe an. Jede Attacke muss schnell ausgeführt werden. Wer zögert, stirbt. Kehre nach jedem Angriff sofort in die Ausgangsposition zurück.” Er deutete auf meine Füße. “Bleibe immer in Bewegung. Mach kleine Schritte zur Seite, als ob du deinen Gegner umkreisen möchtest. Ja, genau so! Wer an einem Fleck verharrt, ist eine leichte Beute!“

—–

Dù Xīnwǔ verbrachten den ganzen Vormittag damit, mir die Grundlagen des Stab- und Speerkampfes beizubringen. Sie waren in der Tat nicht sehr schwer zu erlernen und schon bald bekam ich ein Gefühl für die verschiedenen Bewegungsabläufe. Nachdem ich die anfängliche Unsicherheit überwunden hatte, fand ich sogar Spaß daran, Stöße und Schläge auszuführen und den vorgetäuschten Angriffen meines Lehrers auszuweichen.

Gegen Mittag drängte er plötzlich zum Aufbruch. “Wir können nicht zu lange bleiben. Außerdem benötigen wir unsere Kraft für die Weiterreise.”

Mit dem Speer in der Hand und dem Beutel auf dem Rücken verließ ich mit Dù Xīnwǔ den Tempel. Einer der freundlichen Mönche hatte uns bis zum Tor begleitet und mir zum Abschied ein Päckchen mit Proviant überreicht. Das Wetter hatte umgeschlagen und grauen Wolken bedeckten den Himmel. Leichter Regen fiel. Das störte mich jedoch nicht. Zur Regenzeit hatte ich als Sklave tagelang im Regen auf Feldern gearbeitet. Ich fieberte unserem Weitermarsch sogar entgegen. Denn ich hatte mir vorgenommen, endlich einige Hintergründe in Erfahrung zu bringen.

“Warum gerade ich?”

Ich wartete mit dieser Frage, bis wir uns im Wald und außer Hörreichweite des Tempels befanden. Dù Xīnwǔ hob die Augenbrauen und lächelte. Er schien meine Erkundungen bereits erwartet zu haben und antwortete: “Du bist kräftig, ausdauernd und hattest ein entbehrungsreiches Leben, wie kaum eine andere Frau. Es gibt wenig bessere Voraussetzungen für eine Kriegerin.”

Das leuchtete mir ein. Meine Neugier war aber noch nicht gestillt. “Es gibt unzählige Sklavinnen, die ein schweres Leben haben. Warum fiel dein Auge ausgerechnet auf mich?”

Mein Begleiter antwortete: “Es war eine Mischung aus Zufall, Glück und Berechnung. Eile ist das oberste Gebot, damit die Rebellion erstickt werden kann, bevor sie sich zu weit ausbreitet. Um den Verräter zu besiegen, musste ich raschest eine passende Frau aus dem Shǔ-Reich finden. Das Tal der hundert Brücken ist nicht weit vom Reich der Sòng entfernt. Somit war es naheliegend, dass mich mein Weg hier zuerst hinführen würde.”

“Und meine alten Herren? Kanntest du sie?”

“Liù Róng war mir als ehemaliger General und aktueller Militärgouverneur der Shǔ namentlich bekannt. Dass ich vor den Toren der Stadt auf seinen Sohn traf, war Zufall. Ich konnte zunächst nur aus seinem Verhalten und Aussehen schließen, dass er aus einer wichtigen Familie stammen musste.”

Er lachte kurz auf, als er sich die Begegnung in Erinnerung rief. “Liù Jiàn ist ein Narr, genauso, wie sein Vater. Er vergeudete keine Zeit damit, in Prahlerei über Ochsen und Reisfelder zu verfallen. Nun, in Tiánwǔ genügt das anscheinend, um Händler und Reisenden zu beeindrucken. Zwar nicht in seinem Sinne, hatte seine Angeberei aber doch etwas Gutes. Denn so fand ich dich. Ein Mädchen, genau wie ich es suchte: Mit kräftigen Armen und Beinen, aber noch jung und nicht verbraucht.”

Wir hielten kurz an, um einem Mann und seinem Lastpferd auf dem engen Waldpfad Platz zu machen. Dann setzten wir unseren Weg fort und Dù Xīnwǔ sprach weiter. Er war sichtlich stolz darauf, dass es ihm Gelungen war, dass sein Besuch in Tiánwǔ so gut verlaufen war. “Als er dich zu uns befahl, war es für ihn nur eine plumpe Demonstrationen seiner Macht. Aber ich bin ihm dafür dankbar. Denn so konnte ich einen genaueren Blick auf dich werfen. Ich erkannte, dass dein Geist trotz der schlechten Behandlung noch nicht gebrochen war. Ich verstand sofort, was für ein Glück unser Treffen darstellte und dass ich schnell handeln musste. Zwar konnte ich damit rechnen, auf meinem Weg noch andere Mädchen vorzufinden, die ähnlich gute Voraussetzungen mitbrachten. Doch wie viel Zeit würde ich dabei vergeuden? Ich musste die Gelegenheit beim Schopf packen und dich rasch an mich binden!”

Seine Augen waren hart und kalt, als er fortsetze. “Ein paar Schmeicheleien und die Aussicht auf eine Gefälligkeit genügten, um mich der Familie Lìu als Gast zu empfehlen. Trotz ihrer Macht und ihres Reichtums sind sie sehr einfach gestrickt. In ihrem Haus angekommen, musste ich nur die passende Gelegenheit finden, um mit dir ungestört zu sprechen. Da die Lìus kräftig gefeiert und ihre Sklaven hatten darben lassen, habe ich mich in der Nacht in der Nähe der Küche auf die Lauer gelegt. Den Rest der Geschichte kennst du.”

Ich empfand seine Offenheit als großartig und erschütternd zugleich. Sowohl was seine Worte über mich als auch über meine alten Herren betraf. Ich hatte die Lìus als mächtige Menschen erlebt, deren Wort die absolute Wahrheit war und absoluten Gehorsam erforderte. Ein Wort, eine Geste oder ein Blick unserer Meister konnte für uns Sklaven Glück oder Verderben bedeuten. Auch wenn ich sie gehasst hatte – dass sie jemand als dumm bezeichnete, erschien mir unerhört. Ich konnte nicht anders, als hinter mich zu blicken. Hatte uns jemand gehört? Was, wenn meine alten Herren davon erfuhren? Würden sie Dù Xīnwǔ diese Worte nicht übel nehmen?

Doch im Wald hinter uns regte sich nichts und wir gingen ungestört weiter.

—–

Gegen Abend führte uns der Weg in ein sich immer weiter verengendes Tal. Auf dem Pfad gelangten wir an einem abgelegenen Bauernhof vorbei. Er wirkte ärmlich und heruntergekommen. Trotzdem beschlossen wir, hier die Nacht zu verbringen. Die Bewohner sprachen einen anderen Dialekt, als im Tal der hundert Brücken, und ich hatte Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Dù Xīnwǔ erkundigte sich nach dem weiteren Weg und bat um eine Schlafgelegenheit. Die Bauern schienen nicht sehr erfreut, dass wir die Nacht bei ihnen verbringen wollten. Da zog mein Lehrer ein paar Stücke Käsch hervor und plötzlich fand sich in einer kleinen Scheune neben dem Haus doch noch ein Platz für uns.

Trotz der Münzen, die sie erhalten hatten, zeigten die Bauern kein Interesse daran, mit uns weiter zu sprechen. Auch boten sie nicht an, mit uns ihr Abendbrot zu teilen, so wie es gute Sitte gewesen wäre. Stattdessen zogen sie sich in das Wohnhaus zurück und schlossen die Tür, so dass uns nichts anderes übrig blieb, als in die Scheune zu gehen. Unser Abendmahl nahmen wir im Finsteren ein. Es bestand aus Teilen des Proviants, den wir von den Mönchen erhalten hatten.

Das Verhalten der Hausbewohner störte und irritierte mich, doch Dù Xīnwǔ schien keinen Groll gegen sie zu hegen: “Das hier ist nicht mehr das beschauliche Tal der hundert Brücken, wo alles geordnet und gesittet zugeht. Hier oben ist es gefährlich und man überlegt es sich zweimal, ob man einem Fremden über den Weg trauen kann. Wer weiß, was diese Leute in der Vergangenheit erleben mussten?”

Nach dem Abendessen ging ich in den Wald hinter der Scheune, um meine abendliche Notdurft zu verrichten. Durch die Bäume beobachtete ich das Bauernhaus. Seine Fensterläden waren geschlossen, so dass kaum ein Licht nach außen drang. Wenn die Bewohner Tiere besaßen, so mussten sich diese im Haus befinden. Es war, als ob sie ihre Anwesenheit vor fremden Augen verbergen wollten. Außer den Geräuschen des Waldes war nichts zu hören. Eine bedrückende Atmosphäre lag über allem und ich war froh, meinen Speer bei mir zu haben.

Als ich in die Scheune zurück kehrte, schloss Dù Xīnwǔ die Tür und verkeilte seinen Stab im Türrahmen, so dass sie nur von innen her geöffnet werden konnte. Dann krochen wir in unseren Kleidern ins Stroh, um zu schlafen.

—–

Ein Geräusch weckte mich. Von draußen drangen laute Stimmen in die Scheune. Kurz darauf spürte ich Dù Xīnwǔs Hand auf meiner Schulter. “Auf! Nimm deinen Speer und folge mir!”

Verwirrt und noch schlaftrunken rieb ich meine Augen. Draußen war es noch dunkel. “Was bedeutet der Lärm? Gehen die Bauern schon auf die Felder?”

“Nein”, antwortete mein Lehrer grimmig. “Er bedeutet, dass du deine Fähigkeiten in einem Kampf beweisen musst.”

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Bindung 2.1

Die Sonne ging unter, als wir aus dem Wald traten und einen Komplex aus mehreren Bauwerken auf einer Bergkuppe erreichten. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Wǔdāng Shān, einem heiligen Berg mit Klöstern, Pagoden und andere Bauten. Eine breite Freitreppe führte zum mächtigen Tor des Tempels, vor dem ein Mönch die einkehrenden Personen kontrollierte.

Nach einer kurzen Unterredung mit Dù Xīnwǔ wurden wir von ihm durch ein Netz aus Hallen, Gängen und kleinen Höfen zu zwei benachbarten Räumen gebracht, die uns als Unterkunft für die Nacht dienten. Die Einrichtung der Zimmer war zweckmäßig: Ein Bett und auf dem Boden daneben eine Schüssel für nächtliche Bedürfnisse. In einer Ecke stand ein grob gezimmerter Tisch und an der Tür befand sich ein Haken, um Kleidung daran aufzuhängen. Im Raum hing ein muffiger Geruch, aber er war sauber und um Welten besser, als das verrottete Sklavenhaus, in dem ich bisher meine Nächte verbracht hatte.

Unser Abendessen aus Reis mit etwas gedämpften Gemüse nahmen wir gemeinsam mit den Mönchen in einem großen Saal ein, dessen Dach von mächtigen Holzsäulen getragen wurde. Obwohl es ein im Sinne der Mönche einfaches Mahl war, genoss ich jeden Bissen. Unter den wohlwollenden Blicken der anderen holte ich mir dreimal einen Nachschlag vom weiß glänzenden Reis und ließ nicht ein Korn in meiner Schüssel übrig. Die Bewohner des Tempels waren freundlich. Mit Ausnahme ihrer privaten Gemächer gestatteten sie uns freien Zugang zu allen Bereichen der Anlage. Wir verspürten nach dem langen Aufstieg aber keine Lust, den Tempel zu erkunden. Nach einem kurzen Gebet an einem der zahlreichen Altäre gingen wir früh zu Bett. Satt und mit einem Gefühl der Dankbarkeit schlief ich ein.

—–

Am nächsten Morgen wurde ich von Dù Xīnwǔ früh geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er seinen Stab und führte mich durch das Labyrinth des Tempels, bis wir schließlich durch eine Tür ins Freie traten. Wir standen auf einem Platz, der zu drei Seiten von roten Mauern umschlossen war. An einer der Mauern befanden sich ein Tisch und zwei Hocker aus Stein. Bis auf eine Ecke, in der eine Kiefer stand, war der Platz vollständig mit Steinplatten gepflastert. Zur vierten Seite hin fiel das Terrain am Rand des Platzes abrupt ab und man konnte einen ungehinderten Ausblick auf die uns umgebende Berglandschaft genießen. Von irgendwoher ertönte das Pfeifen eines Mönches.

“Kannst du mit Waffen umgehen?”, fragte mich Dù Xīnwǔ unvermittelt.

Ich kannte ihn für keine drei Tage. Dennoch glaubte ich, den Charakter meines Führers bereits einschätzen zu können. Ich riskierte ein Bisschen Humor. “Nein. Aber mit Schaufeln und anderen Geräten für die Feldarbeit kenne ich mich aus!”

Dù Xīnwǔ kicherte und ich freute mich, dass ihm mein Scherz gefallen hatte. Dann wurde seine Miene wieder ernst und er sagte: “Das verwundert mich nicht. Denn das Letzte, was ein Herr will, sind Sklaven, die etwas vom Kampf verstehen.”

Er setzte sich auf einen der Steinhocker. “Lass uns bei den Grundlagen beginnen, damit du mir besser folgen kannst. Wie ich dir gestern schon erklärt habe und wie du auch am eigenen Leib erfahren hast, leben wir in einer harten Welt, die viele schlechte Menschen hervorgebracht hat. Und um in dieser Welt bestimmte Ziele zu erreichen, müssen wir manchmal zum äußersten aller Mittel greifen: Gewalt.”

Ich schwieg und als er sah, dass ich keine Einwände hatte, fuhr er fort. “Wird Gewalt von einem Herrscher gegen ein anderes Reich organisiert, spricht man von Krieg. Es gibt verschiedene Arten, wie ein Krieg geführt werden kann. Aber fast immer bedeutet er großes, zum Teil unermessliches Leid – abgetrennte Körperteile, ausgestochene Augen, Verstümmelungen aller Art. Verzweifelte und gebrochene Menschen.”

Mit Krieg hatte ich keine unmittelbare Erfahrung. Aber auch ohne ihn hatte ich Grausamkeit gesehen und erlebt. Ich dachte an weggelaufene Sklaven, die von ihren Herren wieder eingefangen und dann bestraft wurden. Ausgepeitschte Körper vor den Toren Tiánwǔs, von denen blutige Hautfetzen herab hingen. Menschen, denen man die Füße gebrochen hatte. Und ich erinnerte mich an den Schmerz, als man mir zur Strafe für ein Vergehen den kleinen Finger verstümmelte. Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem die Hand oder den ganzen Arm abgehackt wurde?

Mein Lehrer setzte fort: “Ich werde mit dir nicht über die Sinnhaftigkeit oder Unsinnhaftigkeit des Kriegs sprechen. Im Gegenteil. Meine Aufgabe ist sogar, dich auf den Kampf vorzubereiten. Dich so auszubilden, dass du andere Menschen im Kampf besiegen und auch töten kannst.” Er blickte um sich. “Auch wenn wir uns hier auf dem Wǔdāng Shān, dem Berg der höchsten Harmonie befinden.”

Ich verstand nicht. “Warum sollte ich kämpfen und jemand anderen töten wollen?”

Dù Xīnwǔ richtete seinen Blick auf das Bergpanorama und fixierte einen Punkt in der Ferne. “Im Reich der Sòng gibt es einen bösen und gefährlichen Mann namens Cáo Yǔ. Er hat sich gegen den Kaiser Sòng Tàizǔ aufgelehnt, Dörfer überfallen und geplündert, unschuldige Bauern getötet und ihre Frauen vergewaltigt. Der Kaiser möchte ihn unschädlich machen, doch das ist nicht so einfach, denn er hat eine Gabe.”

Er wandte sich an mich. “Weißt du, was das ist?”

Ein ungutes Gefühl beschlich  mich. Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. “Ich habe davon nur in Erzählungen gehört. Wer die Gabe hat, soll zum Beispiel über unermessliche Kraft verfügen, kann stundenlang unter Wasser verweilen oder trifft immer sein Ziel. Das besagen zumindest die Legenden”, antwortete ich.

“Keine Legenden”, sagte er bestimmt. “Es gibt nur wenige Menschen mit der Gabe, aber sie existieren! Dank ihr kämpft Cáo Yǔ mit der Kraft von 20 Männern. Er ist ein fast unbezwingbarer Gegner.”

Er blickte mir fest in die Augen. “Außer, wenn sein Gegner eine Frau aus dem Reich der Shǔ ist. Keine Sòng, sondern eine Shǔ. Das ist entscheidend! Dann verliert seine Gabe ihre Kraft und er ist nicht mehr, als ein feiger Deserteur!“

Er musterte mich, um meine Reaktion zu lesen. Dann sagte er: „Hier kommst du ins Spiel. Ich möchte, dass du gegen ihn kämpfst und mir dabei hilfst, das Monster zu besiegen!”

Ich wollte ihm widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab. “Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Warum ich gerade dich für diese Aufgabe ausgewählt habe. Dass du als Frau gegen ihn nicht bestehen können wirst, ob mit oder ohne Gabe. Wie du ohne jegliche Vorkenntnisse den Umgang mit einer Waffe erlernen sollst. Dass du noch nie in einem Kampf auf Leben und Tod standest und dir schon beim alleinigen Gedanken daran die Knie zittern.”

Ich blickte zu Boden, denn er hatte Recht. Das alles hörte sich unglaublich und gefährlich und überwältigend an. Da legte er mir eine Hand auf die Schulter. “Ich werde dich nicht dazu zwingen, diesen Weg mit mir zu gehen. Denn der brillianteste General kann keinen Erfolg haben, wenn seine Soldaten ihm nicht folgen.”

“Im Haus der Liù konnte ich dir das ganze Ausmaß dieser Aufgabe nicht erläutern. Darum kann ich es dir auch nicht verübeln, dass du mein Angebot angenommen und ohne alle Details zu kennen mit mir gegangen bist, um aus einer elenden Lage zu entkommen. Jetzt aber haben wir Tiánwǔ hinter uns gelassen und ich brauche deine unerschütterliche Zusage.”

Ich schwieg.

Dù Xīnwǔ schürzte die Lippen. “Wenn du ablehnst, gebe ich dich frei.” Er deutete zur Tür. “Dort ist der Ausgang. Ein Mönch wird dich zum Tor des Tempel begleiten und du wirst nie wieder von mir hören. Wie du aber allein, ohne Geld und Dach über dem Kopf überleben willst, bleibt dann deine Sorge. Ob du als Bettlerin in Dreck und Staub lebst, dich Männern als Bettgefährtin anbietest, oder dich wieder in die Abhängigkeit eines Herren begibst, ist mir gleich.”

Er machte eine Pause, um seine Worte auf mich wirken zu lassen. “Übernimmst du jedoch diese Bürde und hilfst mir dabei, Cáo Yǔ zu besiegen, dann verspreche ich dir, dass du frei sein wirst und nie mehr Not leiden musst! Kaiser Sòng Tàizǔ wird sich für diese Tat sehr erkenntlich zeigen. Außerdem werde ich dich ausbilden, so dass du gegen Cáo Yǔ kämpfen und ihn besiegen kannst. Du wirst auch nicht alleine gegen ihn bestehen müssen. Einige der besten Kämpfer aus allen Reichen werden dich bei deiner Aufgabe unterstützen.”

Dù Xīnwǔ sah, dass ich innerlich zerrissen war. Ich wollte frei sein und ich wollte auch kein Leben in Armut und Elend führen. Denn um zu überleben, brauchte man Arbeit und Geld. Das wusste sogar ich. Aber einen Menschen töten?

Da nahm sein Gesicht die Züge eines Raubvogels an und er sagte: “Bedenke auch das Gute, das deine Tat bewirken kann. Ich weiß nicht, was man dir über die Vergangenheit deines alten Herren Liù Róng erzählt hat. Aber ich Lüge nicht, wenn ich behaupte, dass es zwischen ihm und Cáo Yǔ nur wenige Unterschiede gibt. Der eine hat im Auftrag seines Königs und der andere gegen seinen Herrscher gehandelt. Ihre Taten waren aber fast dieselben.”

Hass durchströmte mich, als ich an Liù Róng und seinen verdorbenen Sohn denken musste. Welche Qualen ich in ihrem Haus erleiden hatte müssen! Ich wusste wirklich nicht viel über ihn, außer, dass er sich im Krieg gegen die Táng ausgezeichnet hatte. Niedergebrannte Dörfer, erschlagene Kinder und ähnliche Taten traute ich ihm aber definitiv zu. Wenn ich dabei helfen konnte mit Cáo Yǔ einen ähnlich schlechten Menschen zu besiegen, war das nicht tatsächlich etwas Gutes?

Ich traf meinen Entschluss. “Ich werde mit dir gehen und gegen den Rebellenführer kämpfen!”

Entgegen meiner Erwartung ließ Dù Xīnwǔ keine Regung der Freude erkennen. Statt dessen sah er mich entschlossen an und sagte: “Gut. Dann lass uns mit deinem Training beginnen!”

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Sklave 1.4

Wir verließen die Stadt. Die Sonne war aufgegangen und am blauen Himmel standen kleine Wölkchen. Es versprach ein warmer Tag zu werden. Mein neuer Meister führte uns nach Norden, wo eine Kette bewaldeter Hügel das Tal begrenzte. Die Straße führte uns durch Reis- und Gemüsefelder, die bereits seit dem Morgengrauen emsig von Bauern und Sklaven bearbeitet wurden. Obwohl auf den Feldern und Straßen reger Betrieb herrschte, schien sich niemand weiter um uns zu kümmern. Ich war aufgewühlt von den Ereignissen der letzten Stunden. Gestern noch war ich selbst im schlammigen Wasser dieser Felder gestanden, hatte hungrig neue Bewässerungsgräben gezogen, mit rissigen Händen nach Schädlingen auf den Pflanzen gesucht, oder mit abgebrochenen Fingernägeln Wurzeln ausgegraben. Nun aber schritt ich mit vollem Bauch und bis auf ein flaues Gefühl der Ungewissheit nahezu unbeschwert an meinem bisherigen Leben vorbei.

Mit federndem Schritt ging der alte Mann voran. In seiner Hand hielt er wieder den langen Stab. Ich folgte ihm mit einigem Abstand, wie es sich für einen Sklaven gehörte. Verschiedene Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wer war er? Was wollte er von mir? Wohin führte er mich? Er hatte von einem weiten und gefahrvollen Weg gesprochen. Der Gedanke daran fühlte sich wie ein großer Stein in meinem Magen an. Mein ganzes Leben hatte ich im Tal verbracht. Nie war ich über die Felder, die sich rings um Tiánwǔ erstreckten, hinaus gekommen.

Ich blickte auf die Hügellandschaft, aus der sich in der Ferne einige Berge erhoben. Was lag hinter diesen Bergen? Dann schüttelte ich den Kopf und schalt mich in Gedanken selbst. Wie absurd. Die unbekannte Zukunft mit diesem Mann schien mich mehr zu belasten, als die Gewissheit der Schläge, die ich jeden Tag im Haus der Familie Liù erhalten hatte.

Wir passierten eine alte Holzbrücke, die sich über einen kleinen Bach spannte. Da drehte sich mein Führer um, deutete auf das sandige Ufer und sagte: “Wasch dich!” Wie befohlen trat ich an das Wasser heran und begann, mich auszuziehen. Ich watete in den Bach. Zunächst nutze ich nur meine Hände, um mich zu reinigen. Doch aus Furcht, meinen Führer warten zu lassen, legte ich mich schließlich mit meinem ganzen Körper in das kühle, knietiefe Wasser.

Er hatte sich von mir abgewandt. “Auch den Kopf!”, befahl er und ich tat wie geheißen. Er schien an meinem nackten Körper nicht interessiert zu sein. Fand er mich wegen meiner dunklen Haut auch abstoßend, so wie Liù Jiàn und die anderen? War er vielleicht ein Mönch und führte ein Leben in Enthaltsamkeit? Auch erinnerte ich mich an Erzählungen über Männer, die nicht an Frauen, sondern nur an anderen Männern interessiert waren. Es gab so viel, dass ich nicht wusste oder nicht verstand.

Seinen Blick weiter auf die Reisfelder gerichtet sprach er wieder zu mir: “Bevor wir weitergehen, möchte ich etwas klarstellen. Mein Name ist Dù Xīnwǔ. So möchte ich von dir auch genannt werden. Nicht Herr, nicht Meister oder sonst irgendetwas! Dù Xīnwǔ genügt.”

Obwohl er meine Reaktion nicht sehen konnte, nickte ich und stieg aus dem Bach. Da warf er ein Bündel in meine Arme und deutete mir, es zu öffnen. Ich war überrascht. Darin befanden sich ein Strohhut sowie eine Hose und ein Oberteil, beide aus einem grauen, groben Stoff. Dù Xīnwǔ lachte: “Wir werden einige Zeit lang miteinander unterwegs sein. Da kann ich dich doch nicht stinkend und zerlumpt neben mir herlaufen lassen!” Dann drehte er sich um und marschierte weiter in Richtung der Berge.

Ich lächelte ungläubig, zog mir die neue Kleidung an und warf die alte in einen Graben neben der Straße. Dann setzte ich mir den Hut auf und warf den Sonnenschutz, den ich am Tag zuvor aus Schilf geflochten hatte, in den Bach. Von der Brücke aus beobachtete ich, wie er vom Wasser langsam fortgetragen wurde. Dann wandte ich mich Dù Xīnwǔ zu und lief ihm rasch hinterher.

—–

Wir hatten den Talboden hinter uns gelassen und folgten einem schmalen Pfad in die Hügel. Seitliches des Weges befanden sich zwischen Gemüsebeeten zwei kleine Bauernhäuser. Nebenan war ein umzäunter Bereich, in dem einige Schweine grunzend durch die Erde wühlten. Ein Kind spielte im Staub mit zwei abgebrochenen Zweigen.

“Ich bin ein alter Mann. Wenn ich mich dauernd umdrehen muss, wird mein Hals irgendwann steif. Sofern es die Verhältnisse zulassen, möchte ich, dass du neben mir gehst!” Ich folgte Dù Xīnwǔs Worten und ging schneller, um an seine Seite zu gelangen.

Ich hatte nun zum ersten Mal die Gelegenheit, meinen Führer genauer aus der Nähe und bei Tageslicht zu betrachtet. Er mochte zwischen 50 und 60 Jahre alt sein. Seine Haut hatte einen dunklen Teint. Wie ich musste er viel Zeit unter der Sonne verbracht haben. Kleine Fältchen in den Augenwinkeln gaben ihm ein freundliches, fast verschmitztes Aussehen. Sein Mund hatte einen festen Zug, der ihn entschlossen wirken ließ. Seine Hände waren grob und rau. Dù Xīnwǔ musste regelmäßig körperliche Arbeit geleistet haben.

Auch er musterte mich mit Interesse. Schließlich sagte er: “Du musst viele Fragen haben. Zum Beispiel, warum ich dich von deinen früheren Herren frei gelöst habe.”

Ich nickte.

“In den kommenden Tagen werde ich dir alles erklären. Denke aber nicht, dass ich es aus reinem Edelmut getan habe, oder weil mir dein Gesicht so gut gefällt!”

“Die Menschen in dieser Welt unterscheiden sich nach dem Grad ihrer Schlechtigkeit. Es gibt manche unter ihnen, die sind sehr schlecht, und viele, die weniger schlecht sind. Aber keiner ist ohne Sünde. Du magst mir gegenüber Dankbarkeit empfinden, aber bedenke, dass in diesem Moment jemand anderes deinen Platz als neuer Sklave der Familie Liù einnehmen wird.”

Der Gedanke erschütterte mich.

In meinem Kopf sah ich Liù Jiàn, wie er im Auftrag seines Vaters durch den Sklavenmarkt von Tiánwǔ schlenderte und dabei Menschen wie Schweinehälften taxierte. Er war auf der Suche nach einer neuen Sklavin. Jung sollte sie sein und hübsch. Sein Auge fiel auf ein Mädchen, das in Seide gekleidet war, um interessierte Käufer anzulocken. Ihre Haut war weiß wie Jade und der gesenkte Blick ihrer mandelförmigen Augen verlieh ihr ein sanftmütiges Aussehen, dass ihn an ein Lämmchen erinnerte. Zufrieden langte er nach dem Geldbeutel. Seinem Vater würde dieses neue Ding für das Bett sicher gefallen.

Ich biss mir auf die Lippen.

Dann dachte ich mit Bestürzung an Lilie. Nach dem Fest hatte sie die Nacht im Bett eines Herren verbracht. Der raschen Aufbruch an diesem Morgen hatte keine Möglichkeit geboten, ihr Lebewohl zu sagen. Mit ihren Worten des Trostes war sie im Haus der Familie Liù meine einzige Freundin gewesen. Durch ihre versteckten Geschenke aus der Küche hatte sie zu meinem Überleben beigetragen. Was würde nun aus ihr? Auch wenn ihre Stellung im Haus eine weit bessere als die meinige war – würde sie nicht einsam sein?

Ein Gefühl der Schuld überkam mich und ich verspürte tausend kleine Stiche in meinem Herzen. Aber was konnte ich dagegen tun? So war das Leben eines Sklaven. Ein Wort unserer Meister genügte, um unserem Leben eine neue Wende zu geben.

—–

Wir hatten die Bauernhäuser hinter uns gelassen und folgten dem Pfad stetig bergauf. Die Felder waren in Buschland und Wald übergegangen. Ich genoss den Schatten, den die Bäume in der Mittagshitze spendeten.

„Wie alt bist du?“ wollte mein Führer von mir wissen.

„Ich weiß nicht genau. Als ich in das Haus der Familie Liù kam, war ich 8 oder 9 Jahre alt. Das war vor 5 oder 6 Jahren.“

„Wie kamst du in das Haus deiner früheren Herren?“

„Māma, bàba und gēge hatten nach einer schlechten Ernte kein Geld, um ihre Schulden zu bezahlen. Darum verkauften sie mich.“

„Eltern die ihre Kinder verkaufen müssen. Das Schicksal kann in der Tat grausam sein“, sagte mein Führer nachdenklich.

„Ich war nur eine Tochter. Mich wegzugeben, ist wie Wasser zu verschütten.“ Ich sprach ohne Emotionen. Warum auch? Als Mädchen war ich wenig wert. So hatten meine Eltern mit mir noch ein letztes gutes Geschäft gemacht.

Dù Xīnwǔ betrachtete mich für einen Moment. Er schien etwas sagen zu wollen. Doch dann besann er sich, richtete seinen Blick wieder nach vorne und schwieg.

Auch ich wollte ihm Fragen stellen und mehr über ihn und den Grund unserer Reise herausfinden. Doch er vertröstete mich: “In den kommenden Tagen werden wir noch ausreichend Gelegenheit finden, um zu sprechen. Lass uns vorerst sehen, dass wir rasch fort kommen. Hier kann es für uns gefährlich werden.”

Warum befanden wir uns in Gefahr? Zu meinen bestehenden kamen neue Fragen hinzu.

Doch da ich vorerst keine Antworten erwarten konnte, beschloss ich, meine Umgebung genauer zu studieren. Es war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich mich wieder ein einem Wald befand. Das Rascheln der Blätter, knackende Zweige unter unseren Füßen, die Geräusche verborgener Tiere. Alles wirkte befremdlich auf mich. Auch die Luft war anders, als in der Stadt oder auf den Feldern. Sie war kühl und roch frisch.

Als Sklavin hatte ich für solche Dinge nie Zeit gehabt. Entweder hatte ich gearbeitet oder waren auf dem Weg von oder zur Arbeit. Nun sah ich Käfer über die Rinde von Bäumen krabbeln. Ich lauschte dem Zwitschern unbekannter Vögel. Auch stellte ich fest, dass sich die Art der vorkommenden Pflanzen veränderte, je weitere wir dem Pfad in die Berge folgten. Jeder Baum war interessant und hinter jedem Stein lag eine Überraschung. Den ganzen Tag lang sog ich diese neuen Eindrücke gierig auf.

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Kurz vor Sonnenuntergang öffnete sich der Wald und ich folgte meinem Führer auf einen Felsvorsprung. Die sich uns offenbarende Aussicht war wunderschön. Unter uns befand sich das von der Nachmittagssonne durchflutete Tal. Zwischen grünen Feldern und einem Netz aus Kanälen lag friedlich Tiánwǔ mit seinen stattlichen Häusern, Tempeln und Straßen. Vor den Mauern der Stadt konnte ich eine Person erkennen, die einen Ochsen zum Fluss trieb. Menschen waren alleine oder in Gruppen über die Felder verteilt. Ein paar Reiter trabten auf ihren Pferden nach Osten.

Etwas abseits der Stadt lagen zwei kleine Siedlungen. Bauerndörfer, die aus Ansammlungen ärmlichen Hütten bestanden. Ich konnte mich nicht mehr genau daran erinnern, in welchem, aber in einem dieser Dörfer war ich aufgewachsen. Ich dachte an bàba, māma und großen Bruder, die irgendwo unter mir ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Wie es ihnen wohl erging? Erinnerten sie sich noch an ihre Tochter, oder hatten sie mich vergessen? Hatte ihnen mein Verkauf das erhoffte besser Leben ermöglicht? Dù Xīnwǔ war wortlos auf den Pfad zurückgekehrt. Ich verharrte noch für einen Moment auf dem Felsen. Dann atmete ich tief ein und lief rasch in den Wald zurück, um wieder zu ihm aufzuschließen. Ich fühlte nichts.

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