Bindung 2.5

Ich musste mein Gesicht mit einem Tuch verhüllen. Obwohl wir niemandem begegneten, wollte Dù Xīnwǔ durch diese Maßnahme sicherstellen, dass wir keine ungewollte Aufmerksamkeit auf uns zogen. Wenn uns jemand fragte, würden wir uns fortan als Vater und Tochter ausgeben, die gemeinsam eine Pilgerreise nach Osten unternahmen.

Nachdem wir den Pass überquert hatten, führte uns der Weg wieder in tiefere Lagen. Wir wanderten durch eine abgeschiedene Gegend, die größtenteils von dichtem Wald bedeckt war. Andere Menschen sahen wir in diesen Tagen kaum.

Das Wandern machte mir großen Spaß. Das lag nicht nur daran, dass mich jeder Schritt weiter weg von meinen alten Herren brachte. Was ich empfand war ein Gefühl von Freiheit und ich sog begierig alles auf, was mir mein Lehrer beibrachte – welche der in den Bergen vorkommenden Pflanzen essbar waren, wie man Feuer machte oder man im Freien ein Lager für die Nacht bereitete.

Die ersten beiden Nächte verbrachten wir in einer Pagode und unter einem Felsvorsprung, den wir etwas Abseits des Pfades ausfindig gemacht hatten. Unsere Betten bestanden aus Zweigen und Laub. Da wir nicht wussten, ob wir mit Wegelagerern zu rechnen hatten, hielten wir abwechselnd Nachtwache und brannten nur ein sehr kleines Feuer an. An einen guten Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken und wir waren dankbar, als wir am dritten Tag auf einen verlassenen Tempel stießen.

Dù Xīnwǔ war über die unerwartete Entdeckung erfreut: “Mir war nicht bekannt, dass es hier einst einen Tempel gab. Die Mönche müssen ihn schon vor vielen Jahren aufgegeben haben.”

“Ich dachte, dass du mit dieser Gegend vertraut bist?” fragte ich.

Er verneinte. “Ich bin über eine andere Route in das Tal der hundert Sonnen gekommen. Dieser Weg ist mir unbekannt, aber er sollte uns schneller an unser Ziel führen.”

Prüfend stieß er mit der Schulter gegen das schwere Tor, das von verschiedenen Pflanzen überwuchert war. Ich half ihm und gemeinsam zwängten wir es so weit auf, dass wir ins Innere gelangen konnten. Wir standen auf einem gepflasterten Platz, der zu allen Seiten von einer Mauer umgeben war.

“Sieht so aus, als sei diese Anlage auch als Kloster genutzt worden”, stellte Dù Xīnwǔ fest. “Wahrscheinlich konnten die ansässigen Mönche in dieser Abgeschiedenheit keine Nachfolger gewinnen. Oder die Instandhaltung wurde zu aufwendig. Darum haben sie ihre Sachen gepackt und den Tempel verlassen.”

Wir sahen prüfend um uns. Zu unserer Linken hatten wuchernde Pflanzen ein undurchdringliches Dickicht geschaffen. Zu unserer Rechten befand sich eine heruntergekommenes, ebenerdiges Gebäude, dessen Fenster und Türen mit Holzlatten verbarrikadiert waren. Vor uns stand die große Haupthalle. Jener Ort, wo die wichtigsten religiösen Objekte verwahrt wurden. Sie ruhte auf einem Fundament aus Stein, das auf der ganzen Breite über zwei Stufen bestiegen werden konnte. Das Vordach der Halle wurde von mehreren massiven Holzsäulen getragen. Zu beiden Seiten konnte man über mit Steinplatten gepflasterte Wege in den dahinter liegenden Bereich gelangen. Wie viel Arbeit die Mönche wohl in all dies gesteckt haben mussten, nur, um es wieder dem Verfall zu überlassen?

“Weiter hinten muss es noch Wirtschaftsgebäude und die ehemaligen Schlafstätten der Mönche geben”, sagte Dù Xīnwǔ. “Ich werde mich dort umsehen. Untersuche du die Halle! Vielleicht finden wir etwas Brauchbares. Und halte Augen und Ohren offen. Wir wollen hier keine unliebsamen Überraschungen erleben!”

Ich nickte und ging auf das Gebäude zu, während der alte Mann hinter dem Bau verschwand. Ich versuchte die große Tür zu öffnen, doch der Eingang war fest verschlossen. Auch die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Ohne Gewalt war ein Eindringen nicht möglich. Ich sah mich nach einem Gegenstand um, mit dem die Bretter gelöst werden konnten. Da fiel mein Auge auf einen schwarzen Fleck, der sich zwischen zwei Säulen auf dem Boden befand. Ich kniete mich hin, um die Stelle untersuchen. Es sah aus wie Ruß. Hatte hier jemand ein Feuer gemacht?

Ein Geräusch ließ mich hochfahren. Tok, tok tok! Ich verharrte und hielt den Speer schützend vor mich. Dù Xīnwǔ? Nein, er war auf der anderen Seite der Halle verschwunden. Mein Herz klopfte, doch ich zwang mich zur Ruhe. Erneut hörte ich das Geräusch. Tok, tok tok! Ein Klopfen wie auf Stein oder Holz. Das Geräusch kam nicht aus dem Inneren des Gebäudes. Ich lugte angespannt um die Holzsäulen, konnte aber nichts erkennen. Der Vorplatz war verwaist. Die Quelle des Geräuschs musste hinter oder neben der Haupthalle liegen. Langsam schlich ich zur Ecke des Bauwerks. Dann presste ich mich an die Wand, reckte den Kopf und spähte vorsichtig um die Halle.

Rechts in meinem Blickfeld befand sich die Wand der Halle. Links die Außenmauer. Im Hintergrund erkannte ich ein weiteres Bauwerk…

Ein lautes Kreischen ließ mich zusammenzucken und ich riss meinen Blick nach oben. Auf der Mauerkrone saß ein Affe mit goldenem Fell. In der Hand hielt er eine Frucht. Erneut riss der Affe sein Maul auf und kreischte erbost. Aus dem Dickicht hinter ihm drang eine Vielzahl ähnlicher Laute. Dann machte er einen Satz zurück, sprang auf einen Ast und war einen Augenblick später im dichten Grün verschwunden.

Ich atmete erleichtert auf. Dù Xīnwǔ erschien aus dem hinteren Teil der Anlage und rief mir zu: “War das ein Affe?”

“Ja! Er hatte ein Fell wie aus Gold und war sehr böse, als er mich sah.”

“Du hast Glück! Diese Affen heißen Goldstumpfnasen und sind sehr scheu. Nur wenige Menschen bekommen sie zu Gesicht. Wahrscheinlich hast du ihn beim Fressen überrascht.”

Ich horchte nach weiteren Geräuschen. Doch jenseits der Mauer war alles ruhig, so dass ich zu meinem Lehrer ging, der hinter der Halle auf mich wartete. Ich folgte ihm zu einem Gebäude. Das Dach war auf einer Seite eingesunken. Zwischen dichtem Buschwerk stand eine Tür offen.

Ich benötigte einen Augenblick, um mich an das Halbdunkel im Inneren zu gewöhnen. Die meisten Fenster waren mit Holz verbarrikadiert. Durch die Spalten drang Sonnenlicht, in dem der Staub schwebte. Der Boden war übersät mit Unrat. Umgefallene Stühle und zerbrochene Schüsseln. Dazwischen lagen verrottete Fetzen Stoff. “Hier befanden sich einst die Schlaf- und Wohnquartiere der Mönche”, erklärte Dù Xīnwǔ. Wir traten zur Stelle, wo das Dach eingesunken war. Durch ein Loch konnte man den Himmel sehen. “Lass uns von draußen etwas trockenes Gras und Holz holen”, schlug er vor.

—–

Wenig später brannte auf dem Boden des Hauses ein kleines Feuer, dessen Rauch aus dem Loch in der Decke abzog. Wir hatte zwei der Stühle aufgerichtet und Platz genommen. Mit einem Zweig stierte Dù Xīnwǔ in der Glut herum. “Hier kann uns der Schein des Feuers nicht verraten”, sagte er zufrieden. Wir holten den Rest unseres Proviants hervor und nahmen unser Abendessen ein.

“In ein oder zwei Tagen erreichen wir die Stadt Shíyàn. Dort werde ich Erkundungen einholen. Sobald wir uns mit Proviant eingedeckt haben, reisen wir weiter nach Nordosten. Dort wartet ein weiterer Mitstreiter auf uns.”

“Wer ist er?”

“Einer der besten Schwertkämpfer, die ich jemals gesehen habe. Vielleicht sogar der beste, den es jemals gab.”

Ich hatte keine Vorstellung davon, was einen guten von einem weniger guten Schwertkämpfer unterschied. Doch Dù Xīnwǔ geriet ins Schwärmen und seine Augen leuchteten. “Wie er die Klinge führt, ist sensationell! Egal, wie stark sein Gegner verteidigt, er findet einen Schwachpunkt. Egal, wie furios der Feind attackiert, er wehrt alle Angriffe ab! Ich sah ihn einmal gegen vier Mann gleichzeitig kämpfen. Wie er das Momentum für Angriff und Verteidigung nutzt, ist unbegreiflich!” Es schien, als erzählte ein Vater von seinem Sohn, von dem er sich entfremdet hatte, auf den er aber noch immer stolz war. Ein hintergründiges, melancholisches Lächeln lag auf seinem Gesicht. In den letzten Tagen hatte ich ihn etwas besser kennen gelernt. Doch vieles über seine Person lag für mich noch im Dunkeln.

Dù Xīnwǔ besinnte und räusperte sich kurz, als ob ihm der zur Schau gestellte Überschwang peinlich war. “Auf jeden Fall hat er sehr viel Erfahrung und ich erwarte mir, dass du von ihm lernst!”

Schwertkampf? Ich hatte gerade erst die Grundlagen des Speerkampfes verinnerlicht. War das nicht zu viel auf einmal? Er sah mein zweifelndes Gesicht und sagte beruhigend: “Keine Sorge! Du musst keine Schwerter schwingen, sondern bleibst beim Speer. Seine Aufgabe wird es sein, dich so zu unterweisen, dass du dich mit dem Speer gegen einen Schwertkämpfer wie Cáo Yǔ behaupten kannst.”

“Wenn er wirklich so ein einzigartiger Meister im Schwertkampf ist, wird er mit einer Anfängerin wie mir überhaupt zu tun haben wollen?”

“Er muss”, sagte Dù Xīnwǔ knapp. “Es wird nicht einfach. Er hat einen etwas… komplizierten Charakter. Auf eine gewisse Art und Weise ist er wie du. Die Vorsehung hat euch beide auf schwierige Pfade geführt und ihr beide sucht noch nach eurem Platz in dieser Welt.”

Das Feuer flackerte und warf ein gespenstisches Licht in den Raum. In Gedanken versunken beobachtete ich das Spiel der Flammen. Mein Begleiter hatte Recht. Ich wusste nicht, wohin mich mein Weg führte. Ich wusste nur, dass es ein Weg voller Gefahren war. Und wenn ich das Ende dieses Pfades erreichte? Wenn Cáo Yǔ tot im Staub lag? Was geschah dann? Bislang war mir immer von anderen gesagt und vorgeschrieben worden, was ich zu tun hatte. Doch seit wir aus dem Tal der hundert Brücken aufgebrochen waren, keimte in mir das Verlangen, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Wie das Glosen des verkohlten Holzes vor mir pulsierte dieses Verlangen mal stärker, mal schwächer, verschwand und tauchte wieder auf. Ich musste sicherstellen, dass es nicht wieder verlöschte.

Dù Xīnwǔ wollte meine Zweifel zerstreuen: “Du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Du lernst sehr schnell. Schneller, als die meisten anderen Schüler, die ich vor dir im Speerkampf unterwiesen habe. Du hattest lange eine schwere Last zu tragen, aber sie hat dich stark gemacht. Je mehr ich dich beobachte, desto sicherer bin ich mir, dass du Cáo Yǔ besiegen kannst! Habe Vertrauen in dich!”

Ich freute mich über dieses Lob. Außerdem hatte er Recht. Der Kampf gegen die Banditen hatte mir Zuversicht und mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten gegeben. Ich war mir sicher, im Kampf  mit etwas Glück gegen die meisten Gegner bestehen zu können.

Aber auch gegen den Rebellenführer Cáo Yǔ?

“Was ist die Gabe?”

Seitdem mir Dù Xīnwǔ berichtet hatte, dass der Mensch, den ich töten musste, über eine Gabe verfügte, verspürte ich beim Gedanken daran Unbehagen. Zwar verkörperte ich, war ich der Gegenpol, der Cáo Yǔs Gabe angeblich außer Kraft setzte. Trotzdem fühlte ich mich unwohl und ich wollte so viel, wie möglich, darüber in Erfahrung bringen. Denn mein Gefühl sagte mir, dass mein Überleben davon abhing. Umso mehr hatte es mich verwundert, dass mein Lehrer nie mehr mit mir darüber sprach.

Nun sagte er: “Eine Gabe verleiht übermenschliche Kräfte in einer bestimmten Disziplin. So viel ist dir bereits bekannt.”

Ich nickte und zählte Fähigkeiten auf, über die Menschen mit der Gabe laut Berichten und Erzählungen verfügten: “Eine übernatürliche Sprungkraft, das Gehör einer Katze, oder Augen, mit denen man das Gold im Inneren von Bergen sehen kann.“

“So ist es. Jedoch kann ein Mensch immer nur über eine Gabe verfügen. Nie über mehrere. Warum, ist nicht bekannt. Ebenso, wie Menschen eine Gabe erlangen.”

Von draußen drang von weit entfernt das Gekreische von Affen. Wir lauschten den Geräuschen für einen Moment, dann setzte Dù Xīnwǔ fort: “Die meisten Menschen erlangen nie eine Gabe. Vielleicht einer unter vielen zehntausenden. Manche davon erhalten ihre Gabe bereits als Kinder. Andere erst in hohem Alter. Jede Gabe verleiht dem, der sie hat, einen großen Vorteil. Doch mit dem richtigen Gegenmittel lässt sie sich außer Kraft setzen. Es kann ein Metall, eine Pflanze, ein gesprochenes Wort, oder die Nähe zu einem bestimmten Tier oder Menschen sein.”

“Manche Menschen mit einer Gabe verbergen ihre übernatürliche Fähigkeit vor anderen. Sei es aus Furcht oder aus Selbstschutz. Manche aber nutzen sie für ihre Zwecke. Cáo Yǔ schart mit ihrer Hilfe ein Heer um sich und verbreitet Angst und Schrecken. Es sind Menschen wie er, die ein schlechtes Bild von Menschen mit der Gabe entstehen ließen. Menschen wie er sind auch der Grund, dass der Kaiser das Aufkommen der Gabe als eine Gefahr sieht. Als eine Störung der Harmonie, die beseitigt werden muss.”  

“Wie will er das erreichen?”

“Hat jemand eine Gabe und der Kaiser erfährt davon, hängt viel vom Verhalten des Betroffenen ab. Der Kaiser ist pragmatisch. Verhält sich diese Person unauffällig, steht sie in der Regel nur unter Beobachtung. Sorgt sie jedoch für Aufsehen oder gar für Ärger, zögert der Kaiser meist nicht nicht lange.“ Er sah mir in die Augen. „Dann heißt es Kerker oder Scharfrichter.”

Das Feuer war niedergebrannt und wir legten uns zum Schlafen auf den Boden. Nach unserem Gespräch lag ich noch lange in der Dunkelheit und dachte nach. Über den mysteriösen Schwertmeister, den ich bald treffen sollte. Und darüber, wie ich von einer Sklavin zur Scharfrichterin des Kaisers geworden war.

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Bindung 2.2

“Im Kampf musst du viele Faktoren berücksichtigen. Bist du allein, oder hast du Verbündete? Kämpfst du gegen einen oder mehrere Gegner? Wie gut ist der Feind bewaffnet? Was für Waffen führst du selbst mit dir?”

Dù Xīnwǔ hatte seinen Stab genommen und war aufgestanden. “Damit noch nicht genug. Bist du überhaupt in der Lage, einen Kampf zu bestreiten? Das heißt: Bist du ausgeruht und siegessicher, oder bist du verletzt und hast Angst? Was ist mit deinem Gegenüber?”

Er deutete mit einer Hand zum Himmel. “Wie sind die Verhältnisse? Ist es Tag oder Nacht? Steht die Sonne hoch oder tief? Regnet es? Wie ist der Untergrund beschaffen?” Währenddessen war er zur Kiefer in der Ecke des Platzes gegangen und tat so, als würde er ihren Stamm als Deckung für seinen Körper nutzen. “Welche Dinge und Gegenstände befinden sich in deiner Umgebung? Nutze diese Informationen zu deinem Vorteil und zum Nachteil des Gegners!”

“Kämpfe mit allen Mitteln. Tritt deinem Gegner Staub in die Augen, lenke ihn ab. Täusche Schwäche vor und stoße überraschend zu. Bedenke aber, dass dein Gegner dasselbe versuchen wird!”

Er kam wieder hinter dem Baum hervor. “Die Tempel und Klöster auf dem Wǔdāng Shān haben zahlreiche Kampfkünste hervorgebracht. Doch sie zu erlernen ist schwierig und nimmt viel Zeit in Anspruch, weshalb ich dich im bewaffneten Kampf ausbilden werde. Das geht schneller.” Er klopfte mit seinem Stab auf den Boden. “Ein Stab oder ein Speer ist eine sehr einfach handzuhabende Waffe. Ideal für Anfänger.” Er nahm den Stab mit beiden Händen an einem der Enden und richtete die Spitze auf mich. “Der größte Vorteil ist die Reichweite. Mit einer einfachen Aktion bringst du eine Manneslänge Abstand zwischen dich und deinen Gegner. Der beste Schutz ist, wenn du dich vom Kampfgeschehen so weit wie möglich fernhälst.”

Er tat einen Schritt nach vorne, so dass die Spitze des Stabes meinem Gesicht gefährlich nahe kam. Unweigerlich trat ich einen Schritt zurück. “Der Speer ist eine Stichwaffe. Um den Gegner zu töten ziele auf das Gesicht, den Hals oder den Unterleib.” Dann holte er aus und tat so, als ob er mich damit von der Seite her mit dem Schaft treffen wollte. Dann führte er die selbe Bewegung über seinem Kopf aus, als ob er mich von oben herab erschlagen wollte. “Du kannst ihn jedoch auch als Schlagwaffe gegen Kopf und Oberkörper nutzen. Mit ausreichend Schwung vermagst du damit die Knochen deines Gegenübers zu brechen.”

Dann verschwand er durch die Tür und erschien wenig später mit einem Speer in der Hand. Der Schaft war aus dunklem Holz und überragte mich um zwei Köpfe. Die metallene Spitze funkelte in der Sonne.

“Dieser Speer ist ab sofort dein Begleiter. Lasse ihn nie aus den Augen und achte gut auf ihn. An ihm hängt dein Leben!” Er überreichte mir die Waffe. Der Speer war schwerer, als gedacht. “Aber ich kann erzählen was ich will. Du musst den richtigen Umgang selbst ausprobieren und am eigenen Körper erfahren. Erst dann lernst du es!”

Dù Xīnwǔ positionierte sich vor mir und gab mir Anweisungen: “Stelle deine Füße schulterbreit auseinander. Drehe deinen Körper – nein, nicht nur deine Hüften – zu mir, in Richtung deines Gegners. So bietest du ihm ein kleineres Ziel. Mit einem Fuß machst du einen Schritt nach vorne. Genau so! Der hinterer Fuß steht senkrecht zum Feind. So hast du einen guten Stand und kannst die Kraft für einen plötzlichen Angriff aufbringen. Gehe leicht in die Knie, um deinen Schwerpunkt zu senken. In dieser niedrigen Position gibt du zudem auch ein kleineres Ziel ab.”

“Nimm den Speer und ziele mit der Spitze auf meinen Körper. Die führende Hand ist eine Schulterbreite von der hinteren Hand entfernt. Wenn du den Abstand zwischen beiden Händen vergrößerst, kannst du den Speer leichter bewegen.”

“Nun stich mir in den Bauch!”

Ich wollte ihm zeigen, dass ich keine Angst hatte und versuchte ihn zu treffen. Scheinbar ohne Mühe wich er zur Seite, so dass mein Angriff ins Leere ging. “Nochmal! Nutze den Schwung deines ganzen Körpers.” Ich stieß wiederholt nach ihm. “Lehne dich dabei aber nicht nach vorne. Sonst…” Er packte den Speer mit seiner freien Hand und riss kurz daran, so dass ich einen Schritt auf ihn zu stolperte. Mit seinem Stab berührte er mich sanft an der Wange. “… verlierst du dein Gleichgewicht und machst deinen Kopf zum Ziel des nächsten Angriffs.”

“Greife deinen Gegner und nicht seine Waffe an. Jede Attacke muss schnell ausgeführt werden. Wer zögert, stirbt. Kehre nach jedem Angriff sofort in die Ausgangsposition zurück.” Er deutete auf meine Füße. “Bleibe immer in Bewegung. Mach kleine Schritte zur Seite, als ob du deinen Gegner umkreisen möchtest. Ja, genau so! Wer an einem Fleck verharrt, ist eine leichte Beute!“

—–

Dù Xīnwǔ verbrachten den ganzen Vormittag damit, mir die Grundlagen des Stab- und Speerkampfes beizubringen. Sie waren in der Tat nicht sehr schwer zu erlernen und schon bald bekam ich ein Gefühl für die verschiedenen Bewegungsabläufe. Nachdem ich die anfängliche Unsicherheit überwunden hatte, fand ich sogar Spaß daran, Stöße und Schläge auszuführen und den vorgetäuschten Angriffen meines Lehrers auszuweichen.

Gegen Mittag drängte er plötzlich zum Aufbruch. “Wir können nicht zu lange bleiben. Außerdem benötigen wir unsere Kraft für die Weiterreise.”

Mit dem Speer in der Hand und dem Beutel auf dem Rücken verließ ich mit Dù Xīnwǔ den Tempel. Einer der freundlichen Mönche hatte uns bis zum Tor begleitet und mir zum Abschied ein Päckchen mit Proviant überreicht. Das Wetter hatte umgeschlagen und grauen Wolken bedeckten den Himmel. Leichter Regen fiel. Das störte mich jedoch nicht. Zur Regenzeit hatte ich als Sklave tagelang im Regen auf Feldern gearbeitet. Ich fieberte unserem Weitermarsch sogar entgegen. Denn ich hatte mir vorgenommen, endlich einige Hintergründe in Erfahrung zu bringen.

“Warum gerade ich?”

Ich wartete mit dieser Frage, bis wir uns im Wald und außer Hörreichweite des Tempels befanden. Dù Xīnwǔ hob die Augenbrauen und lächelte. Er schien meine Erkundungen bereits erwartet zu haben und antwortete: “Du bist kräftig, ausdauernd und hattest ein entbehrungsreiches Leben, wie kaum eine andere Frau. Es gibt wenig bessere Voraussetzungen für eine Kriegerin.”

Das leuchtete mir ein. Meine Neugier war aber noch nicht gestillt. “Es gibt unzählige Sklavinnen, die ein schweres Leben haben. Warum fiel dein Auge ausgerechnet auf mich?”

Mein Begleiter antwortete: “Es war eine Mischung aus Zufall, Glück und Berechnung. Eile ist das oberste Gebot, damit die Rebellion erstickt werden kann, bevor sie sich zu weit ausbreitet. Um den Verräter zu besiegen, musste ich raschest eine passende Frau aus dem Shǔ-Reich finden. Das Tal der hundert Brücken ist nicht weit vom Reich der Sòng entfernt. Somit war es naheliegend, dass mich mein Weg hier zuerst hinführen würde.”

“Und meine alten Herren? Kanntest du sie?”

“Liù Róng war mir als ehemaliger General und aktueller Militärgouverneur der Shǔ namentlich bekannt. Dass ich vor den Toren der Stadt auf seinen Sohn traf, war Zufall. Ich konnte zunächst nur aus seinem Verhalten und Aussehen schließen, dass er aus einer wichtigen Familie stammen musste.”

Er lachte kurz auf, als er sich die Begegnung in Erinnerung rief. “Liù Jiàn ist ein Narr, genauso, wie sein Vater. Er vergeudete keine Zeit damit, in Prahlerei über Ochsen und Reisfelder zu verfallen. Nun, in Tiánwǔ genügt das anscheinend, um Händler und Reisenden zu beeindrucken. Zwar nicht in seinem Sinne, hatte seine Angeberei aber doch etwas Gutes. Denn so fand ich dich. Ein Mädchen, genau wie ich es suchte: Mit kräftigen Armen und Beinen, aber noch jung und nicht verbraucht.”

Wir hielten kurz an, um einem Mann und seinem Lastpferd auf dem engen Waldpfad Platz zu machen. Dann setzten wir unseren Weg fort und Dù Xīnwǔ sprach weiter. Er war sichtlich stolz darauf, dass es ihm Gelungen war, dass sein Besuch in Tiánwǔ so gut verlaufen war. “Als er dich zu uns befahl, war es für ihn nur eine plumpe Demonstrationen seiner Macht. Aber ich bin ihm dafür dankbar. Denn so konnte ich einen genaueren Blick auf dich werfen. Ich erkannte, dass dein Geist trotz der schlechten Behandlung noch nicht gebrochen war. Ich verstand sofort, was für ein Glück unser Treffen darstellte und dass ich schnell handeln musste. Zwar konnte ich damit rechnen, auf meinem Weg noch andere Mädchen vorzufinden, die ähnlich gute Voraussetzungen mitbrachten. Doch wie viel Zeit würde ich dabei vergeuden? Ich musste die Gelegenheit beim Schopf packen und dich rasch an mich binden!”

Seine Augen waren hart und kalt, als er fortsetze. “Ein paar Schmeicheleien und die Aussicht auf eine Gefälligkeit genügten, um mich der Familie Lìu als Gast zu empfehlen. Trotz ihrer Macht und ihres Reichtums sind sie sehr einfach gestrickt. In ihrem Haus angekommen, musste ich nur die passende Gelegenheit finden, um mit dir ungestört zu sprechen. Da die Lìus kräftig gefeiert und ihre Sklaven hatten darben lassen, habe ich mich in der Nacht in der Nähe der Küche auf die Lauer gelegt. Den Rest der Geschichte kennst du.”

Ich empfand seine Offenheit als großartig und erschütternd zugleich. Sowohl was seine Worte über mich als auch über meine alten Herren betraf. Ich hatte die Lìus als mächtige Menschen erlebt, deren Wort die absolute Wahrheit war und absoluten Gehorsam erforderte. Ein Wort, eine Geste oder ein Blick unserer Meister konnte für uns Sklaven Glück oder Verderben bedeuten. Auch wenn ich sie gehasst hatte – dass sie jemand als dumm bezeichnete, erschien mir unerhört. Ich konnte nicht anders, als hinter mich zu blicken. Hatte uns jemand gehört? Was, wenn meine alten Herren davon erfuhren? Würden sie Dù Xīnwǔ diese Worte nicht übel nehmen?

Doch im Wald hinter uns regte sich nichts und wir gingen ungestört weiter.

—–

Gegen Abend führte uns der Weg in ein sich immer weiter verengendes Tal. Auf dem Pfad gelangten wir an einem abgelegenen Bauernhof vorbei. Er wirkte ärmlich und heruntergekommen. Trotzdem beschlossen wir, hier die Nacht zu verbringen. Die Bewohner sprachen einen anderen Dialekt, als im Tal der hundert Brücken, und ich hatte Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Dù Xīnwǔ erkundigte sich nach dem weiteren Weg und bat um eine Schlafgelegenheit. Die Bauern schienen nicht sehr erfreut, dass wir die Nacht bei ihnen verbringen wollten. Da zog mein Lehrer ein paar Stücke Käsch hervor und plötzlich fand sich in einer kleinen Scheune neben dem Haus doch noch ein Platz für uns.

Trotz der Münzen, die sie erhalten hatten, zeigten die Bauern kein Interesse daran, mit uns weiter zu sprechen. Auch boten sie nicht an, mit uns ihr Abendbrot zu teilen, so wie es gute Sitte gewesen wäre. Stattdessen zogen sie sich in das Wohnhaus zurück und schlossen die Tür, so dass uns nichts anderes übrig blieb, als in die Scheune zu gehen. Unser Abendmahl nahmen wir im Finsteren ein. Es bestand aus Teilen des Proviants, den wir von den Mönchen erhalten hatten.

Das Verhalten der Hausbewohner störte und irritierte mich, doch Dù Xīnwǔ schien keinen Groll gegen sie zu hegen: “Das hier ist nicht mehr das beschauliche Tal der hundert Brücken, wo alles geordnet und gesittet zugeht. Hier oben ist es gefährlich und man überlegt es sich zweimal, ob man einem Fremden über den Weg trauen kann. Wer weiß, was diese Leute in der Vergangenheit erleben mussten?”

Nach dem Abendessen ging ich in den Wald hinter der Scheune, um meine abendliche Notdurft zu verrichten. Durch die Bäume beobachtete ich das Bauernhaus. Seine Fensterläden waren geschlossen, so dass kaum ein Licht nach außen drang. Wenn die Bewohner Tiere besaßen, so mussten sich diese im Haus befinden. Es war, als ob sie ihre Anwesenheit vor fremden Augen verbergen wollten. Außer den Geräuschen des Waldes war nichts zu hören. Eine bedrückende Atmosphäre lag über allem und ich war froh, meinen Speer bei mir zu haben.

Als ich in die Scheune zurück kehrte, schloss Dù Xīnwǔ die Tür und verkeilte seinen Stab im Türrahmen, so dass sie nur von innen her geöffnet werden konnte. Dann krochen wir in unseren Kleidern ins Stroh, um zu schlafen.

—–

Ein Geräusch weckte mich. Von draußen drangen laute Stimmen in die Scheune. Kurz darauf spürte ich Dù Xīnwǔs Hand auf meiner Schulter. “Auf! Nimm deinen Speer und folge mir!”

Verwirrt und noch schlaftrunken rieb ich meine Augen. Draußen war es noch dunkel. “Was bedeutet der Lärm? Gehen die Bauern schon auf die Felder?”

“Nein”, antwortete mein Lehrer grimmig. “Er bedeutet, dass du deine Fähigkeiten in einem Kampf beweisen musst.”

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Bindung 2.1

Die Sonne ging unter, als wir aus dem Wald traten und einen Komplex aus mehreren Bauwerken auf einer Bergkuppe erreichten. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Wǔdāng Shān, einem heiligen Berg mit Klöstern, Pagoden und andere Bauten. Eine breite Freitreppe führte zum mächtigen Tor des Tempels, vor dem ein Mönch die einkehrenden Personen kontrollierte.

Nach einer kurzen Unterredung mit Dù Xīnwǔ wurden wir von ihm durch ein Netz aus Hallen, Gängen und kleinen Höfen zu zwei benachbarten Räumen gebracht, die uns als Unterkunft für die Nacht dienten. Die Einrichtung der Zimmer war zweckmäßig: Ein Bett und auf dem Boden daneben eine Schüssel für nächtliche Bedürfnisse. In einer Ecke stand ein grob gezimmerter Tisch und an der Tür befand sich ein Haken, um Kleidung daran aufzuhängen. Im Raum hing ein muffiger Geruch, aber er war sauber und um Welten besser, als das verrottete Sklavenhaus, in dem ich bisher meine Nächte verbracht hatte.

Unser Abendessen aus Reis mit etwas gedämpften Gemüse nahmen wir gemeinsam mit den Mönchen in einem großen Saal ein, dessen Dach von mächtigen Holzsäulen getragen wurde. Obwohl es ein im Sinne der Mönche einfaches Mahl war, genoss ich jeden Bissen. Unter den wohlwollenden Blicken der anderen holte ich mir dreimal einen Nachschlag vom weiß glänzenden Reis und ließ nicht ein Korn in meiner Schüssel übrig. Die Bewohner des Tempels waren freundlich. Mit Ausnahme ihrer privaten Gemächer gestatteten sie uns freien Zugang zu allen Bereichen der Anlage. Wir verspürten nach dem langen Aufstieg aber keine Lust, den Tempel zu erkunden. Nach einem kurzen Gebet an einem der zahlreichen Altäre gingen wir früh zu Bett. Satt und mit einem Gefühl der Dankbarkeit schlief ich ein.

—–

Am nächsten Morgen wurde ich von Dù Xīnwǔ früh geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er seinen Stab und führte mich durch das Labyrinth des Tempels, bis wir schließlich durch eine Tür ins Freie traten. Wir standen auf einem Platz, der zu drei Seiten von roten Mauern umschlossen war. An einer der Mauern befanden sich ein Tisch und zwei Hocker aus Stein. Bis auf eine Ecke, in der eine Kiefer stand, war der Platz vollständig mit Steinplatten gepflastert. Zur vierten Seite hin fiel das Terrain am Rand des Platzes abrupt ab und man konnte einen ungehinderten Ausblick auf die uns umgebende Berglandschaft genießen. Von irgendwoher ertönte das Pfeifen eines Mönches.

“Kannst du mit Waffen umgehen?”, fragte mich Dù Xīnwǔ unvermittelt.

Ich kannte ihn für keine drei Tage. Dennoch glaubte ich, den Charakter meines Führers bereits einschätzen zu können. Ich riskierte ein Bisschen Humor. “Nein. Aber mit Schaufeln und anderen Geräten für die Feldarbeit kenne ich mich aus!”

Dù Xīnwǔ kicherte und ich freute mich, dass ihm mein Scherz gefallen hatte. Dann wurde seine Miene wieder ernst und er sagte: “Das verwundert mich nicht. Denn das Letzte, was ein Herr will, sind Sklaven, die etwas vom Kampf verstehen.”

Er setzte sich auf einen der Steinhocker. “Lass uns bei den Grundlagen beginnen, damit du mir besser folgen kannst. Wie ich dir gestern schon erklärt habe und wie du auch am eigenen Leib erfahren hast, leben wir in einer harten Welt, die viele schlechte Menschen hervorgebracht hat. Und um in dieser Welt bestimmte Ziele zu erreichen, müssen wir manchmal zum äußersten aller Mittel greifen: Gewalt.”

Ich schwieg und als er sah, dass ich keine Einwände hatte, fuhr er fort. “Wird Gewalt von einem Herrscher gegen ein anderes Reich organisiert, spricht man von Krieg. Es gibt verschiedene Arten, wie ein Krieg geführt werden kann. Aber fast immer bedeutet er großes, zum Teil unermessliches Leid – abgetrennte Körperteile, ausgestochene Augen, Verstümmelungen aller Art. Verzweifelte und gebrochene Menschen.”

Mit Krieg hatte ich keine unmittelbare Erfahrung. Aber auch ohne ihn hatte ich Grausamkeit gesehen und erlebt. Ich dachte an weggelaufene Sklaven, die von ihren Herren wieder eingefangen und dann bestraft wurden. Ausgepeitschte Körper vor den Toren Tiánwǔs, von denen blutige Hautfetzen herab hingen. Menschen, denen man die Füße gebrochen hatte. Und ich erinnerte mich an den Schmerz, als man mir zur Strafe für ein Vergehen den kleinen Finger verstümmelte. Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem die Hand oder den ganzen Arm abgehackt wurde?

Mein Lehrer setzte fort: “Ich werde mit dir nicht über die Sinnhaftigkeit oder Unsinnhaftigkeit des Kriegs sprechen. Im Gegenteil. Meine Aufgabe ist sogar, dich auf den Kampf vorzubereiten. Dich so auszubilden, dass du andere Menschen im Kampf besiegen und auch töten kannst.” Er blickte um sich. “Auch wenn wir uns hier auf dem Wǔdāng Shān, dem Berg der höchsten Harmonie befinden.”

Ich verstand nicht. “Warum sollte ich kämpfen und jemand anderen töten wollen?”

Dù Xīnwǔ richtete seinen Blick auf das Bergpanorama und fixierte einen Punkt in der Ferne. “Im Reich der Sòng gibt es einen bösen und gefährlichen Mann namens Cáo Yǔ. Er hat sich gegen den Kaiser Sòng Tàizǔ aufgelehnt, Dörfer überfallen und geplündert, unschuldige Bauern getötet und ihre Frauen vergewaltigt. Der Kaiser möchte ihn unschädlich machen, doch das ist nicht so einfach, denn er hat eine Gabe.”

Er wandte sich an mich. “Weißt du, was das ist?”

Ein ungutes Gefühl beschlich  mich. Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. “Ich habe davon nur in Erzählungen gehört. Wer die Gabe hat, soll zum Beispiel über unermessliche Kraft verfügen, kann stundenlang unter Wasser verweilen oder trifft immer sein Ziel. Das besagen zumindest die Legenden”, antwortete ich.

“Keine Legenden”, sagte er bestimmt. “Es gibt nur wenige Menschen mit der Gabe, aber sie existieren! Dank ihr kämpft Cáo Yǔ mit der Kraft von 20 Männern. Er ist ein fast unbezwingbarer Gegner.”

Er blickte mir fest in die Augen. “Außer, wenn sein Gegner eine Frau aus dem Reich der Shǔ ist. Keine Sòng, sondern eine Shǔ. Das ist entscheidend! Dann verliert seine Gabe ihre Kraft und er ist nicht mehr, als ein feiger Deserteur!“

Er musterte mich, um meine Reaktion zu lesen. Dann sagte er: „Hier kommst du ins Spiel. Ich möchte, dass du gegen ihn kämpfst und mir dabei hilfst, das Monster zu besiegen!”

Ich wollte ihm widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab. “Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Warum ich gerade dich für diese Aufgabe ausgewählt habe. Dass du als Frau gegen ihn nicht bestehen können wirst, ob mit oder ohne Gabe. Wie du ohne jegliche Vorkenntnisse den Umgang mit einer Waffe erlernen sollst. Dass du noch nie in einem Kampf auf Leben und Tod standest und dir schon beim alleinigen Gedanken daran die Knie zittern.”

Ich blickte zu Boden, denn er hatte Recht. Das alles hörte sich unglaublich und gefährlich und überwältigend an. Da legte er mir eine Hand auf die Schulter. “Ich werde dich nicht dazu zwingen, diesen Weg mit mir zu gehen. Denn der brillianteste General kann keinen Erfolg haben, wenn seine Soldaten ihm nicht folgen.”

“Im Haus der Liù konnte ich dir das ganze Ausmaß dieser Aufgabe nicht erläutern. Darum kann ich es dir auch nicht verübeln, dass du mein Angebot angenommen und ohne alle Details zu kennen mit mir gegangen bist, um aus einer elenden Lage zu entkommen. Jetzt aber haben wir Tiánwǔ hinter uns gelassen und ich brauche deine unerschütterliche Zusage.”

Ich schwieg.

Dù Xīnwǔ schürzte die Lippen. “Wenn du ablehnst, gebe ich dich frei.” Er deutete zur Tür. “Dort ist der Ausgang. Ein Mönch wird dich zum Tor des Tempel begleiten und du wirst nie wieder von mir hören. Wie du aber allein, ohne Geld und Dach über dem Kopf überleben willst, bleibt dann deine Sorge. Ob du als Bettlerin in Dreck und Staub lebst, dich Männern als Bettgefährtin anbietest, oder dich wieder in die Abhängigkeit eines Herren begibst, ist mir gleich.”

Er machte eine Pause, um seine Worte auf mich wirken zu lassen. “Übernimmst du jedoch diese Bürde und hilfst mir dabei, Cáo Yǔ zu besiegen, dann verspreche ich dir, dass du frei sein wirst und nie mehr Not leiden musst! Kaiser Sòng Tàizǔ wird sich für diese Tat sehr erkenntlich zeigen. Außerdem werde ich dich ausbilden, so dass du gegen Cáo Yǔ kämpfen und ihn besiegen kannst. Du wirst auch nicht alleine gegen ihn bestehen müssen. Einige der besten Kämpfer aus allen Reichen werden dich bei deiner Aufgabe unterstützen.”

Dù Xīnwǔ sah, dass ich innerlich zerrissen war. Ich wollte frei sein und ich wollte auch kein Leben in Armut und Elend führen. Denn um zu überleben, brauchte man Arbeit und Geld. Das wusste sogar ich. Aber einen Menschen töten?

Da nahm sein Gesicht die Züge eines Raubvogels an und er sagte: “Bedenke auch das Gute, das deine Tat bewirken kann. Ich weiß nicht, was man dir über die Vergangenheit deines alten Herren Liù Róng erzählt hat. Aber ich Lüge nicht, wenn ich behaupte, dass es zwischen ihm und Cáo Yǔ nur wenige Unterschiede gibt. Der eine hat im Auftrag seines Königs und der andere gegen seinen Herrscher gehandelt. Ihre Taten waren aber fast dieselben.”

Hass durchströmte mich, als ich an Liù Róng und seinen verdorbenen Sohn denken musste. Welche Qualen ich in ihrem Haus erleiden hatte müssen! Ich wusste wirklich nicht viel über ihn, außer, dass er sich im Krieg gegen die Táng ausgezeichnet hatte. Niedergebrannte Dörfer, erschlagene Kinder und ähnliche Taten traute ich ihm aber definitiv zu. Wenn ich dabei helfen konnte mit Cáo Yǔ einen ähnlich schlechten Menschen zu besiegen, war das nicht tatsächlich etwas Gutes?

Ich traf meinen Entschluss. “Ich werde mit dir gehen und gegen den Rebellenführer kämpfen!”

Entgegen meiner Erwartung ließ Dù Xīnwǔ keine Regung der Freude erkennen. Statt dessen sah er mich entschlossen an und sagte: “Gut. Dann lass uns mit deinem Training beginnen!”

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