Bindung 2.1

Die Sonne ging unter, als wir aus dem Wald traten und einen Komplex aus mehreren Bauwerken auf einer Bergkuppe erreichten. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Wǔdāng Shān, einem heiligen Berg mit Klöstern, Pagoden und andere Bauten. Eine breite Freitreppe führte zum mächtigen Tor des Tempels, vor dem ein Mönch die einkehrenden Personen kontrollierte.

Nach einer kurzen Unterredung mit Dù Xīnwǔ wurden wir von ihm durch ein Netz aus Hallen, Gängen und kleinen Höfen zu zwei benachbarten Räumen gebracht, die uns als Unterkunft für die Nacht dienten. Die Einrichtung der Zimmer war zweckmäßig: Ein Bett und auf dem Boden daneben eine Schüssel für nächtliche Bedürfnisse. In einer Ecke stand ein grob gezimmerter Tisch und an der Tür befand sich ein Haken, um Kleidung daran aufzuhängen. Im Raum hing ein muffiger Geruch, aber er war sauber und um Welten besser, als das verrottete Sklavenhaus, in dem ich bisher meine Nächte verbracht hatte.

Unser Abendessen aus Reis mit etwas gedämpften Gemüse nahmen wir gemeinsam mit den Mönchen in einem großen Saal ein, dessen Dach von mächtigen Holzsäulen getragen wurde. Obwohl es ein im Sinne der Mönche einfaches Mahl war, genoss ich jeden Bissen. Unter den wohlwollenden Blicken der anderen holte ich mir dreimal einen Nachschlag vom weiß glänzenden Reis und ließ nicht ein Korn in meiner Schüssel übrig. Die Bewohner des Tempels waren freundlich. Mit Ausnahme ihrer privaten Gemächer gestatteten sie uns freien Zugang zu allen Bereichen der Anlage. Wir verspürten nach dem langen Aufstieg aber keine Lust, den Tempel zu erkunden. Nach einem kurzen Gebet an einem der zahlreichen Altäre gingen wir früh zu Bett. Satt und mit einem Gefühl der Dankbarkeit schlief ich ein.

—–

Am nächsten Morgen wurde ich von Dù Xīnwǔ früh geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er seinen Stab und führte mich durch das Labyrinth des Tempels, bis wir schließlich durch eine Tür ins Freie traten. Wir standen auf einem Platz, der zu drei Seiten von roten Mauern umschlossen war. An einer der Mauern befanden sich ein Tisch und zwei Hocker aus Stein. Bis auf eine Ecke, in der eine Kiefer stand, war der Platz vollständig mit Steinplatten gepflastert. Zur vierten Seite hin fiel das Terrain am Rand des Platzes abrupt ab und man konnte einen ungehinderten Ausblick auf die uns umgebende Berglandschaft genießen. Von irgendwoher ertönte das Pfeifen eines Mönches.

“Kannst du mit Waffen umgehen?”, fragte mich Dù Xīnwǔ unvermittelt.

Ich kannte ihn für keine drei Tage. Dennoch glaubte ich, den Charakter meines Führers bereits einschätzen zu können. Ich riskierte ein Bisschen Humor. “Nein. Aber mit Schaufeln und anderen Geräten für die Feldarbeit kenne ich mich aus!”

Dù Xīnwǔ kicherte und ich freute mich, dass ihm mein Scherz gefallen hatte. Dann wurde seine Miene wieder ernst und er sagte: “Das verwundert mich nicht. Denn das Letzte, was ein Herr will, sind Sklaven, die etwas vom Kampf verstehen.”

Er setzte sich auf einen der Steinhocker. “Lass uns bei den Grundlagen beginnen, damit du mir besser folgen kannst. Wie ich dir gestern schon erklärt habe und wie du auch am eigenen Leib erfahren hast, leben wir in einer harten Welt, die viele schlechte Menschen hervorgebracht hat. Und um in dieser Welt bestimmte Ziele zu erreichen, müssen wir manchmal zum äußersten aller Mittel greifen: Gewalt.”

Ich schwieg und als er sah, dass ich keine Einwände hatte, fuhr er fort. “Wird Gewalt von einem Herrscher gegen ein anderes Reich organisiert, spricht man von Krieg. Es gibt verschiedene Arten, wie ein Krieg geführt werden kann. Aber fast immer bedeutet er großes, zum Teil unermessliches Leid – abgetrennte Körperteile, ausgestochene Augen, Verstümmelungen aller Art. Verzweifelte und gebrochene Menschen.”

Mit Krieg hatte ich keine unmittelbare Erfahrung. Aber auch ohne ihn hatte ich Grausamkeit gesehen und erlebt. Ich dachte an weggelaufene Sklaven, die von ihren Herren wieder eingefangen und dann bestraft wurden. Ausgepeitschte Körper vor den Toren Tiánwǔs, von denen blutige Hautfetzen herab hingen. Menschen, denen man die Füße gebrochen hatte. Und ich erinnerte mich an den Schmerz, als man mir zur Strafe für ein Vergehen den kleinen Finger verstümmelte. Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem die Hand oder den ganzen Arm abgehackt wurde?

Mein Lehrer setzte fort: “Ich werde mit dir nicht über die Sinnhaftigkeit oder Unsinnhaftigkeit des Kriegs sprechen. Im Gegenteil. Meine Aufgabe ist sogar, dich auf den Kampf vorzubereiten. Dich so auszubilden, dass du andere Menschen im Kampf besiegen und auch töten kannst.” Er blickte um sich. “Auch wenn wir uns hier auf dem Wǔdāng Shān, dem Berg der höchsten Harmonie befinden.”

Ich verstand nicht. “Warum sollte ich kämpfen und jemand anderen töten wollen?”

Dù Xīnwǔ richtete seinen Blick auf das Bergpanorama und fixierte einen Punkt in der Ferne. “Im Reich der Sòng gibt es einen bösen und gefährlichen Mann namens Cáo Yǔ. Er hat sich gegen den Kaiser Sòng Tàizǔ aufgelehnt, Dörfer überfallen und geplündert, unschuldige Bauern getötet und ihre Frauen vergewaltigt. Der Kaiser möchte ihn unschädlich machen, doch das ist nicht so einfach, denn er hat eine Gabe.”

Er wandte sich an mich. “Weißt du, was das ist?”

Ein ungutes Gefühl beschlich  mich. Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. “Ich habe davon nur in Erzählungen gehört. Wer die Gabe hat, soll zum Beispiel über unermessliche Kraft verfügen, kann stundenlang unter Wasser verweilen oder trifft immer sein Ziel. Das besagen zumindest die Legenden”, antwortete ich.

“Keine Legenden”, sagte er bestimmt. “Es gibt nur wenige Menschen mit der Gabe, aber sie existieren! Dank ihr kämpft Cáo Yǔ mit der Kraft von 20 Männern. Er ist ein fast unbezwingbarer Gegner.”

Er blickte mir fest in die Augen. “Außer, wenn sein Gegner eine Frau aus dem Reich der Shǔ ist. Keine Sòng, sondern eine Shǔ. Das ist entscheidend! Dann verliert seine Gabe ihre Kraft und er ist nicht mehr, als ein feiger Deserteur!“

Er musterte mich, um meine Reaktion zu lesen. Dann sagte er: „Hier kommst du ins Spiel. Ich möchte, dass du gegen ihn kämpfst und mir dabei hilfst, das Monster zu besiegen!”

Ich wollte ihm widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab. “Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Warum ich gerade dich für diese Aufgabe ausgewählt habe. Dass du als Frau gegen ihn nicht bestehen können wirst, ob mit oder ohne Gabe. Wie du ohne jegliche Vorkenntnisse den Umgang mit einer Waffe erlernen sollst. Dass du noch nie in einem Kampf auf Leben und Tod standest und dir schon beim alleinigen Gedanken daran die Knie zittern.”

Ich blickte zu Boden, denn er hatte Recht. Das alles hörte sich unglaublich und gefährlich und überwältigend an. Da legte er mir eine Hand auf die Schulter. “Ich werde dich nicht dazu zwingen, diesen Weg mit mir zu gehen. Denn der brillianteste General kann keinen Erfolg haben, wenn seine Soldaten ihm nicht folgen.”

“Im Haus der Liù konnte ich dir das ganze Ausmaß dieser Aufgabe nicht erläutern. Darum kann ich es dir auch nicht verübeln, dass du mein Angebot angenommen und ohne alle Details zu kennen mit mir gegangen bist, um aus einer elenden Lage zu entkommen. Jetzt aber haben wir Tiánwǔ hinter uns gelassen und ich brauche deine unerschütterliche Zusage.”

Ich schwieg.

Dù Xīnwǔ schürzte die Lippen. “Wenn du ablehnst, gebe ich dich frei.” Er deutete zur Tür. “Dort ist der Ausgang. Ein Mönch wird dich zum Tor des Tempel begleiten und du wirst nie wieder von mir hören. Wie du aber allein, ohne Geld und Dach über dem Kopf überleben willst, bleibt dann deine Sorge. Ob du als Bettlerin in Dreck und Staub lebst, dich Männern als Bettgefährtin anbietest, oder dich wieder in die Abhängigkeit eines Herren begibst, ist mir gleich.”

Er machte eine Pause, um seine Worte auf mich wirken zu lassen. “Übernimmst du jedoch diese Bürde und hilfst mir dabei, Cáo Yǔ zu besiegen, dann verspreche ich dir, dass du frei sein wirst und nie mehr Not leiden musst! Kaiser Sòng Tàizǔ wird sich für diese Tat sehr erkenntlich zeigen. Außerdem werde ich dich ausbilden, so dass du gegen Cáo Yǔ kämpfen und ihn besiegen kannst. Du wirst auch nicht alleine gegen ihn bestehen müssen. Einige der besten Kämpfer aus allen Reichen werden dich bei deiner Aufgabe unterstützen.”

Dù Xīnwǔ sah, dass ich innerlich zerrissen war. Ich wollte frei sein und ich wollte auch kein Leben in Armut und Elend führen. Denn um zu überleben, brauchte man Arbeit und Geld. Das wusste sogar ich. Aber einen Menschen töten?

Da nahm sein Gesicht die Züge eines Raubvogels an und er sagte: “Bedenke auch das Gute, das deine Tat bewirken kann. Ich weiß nicht, was man dir über die Vergangenheit deines alten Herren Liù Róng erzählt hat. Aber ich Lüge nicht, wenn ich behaupte, dass es zwischen ihm und Cáo Yǔ nur wenige Unterschiede gibt. Der eine hat im Auftrag seines Königs und der andere gegen seinen Herrscher gehandelt. Ihre Taten waren aber fast dieselben.”

Hass durchströmte mich, als ich an Liù Róng und seinen verdorbenen Sohn denken musste. Welche Qualen ich in ihrem Haus erleiden hatte müssen! Ich wusste wirklich nicht viel über ihn, außer, dass er sich im Krieg gegen die Táng ausgezeichnet hatte. Niedergebrannte Dörfer, erschlagene Kinder und ähnliche Taten traute ich ihm aber definitiv zu. Wenn ich dabei helfen konnte mit Cáo Yǔ einen ähnlich schlechten Menschen zu besiegen, war das nicht tatsächlich etwas Gutes?

Ich traf meinen Entschluss. “Ich werde mit dir gehen und gegen den Rebellenführer kämpfen!”

Entgegen meiner Erwartung ließ Dù Xīnwǔ keine Regung der Freude erkennen. Statt dessen sah er mich entschlossen an und sagte: “Gut. Dann lass uns mit deinem Training beginnen!”

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Episode 1.5 – Vom Problem des Kaisers

Kaiser Sòng Tàizǔ hatte gut gefrühstückt. Mit ein paar Weinbeeren in der Hand schlenderte er durch den Steingarten bis zu jenem Teil des Sommerpalastes, in dem sich sein Arbeitszimmer befand. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den See mit seinen zahlreichen Buchten. Das Schilf schwankte sanft im Wind und zwischen Seerosen tummelten sich zahlreiche Schwäne und Mandarinenten.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen und obwohl die Sonne erst vor kurzem aufgegangen war, konnte der Kaiser bereits viele Menschen ausmachen, die durch den Park am Ufer des Sees spazierten. Später würde er als Bediensteter oder Bote verkleidet ebenfalls einen Spaziergang machen. Derart getarnt gab es vielleicht die Chance, in einem der zahlreichen Pavillons ein Gespräch zu belauschen. Denn auch hier, eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt entfernt, blühten die Palastintrigen. Und es war immer gut, über die neuesten Gerüchte und Verschwörungen informiert zu bleiben.

Nun aber musste er sich einer anderen Sache widmen. Es ging um eine Angelegenheit, die zwar nicht seine ungeteilten Aufmerksamkeit, aber doch einer baldigen Lösung bedurfte, bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem auswuchs. Zur vereinbarten Zeit erschien an der Türschwelle Mǎ Sānbǎo, einer seiner engsten Berater und Ansprechperson für vertrauliche Dinge. Der Kaiser ließ ihn für einen Moment warten und deutete ihm dann, auf einem Sessel in einigen Metern Entfernung Platz zu nehmen. Die beiden Männer hätten Freunde sein können, aber derartige Gesten der Macht waren wichtig, um die Autorität zu wahren.

“Nun, mein Lieber. Wie stehen die Dinge im Norden?”

Der Berater striff sich sein Gewand zurecht und räusperte sich. “Es ist, wie wir befürchtet hatten. Eine Gruppe von Soldaten um den Rebellenführer Cáo Yǔ ist desertiert und hat nahe der nordöstlichen Grenze einen Aufstand angezettelt. Es ist ein schändliches Verhalten, das kaiserliche Vertrauen derart…”

Sòng Tàizǔ erhob eine Hand, um ihn zu unterbrechen, und der Berater verstummte. Derartige Bekundungen waren erfreulich, aber an dieser Stelle unangebracht. Der Kaiser fragte: “Wie weit ist die Rebellion fortgeschritten?”

“Noch sehr begrenzt. Nicht mehr, als ein paar Dörfer.”

“Wie viele Männer hat er?”

“Wir schätzen, dass es im Moment nicht mehr als 200 sind.”

“Wie gut sind sie bewaffnet?”

“Die Aufständischen konnten sich aus den Beständen der örtliche Garnison bedienen. Alles in allem gehen wir von etwa 50 ausreichend bewaffneten Männern aus. Der Rest wird nur mit minderwertigen Waffen wie Spießen in den Kampf ziehen.”

Der Kaiser machte eine Geste und der Berater trat zu einem großen Tisch. Darauf befand sich eine Karte des betroffenen Gebiets. Auf dem Tisch standen mehrere kleine Figuren aus Jade, Holz und Elfenbein. Sòng Tàizǔ nahm einige Jadefiguren und platzierte sie an verschiedenen Stellen auf der Karte. Das waren seine Truppen. Dann platzierte er eine Holzfigur in der nordöstlichen Ecke der Karte. “Das erste Ziel der Verräter wird somit sein, mehr Waffen und Ausrüstung zu erbeuten.”

Der Berater nickte. “Bis nach Dìngzhōu sind es von dort nur ein paar Tage. Die Stadt ist nur von wenigen Männern gesichert, verfügt aber über ein großes Kontor, da es als Versorgungspunkt für die umliegenden Garnisonen dient. Damit wird er in der Lage sein, einen Großteil seiner Männer gut auszurüsten.”

“Fällt Dìngzhōu ist der Weg nach Westen frei”, sprach der Kaiser. Die Stadt war ein wichtiger Handelsknoten. Von dort konnte die Rebellion rasch auf andere Gebiete übergreifen. Das war ein Problem.

“Können wir die Sache durch Bestechung regeln?”

Der Berater machte eine Miene. “Die zwei Boten, die wir mit Angeboten zu ihm geschickt haben, kamen nicht mehr zurück…”

“Also kein Pragmatiker”, schloss der Kaiser und erhob die Hand. Ein Diener erschien mit einem Teller voller Pfirsiche. Der Kaiser nahm sich ein zartrosanes, besonders pralles Exemplar und biss hinein. Nachdem der Diener sich wieder zurückgezogen hatte, setzte der Konsultant mit seinen Ausführungen fort: “Nein. Dass er unsere Avancen ausgeschlagen hat, bestätigt eine weitere Vermutung und deckt sich auch mit dem, was unsere Quellen über ihn berichtet haben.”

“Er hat eine Gabe”, sagte der Kaiser im Ton ernster Feststellung.

“Ja. Den uns vorliegenden Berichten zufolge scheint sie ihm die Kampfkraft von 20 Männern zu verleihen. Offensichtlich hat er Schaukämpfe veranstaltet, um seine Macht zu demonstrieren und um neue Anhänger zu gewinnen.”

Menschen mit einer Gabe. Menschen, deren Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich weit über jene normaler Personen hinausreichten. Der Kaiser betrachtete die ausgebreitete Karte. Im Falle des Rebellenführers war es weniger sein strategisches Geschick, sonder seine große Strahlkraft, die ihn gefährlich machte. Schaukämpfe also. Wenn sich erst einmal die Idee von seiner scheinbaren Unbezwingbarkeit in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatten, würde es sehr viel schwieriger werden, sich seiner zu entledigen. Hinzu kam: Wenn dieser Mann tatsächlich über eine solch enorme Kampfkraft verfügen sollte, würde es eine ganze Armee brauchen, um ihn zu besiegen. Soldaten, die er an anderer Stelle benötigte.

Der Kaiser deutete erneut auf die Karte. Seine Hand wanderte nun nach Süden. “Die Shǔ sind unruhig. Unsere Spione verzeichnen Truppenbewegungen unweit der Grenze. Wenn der Angriff gelingen soll, kann ich es mir im Moment nicht erlauben, zur Bekämpfung der Verräter größere Kontingente so weit nach Nordosten zu verlegen.”

Ohne von der Karte aufzublicken, setzte er fort: “Aber wie ich dich kenne, mein lieber Mǎ Sānbǎo, hast du doch sicher schon eine Idee parat.”

Der Berater fühlte sich ob dieses Lobs geschmeichelt und fühlte seinen Einfluss wachsen. “Tatsächlich habe ich einen Weg gefunden, das Problem zu lösen, ohne dass wir Truppen von anderen Teilen des Reiches abziehen müssen. Die Lösung hängt mit Cáo Yǔ selbst zusammen. Wie jeder Mensch mit einer Gabe verfügt auch er über einen Schwachpunkt, der ihre Vorteile außer Kraft setzt. Wir haben stichhaltige Hinweise darauf, wo diese empfindliche Stelle bei ihm liegt.”

Der Kaiser lächelte wissend, ließ den Konsultant aber weitersprechen.

“Setzt man seine Gabe außer Kraft, ist er leicht zu besiegen. Ist der Schlange erst einmal der Kopf abgeschlagen, werden sich seine Männer schnell in alle Richtungen verteilen und die Rebellion ist im Keim erstickt!”

Der Kaiser strich sich über seinen Bart. “Das hört sich alles gut an. Aber um Erfolg zu haben, braucht es doch sicherlich noch mehr?”

Mǎ Sānbǎo antwortete: “Wir müssen geschickt vorgehen. Cáo Yǔ darf nicht wissen, dass wir seinen Schwachpunkt kennen. Gleichsam muss verborgen bleiben, dass wir bereits entsprechende Vorbereitungen für den Schlag gegen ihn unternehmen.“ Dann senkte er den Ton in seiner Stimme und raunte: „Wenn mein Kaiser es erlaubt, werde ich mich zu diesem Zwecke an den blauen Lotus wenden.”

Der Kaiser erinnerte sich an frühere Berichte und sein Gesicht verfinsterte sich. “Ein Geheimorden?”

“Seid unbesorgt”, beschwichtigte der Berater seinen Herren. “Es ist ein Orden, dessen Mitglieder zwar zurückgezogen leben, aber wiederholt Unterstützung für Euren Thronanspruch geäußert haben. Der blaue Lotus verfügt über einige Elemente, die im Verborgenen wirken und uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen. So können wir die Angelegenheit klären, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr selbst wisst, dass Feinde ihre Augen und Ohren überall haben. Sogar hier, in Eurem Palast.”

Der Kaiser war zu einem der Fenster gegangen und beobachtete von dort zwei Reiher, die am Ufer des Sees langsam durch das Wasser schritten und dabei nach Fröschen Ausschau hielten. “Den richtigen Moment abwarten und dann zuschlagen”, murmelte er mit Blick auf die Vögel und dachte dabei an den blauen Lotus, Cáo Yǔ und das Shǔ-Königreich. Sein Ausdruck war hart geworden und der Konsultant befürchtete, dass es ihm nicht gelungen war, die Zweifel des Kaisers zu zerstreuen. Doch dann wandte sich Sòng Tàizǔ zu ihm.

“Nun gut, vertrauen wir auf dein Urteilsvermögen. Leite umgehend alles in Notwendige in die Wege!”

Der Berater erschauderte unter diesen Worten. Doch schnell fasste er sich wieder und antwortete: “Sehr wohl. Ich werde einen der besten Männer des Ordens mit der Aufgabe betrauen.”

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Sklave 1.4

Wir verließen die Stadt. Die Sonne war aufgegangen und am blauen Himmel standen kleine Wölkchen. Es versprach ein warmer Tag zu werden. Mein neuer Meister führte uns nach Norden, wo eine Kette bewaldeter Hügel das Tal begrenzte. Die Straße führte uns durch Reis- und Gemüsefelder, die bereits seit dem Morgengrauen emsig von Bauern und Sklaven bearbeitet wurden. Obwohl auf den Feldern und Straßen reger Betrieb herrschte, schien sich niemand weiter um uns zu kümmern. Ich war aufgewühlt von den Ereignissen der letzten Stunden. Gestern noch war ich selbst im schlammigen Wasser dieser Felder gestanden, hatte hungrig neue Bewässerungsgräben gezogen, mit rissigen Händen nach Schädlingen auf den Pflanzen gesucht, oder mit abgebrochenen Fingernägeln Wurzeln ausgegraben. Nun aber schritt ich mit vollem Bauch und bis auf ein flaues Gefühl der Ungewissheit nahezu unbeschwert an meinem bisherigen Leben vorbei.

Mit federndem Schritt ging der alte Mann voran. In seiner Hand hielt er wieder den langen Stab. Ich folgte ihm mit einigem Abstand, wie es sich für einen Sklaven gehörte. Verschiedene Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wer war er? Was wollte er von mir? Wohin führte er mich? Er hatte von einem weiten und gefahrvollen Weg gesprochen. Der Gedanke daran fühlte sich wie ein großer Stein in meinem Magen an. Mein ganzes Leben hatte ich im Tal verbracht. Nie war ich über die Felder, die sich rings um Tiánwǔ erstreckten, hinaus gekommen.

Ich blickte auf die Hügellandschaft, aus der sich in der Ferne einige Berge erhoben. Was lag hinter diesen Bergen? Dann schüttelte ich den Kopf und schalt mich in Gedanken selbst. Wie absurd. Die unbekannte Zukunft mit diesem Mann schien mich mehr zu belasten, als die Gewissheit der Schläge, die ich jeden Tag im Haus der Familie Liù erhalten hatte.

Wir passierten eine alte Holzbrücke, die sich über einen kleinen Bach spannte. Da drehte sich mein Führer um, deutete auf das sandige Ufer und sagte: “Wasch dich!” Wie befohlen trat ich an das Wasser heran und begann, mich auszuziehen. Ich watete in den Bach. Zunächst nutze ich nur meine Hände, um mich zu reinigen. Doch aus Furcht, meinen Führer warten zu lassen, legte ich mich schließlich mit meinem ganzen Körper in das kühle, knietiefe Wasser.

Er hatte sich von mir abgewandt. “Auch den Kopf!”, befahl er und ich tat wie geheißen. Er schien an meinem nackten Körper nicht interessiert zu sein. Fand er mich wegen meiner dunklen Haut auch abstoßend, so wie Liù Jiàn und die anderen? War er vielleicht ein Mönch und führte ein Leben in Enthaltsamkeit? Auch erinnerte ich mich an Erzählungen über Männer, die nicht an Frauen, sondern nur an anderen Männern interessiert waren. Es gab so viel, dass ich nicht wusste oder nicht verstand.

Seinen Blick weiter auf die Reisfelder gerichtet sprach er wieder zu mir: “Bevor wir weitergehen, möchte ich etwas klarstellen. Mein Name ist Dù Xīnwǔ. So möchte ich von dir auch genannt werden. Nicht Herr, nicht Meister oder sonst irgendetwas! Dù Xīnwǔ genügt.”

Obwohl er meine Reaktion nicht sehen konnte, nickte ich und stieg aus dem Bach. Da warf er ein Bündel in meine Arme und deutete mir, es zu öffnen. Ich war überrascht. Darin befanden sich ein Strohhut sowie eine Hose und ein Oberteil, beide aus einem grauen, groben Stoff. Dù Xīnwǔ lachte: “Wir werden einige Zeit lang miteinander unterwegs sein. Da kann ich dich doch nicht stinkend und zerlumpt neben mir herlaufen lassen!” Dann drehte er sich um und marschierte weiter in Richtung der Berge.

Ich lächelte ungläubig, zog mir die neue Kleidung an und warf die alte in einen Graben neben der Straße. Dann setzte ich mir den Hut auf und warf den Sonnenschutz, den ich am Tag zuvor aus Schilf geflochten hatte, in den Bach. Von der Brücke aus beobachtete ich, wie er vom Wasser langsam fortgetragen wurde. Dann wandte ich mich Dù Xīnwǔ zu und lief ihm rasch hinterher.

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Wir hatten den Talboden hinter uns gelassen und folgten einem schmalen Pfad in die Hügel. Seitliches des Weges befanden sich zwischen Gemüsebeeten zwei kleine Bauernhäuser. Nebenan war ein umzäunter Bereich, in dem einige Schweine grunzend durch die Erde wühlten. Ein Kind spielte im Staub mit zwei abgebrochenen Zweigen.

“Ich bin ein alter Mann. Wenn ich mich dauernd umdrehen muss, wird mein Hals irgendwann steif. Sofern es die Verhältnisse zulassen, möchte ich, dass du neben mir gehst!” Ich folgte Dù Xīnwǔs Worten und ging schneller, um an seine Seite zu gelangen.

Ich hatte nun zum ersten Mal die Gelegenheit, meinen Führer genauer aus der Nähe und bei Tageslicht zu betrachtet. Er mochte zwischen 50 und 60 Jahre alt sein. Seine Haut hatte einen dunklen Teint. Wie ich musste er viel Zeit unter der Sonne verbracht haben. Kleine Fältchen in den Augenwinkeln gaben ihm ein freundliches, fast verschmitztes Aussehen. Sein Mund hatte einen festen Zug, der ihn entschlossen wirken ließ. Seine Hände waren grob und rau. Dù Xīnwǔ musste regelmäßig körperliche Arbeit geleistet haben.

Auch er musterte mich mit Interesse. Schließlich sagte er: “Du musst viele Fragen haben. Zum Beispiel, warum ich dich von deinen früheren Herren frei gelöst habe.”

Ich nickte.

“In den kommenden Tagen werde ich dir alles erklären. Denke aber nicht, dass ich es aus reinem Edelmut getan habe, oder weil mir dein Gesicht so gut gefällt!”

“Die Menschen in dieser Welt unterscheiden sich nach dem Grad ihrer Schlechtigkeit. Es gibt manche unter ihnen, die sind sehr schlecht, und viele, die weniger schlecht sind. Aber keiner ist ohne Sünde. Du magst mir gegenüber Dankbarkeit empfinden, aber bedenke, dass in diesem Moment jemand anderes deinen Platz als neuer Sklave der Familie Liù einnehmen wird.”

Der Gedanke erschütterte mich.

In meinem Kopf sah ich Liù Jiàn, wie er im Auftrag seines Vaters durch den Sklavenmarkt von Tiánwǔ schlenderte und dabei Menschen wie Schweinehälften taxierte. Er war auf der Suche nach einer neuen Sklavin. Jung sollte sie sein und hübsch. Sein Auge fiel auf ein Mädchen, das in Seide gekleidet war, um interessierte Käufer anzulocken. Ihre Haut war weiß wie Jade und der gesenkte Blick ihrer mandelförmigen Augen verlieh ihr ein sanftmütiges Aussehen, dass ihn an ein Lämmchen erinnerte. Zufrieden langte er nach dem Geldbeutel. Seinem Vater würde dieses neue Ding für das Bett sicher gefallen.

Ich biss mir auf die Lippen.

Dann dachte ich mit Bestürzung an Lilie. Nach dem Fest hatte sie die Nacht im Bett eines Herren verbracht. Der raschen Aufbruch an diesem Morgen hatte keine Möglichkeit geboten, ihr Lebewohl zu sagen. Mit ihren Worten des Trostes war sie im Haus der Familie Liù meine einzige Freundin gewesen. Durch ihre versteckten Geschenke aus der Küche hatte sie zu meinem Überleben beigetragen. Was würde nun aus ihr? Auch wenn ihre Stellung im Haus eine weit bessere als die meinige war – würde sie nicht einsam sein?

Ein Gefühl der Schuld überkam mich und ich verspürte tausend kleine Stiche in meinem Herzen. Aber was konnte ich dagegen tun? So war das Leben eines Sklaven. Ein Wort unserer Meister genügte, um unserem Leben eine neue Wende zu geben.

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Wir hatten die Bauernhäuser hinter uns gelassen und folgten dem Pfad stetig bergauf. Die Felder waren in Buschland und Wald übergegangen. Ich genoss den Schatten, den die Bäume in der Mittagshitze spendeten.

„Wie alt bist du?“ wollte mein Führer von mir wissen.

„Ich weiß nicht genau. Als ich in das Haus der Familie Liù kam, war ich 8 oder 9 Jahre alt. Das war vor 5 oder 6 Jahren.“

„Wie kamst du in das Haus deiner früheren Herren?“

„Māma, bàba und gēge hatten nach einer schlechten Ernte kein Geld, um ihre Schulden zu bezahlen. Darum verkauften sie mich.“

„Eltern die ihre Kinder verkaufen müssen. Das Schicksal kann in der Tat grausam sein“, sagte mein Führer nachdenklich.

„Ich war nur eine Tochter. Mich wegzugeben, ist wie Wasser zu verschütten.“ Ich sprach ohne Emotionen. Warum auch? Als Mädchen war ich wenig wert. So hatten meine Eltern mit mir noch ein letztes gutes Geschäft gemacht.

Dù Xīnwǔ betrachtete mich für einen Moment. Er schien etwas sagen zu wollen. Doch dann besann er sich, richtete seinen Blick wieder nach vorne und schwieg.

Auch ich wollte ihm Fragen stellen und mehr über ihn und den Grund unserer Reise herausfinden. Doch er vertröstete mich: “In den kommenden Tagen werden wir noch ausreichend Gelegenheit finden, um zu sprechen. Lass uns vorerst sehen, dass wir rasch fort kommen. Hier kann es für uns gefährlich werden.”

Warum befanden wir uns in Gefahr? Zu meinen bestehenden kamen neue Fragen hinzu.

Doch da ich vorerst keine Antworten erwarten konnte, beschloss ich, meine Umgebung genauer zu studieren. Es war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich mich wieder ein einem Wald befand. Das Rascheln der Blätter, knackende Zweige unter unseren Füßen, die Geräusche verborgener Tiere. Alles wirkte befremdlich auf mich. Auch die Luft war anders, als in der Stadt oder auf den Feldern. Sie war kühl und roch frisch.

Als Sklavin hatte ich für solche Dinge nie Zeit gehabt. Entweder hatte ich gearbeitet oder waren auf dem Weg von oder zur Arbeit. Nun sah ich Käfer über die Rinde von Bäumen krabbeln. Ich lauschte dem Zwitschern unbekannter Vögel. Auch stellte ich fest, dass sich die Art der vorkommenden Pflanzen veränderte, je weitere wir dem Pfad in die Berge folgten. Jeder Baum war interessant und hinter jedem Stein lag eine Überraschung. Den ganzen Tag lang sog ich diese neuen Eindrücke gierig auf.

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Kurz vor Sonnenuntergang öffnete sich der Wald und ich folgte meinem Führer auf einen Felsvorsprung. Die sich uns offenbarende Aussicht war wunderschön. Unter uns befand sich das von der Nachmittagssonne durchflutete Tal. Zwischen grünen Feldern und einem Netz aus Kanälen lag friedlich Tiánwǔ mit seinen stattlichen Häusern, Tempeln und Straßen. Vor den Mauern der Stadt konnte ich eine Person erkennen, die einen Ochsen zum Fluss trieb. Menschen waren alleine oder in Gruppen über die Felder verteilt. Ein paar Reiter trabten auf ihren Pferden nach Osten.

Etwas abseits der Stadt lagen zwei kleine Siedlungen. Bauerndörfer, die aus Ansammlungen ärmlichen Hütten bestanden. Ich konnte mich nicht mehr genau daran erinnern, in welchem, aber in einem dieser Dörfer war ich aufgewachsen. Ich dachte an bàba, māma und großen Bruder, die irgendwo unter mir ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Wie es ihnen wohl erging? Erinnerten sie sich noch an ihre Tochter, oder hatten sie mich vergessen? Hatte ihnen mein Verkauf das erhoffte besser Leben ermöglicht? Dù Xīnwǔ war wortlos auf den Pfad zurückgekehrt. Ich verharrte noch für einen Moment auf dem Felsen. Dann atmete ich tief ein und lief rasch in den Wald zurück, um wieder zu ihm aufzuschließen. Ich fühlte nichts.

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Sklave 1.3

Die Festlichkeiten waren bereits in vollem Gange, als wir verschmutzt und erschöpft von den Feldern zurück kamen. Man hatte zu Ehren des Gastes die  besten Familien der Stadt eingeladen. Fröhliche Musik erfüllte das Haus. Diener huschten geschäftig umher. Die Tafel im großen Saal war gedeckt mit köstlichen Speisen wie gebratenem Schweinebauch, Fischkopf in Chilisoße oder in Essig eingelegte Bambussprossen. Die Stimmung war gelöst, was sicher auch am Wein lag, der ohne Unterlass in die Gläser der Gäste gegossen wurde. Reden wurden gehalten und gerötete Köpfe sprachen sich gegenseitig Glückwünsche zu. Zwischen Liù Jiàn und seinem Vater hatte der alte Wanderer Platz genommen. Milde lächelnd lauschte er ihren Ausführungen und beantwortete geduldig Fragen.

Verschmutzt wie ich war, wollten mich die Herren nicht in der Nähe ihrer Gäste sehen und ich wurde rasch nach draußen geschickt. Vielleicht dachten sie auch, dass ich etwas von den Speisen stehlen würde, während ich sie bediente.

Ich schöpfte etwas Wasser aus dem Brunnen, um mich vom gröbsten Dreck zu befreien. Danach wartete ich am vereinbarten Ort auf Lilie, doch sie erschien nicht. Ich hatte sie nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie neue Speisen für die Gäste reichte. Sie würde wohl bis spät in die Nacht beschäftigt sein.

Das Abendessen von uns Sklaven bestand aus etwas wässrigem Brei, in dem ein paar geschmacklose Pilzen schwammen. Der Aufseher verteilte das Gemisch in grob gefertigte Holzschüsseln, die er jedem einzeln überreichte. Jene, die seiner Meinung nach an diesem Tag hart genug gearbeitet hatten, bekamen eine größere Portion. Die „faulen“ unter uns bekamen eine Schüssel, die nur zur Hälfte gefüllt war. Als Frau, die noch dazu als hässlich galt, war ich fast immer unter jenen, die weniger bekamen.

Nach Sonnenuntergang wurde eine Laterne angezündet. Einige der Sklaven verbrachten die Zeit mit simplen Spielen, andere mit dem Erzählen von Geschichten. Ich zog es vor, diesen Märchen und Legenden zu lauschen, die meistens von einem der älteren Sklaven vorgetragen wurden. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als mir meine māma vor dem Schlafengehen fantastische Geschichten erzählt hatte. Darin ging es oft um siegreiche Krieger, die Heldentaten vollbrachten, oder um arme Bauernmädchen, die einen Schatz fanden oder vom Kaiser zur Braut erkoren wurden. Um das Leben und Schicksal von Sklaven ging es in diese Erzählungen nie.

Als ich zu Bett ging, war ich froh, meinen Herren an diesem Tag nicht mehr dienen zu müssen. Doch der köstliche Geruch des Festmahls hing in der Luft und ich konnte trotz der anstrengenden Feldarbeit nicht schlafen.

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Die Musik hatte aufgehört, die Gäste waren aufgebrochen und die Bewohner des Hauses hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Endlich war die Stille eingekehrt, auf die ich gehofft hatte. Nachdem ich noch eine Zeit lang bewegungslos abgewartet und mich versichert hatte, dass tatsächlich überall im Anwesen Ruhe eingekehrt war, verließ ich mein Nachtlager und schlich mich hinter das Haus.

Ich hoffte in den Küchenabfällen verwertbare Reste des Festessens vorzufinden. Solche nächtlichen Streifzüge unternahm ich nach Feierlichkeiten unserer Herren häufig und ich war im Laufe der Jahre geübt darin geworden, mich ungesehen zu bewegen. Mitglieder der Familie Liù hatte ich zu dieser Zeit weniger zu fürchten. Vielmehr waren es andere Sklaven, der Aufseher oder der Wachmann am Tor, die mich für die Gunst unserer Herren verraten konnten. Doch die anderen Sklaven schliefen alle, und auch die Füße des Wächters ragten regungslos aus seinem Torhäuschen.

Mein Weg führte mich zum Stall. Ich presste mich an seine Wand aus grob gehauenem Stein und lugte vorsichtig um die Ecke. Vor hier aus hatte ich einen guten Überblick auf das Haus und einen Teil des Gartens. Ein Huhn gackerte schläfrig, sonst schien alles ruhig. Mein Ziel war die Küchentür an der Seite des Wohnhauses. Der Mond schien und tauchte alles in ein weißes Licht. Das kam mir ungelegen und ich beschloss, nicht den direkten Weg über den Vorplatz, sondern durch einen Teil des Gartens zu wählen.

Unter den herabhängenden Zweigen einer Weide pirschte ich mich näher ans Haus heran. Nichts regte sich, doch ich wartete noch für einen Moment ab. Schließlich entschloss ich mich den Weg zur Küchentür zu wagen. In wenigen Schritte war ich dort. Nun folgte der schwierigste Teil: Die Tür. Um unbemerkt ins Innere zu gelangen, musste ich sie ohne Geräusch öffnen. Das war bei dem alten Ding nicht ohne Probleme. Ich stellte mich zur Tür und übte sanft Druck aus. Langsam, ganz langsam, tat sich ein Spalt auf.

Ein Geräusch ließ mich vor Schreck umfahren.

Hinter mir stand der Fremde. Ich wollte mich auf den Boden werfen und ihn anflehen, mich nicht bei meinen Herren zu verraten. Doch er packte mich am Arm, drückte mir eine Hand auf den Mund und presste mich an die Wand des Hauses. “Still!” zischte er mich an und ich verharrte. Er sah sich rasch um und zog mich dann hastig in eine dunkle Ecke im Garten, wo dichte Bambusstauden den Blick verstellten.  

Panik stieg in mir auf. Wollte er sich an mir vergehen? Sollte ich um Hilfe rufen? Er hielt mich noch immer fest und ich war überrascht, mit welcher Kraft er es tat. Als er sprach, konnte ich den Wein in seinem Atem riechen. “Mädchen, wie heißt du?”

“Guàn” stieß ich hervor. Bewässerung – ein Name der meine bäuerliche Herkunft verdeutlichte.

“Wir haben nicht viel Zeit, also höre mir genau zu.”

Er vergewisserte sich noch einmal, dass wir ungestört waren und setzte schließlich fort: “Ich suche nach einer Gefährtin für eine weite Reise nach Osten. Du bist kräftig und ausdauernd, also genau richtig für dieses Vorhaben. Die Hintergründe kann ich dir noch nicht nennen. Nur so viel: Die Reise wird beschwerlich und gefährlich sein. Aber ich verspreche dir die Freiheit, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Willst du dich mir anschließen?”

Als er meinen Unglauben sah, wurde seine Stimme drängender: “Guàn, ich habe gesehen, wie die Familie Liù ihre Sklaven behandelt. Ich kann dir helfen und dich bei ihnen auslösen, aber dazu musst du jetzt eine Entscheidung treffen! Überlege rasch! Denn mit oder ohne dir werde ich diese Stadt morgen früh verlassen.”

Er hatte meinen Arm freigegeben. Was sollte ich ihm antworten? Ich wusste nichts über ihn und darüber, was er mit mir vorhatte. Aber ich war ein Sklave der Familie Liù und damit weniger wert als ein Stück Dreck. In Tiánwǔ wartete keine andere Zukunft auf mich, als zu Tode geschuftet und geschlagen zu werden. Weglaufen war unmöglich. Ich war nur eine schwere Krankheit oder Verletzung davon entfernt, dass man meinen gebrochenen Körper achtlos auf der Straße liegen ließ. Was auch immer mich jenseits des Tals erwartete, es konnte kaum schlimmer sein.

“Ich komme mit”, sagte ich schließlich.

Im Mondschein sah ich, wie ein Lächeln über das Gesicht des Fremden huschte. “Gut. Wir werden gleich im Morgengrauen aufbrechen. Erzähle niemandem davon, was wir besprochen haben und halte dich bereit!” Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und war bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Verwirrt blieb ich zurück. Ich hatte die Worte leicht ausgesprochen, doch jetzt bereute ich sie. Was, wenn es ein Trick war? Falls ja, warum sollte der so fürstlich bewirtete Gast der Familie Liù so etwas tun? Und warum wollte er gerade mich als Gefährtin für eine lange Reise? Konnte er nicht ein andere Sklavin finden? Eine, die besser und hübscher waren?

Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, doch ich fand auf diese Fragen keine Antworten. Mein Hunger war verflogen und ich beschloss, zu meinem Bett zurückzukehren. So leise ich konnte, schlich ich zum Sklavenhaus. Über allem lag Stille. Niemand schien meinen nächtlichen Ausflug und das Gespräch mit dem alten Mann bemerkt zu haben. Zitternd legte ich mich auf mein Nachtlager.

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“Der Herr verlangt nach dir!” rief die Stimme des Aufsehers. Nach dem unerwarteten Treffen mit dem Fremden hatte ich kaum ein Auge zugetan. Lilie hatte die ganze Nacht in einem anderen Bett verbracht. Auch wenn der alte Mann es mir verboten hatte, wie gerne hätte ich mich ihr anvertraut!

In der Empfangshalle des Hauses warteten Liù Róng und sein Sohn zusammen mit dem alten Mann auf mein Erscheinen. Als ich vor die Herren trat, befürchtete ich das Schlimmste. Da erhob der Kopf der Familie Liù seine Stimme. “Meister Dù Xīnwǔ wird heute zurück in seine Heimat reisen. Das Alter war nicht gut zu ihm und er benötigt einen Sklaven, um die weite Reise zu bewältigen. Er wünscht, dass du ihn begleitest.”

Der Fremde hatte die Wahrheit gesprochen!

Ich war nervös und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, dass es das Beste für mich war, keine Reaktion zu zeigen und still an meinem Platz zu verweilen. Liù Róng sah mich streng an. Das Gesicht Liù Jiàns war eine Maske, nur seine Augen funkelten mich böse an.

Sein Vater fuhr fort: “Als unserem geschätzten Gast, dem wir viel zu verdanken haben, konnte ich ihm diese Bitte nicht abschlagen. Zwar habe ich versucht es ihm auszureden, da du nutzlos und hässlich wie die Kehrseite eines Schweins bist.” Er seufzte und machte eine kurze Pause. “Aber der Meister will sich nicht umstimmen lassen. Darum wirst du mit ihm dieses Haus verlassen!” In Richtung seines Gastes sagte er: “Sie ist ein faules, widerspenstiges Ding. Schlagt sie ordentlich, damit Ihr mit ihr keinen Kummer haben müsst!” Dann machte er eine Geste, um mich wegtreten zu lassen. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt und er würdigte mich keines weiteren Blickes.

Mein neuer Meister befahl mich an seine Seite und reichte mir sein Bündel. Er bedankte sich bei Liù Róng und seiner Familie für die Bewirtung. “Die Berichte über Eure Gastfreundschaft waren nicht übertrieben. Ich werde Euer Haus und Tiánwǔ in bester Erinnerung behalten und allen über die Großzügigkeit der Familie Liù berichten.” Die Gastgeber zeigten zufriedene Gesichter. Dann nahm die Stimme des alten Mannes einen verschwörerischen Ton an: “Und wie besprochen werde ich mich für Euer Anliegen einsetzen. Ich denke, dass ich die Dinge zu Euren Gunsten beeinflussen kann.”

Daraufhin machten Liù Róng und Liù Jiàn eine tiefe Verbeugung, was mein neuer Herr erwiderte. Dann gab er mir einen Wink und sagte: “Komm!”

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Wir traten ins Freie und gingen in Richtung des großen Tores. Auf dem Anwesen herrschte die übliche morgendliche Geschäftigkeit. Ich sah einen Diener, der Essensreste zum Stall brachte. Vor dem Sklavenhaus standen die Sklaven in einer Reihe vor dem Aufseher. Als sein Blick mich traf, senkte ich rasch meinen Kopf und ging etwas schneller, um nicht den Anschluss zum Fremden zu verlieren.

Als er uns sah, trat der Torwächter rasch aus seinem Häuschen und öffnete den Durchlass. Mein neuer Meister packte mich wortlos am Arm und schob mich am sich verbeugenden Wächter vorbei durch das Tor. Wir traten hinaus auf die Straße. Hinter mir hörte ich, wie der Zugang zum Anwesen der Familie Liù wieder verschlossen wurde.

Wir hatten das Anwesen verlassen.

Die Stadt erwachte gerade zum Leben. Die Bewohner öffneten die Fensterläden ihrer Häuser und die ersten Händler boten ihre Waren in Geschäften und an Ständen an. Der alte Mann ging zu einem der Stände und kaufte drei mit Gemüse gefüllte Teigtaschen. Er reichte sie mir. Erst, nachdem er mir freundlich zu nickte, griff ich zögerlich zu. Wie herrlich sie dufteten! Ich biss hinein. Der frische Teig, das köstliche Aroma von Gewürzen! Es war viele Jahre her, seit ich sie das letzte Mal probiert hatte.

Während ich aß, machte er in einem Geschäft weitere Besorgungen. Als er fertig war, klopfte er mit seinem Stab vor mir auf den Boden und sagte: “Lass uns gehen! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.”

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Sklave 1.2

Ich stand gebückt im Schlamm und bearbeitete mit einer Holzharke den Untergrund. Die Reisfelder mussten umgepflügt werden, um sie für die frischen Setzlinge vorzubereiten. Es war eine harte Arbeit. Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Rücken schmerzte. Auf meiner Haut hatte das schlammige Wasser eine dunkelbraune Kruste gebildet.

Liù Jiàn war auch hier. Selbstverständlich nicht mit uns Sklaven im Schlamm, sondern trockenen Fußes auf einem nahen Damm, von dem aus er unsere Arbeit beobachtete. Mit 16 Jahren war er schon voll in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Dazu zählte auch die Inspektion der Felder. Wenn es zu heiß war, ließ er sich in einer Sänfte vor die Tore der Stadt tragen.

Heute aber war das Wetter angenehm, so dass er einen Ausritt auf seinem Pferd machte. Mit seiner schwarzen Hose und dem dunkelroten Oberteil aus Seide machte er eine hervorragende Figur. Die langen schwarzen Haare waren hochgesteckt. An seinem Gürtel hing ein Dolch aus Jade. Während er mit dem Aufseher, einem grobschlächtigen Mann mit bloßem Oberkörper, und seinem Sekretär sprach, ließ er das Pferd verschiedene Kunststücke machen. Er redete und handelte mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der die Gunst der Götter auf seiner Seite wusste.

Ich war noch ein Kind, als ich in das Haus der Familie Liù kam. Damals hatte ich Liù Jiàn als scheuen Jungen kennengelernt, dem es fast peinlich schien, Diener um sich zu haben. Doch nach dem Krieg schlug sein Vater seine Klauen in ihn und brachte sein verdorbenes Inneres zum Vorschein. Er wurde stolz und grausam im Umgang mit uns Sklaven, so dass ich seine Anwesenheit zu fürchten begann.

Während ich mit der Harke die Erde bearbeitete, versuchte ich, keine auffälligen Bewegungen zu machen. So hoffte ich, seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu ziehen. Glücklicherweise war er aber so sehr in die Besprechung mit seinem Sekretär vertieft, dass er uns Sklaven nicht weiter beachtete.

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Die Sonne stach vom Himmel und ich nahm mir vor, auf dem Heimweg etwas Schilf von einem der zahlreichen Teiche zu sammeln, um mir aus den Blättern eine Kopfbedeckung zu flechten. Und dann würde ich wie jeden Abend an der vereinbarten Stelle im Garten auf Lilie warten. In der Nähe der Küche durfte ich mich nicht blicken lassen, weshalb wir uns immer in einer versteckten Ecke des Anwesens trafen.

Wenn ich Glück hatte, brachte mir Lilie etwas zu essen mit. Oft erschien sie aber auch nicht und ich musste mit dem kargen Bisschen vorlieb nehmen, das uns der Aufseher brachte. So ging das jeden Tag. Dienen, arbeiten und immer auf der Suche nach etwas zu essen.

Ich richtete mich auf und hielt mir das schmerzende Kreuz. Das war nicht ohne Risiko, denn der Aufseher duldete keine Pausen, außer er gab das Kommando dazu. Ich warf einen verstohlenen Blick auf Liù Jiàn. Doch weder er, noch der Aufseher beachteten mich. Dann sah ich den Grund dafür. Ein alter Mann mit weißem Bart und kahl rasiertem Kopf war auf sie zugetreten. Er war in ein braunes Tuch gehüllt und trug auf dem Rücken ein zusammengeknotetes Bündel. In der Hand hielt er einen langen Stab und ich schloss daraus, dass er von außerhalb des Tals gekommen sein musste.

Wer auch immer der Wanderer war, er musste eine Person von Rang sein. Zunächst hatte ihn Liù Jiàn skeptisch von seinem Pferd herab beäugt, doch beeilte er sich plötzlich, abzusteigen. Dann verbeugte er sich tief vor dem Fremden. Ebenso zogen sich der Sekretär und der Aufseher diskret in den Hintergrund zurück. Der fremde Mann war mächtig.

Ein Gespräch entspannte sich zwischen dem alten Mann und dem jungen Sohn des Gouverneurs. Liù Jiàn machte eine ausladende Geste, die dem Fremden wohl das Ausmaß der familiären Besitztümer verdeutlichen sollte. Der alte Mann nickte anerkennend und ließ seine Augen über die Reisfelder schweifen. Als er mich sah, wurde sein Blick plötzlich starr. Ich senkte meinen Blick und nahm rasch wieder meine Arbeit auf. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie der Blick Liù Jiàn in meine Richtung wanderte und mein Herz sank. Eine Diskussion über meine Person schien sich zu entwickeln. Die Arbeit mit der Harke hatte mich in die Nähe des Damms geführt, so dass ich Teile ihres Gesprächs verstehen konnte.

Zudem schien Liù Jiàn zu wollen, dass ich seine Worte hörte. Laut sprach er: “Wir haben sie von einem Bauern aus einem der Dörfer bekommen, weil er seine Schulden nicht begleichen konnte. Ein schlechtes Geschäft.” Er schnaubte abfällig, dann wandte er sich wieder an den alten Wanderer. “Als Sklaven geborene lernen von klein auf, zu dienen. Sie stellen keine Fragen und haben keine Ansprüche. Diese da musste erst lernen, zu gehorchen.” Er machte eine kurze Pause. “Wollt Ihr wissen, wie man einem Sklaven Gehorsam beibringt?”

Ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten, befahl er mich zu sich. Ich unterbrach das Umpflügen und stieg den Damm hoch. Er packte meinen linken Arm und hielt dem Fremden meine Hand hin, der ein Teil des kleinen Fingers fehlte. “Schmerz ist der beste Lehrmeister, nicht wahr?”

Ich starrte zu Boden, denn eines der wichtigsten Gebote für Sklaven besagt: “Sieh deinem Herren niemals in die Augen, ausser es wird dir befohlen!” Eine Welle ohnmächtigen Zorns durchströmte mich. Doch auch wenn es nur von kurzer Dauer war, das Aufflammen des Ungehorsams in meinem Gesicht entging Liù Jiàn nicht. Er riss mich herum und rief: “Aber trotzdem bleibt sie eine schlechte Sklavin!” Schon erhob er seinen Arm, um mich zu bestrafen.

Noch bevor er seinem Impuls nachgeben konnte, wurde er von dem alten Mann unterbrochen: “Die Diener des Herren müssen dumm sein, damit er nicht faul wird.”

Liù Jiàn glotzte ihn überrascht an und ließ den Arm sinken. Der Fremde setzte fort: “So lautet ein Sprichwort aus meiner Heimat. Es bedeutet, dass der Herr davon profitiert, wenn er einen beschränkten oder rebellischen Diener im Hause hat. Denn so verfällt er nicht in Bequemlichkeit, bleibt gerissen und ist immer auf der Hut.”

“Ist das so?” sagte Liù Jiàn mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber.

Der Wanderer nickte und lenkte seine Aufmerksamkeit gegen die Stadt. “Ich sehe, dass Ihr sehr beschäftigt seid und möchte euch nicht weiter mit meinen Fragen belästigen. Könnt ihr mir vielleicht eine Gaststätte oder einen Tempel für die Nacht empfehlen? Ich habe gehört, Tiánwǔ soll eine sehr reizvolle Stadt sein.”

Mein junger Herr beeilte sich zu antworten: “Werter Meister, es wäre mir eine Ehre, Euch im Hause der Familie Liù willkommen heißen zu dürfen! Einer unserer Sklaven hat im Wald Fasanen gefangen und der Wein aus unseren Krügen ist süß. Gönnt uns die Freude, euch zu bewirten! Ich lasse Euch sofort eine Sänfte kommen.”

Sein Gegenüber hob die Hand. “Die Sänfte muss ich ablehnen. Das Geschaukel behagt mir nicht, so dass ich lieber zu Fuß gehe. Eure Einladung nehme ich aber gerne an!”

Liù Jiàn erstrahlte und auf seinen Ruf hin kam der Sekretär gelaufen. “Eile nach hause, damit alles für die Ankunft unseres Gastes vorbereitet wird!”, kam der Befehl und der Mann machte sich sogleich in Richtung der Stadt auf. Der Fremde bedankte sich, was Liù Jiàn mit einer erneuten Verbeugung quittierte. Dann klopfte der Wanderer einmal mit seinem Stab in den Straßenstaub und wandte sich der Stadt zu.

Mein Herr nahm sein Pferd am Zügel, um ihm zu folgen. Im Fortgehen machte er eine Geste zum Aufseher. Dieser knurrte mich an: “Pack dich fort!” und gab mir einen Stoß, so dass ich den Damm hinab in das schlammige Wasser stürzte. Schnell erhob ich mich und nahm die Harke wieder auf, um meine Arbeit fortzusetzen.

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Sklave 1.1

Ich verspürte einen brennenden Schmerz, als der heiße Tee in mein Gesicht spritzte. Mit einem Schrei bedeckte ich meine Augen, dann sank ich weinend auf die Knie. Eine Stimme herrschte mich an: “Roten wollte ich, nicht schwarzen! Hör’ beim nächsten Mal genauer zu, wenn man dir etwas befiehlt, du nutzloses Stück Schweinedreck!”

Das hatte ich. Er hatte schwarz gesagt.

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Es war weithin bekannt, dass Liù Jiàn, der älteste Sohn der Familie Liù, die Sklaven des Hauses hässlich behandelte. Aber das machte nicht viel, denn was sonst konnte sich ein Sklave erwarten? Die Familie Liù war nicht nur die reichste und mächtigste in der Stadt Tiánwǔ, sondern im gesamten Tal der hundert Brücken. Der Kopf des Sippe, Liù Róng, war der vom König eingesetzte Gouverneur dieses Gebiets. Jeden Tag empfing er zahlreiche Gesandte, Händler, Bauern und andere Bewohner. Er legte fest, an wen und für wie viel Geld welches Stück Land verpachtete wurde. Er bestimmte fällige Abgaben und welche Quoten zu erfüllen waren.

Jeden Monat ging er mit seinen drei Söhnen zum Tempel von Caishen, um zum Gott des Reichtums zu beten, auf dass er sein Vermögen bewahre und weiter wachsen lasse. Regelmäßig brachte er am Tempel der Familie Opfer für seine Ahnen.

Sein prächtiges Haus hatte drei Stockwerke und lag inmitten eines weitläufigen Gartens, der von einer mannshohen Mauer umschlossen war. Dieses Anwesen war Wohn- und Amtssitz in einem und beheimatete nicht nur ihn und seine Familie, sondern auch seine vier Konkubinen und die Familien seiner zwei Brüder. Im Schatten des mächtigen Hauses befand sich ein kleiner, heruntergekommener Bau, der als Schlafplatz für die 12 männlichen und weiblichen Sklaven der Familie diente.

Ich war eine von ihnen. Eine yā​tou, ein Sklavenmädchen. Unser Leben war hart und nichts wert. Jeden Tag mit dem Hahnenschrei verließen ich das Bett, das ich mit Lilie teilte. Wasser wurde gekocht und die Schüsseln entleert, in denen die Mitglieder der Familie in der Nacht ihre Notdurft verrichtet hatten.

“Wo bleibt der Tee? Mach schneller, du faules Luder, bringe dem Meister seine Pfeife!”

Die Glücklicheren unter uns durften in der Küche aushelfen, denn es musste Congee als Frühstück zubereitet werden. Frischer Reis und Gemüse für die Mitglieder der Familie Liù und ihre Gäste. Wenn die Herren es wünschten, dann auch mit etwas Fleisch darin. Lilie hatte einen Platz in der Küche ergattert und musste deswegen nur selten hungern. Ab und zu brachte sie mir ein Schüsselchen, das sie unbemerkt zur Seite geschafft hatte. Meistens aber gab es für uns nur Weggeworfenes. Schimmliges Brot oder faulen Fisch von letzter Woche.

“Reinige unsere Ohren! Zuerst die von Großmutter. Dann massiere mir die Füße!”

Oft kam es aber auch vor, dass wir morgens nichts zu essen bekamen. Dann konnte man sein Glück am Trog im Stall hinter dem Haus versuchen. Vielleicht fanden sich dort ein paar vertrocknete Salatblätter oder abgekaute Knochen, die die Schweine übersehen oder verschmäht hatten.

“Onkel hat wieder Verstopfung. Hilf ihm und hole den Kot mit deinen Fingern aus seinem Anus!”

Sofern ich bei der Hausarbeit nicht unabkömmlich war, musste ich nach Sonnenaufgang auf die Felder. Ob zur Regenzeit, wenn tagelang unablässig Wasser vom Himmel fiel, oder im Sommer, wenn die Sonne das Gras verbrannte. Für uns Sklaven gab es auf den Feldern immer etwas zu tun. Neue Reispflänzchen mussten eingesetzt, Lotuswurzeln geerntet, oder die Erde umgegraben werden. Der Rohrstock des Aufsehers sorgte dafür, dass immer fleissig gearbeitet wurde. Bei Sonnenuntergang marschierten wir zurück in die Stadt. Aber der Tag war für uns noch nicht vorbei.

“Wasch die Kleidung des jungen Herren! Hänge die Chilischoten zum Trocknen auf! Singe Lieder für die Gäste des Meisters!”

Selbst nach einem kargen Abendmahl, wenn der Mond schon hoch am Himmel stand, durften wir unsere erschöpften Körper nicht ruhen lassen. Denn manche der weiblichen Sklaven hatten auch spät in der Nacht noch Verpflichtungen, wenn sie den Männern der Familie Liù im Bett Gesellschaft leisten mussten. Lilie mit ihrer schneeweißen Haut war eine häufig gefragte Partnerin und fast jede Nacht kam sie erst nach mir ins Bett gekrochen. Mir blieb dieser Teil erspart. Die Feldarbeit hatte meine Haut dunkel werden lassen, so dass keiner der Männer Verlangen nach meinem Körper verspürte.

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Der Tee brannte mir in den Augen und mein Blickfeld war verschwommen. Ich versuchte mit meinen Händen die Umgebung zu ertasten, erhielt aber einen Stoß in die Brust. Liù Jiàn schrie: “Fass mich nicht an! Scher’ dich fort und bringe mir endlich meinen Tee! Wie lange willst du mich noch warten lassen?”

Leichte Schritte kamen auf mich zu und ein Arm legte sich beruhigend um meine Schulter – Lilie. “Habt einen Augenblick Geduld, Herr”, flötete sie, worauf Liù Jiàn verächtlich schnaubte. Sie führte mich rasch aus dem Raum. Wimmernd begleitete ich sie in ein Nebenzimmer, um meinem jungen Herren den roten Tee zu bereiten.

Lilie holte eine handvoll Teeblätter aus einem Behälter und stellte eine frische Kanne mit Wasser auf den Ofen. Sie versuchte mich zu trösten, während ich mich sammelte. “Der junge Herr ist von der vielen Verantwortung angespannt. Wenn die Erntezeit beginnt, wird es besser werden.” Ihre Worte gaben mir Kraft. Doch sie konnten nicht über meine Lage hinwegtäuschen. Es war ein Tag, wie jeder andere. Nicht unbedingt schlechter, als die meisten. Denn Drohungen, Prügel und Misshandlungen gehörten für uns Sklaven zur Normalität.

Mit der Kanne in der Hand trat ich durch die Tür. Mein junger Herr ignorierte mich und las in einem Manuskript. Ich kniete mich neben ihn, verbeugte mich und schenkte ihm behutsam ein. Liù Jiàn nahm die Tasse und warf einen prüfenden Blick auf die Flüssigkeit, deren Oberfläche in der Sonne wie Öl glänzte. Dann hob er die Tasse zum Mund, blies sanft, und nahm schließlich einen Schluck.

Er sah mich kühl an. “Warum nicht gleich so?”

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