Bindung 2.1

Die Sonne ging unter, als wir aus dem Wald traten und einen Komplex aus mehreren Bauwerken auf einer Bergkuppe erreichten. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Wǔdāng Shān, einem heiligen Berg mit Klöstern, Pagoden und andere Bauten. Eine breite Freitreppe führte zum mächtigen Tor des Tempels, vor dem ein Mönch die einkehrenden Personen kontrollierte.

Nach einer kurzen Unterredung mit Dù Xīnwǔ wurden wir von ihm durch ein Netz aus Hallen, Gängen und kleinen Höfen zu zwei benachbarten Räumen gebracht, die uns als Unterkunft für die Nacht dienten. Die Einrichtung der Zimmer war zweckmäßig: Ein Bett und auf dem Boden daneben eine Schüssel für nächtliche Bedürfnisse. In einer Ecke stand ein grob gezimmerter Tisch und an der Tür befand sich ein Haken, um Kleidung daran aufzuhängen. Im Raum hing ein muffiger Geruch, aber er war sauber und um Welten besser, als das verrottete Sklavenhaus, in dem ich bisher meine Nächte verbracht hatte.

Unser Abendessen aus Reis mit etwas gedämpften Gemüse nahmen wir gemeinsam mit den Mönchen in einem großen Saal ein, dessen Dach von mächtigen Holzsäulen getragen wurde. Obwohl es ein im Sinne der Mönche einfaches Mahl war, genoss ich jeden Bissen. Unter den wohlwollenden Blicken der anderen holte ich mir dreimal einen Nachschlag vom weiß glänzenden Reis und ließ nicht ein Korn in meiner Schüssel übrig. Die Bewohner des Tempels waren freundlich. Mit Ausnahme ihrer privaten Gemächer gestatteten sie uns freien Zugang zu allen Bereichen der Anlage. Wir verspürten nach dem langen Aufstieg aber keine Lust, den Tempel zu erkunden. Nach einem kurzen Gebet an einem der zahlreichen Altäre gingen wir früh zu Bett. Satt und mit einem Gefühl der Dankbarkeit schlief ich ein.

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Am nächsten Morgen wurde ich von Dù Xīnwǔ früh geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er seinen Stab und führte mich durch das Labyrinth des Tempels, bis wir schließlich durch eine Tür ins Freie traten. Wir standen auf einem Platz, der zu drei Seiten von roten Mauern umschlossen war. An einer der Mauern befanden sich ein Tisch und zwei Hocker aus Stein. Bis auf eine Ecke, in der eine Kiefer stand, war der Platz vollständig mit Steinplatten gepflastert. Zur vierten Seite hin fiel das Terrain am Rand des Platzes abrupt ab und man konnte einen ungehinderten Ausblick auf die uns umgebende Berglandschaft genießen. Von irgendwoher ertönte das Pfeifen eines Mönches.

“Kannst du mit Waffen umgehen?”, fragte mich Dù Xīnwǔ unvermittelt.

Ich kannte ihn für keine drei Tage. Dennoch glaubte ich, den Charakter meines Führers bereits einschätzen zu können. Ich riskierte ein Bisschen Humor. “Nein. Aber mit Schaufeln und anderen Geräten für die Feldarbeit kenne ich mich aus!”

Dù Xīnwǔ kicherte und ich freute mich, dass ihm mein Scherz gefallen hatte. Dann wurde seine Miene wieder ernst und er sagte: “Das verwundert mich nicht. Denn das Letzte, was ein Herr will, sind Sklaven, die etwas vom Kampf verstehen.”

Er setzte sich auf einen der Steinhocker. “Lass uns bei den Grundlagen beginnen, damit du mir besser folgen kannst. Wie ich dir gestern schon erklärt habe und wie du auch am eigenen Leib erfahren hast, leben wir in einer harten Welt, die viele schlechte Menschen hervorgebracht hat. Und um in dieser Welt bestimmte Ziele zu erreichen, müssen wir manchmal zum äußersten aller Mittel greifen: Gewalt.”

Ich schwieg und als er sah, dass ich keine Einwände hatte, fuhr er fort. “Wird Gewalt von einem Herrscher gegen ein anderes Reich organisiert, spricht man von Krieg. Es gibt verschiedene Arten, wie ein Krieg geführt werden kann. Aber fast immer bedeutet er großes, zum Teil unermessliches Leid – abgetrennte Körperteile, ausgestochene Augen, Verstümmelungen aller Art. Verzweifelte und gebrochene Menschen.”

Mit Krieg hatte ich keine unmittelbare Erfahrung. Aber auch ohne ihn hatte ich Grausamkeit gesehen und erlebt. Ich dachte an weggelaufene Sklaven, die von ihren Herren wieder eingefangen und dann bestraft wurden. Ausgepeitschte Körper vor den Toren Tiánwǔs, von denen blutige Hautfetzen herab hingen. Menschen, denen man die Füße gebrochen hatte. Und ich erinnerte mich an den Schmerz, als man mir zur Strafe für ein Vergehen den kleinen Finger verstümmelte. Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem die Hand oder den ganzen Arm abgehackt wurde?

Mein Lehrer setzte fort: “Ich werde mit dir nicht über die Sinnhaftigkeit oder Unsinnhaftigkeit des Kriegs sprechen. Im Gegenteil. Meine Aufgabe ist sogar, dich auf den Kampf vorzubereiten. Dich so auszubilden, dass du andere Menschen im Kampf besiegen und auch töten kannst.” Er blickte um sich. “Auch wenn wir uns hier auf dem Wǔdāng Shān, dem Berg der höchsten Harmonie befinden.”

Ich verstand nicht. “Warum sollte ich kämpfen und jemand anderen töten wollen?”

Dù Xīnwǔ richtete seinen Blick auf das Bergpanorama und fixierte einen Punkt in der Ferne. “Im Reich der Sòng gibt es einen bösen und gefährlichen Mann namens Cáo Yǔ. Er hat sich gegen den Kaiser Sòng Tàizǔ aufgelehnt, Dörfer überfallen und geplündert, unschuldige Bauern getötet und ihre Frauen vergewaltigt. Der Kaiser möchte ihn unschädlich machen, doch das ist nicht so einfach, denn er hat eine Gabe.”

Er wandte sich an mich. “Weißt du, was das ist?”

Ein ungutes Gefühl beschlich  mich. Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. “Ich habe davon nur in Erzählungen gehört. Wer die Gabe hat, soll zum Beispiel über unermessliche Kraft verfügen, kann stundenlang unter Wasser verweilen oder trifft immer sein Ziel. Das besagen zumindest die Legenden”, antwortete ich.

“Keine Legenden”, sagte er bestimmt. “Es gibt nur wenige Menschen mit der Gabe, aber sie existieren! Dank ihr kämpft Cáo Yǔ mit der Kraft von 20 Männern. Er ist ein fast unbezwingbarer Gegner.”

Er blickte mir fest in die Augen. “Außer, wenn sein Gegner eine Frau aus dem Reich der Shǔ ist. Keine Sòng, sondern eine Shǔ. Das ist entscheidend! Dann verliert seine Gabe ihre Kraft und er ist nicht mehr, als ein feiger Deserteur!“

Er musterte mich, um meine Reaktion zu lesen. Dann sagte er: „Hier kommst du ins Spiel. Ich möchte, dass du gegen ihn kämpfst und mir dabei hilfst, das Monster zu besiegen!”

Ich wollte ihm widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab. “Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Warum ich gerade dich für diese Aufgabe ausgewählt habe. Dass du als Frau gegen ihn nicht bestehen können wirst, ob mit oder ohne Gabe. Wie du ohne jegliche Vorkenntnisse den Umgang mit einer Waffe erlernen sollst. Dass du noch nie in einem Kampf auf Leben und Tod standest und dir schon beim alleinigen Gedanken daran die Knie zittern.”

Ich blickte zu Boden, denn er hatte Recht. Das alles hörte sich unglaublich und gefährlich und überwältigend an. Da legte er mir eine Hand auf die Schulter. “Ich werde dich nicht dazu zwingen, diesen Weg mit mir zu gehen. Denn der brillianteste General kann keinen Erfolg haben, wenn seine Soldaten ihm nicht folgen.”

“Im Haus der Liù konnte ich dir das ganze Ausmaß dieser Aufgabe nicht erläutern. Darum kann ich es dir auch nicht verübeln, dass du mein Angebot angenommen und ohne alle Details zu kennen mit mir gegangen bist, um aus einer elenden Lage zu entkommen. Jetzt aber haben wir Tiánwǔ hinter uns gelassen und ich brauche deine unerschütterliche Zusage.”

Ich schwieg.

Dù Xīnwǔ schürzte die Lippen. “Wenn du ablehnst, gebe ich dich frei.” Er deutete zur Tür. “Dort ist der Ausgang. Ein Mönch wird dich zum Tor des Tempel begleiten und du wirst nie wieder von mir hören. Wie du aber allein, ohne Geld und Dach über dem Kopf überleben willst, bleibt dann deine Sorge. Ob du als Bettlerin in Dreck und Staub lebst, dich Männern als Bettgefährtin anbietest, oder dich wieder in die Abhängigkeit eines Herren begibst, ist mir gleich.”

Er machte eine Pause, um seine Worte auf mich wirken zu lassen. “Übernimmst du jedoch diese Bürde und hilfst mir dabei, Cáo Yǔ zu besiegen, dann verspreche ich dir, dass du frei sein wirst und nie mehr Not leiden musst! Kaiser Sòng Tàizǔ wird sich für diese Tat sehr erkenntlich zeigen. Außerdem werde ich dich ausbilden, so dass du gegen Cáo Yǔ kämpfen und ihn besiegen kannst. Du wirst auch nicht alleine gegen ihn bestehen müssen. Einige der besten Kämpfer aus allen Reichen werden dich bei deiner Aufgabe unterstützen.”

Dù Xīnwǔ sah, dass ich innerlich zerrissen war. Ich wollte frei sein und ich wollte auch kein Leben in Armut und Elend führen. Denn um zu überleben, brauchte man Arbeit und Geld. Das wusste sogar ich. Aber einen Menschen töten?

Da nahm sein Gesicht die Züge eines Raubvogels an und er sagte: “Bedenke auch das Gute, das deine Tat bewirken kann. Ich weiß nicht, was man dir über die Vergangenheit deines alten Herren Liù Róng erzählt hat. Aber ich Lüge nicht, wenn ich behaupte, dass es zwischen ihm und Cáo Yǔ nur wenige Unterschiede gibt. Der eine hat im Auftrag seines Königs und der andere gegen seinen Herrscher gehandelt. Ihre Taten waren aber fast dieselben.”

Hass durchströmte mich, als ich an Liù Róng und seinen verdorbenen Sohn denken musste. Welche Qualen ich in ihrem Haus erleiden hatte müssen! Ich wusste wirklich nicht viel über ihn, außer, dass er sich im Krieg gegen die Táng ausgezeichnet hatte. Niedergebrannte Dörfer, erschlagene Kinder und ähnliche Taten traute ich ihm aber definitiv zu. Wenn ich dabei helfen konnte mit Cáo Yǔ einen ähnlich schlechten Menschen zu besiegen, war das nicht tatsächlich etwas Gutes?

Ich traf meinen Entschluss. “Ich werde mit dir gehen und gegen den Rebellenführer kämpfen!”

Entgegen meiner Erwartung ließ Dù Xīnwǔ keine Regung der Freude erkennen. Statt dessen sah er mich entschlossen an und sagte: “Gut. Dann lass uns mit deinem Training beginnen!”

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Sklave 1.3

Die Festlichkeiten waren bereits in vollem Gange, als wir verschmutzt und erschöpft von den Feldern zurück kamen. Man hatte zu Ehren des Gastes die  besten Familien der Stadt eingeladen. Fröhliche Musik erfüllte das Haus. Diener huschten geschäftig umher. Die Tafel im großen Saal war gedeckt mit köstlichen Speisen wie gebratenem Schweinebauch, Fischkopf in Chilisoße oder in Essig eingelegte Bambussprossen. Die Stimmung war gelöst, was sicher auch am Wein lag, der ohne Unterlass in die Gläser der Gäste gegossen wurde. Reden wurden gehalten und gerötete Köpfe sprachen sich gegenseitig Glückwünsche zu. Zwischen Liù Jiàn und seinem Vater hatte der alte Wanderer Platz genommen. Milde lächelnd lauschte er ihren Ausführungen und beantwortete geduldig Fragen.

Verschmutzt wie ich war, wollten mich die Herren nicht in der Nähe ihrer Gäste sehen und ich wurde rasch nach draußen geschickt. Vielleicht dachten sie auch, dass ich etwas von den Speisen stehlen würde, während ich sie bediente.

Ich schöpfte etwas Wasser aus dem Brunnen, um mich vom gröbsten Dreck zu befreien. Danach wartete ich am vereinbarten Ort auf Lilie, doch sie erschien nicht. Ich hatte sie nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie neue Speisen für die Gäste reichte. Sie würde wohl bis spät in die Nacht beschäftigt sein.

Das Abendessen von uns Sklaven bestand aus etwas wässrigem Brei, in dem ein paar geschmacklose Pilzen schwammen. Der Aufseher verteilte das Gemisch in grob gefertigte Holzschüsseln, die er jedem einzeln überreichte. Jene, die seiner Meinung nach an diesem Tag hart genug gearbeitet hatten, bekamen eine größere Portion. Die „faulen“ unter uns bekamen eine Schüssel, die nur zur Hälfte gefüllt war. Als Frau, die noch dazu als hässlich galt, war ich fast immer unter jenen, die weniger bekamen.

Nach Sonnenuntergang wurde eine Laterne angezündet. Einige der Sklaven verbrachten die Zeit mit simplen Spielen, andere mit dem Erzählen von Geschichten. Ich zog es vor, diesen Märchen und Legenden zu lauschen, die meistens von einem der älteren Sklaven vorgetragen wurden. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als mir meine māma vor dem Schlafengehen fantastische Geschichten erzählt hatte. Darin ging es oft um siegreiche Krieger, die Heldentaten vollbrachten, oder um arme Bauernmädchen, die einen Schatz fanden oder vom Kaiser zur Braut erkoren wurden. Um das Leben und Schicksal von Sklaven ging es in diese Erzählungen nie.

Als ich zu Bett ging, war ich froh, meinen Herren an diesem Tag nicht mehr dienen zu müssen. Doch der köstliche Geruch des Festmahls hing in der Luft und ich konnte trotz der anstrengenden Feldarbeit nicht schlafen.

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Die Musik hatte aufgehört, die Gäste waren aufgebrochen und die Bewohner des Hauses hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Endlich war die Stille eingekehrt, auf die ich gehofft hatte. Nachdem ich noch eine Zeit lang bewegungslos abgewartet und mich versichert hatte, dass tatsächlich überall im Anwesen Ruhe eingekehrt war, verließ ich mein Nachtlager und schlich mich hinter das Haus.

Ich hoffte in den Küchenabfällen verwertbare Reste des Festessens vorzufinden. Solche nächtlichen Streifzüge unternahm ich nach Feierlichkeiten unserer Herren häufig und ich war im Laufe der Jahre geübt darin geworden, mich ungesehen zu bewegen. Mitglieder der Familie Liù hatte ich zu dieser Zeit weniger zu fürchten. Vielmehr waren es andere Sklaven, der Aufseher oder der Wachmann am Tor, die mich für die Gunst unserer Herren verraten konnten. Doch die anderen Sklaven schliefen alle, und auch die Füße des Wächters ragten regungslos aus seinem Torhäuschen.

Mein Weg führte mich zum Stall. Ich presste mich an seine Wand aus grob gehauenem Stein und lugte vorsichtig um die Ecke. Vor hier aus hatte ich einen guten Überblick auf das Haus und einen Teil des Gartens. Ein Huhn gackerte schläfrig, sonst schien alles ruhig. Mein Ziel war die Küchentür an der Seite des Wohnhauses. Der Mond schien und tauchte alles in ein weißes Licht. Das kam mir ungelegen und ich beschloss, nicht den direkten Weg über den Vorplatz, sondern durch einen Teil des Gartens zu wählen.

Unter den herabhängenden Zweigen einer Weide pirschte ich mich näher ans Haus heran. Nichts regte sich, doch ich wartete noch für einen Moment ab. Schließlich entschloss ich mich den Weg zur Küchentür zu wagen. In wenigen Schritte war ich dort. Nun folgte der schwierigste Teil: Die Tür. Um unbemerkt ins Innere zu gelangen, musste ich sie ohne Geräusch öffnen. Das war bei dem alten Ding nicht ohne Probleme. Ich stellte mich zur Tür und übte sanft Druck aus. Langsam, ganz langsam, tat sich ein Spalt auf.

Ein Geräusch ließ mich vor Schreck umfahren.

Hinter mir stand der Fremde. Ich wollte mich auf den Boden werfen und ihn anflehen, mich nicht bei meinen Herren zu verraten. Doch er packte mich am Arm, drückte mir eine Hand auf den Mund und presste mich an die Wand des Hauses. “Still!” zischte er mich an und ich verharrte. Er sah sich rasch um und zog mich dann hastig in eine dunkle Ecke im Garten, wo dichte Bambusstauden den Blick verstellten.  

Panik stieg in mir auf. Wollte er sich an mir vergehen? Sollte ich um Hilfe rufen? Er hielt mich noch immer fest und ich war überrascht, mit welcher Kraft er es tat. Als er sprach, konnte ich den Wein in seinem Atem riechen. “Mädchen, wie heißt du?”

“Guàn” stieß ich hervor. Bewässerung – ein Name der meine bäuerliche Herkunft verdeutlichte.

“Wir haben nicht viel Zeit, also höre mir genau zu.”

Er vergewisserte sich noch einmal, dass wir ungestört waren und setzte schließlich fort: “Ich suche nach einer Gefährtin für eine weite Reise nach Osten. Du bist kräftig und ausdauernd, also genau richtig für dieses Vorhaben. Die Hintergründe kann ich dir noch nicht nennen. Nur so viel: Die Reise wird beschwerlich und gefährlich sein. Aber ich verspreche dir die Freiheit, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Willst du dich mir anschließen?”

Als er meinen Unglauben sah, wurde seine Stimme drängender: “Guàn, ich habe gesehen, wie die Familie Liù ihre Sklaven behandelt. Ich kann dir helfen und dich bei ihnen auslösen, aber dazu musst du jetzt eine Entscheidung treffen! Überlege rasch! Denn mit oder ohne dir werde ich diese Stadt morgen früh verlassen.”

Er hatte meinen Arm freigegeben. Was sollte ich ihm antworten? Ich wusste nichts über ihn und darüber, was er mit mir vorhatte. Aber ich war ein Sklave der Familie Liù und damit weniger wert als ein Stück Dreck. In Tiánwǔ wartete keine andere Zukunft auf mich, als zu Tode geschuftet und geschlagen zu werden. Weglaufen war unmöglich. Ich war nur eine schwere Krankheit oder Verletzung davon entfernt, dass man meinen gebrochenen Körper achtlos auf der Straße liegen ließ. Was auch immer mich jenseits des Tals erwartete, es konnte kaum schlimmer sein.

“Ich komme mit”, sagte ich schließlich.

Im Mondschein sah ich, wie ein Lächeln über das Gesicht des Fremden huschte. “Gut. Wir werden gleich im Morgengrauen aufbrechen. Erzähle niemandem davon, was wir besprochen haben und halte dich bereit!” Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und war bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Verwirrt blieb ich zurück. Ich hatte die Worte leicht ausgesprochen, doch jetzt bereute ich sie. Was, wenn es ein Trick war? Falls ja, warum sollte der so fürstlich bewirtete Gast der Familie Liù so etwas tun? Und warum wollte er gerade mich als Gefährtin für eine lange Reise? Konnte er nicht ein andere Sklavin finden? Eine, die besser und hübscher waren?

Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, doch ich fand auf diese Fragen keine Antworten. Mein Hunger war verflogen und ich beschloss, zu meinem Bett zurückzukehren. So leise ich konnte, schlich ich zum Sklavenhaus. Über allem lag Stille. Niemand schien meinen nächtlichen Ausflug und das Gespräch mit dem alten Mann bemerkt zu haben. Zitternd legte ich mich auf mein Nachtlager.

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“Der Herr verlangt nach dir!” rief die Stimme des Aufsehers. Nach dem unerwarteten Treffen mit dem Fremden hatte ich kaum ein Auge zugetan. Lilie hatte die ganze Nacht in einem anderen Bett verbracht. Auch wenn der alte Mann es mir verboten hatte, wie gerne hätte ich mich ihr anvertraut!

In der Empfangshalle des Hauses warteten Liù Róng und sein Sohn zusammen mit dem alten Mann auf mein Erscheinen. Als ich vor die Herren trat, befürchtete ich das Schlimmste. Da erhob der Kopf der Familie Liù seine Stimme. “Meister Dù Xīnwǔ wird heute zurück in seine Heimat reisen. Das Alter war nicht gut zu ihm und er benötigt einen Sklaven, um die weite Reise zu bewältigen. Er wünscht, dass du ihn begleitest.”

Der Fremde hatte die Wahrheit gesprochen!

Ich war nervös und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, dass es das Beste für mich war, keine Reaktion zu zeigen und still an meinem Platz zu verweilen. Liù Róng sah mich streng an. Das Gesicht Liù Jiàns war eine Maske, nur seine Augen funkelten mich böse an.

Sein Vater fuhr fort: “Als unserem geschätzten Gast, dem wir viel zu verdanken haben, konnte ich ihm diese Bitte nicht abschlagen. Zwar habe ich versucht es ihm auszureden, da du nutzlos und hässlich wie die Kehrseite eines Schweins bist.” Er seufzte und machte eine kurze Pause. “Aber der Meister will sich nicht umstimmen lassen. Darum wirst du mit ihm dieses Haus verlassen!” In Richtung seines Gastes sagte er: “Sie ist ein faules, widerspenstiges Ding. Schlagt sie ordentlich, damit Ihr mit ihr keinen Kummer haben müsst!” Dann machte er eine Geste, um mich wegtreten zu lassen. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt und er würdigte mich keines weiteren Blickes.

Mein neuer Meister befahl mich an seine Seite und reichte mir sein Bündel. Er bedankte sich bei Liù Róng und seiner Familie für die Bewirtung. “Die Berichte über Eure Gastfreundschaft waren nicht übertrieben. Ich werde Euer Haus und Tiánwǔ in bester Erinnerung behalten und allen über die Großzügigkeit der Familie Liù berichten.” Die Gastgeber zeigten zufriedene Gesichter. Dann nahm die Stimme des alten Mannes einen verschwörerischen Ton an: “Und wie besprochen werde ich mich für Euer Anliegen einsetzen. Ich denke, dass ich die Dinge zu Euren Gunsten beeinflussen kann.”

Daraufhin machten Liù Róng und Liù Jiàn eine tiefe Verbeugung, was mein neuer Herr erwiderte. Dann gab er mir einen Wink und sagte: “Komm!”

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Wir traten ins Freie und gingen in Richtung des großen Tores. Auf dem Anwesen herrschte die übliche morgendliche Geschäftigkeit. Ich sah einen Diener, der Essensreste zum Stall brachte. Vor dem Sklavenhaus standen die Sklaven in einer Reihe vor dem Aufseher. Als sein Blick mich traf, senkte ich rasch meinen Kopf und ging etwas schneller, um nicht den Anschluss zum Fremden zu verlieren.

Als er uns sah, trat der Torwächter rasch aus seinem Häuschen und öffnete den Durchlass. Mein neuer Meister packte mich wortlos am Arm und schob mich am sich verbeugenden Wächter vorbei durch das Tor. Wir traten hinaus auf die Straße. Hinter mir hörte ich, wie der Zugang zum Anwesen der Familie Liù wieder verschlossen wurde.

Wir hatten das Anwesen verlassen.

Die Stadt erwachte gerade zum Leben. Die Bewohner öffneten die Fensterläden ihrer Häuser und die ersten Händler boten ihre Waren in Geschäften und an Ständen an. Der alte Mann ging zu einem der Stände und kaufte drei mit Gemüse gefüllte Teigtaschen. Er reichte sie mir. Erst, nachdem er mir freundlich zu nickte, griff ich zögerlich zu. Wie herrlich sie dufteten! Ich biss hinein. Der frische Teig, das köstliche Aroma von Gewürzen! Es war viele Jahre her, seit ich sie das letzte Mal probiert hatte.

Während ich aß, machte er in einem Geschäft weitere Besorgungen. Als er fertig war, klopfte er mit seinem Stab vor mir auf den Boden und sagte: “Lass uns gehen! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.”

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