Sklave 1.3

Die Festlichkeiten waren bereits in vollem Gange, als wir verschmutzt und erschöpft von den Feldern zurück kamen. Man hatte zu Ehren des Gastes die  besten Familien der Stadt eingeladen. Fröhliche Musik erfüllte das Haus. Diener huschten geschäftig umher. Die Tafel im großen Saal war gedeckt mit köstlichen Speisen wie gebratenem Schweinebauch, Fischkopf in Chilisoße oder in Essig eingelegte Bambussprossen. Die Stimmung war gelöst, was sicher auch am Wein lag, der ohne Unterlass in die Gläser der Gäste gegossen wurde. Reden wurden gehalten und gerötete Köpfe sprachen sich gegenseitig Glückwünsche zu. Zwischen Liù Jiàn und seinem Vater hatte der alte Wanderer Platz genommen. Milde lächelnd lauschte er ihren Ausführungen und beantwortete geduldig Fragen.

Verschmutzt wie ich war, wollten mich die Herren nicht in der Nähe ihrer Gäste sehen und ich wurde rasch nach draußen geschickt. Vielleicht dachten sie auch, dass ich etwas von den Speisen stehlen würde, während ich sie bediente.

Ich schöpfte etwas Wasser aus dem Brunnen, um mich vom gröbsten Dreck zu befreien. Danach wartete ich am vereinbarten Ort auf Lilie, doch sie erschien nicht. Ich hatte sie nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie neue Speisen für die Gäste reichte. Sie würde wohl bis spät in die Nacht beschäftigt sein.

Das Abendessen von uns Sklaven bestand aus etwas wässrigem Brei, in dem ein paar geschmacklose Pilzen schwammen. Der Aufseher verteilte das Gemisch in grob gefertigte Holzschüsseln, die er jedem einzeln überreichte. Jene, die seiner Meinung nach an diesem Tag hart genug gearbeitet hatten, bekamen eine größere Portion. Die „faulen“ unter uns bekamen eine Schüssel, die nur zur Hälfte gefüllt war. Als Frau, die noch dazu als hässlich galt, war ich fast immer unter jenen, die weniger bekamen.

Nach Sonnenuntergang wurde eine Laterne angezündet. Einige der Sklaven verbrachten die Zeit mit simplen Spielen, andere mit dem Erzählen von Geschichten. Ich zog es vor, diesen Märchen und Legenden zu lauschen, die meistens von einem der älteren Sklaven vorgetragen wurden. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als mir meine māma vor dem Schlafengehen fantastische Geschichten erzählt hatte. Darin ging es oft um siegreiche Krieger, die Heldentaten vollbrachten, oder um arme Bauernmädchen, die einen Schatz fanden oder vom Kaiser zur Braut erkoren wurden. Um das Leben und Schicksal von Sklaven ging es in diese Erzählungen nie.

Als ich zu Bett ging, war ich froh, meinen Herren an diesem Tag nicht mehr dienen zu müssen. Doch der köstliche Geruch des Festmahls hing in der Luft und ich konnte trotz der anstrengenden Feldarbeit nicht schlafen.

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Die Musik hatte aufgehört, die Gäste waren aufgebrochen und die Bewohner des Hauses hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Endlich war die Stille eingekehrt, auf die ich gehofft hatte. Nachdem ich noch eine Zeit lang bewegungslos abgewartet und mich versichert hatte, dass tatsächlich überall im Anwesen Ruhe eingekehrt war, verließ ich mein Nachtlager und schlich mich hinter das Haus.

Ich hoffte in den Küchenabfällen verwertbare Reste des Festessens vorzufinden. Solche nächtlichen Streifzüge unternahm ich nach Feierlichkeiten unserer Herren häufig und ich war im Laufe der Jahre geübt darin geworden, mich ungesehen zu bewegen. Mitglieder der Familie Liù hatte ich zu dieser Zeit weniger zu fürchten. Vielmehr waren es andere Sklaven, der Aufseher oder der Wachmann am Tor, die mich für die Gunst unserer Herren verraten konnten. Doch die anderen Sklaven schliefen alle, und auch die Füße des Wächters ragten regungslos aus seinem Torhäuschen.

Mein Weg führte mich zum Stall. Ich presste mich an seine Wand aus grob gehauenem Stein und lugte vorsichtig um die Ecke. Vor hier aus hatte ich einen guten Überblick auf das Haus und einen Teil des Gartens. Ein Huhn gackerte schläfrig, sonst schien alles ruhig. Mein Ziel war die Küchentür an der Seite des Wohnhauses. Der Mond schien und tauchte alles in ein weißes Licht. Das kam mir ungelegen und ich beschloss, nicht den direkten Weg über den Vorplatz, sondern durch einen Teil des Gartens zu wählen.

Unter den herabhängenden Zweigen einer Weide pirschte ich mich näher ans Haus heran. Nichts regte sich, doch ich wartete noch für einen Moment ab. Schließlich entschloss ich mich den Weg zur Küchentür zu wagen. In wenigen Schritte war ich dort. Nun folgte der schwierigste Teil: Die Tür. Um unbemerkt ins Innere zu gelangen, musste ich sie ohne Geräusch öffnen. Das war bei dem alten Ding nicht ohne Probleme. Ich stellte mich zur Tür und übte sanft Druck aus. Langsam, ganz langsam, tat sich ein Spalt auf.

Ein Geräusch ließ mich vor Schreck umfahren.

Hinter mir stand der Fremde. Ich wollte mich auf den Boden werfen und ihn anflehen, mich nicht bei meinen Herren zu verraten. Doch er packte mich am Arm, drückte mir eine Hand auf den Mund und presste mich an die Wand des Hauses. “Still!” zischte er mich an und ich verharrte. Er sah sich rasch um und zog mich dann hastig in eine dunkle Ecke im Garten, wo dichte Bambusstauden den Blick verstellten.  

Panik stieg in mir auf. Wollte er sich an mir vergehen? Sollte ich um Hilfe rufen? Er hielt mich noch immer fest und ich war überrascht, mit welcher Kraft er es tat. Als er sprach, konnte ich den Wein in seinem Atem riechen. “Mädchen, wie heißt du?”

“Guàn” stieß ich hervor. Bewässerung – ein Name der meine bäuerliche Herkunft verdeutlichte.

“Wir haben nicht viel Zeit, also höre mir genau zu.”

Er vergewisserte sich noch einmal, dass wir ungestört waren und setzte schließlich fort: “Ich suche nach einer Gefährtin für eine weite Reise nach Osten. Du bist kräftig und ausdauernd, also genau richtig für dieses Vorhaben. Die Hintergründe kann ich dir noch nicht nennen. Nur so viel: Die Reise wird beschwerlich und gefährlich sein. Aber ich verspreche dir die Freiheit, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Willst du dich mir anschließen?”

Als er meinen Unglauben sah, wurde seine Stimme drängender: “Guàn, ich habe gesehen, wie die Familie Liù ihre Sklaven behandelt. Ich kann dir helfen und dich bei ihnen auslösen, aber dazu musst du jetzt eine Entscheidung treffen! Überlege rasch! Denn mit oder ohne dir werde ich diese Stadt morgen früh verlassen.”

Er hatte meinen Arm freigegeben. Was sollte ich ihm antworten? Ich wusste nichts über ihn und darüber, was er mit mir vorhatte. Aber ich war ein Sklave der Familie Liù und damit weniger wert als ein Stück Dreck. In Tiánwǔ wartete keine andere Zukunft auf mich, als zu Tode geschuftet und geschlagen zu werden. Weglaufen war unmöglich. Ich war nur eine schwere Krankheit oder Verletzung davon entfernt, dass man meinen gebrochenen Körper achtlos auf der Straße liegen ließ. Was auch immer mich jenseits des Tals erwartete, es konnte kaum schlimmer sein.

“Ich komme mit”, sagte ich schließlich.

Im Mondschein sah ich, wie ein Lächeln über das Gesicht des Fremden huschte. “Gut. Wir werden gleich im Morgengrauen aufbrechen. Erzähle niemandem davon, was wir besprochen haben und halte dich bereit!” Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und war bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Verwirrt blieb ich zurück. Ich hatte die Worte leicht ausgesprochen, doch jetzt bereute ich sie. Was, wenn es ein Trick war? Falls ja, warum sollte der so fürstlich bewirtete Gast der Familie Liù so etwas tun? Und warum wollte er gerade mich als Gefährtin für eine lange Reise? Konnte er nicht ein andere Sklavin finden? Eine, die besser und hübscher waren?

Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, doch ich fand auf diese Fragen keine Antworten. Mein Hunger war verflogen und ich beschloss, zu meinem Bett zurückzukehren. So leise ich konnte, schlich ich zum Sklavenhaus. Über allem lag Stille. Niemand schien meinen nächtlichen Ausflug und das Gespräch mit dem alten Mann bemerkt zu haben. Zitternd legte ich mich auf mein Nachtlager.

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“Der Herr verlangt nach dir!” rief die Stimme des Aufsehers. Nach dem unerwarteten Treffen mit dem Fremden hatte ich kaum ein Auge zugetan. Lilie hatte die ganze Nacht in einem anderen Bett verbracht. Auch wenn der alte Mann es mir verboten hatte, wie gerne hätte ich mich ihr anvertraut!

In der Empfangshalle des Hauses warteten Liù Róng und sein Sohn zusammen mit dem alten Mann auf mein Erscheinen. Als ich vor die Herren trat, befürchtete ich das Schlimmste. Da erhob der Kopf der Familie Liù seine Stimme. “Meister Dù Xīnwǔ wird heute zurück in seine Heimat reisen. Das Alter war nicht gut zu ihm und er benötigt einen Sklaven, um die weite Reise zu bewältigen. Er wünscht, dass du ihn begleitest.”

Der Fremde hatte die Wahrheit gesprochen!

Ich war nervös und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, dass es das Beste für mich war, keine Reaktion zu zeigen und still an meinem Platz zu verweilen. Liù Róng sah mich streng an. Das Gesicht Liù Jiàns war eine Maske, nur seine Augen funkelten mich böse an.

Sein Vater fuhr fort: “Als unserem geschätzten Gast, dem wir viel zu verdanken haben, konnte ich ihm diese Bitte nicht abschlagen. Zwar habe ich versucht es ihm auszureden, da du nutzlos und hässlich wie die Kehrseite eines Schweins bist.” Er seufzte und machte eine kurze Pause. “Aber der Meister will sich nicht umstimmen lassen. Darum wirst du mit ihm dieses Haus verlassen!” In Richtung seines Gastes sagte er: “Sie ist ein faules, widerspenstiges Ding. Schlagt sie ordentlich, damit Ihr mit ihr keinen Kummer haben müsst!” Dann machte er eine Geste, um mich wegtreten zu lassen. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt und er würdigte mich keines weiteren Blickes.

Mein neuer Meister befahl mich an seine Seite und reichte mir sein Bündel. Er bedankte sich bei Liù Róng und seiner Familie für die Bewirtung. “Die Berichte über Eure Gastfreundschaft waren nicht übertrieben. Ich werde Euer Haus und Tiánwǔ in bester Erinnerung behalten und allen über die Großzügigkeit der Familie Liù berichten.” Die Gastgeber zeigten zufriedene Gesichter. Dann nahm die Stimme des alten Mannes einen verschwörerischen Ton an: “Und wie besprochen werde ich mich für Euer Anliegen einsetzen. Ich denke, dass ich die Dinge zu Euren Gunsten beeinflussen kann.”

Daraufhin machten Liù Róng und Liù Jiàn eine tiefe Verbeugung, was mein neuer Herr erwiderte. Dann gab er mir einen Wink und sagte: “Komm!”

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Wir traten ins Freie und gingen in Richtung des großen Tores. Auf dem Anwesen herrschte die übliche morgendliche Geschäftigkeit. Ich sah einen Diener, der Essensreste zum Stall brachte. Vor dem Sklavenhaus standen die Sklaven in einer Reihe vor dem Aufseher. Als sein Blick mich traf, senkte ich rasch meinen Kopf und ging etwas schneller, um nicht den Anschluss zum Fremden zu verlieren.

Als er uns sah, trat der Torwächter rasch aus seinem Häuschen und öffnete den Durchlass. Mein neuer Meister packte mich wortlos am Arm und schob mich am sich verbeugenden Wächter vorbei durch das Tor. Wir traten hinaus auf die Straße. Hinter mir hörte ich, wie der Zugang zum Anwesen der Familie Liù wieder verschlossen wurde.

Wir hatten das Anwesen verlassen.

Die Stadt erwachte gerade zum Leben. Die Bewohner öffneten die Fensterläden ihrer Häuser und die ersten Händler boten ihre Waren in Geschäften und an Ständen an. Der alte Mann ging zu einem der Stände und kaufte drei mit Gemüse gefüllte Teigtaschen. Er reichte sie mir. Erst, nachdem er mir freundlich zu nickte, griff ich zögerlich zu. Wie herrlich sie dufteten! Ich biss hinein. Der frische Teig, das köstliche Aroma von Gewürzen! Es war viele Jahre her, seit ich sie das letzte Mal probiert hatte.

Während ich aß, machte er in einem Geschäft weitere Besorgungen. Als er fertig war, klopfte er mit seinem Stab vor mir auf den Boden und sagte: “Lass uns gehen! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.”

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Sklave 1.2

Ich stand gebückt im Schlamm und bearbeitete mit einer Holzharke den Untergrund. Die Reisfelder mussten umgepflügt werden, um sie für die frischen Setzlinge vorzubereiten. Es war eine harte Arbeit. Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Rücken schmerzte. Auf meiner Haut hatte das schlammige Wasser eine dunkelbraune Kruste gebildet.

Liù Jiàn war auch hier. Selbstverständlich nicht mit uns Sklaven im Schlamm, sondern trockenen Fußes auf einem nahen Damm, von dem aus er unsere Arbeit beobachtete. Mit 16 Jahren war er schon voll in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Dazu zählte auch die Inspektion der Felder. Wenn es zu heiß war, ließ er sich in einer Sänfte vor die Tore der Stadt tragen.

Heute aber war das Wetter angenehm, so dass er einen Ausritt auf seinem Pferd machte. Mit seiner schwarzen Hose und dem dunkelroten Oberteil aus Seide machte er eine hervorragende Figur. Die langen schwarzen Haare waren hochgesteckt. An seinem Gürtel hing ein Dolch aus Jade. Während er mit dem Aufseher, einem grobschlächtigen Mann mit bloßem Oberkörper, und seinem Sekretär sprach, ließ er das Pferd verschiedene Kunststücke machen. Er redete und handelte mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der die Gunst der Götter auf seiner Seite wusste.

Ich war noch ein Kind, als ich in das Haus der Familie Liù kam. Damals hatte ich Liù Jiàn als scheuen Jungen kennengelernt, dem es fast peinlich schien, Diener um sich zu haben. Doch nach dem Krieg schlug sein Vater seine Klauen in ihn und brachte sein verdorbenes Inneres zum Vorschein. Er wurde stolz und grausam im Umgang mit uns Sklaven, so dass ich seine Anwesenheit zu fürchten begann.

Während ich mit der Harke die Erde bearbeitete, versuchte ich, keine auffälligen Bewegungen zu machen. So hoffte ich, seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu ziehen. Glücklicherweise war er aber so sehr in die Besprechung mit seinem Sekretär vertieft, dass er uns Sklaven nicht weiter beachtete.

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Die Sonne stach vom Himmel und ich nahm mir vor, auf dem Heimweg etwas Schilf von einem der zahlreichen Teiche zu sammeln, um mir aus den Blättern eine Kopfbedeckung zu flechten. Und dann würde ich wie jeden Abend an der vereinbarten Stelle im Garten auf Lilie warten. In der Nähe der Küche durfte ich mich nicht blicken lassen, weshalb wir uns immer in einer versteckten Ecke des Anwesens trafen.

Wenn ich Glück hatte, brachte mir Lilie etwas zu essen mit. Oft erschien sie aber auch nicht und ich musste mit dem kargen Bisschen vorlieb nehmen, das uns der Aufseher brachte. So ging das jeden Tag. Dienen, arbeiten und immer auf der Suche nach etwas zu essen.

Ich richtete mich auf und hielt mir das schmerzende Kreuz. Das war nicht ohne Risiko, denn der Aufseher duldete keine Pausen, außer er gab das Kommando dazu. Ich warf einen verstohlenen Blick auf Liù Jiàn. Doch weder er, noch der Aufseher beachteten mich. Dann sah ich den Grund dafür. Ein alter Mann mit weißem Bart und kahl rasiertem Kopf war auf sie zugetreten. Er war in ein braunes Tuch gehüllt und trug auf dem Rücken ein zusammengeknotetes Bündel. In der Hand hielt er einen langen Stab und ich schloss daraus, dass er von außerhalb des Tals gekommen sein musste.

Wer auch immer der Wanderer war, er musste eine Person von Rang sein. Zunächst hatte ihn Liù Jiàn skeptisch von seinem Pferd herab beäugt, doch beeilte er sich plötzlich, abzusteigen. Dann verbeugte er sich tief vor dem Fremden. Ebenso zogen sich der Sekretär und der Aufseher diskret in den Hintergrund zurück. Der fremde Mann war mächtig.

Ein Gespräch entspannte sich zwischen dem alten Mann und dem jungen Sohn des Gouverneurs. Liù Jiàn machte eine ausladende Geste, die dem Fremden wohl das Ausmaß der familiären Besitztümer verdeutlichen sollte. Der alte Mann nickte anerkennend und ließ seine Augen über die Reisfelder schweifen. Als er mich sah, wurde sein Blick plötzlich starr. Ich senkte meinen Blick und nahm rasch wieder meine Arbeit auf. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Blick Liù Jiàn in meine Richtung wanderte und mein Herz sank. Eine Diskussion über meine Person schien sich zu entwickeln. Die Arbeit mit der Harke hatte mich in die Nähe des Damms geführt, so dass ich Teile ihres Gesprächs verstehen konnte.

Zudem schien Liù Jiàn zu wollen, dass ich seine Worte hörte. Laut sprach er: “Wir haben sie von einem Bauern aus einem der Dörfer bekommen, weil er seine Schulden nicht begleichen konnte. Ein schlechtes Geschäft.” Er schnaubte abfällig, dann wandte er sich wieder an den alten Wanderer. “Als Sklaven geborene lernen von klein auf, zu dienen. Sie stellen keine Fragen und haben keine Ansprüche. Diese da musste erst lernen, zu gehorchen.” Er machte eine kurze Pause. “Wollt Ihr wissen, wie man einem Sklaven Gehorsam beibringt?”

Ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten, befahl er mich zu sich. Ich unterbrach das Umpflügen und stieg den Damm hoch. Er packte meinen linken Arm und hielt dem Fremden meine Hand hin, der ein Teil des kleinen Fingers fehlte. “Schmerz ist der beste Lehrmeister, nicht wahr?”

Ich starrte zu Boden, denn eines der wichtigsten Gebote für Sklaven besagt: “Sieh deinem Herren niemals in die Augen, ausser es wird dir befohlen!” Eine Welle ohnmächtigen Zorns durchströmte mich. Doch auch wenn es nur von kurzer Dauer war, das Aufflammen des Ungehorsams in meinem Gesicht entging Liù Jiàn nicht. Er riss mich herum und rief: “Aber trotzdem bleibt sie eine schlechte Sklavin!” Schon erhob er seinen Arm, um mich zu bestrafen.

Noch bevor er seinem Impuls nachgeben konnte, wurde er von dem alten Mann unterbrochen: “Die Diener des Herren müssen dumm sein, damit er nicht faul wird.”

Liù Jiàn glotzte ihn überrascht an und ließ den Arm sinken. Der Fremde setzte fort: “So lautet ein Sprichwort aus meiner Heimat. Es bedeutet, dass der Herr davon profitiert, wenn er einen beschränkten oder rebellischen Diener im Hause hat. Denn so verfällt er nicht in Bequemlichkeit, bleibt gerissen und ist immer auf der Hut.”

“Ist das so?” sagte Liù Jiàn mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber.

Der Wanderer nickte und lenkte seine Aufmerksamkeit gegen die Stadt. “Ich sehe, dass Ihr sehr beschäftigt seid und möchte euch nicht weiter mit meinen Fragen belästigen. Könnt ihr mir vielleicht eine Gaststätte oder einen Tempel für die Nacht empfehlen? Ich habe gehört, Tiánwǔ soll eine sehr reizvolle Stadt sein.”

Mein junger Herr beeilte sich zu antworten: “Werter Meister, es wäre mir eine Ehre, Euch im Hause der Familie Liù willkommen heißen zu dürfen! Einer unserer Sklaven hat im Wald Fasanen gefangen und der Wein aus unseren Krügen ist süß. Gönnt uns die Freude, euch zu bewirten! Ich lasse Euch sofort eine Sänfte kommen.”

Sein Gegenüber hob die Hand. “Die Sänfte muss ich ablehnen. Das Geschaukel behagt mir nicht, so dass ich lieber zu Fuß gehe. Eure Einladung nehme ich aber gerne an!”

Liù Jiàn erstrahlte und auf seinen Ruf hin kam der Sekretär gelaufen. “Eile nach hause, damit alles für die Ankunft unseres Gastes vorbereitet wird!”, kam der Befehl und der Mann machte sich sogleich in Richtung der Stadt auf. Der Fremde bedankte sich, was Liù Jiàn mit einer erneuten Verbeugung quittierte. Dann klopfte der Wanderer einmal mit seinem Stab in den Straßenstaub und wandte sich der Stadt zu.

Mein Herr nahm sein Pferd am Zügel, um ihm zu folgen. Im Fortgehen machte er eine Geste zum Aufseher. Dieser knurrte mich an: “Pack dich fort!” und gab mir einen Stoß, so dass ich den Damm hinab in das schlammige Wasser stürzte. Schnell erhob ich mich und nahm die Harke wieder auf, um meine Arbeit fortzusetzen.

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Sklave 1.1

Ich verspürte einen brennenden Schmerz, als der heiße Tee in mein Gesicht spritzte. Mit einem Schrei bedeckte ich meine Augen, dann sank ich weinend auf die Knie. Eine Stimme herrschte mich an: “Roten wollte ich, nicht schwarzen! Hör’ beim nächsten Mal genauer zu, wenn man dir etwas befiehlt, du nutzloses Stück Schweinedreck!”

Das hatte ich. Er hatte schwarz gesagt.

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Es war weithin bekannt, dass Liù Jiàn, der älteste Sohn der Familie Liù, die Sklaven des Hauses hässlich behandelte. Aber das machte nicht viel, denn was sonst konnte sich ein Sklave erwarten? Die Familie Liù war nicht nur die reichste und mächtigste in der Stadt Tiánwǔ, sondern im gesamten Tal der hundert Brücken. Der Kopf des Sippe, Liù Róng, war der vom König eingesetzte Gouverneur dieses Gebiets. Jeden Tag empfing er zahlreiche Gesandte, Händler, Bauern und andere Bewohner. Er legte fest, an wen und für wie viel Geld welches Stück Land verpachtete wurde. Er bestimmte fällige Abgaben und welche Quoten zu erfüllen waren.

Jeden Monat ging er mit seinen drei Söhnen zum Tempel von Caishen, um zum Gott des Reichtums zu beten, auf dass er sein Vermögen bewahre und weiter wachsen lasse. Regelmäßig brachte er am Tempel der Familie Opfer für seine Ahnen.

Sein prächtiges Haus hatte drei Stockwerke und lag inmitten eines weitläufigen Gartens, der von einer mannshohen Mauer umschlossen war. Dieses Anwesen war Wohn- und Amtssitz in einem und beheimatete nicht nur ihn und seine Familie, sondern auch seine vier Konkubinen und die Familien seiner zwei Brüder. Im Schatten des mächtigen Hauses befand sich ein kleiner, heruntergekommener Bau, der als Schlafplatz für die 12 männlichen und weiblichen Sklaven der Familie diente.

Ich war eine von ihnen. Eine yā​tou, ein Sklavenmädchen. Unser Leben war hart und nichts wert. Jeden Tag mit dem Hahnenschrei verließen ich das Bett, das ich mit Lilie teilte. Wasser wurde gekocht und die Schüsseln entleert, in denen die Mitglieder der Familie in der Nacht ihre Notdurft verrichtet hatten.

“Wo bleibt der Tee? Mach schneller, du faules Luder, bringe dem Meister seine Pfeife!”

Die Glücklicheren unter uns durften in der Küche aushelfen, denn es musste Congee als Frühstück zubereitet werden. Frischer Reis und Gemüse für die Mitglieder der Familie Liù und ihre Gäste. Wenn die Herren es wünschten, dann auch mit etwas Fleisch darin. Lilie hatte einen Platz in der Küche ergattert und musste deswegen nur selten hungern. Ab und zu brachte sie mir ein Schüsselchen, das sie unbemerkt zur Seite geschafft hatte. Meistens aber gab es für uns nur Weggeworfenes. Schimmliges Brot oder faulen Fisch von letzter Woche.

“Reinige unsere Ohren! Zuerst die von Großmutter. Dann massiere mir die Füße!”

Oft kam es aber auch vor, dass wir morgens nichts zu essen bekamen. Dann konnte man sein Glück am Trog im Stall hinter dem Haus versuchen. Vielleicht fanden sich dort ein paar vertrocknete Salatblätter oder abgekaute Knochen, die die Schweine übersehen oder verschmäht hatten.

“Onkel hat wieder Verstopfung. Hilf ihm und hole den Kot mit deinen Fingern aus seinem Anus!”

Sofern ich bei der Hausarbeit nicht unabkömmlich war, musste ich nach Sonnenaufgang auf die Felder. Ob zur Regenzeit, wenn tagelang unablässig Wasser vom Himmel fiel, oder im Sommer, wenn die Sonne das Gras verbrannte. Für uns Sklaven gab es auf den Feldern immer etwas zu tun. Neue Reispflänzchen mussten eingesetzt, Lotuswurzeln geerntet, oder die Erde umgegraben werden. Der Rohrstock des Aufsehers sorgte dafür, dass immer fleissig gearbeitet wurde. Bei Sonnenuntergang marschierten wir zurück in die Stadt. Aber der Tag war für uns noch nicht vorbei.

“Wasch die Kleidung des jungen Herren! Hänge die Chilischoten zum Trocknen auf! Singe Lieder für die Gäste des Meisters!”

Selbst nach einem kargen Abendmahl, wenn der Mond schon hoch am Himmel stand, durften wir unsere erschöpften Körper nicht ruhen lassen. Denn manche der weiblichen Sklaven hatten auch spät in der Nacht noch Verpflichtungen, wenn sie den Männern der Familie Liù im Bett Gesellschaft leisten mussten. Lilie mit ihrer schneeweißen Haut war eine häufig gefragte Partnerin und fast jede Nacht kam sie erst nach mir ins Bett gekrochen. Mir blieb dieser Teil erspart. Die Feldarbeit hatte meine Haut dunkel werden lassen, so dass keiner der Männer Verlangen nach meinem Körper verspürte.

—–

Der Tee brannte mir in den Augen und mein Blickfeld war verschwommen. Ich versuchte mit meinen Händen die Umgebung zu ertasten, erhielt aber einen Stoß in die Brust. Liù Jiàn schrie: “Fass mich nicht an! Scher’ dich fort und bringe mir endlich meinen Tee! Wie lange willst du mich noch warten lassen?”

Leichte Schritte kamen auf mich zu und ein Arm legte sich beruhigend um meine Schulter – Lilie. “Habt einen Augenblick Geduld, Herr”, flötete sie, worauf Liù Jiàn verächtlich schnaubte. Sie führte mich rasch aus dem Raum. Wimmernd begleitete ich sie in ein Nebenzimmer, um meinem jungen Herren den roten Tee zu bereiten.

Lilie holte eine handvoll Teeblätter aus einem Behälter und stellte eine frische Kanne mit Wasser auf den Ofen. Sie versuchte mich zu trösten, während ich mich sammelte. “Der junge Herr ist von der vielen Verantwortung angespannt. Wenn die Erntezeit beginnt, wird es besser werden.” Ihre Worte gaben mir Kraft. Doch sie konnten nicht über meine Lage hinwegtäuschen. Es war ein Tag, wie jeder andere. Nicht unbedingt schlechter, als die meisten. Denn Drohungen, Prügel und Misshandlungen gehörten für uns Sklaven zur Normalität.

Mit der Kanne in der Hand trat ich durch die Tür. Mein junger Herr ignorierte mich und las in einem Manuskript. Ich kniete mich neben ihn, verbeugte mich und schenkte ihm behutsam ein. Liù Jiàn nahm die Tasse und warf einen prüfenden Blick auf die Flüssigkeit, deren Oberfläche in der Sonne wie Öl glänzte. Dann hob er die Tasse zum Mund, blies sanft, und nahm schließlich einen Schluck.

Er sah mich kühl an. “Warum nicht gleich so?”

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