Bindung 2.4

Im Morgenlicht saß ich vor dem Bauernhaus auf der Erde und betrachtete meine Umgebung. Ein Bauer lag in einer Blutlache tot auf dem Untergrund. Ebenso der von mir erstochenen Bandit. Dù Xīnwǔ half dabei, einen verletzten Hausbewohner zu versorgen, dann ging er zum Wegelagerer, den er vor der Scheunentür erschlagen hatte.

“Gut gemacht. Sehr gut”, sagte der alte Mann im Vorbeigehen und strich mir über den Kopf.

Ich schluckte. Ich hatte meinen ersten echten Kampf erlebt und dabei einen Menschen umgebracht. Er war ohne Zweifel ein böser Mensch gewesen. Aber trotz dieser Gewissheit fühlte ich mich unwohl und irgendwie nicht wie ich selbst. Als ob ich mich im falschen Körper befand.

Die Sonne ging auf. Ich zwang mich, die Fassung zu bewahren und betrachtete den Körper des Banditen. Er lag regungslos im Staub. Mein Speer stak noch immer in seinem Rücken. Er war ein Mann mittleren Alters. Über seine Wange zog sich eine schlecht verheilte Narbe aus einem früheren Kampf. In seinem Mundwinkel befand sich Blut. Ich zog den Speer aus seinem Körper. Dazu musste ich mehr Kraft aufwenden, als ich erwartet hatte. Die Spitze schimmerte ölig im Morgenlicht. Blut floss aus der Wunde und färbte die Kleidung des Toten dunkelrot. Mir wurde übel.

Mein Lehrer trat zu mir. “Bist du verletzt?”

“Nein. Nur… ich weiß nicht. Ich fühle mich nicht gut.”

Er beruhigte mich: “Das sind die Nachwirkungen des Kampfes. Keine Sorge, das wird vergehen.”

Er warf einen Blick über die Schulter hin zu den Bauern, die um den Mann am Boden vor der Scheune standen. “Es ist Zeit für uns zu gehen.”

“Was ist mit ihm?” fragte ich und deutete zum Erschlagenen.

“Mein Stab hat ihm den Schädel gebrochen. Ich weiß nicht, ob er noch einmal das Bewusstsein erlangt.”

“Was sollen wir mit ihm machen?”

“Gar nichts werden wir machen. Das ist Sache der Bauern.”

Ich sah zu den Hausbewohnern. Sie warfen uns finstere Blicke zu.

“Hole rasch den Beutel und lass uns aufbrechen!” ermahnte mich mein Begleiter.

Ich ging zur Scheune. Das Gesicht des am Boden liegenden Räubers war geschwollen und hatte eine dunkelviolette Färbung angenommen. Keine Regung zeigte, ob er noch am Leben war. Die Bauern schwiegen, doch ihre Körpersprache verriet Ablehnung, so dass ich schnell an ihnen vorbei in die Scheune huschte. Der  Beutel lag noch an jener Stelle, wo ich ihn in der Nacht gelassen hatte. Grußlos brachen wir auf. Die Hausbewohner betrachteten uns mit steinernen Mienen, als wir in den Wald gingen. Wenig später waren wir wieder allein und komplett von Bäumen und Dickicht umringt. Nur das Zwitschern von Vögeln war zu hören.

Mir fiel der Wegelagerer ein, den ich im Kampf in die Flucht geschlagen hatte. “Wir sollten vorsichtig sein! Einer der Räuber flüchtete in diese Richtung!”

Dù Xīnwǔ beruhigte mich: “Der ist längst über alle Berge. So, wie die anderen Schufte! Sie haben nicht mit Widerstand gerechnet und werden damit beschäftigt sein, ihre Wunden zu lecken!” Er lachte und legte mir eine Hand auf die Schulter. “Dein mutiges Eingreifen hat sie in die Flucht geschlagen! Du hast einen kühlen Kopf bewahrt und deine Feinde besiegt. Es gibt viele Männer, die an deiner Stelle versagt hätten!”

Diese Worte gaben mir Kraft. Ich fühlte mich stolz. Trotz der schrecklichen Ereignisse. Trotz des Mannes, der wegen mir tot im Dreck lag. Ich hatte etwas geleistet, was noch vor wenigen Tagen unmöglich gewesen wäre. Ich hatte zwei Feinde im Kampf besiegt und einem Mitstreiter aus einer schwierigen Lage geholfen. Dank meiner Hilfe waren die Bauern nicht alle abgeschlachtet worden.

Doch warum hatten sie sich so undankbar gezeigt, dass wir sie gerettet hatten? Ich verlieh meinem Missfallen Ausdruck: “Warum waren die Bauern so abweisend? Wir haben ihnen doch geholfen!”

Mein Begleiter antwortete: “Ich habe das Gefühl, dass sie uns für die Ereignisse  verantwortlich machen.”

“Aber wir haben an ihrer Seite gekämpft! Ohne unsere Hilfe wären sie vielleicht alle getötet worden!”

“Ja. Wir haben die Halunken vertrieben.” Der alte Mann hatte die Augen zusammen gekniffen und die Unterlippen vorgeschoben. Er sprach mit leiser Stimme weiter: “Aber die Räuber und Wegelagerer werden wieder kommen. Und dann werden sie Rache für die erlittene Schmach und ihre zwei Toten nehmen.”

Ich blieb abrupt stehen, denn plötzlich verstand ich. Im Gegensatz zu uns konnten die Bauern nicht von hier fort. Hier war ihre Heimat. An ihr Land gebunden waren sie für die Banditen ein leichtes Ziel, die sich beim nächsten Mal nicht so leicht überraschen lassen würden.

Ein Gefühl von Schuld überkam mich.

“Mach dir keine Vorwürfe!” hörte ich die Stimme meines Lehrers. “Wir hatten keine andere Wahl und mussten uns Verteidigen!” Ich ging weiter. Als ich ihn wieder eingeholt hatte, drehte er sich zu mir und sagte: “Es gibt Situationen, in denen du alles richtig und trotzdem falsch machen kannst. So ist das Leben.”

Wie wahr! Als Begleiterin Dù Xīnwǔs war meine Situation eine bessere als im Haus der Familie Lìu. Nun begann ich zu begreifen, dass auch dieses neue Leben kein einfaches sein würde – wenn auch auf ganz andere Weise.

—–

Der Pfad verließ das Tal und führte uns steil bergauf. Nach mehreren Stunden erreichten wir schließlich eine Senke zwischen zwei Berggipfeln, die neben uns hoch in den Himmel ragten. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass hier keine Bäume mehr wuchsen und ich fragte Dù Xīnwǔ, ob es hier Holzfäller gab. Er klärte mich darüber auf, dass so hoch in den Bergen keine Bäume mehr wuchsen, weil das Wetter zu rauh war. Wie zum Beweis pfiff plötzlich ein scharfer Wind um uns. Wir suchten Schutz hinter einem knorrigen Zedernbusch und nahmen einen Teil des Proviants zu uns. Laut Dù Xīnwǔ hatten wir noch mehrere Tage des Marschierens vor uns. Der schwierigste Teil war aber überstanden. Unser nächstes Ziel war die Stadt Shíyàn, die auf der anderen Seite der Berge lag.

Bevor ich meinem Führer weiter folgte, genoss ich für einen Augenblick die Aussicht. Vor mir erstreckte sich das bewaldete Tal, das wir gerade durchquert hatten. Dahinter erhob sich Wǔdāng Shān, der Berg der höchsten Harmonie. Irgendwo dort musste der Tempel sein und noch weiter dahinter: Tiánwǔ. Ich suchte zwischen den Bäumen nach dem Bauernhof, konnte ihn aber nicht entdecken.

Der Wind zerzauste mir die Haare und ich erzitterte leicht, als mir bewusst wurde, dass es für mich kein Zurück mehr gab. Der einzige Weg voraus führt in das Sòng-Reich.

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Bindung 2.3

“Leise!” befahl mir Dù Xīnwǔ. Er hatte sich an der Wand neben der Tür positioniert und lugte durch die Spalten zwischen den Brettern. Ich stellte mich neben ihn, um zu sehen, was draußen vor sich ging. Es war noch Nacht und nur eine zarte dunkelblaue Färbung hinter den Bergen kündigte das kommende Morgengrauen an. Vor dem Haus standen die mit Messern und Stöcken bewaffneten Bauern. Ihnen gegenüber befand sich eine Gruppe von mehreren Fackelträgern. Im Flackern des Feuers sah ich ihre Waffen aufblitzen.

“Wer sind diese Leute?” fragte ich leise.

“Räuber und Halsabschneider”, raunte Dù Xīnwǔ.

“Räuber”, wiederholte ich überrascht. “Hier?”

“Dies ist Grenzland. Soldaten der Shǔ finden ihren Weg selten so hoch in die Berge. Sie bleiben lieber unten in den Niederungen, wo sie ihre Festungen haben. Banditen gehen ein geringes Risiko ein, wenn sie abgelegene Höfe wie diesen überfallen. Dass sie so offen auftreten bedeutet, dass sie sich ihrer Sache sicher sein müssen.”

Wie auf ein Kommando trat aus der Gruppe der Wegelagerer plötzlich ein Mann hervor und rief: “Gebt uns eure Käsch Münzen und wir werden euch verschonen!”

“Wir sind arm und haben nichts von Wert. Geht weiter und lasst uns in Ruhe!” antwortete eine Stimme, die ihre Angst hinter Forschheit zu verstecken versuchte.

“Wie ihr wollt”, antwortete der Anführer und zog ein jiàn Schwert aus seinem Gürtel, dessen zweischneidige Klinge bedrohlich funkelte. Er deutete auf unsere Scheune, worauf sich zwei Männer aus der Gruppe der Banditen lösten und in unsere Richtung kamen. Das jiàn erhob er drohend in Richtung der Bauern.

“Halte dich bereit!” flüsterte mein Lehrer und ich packte meinen Speer fest mit beiden Händen. Er griff nach seinem Stab und wartete, bis die beiden Wegelagerer direkt vor der Tür der Scheune standen. Dann trat er kräftig zu. Die Tür flog auf und einer der Räuber stürzte mit einem Schrei zu Boden. Wir stürmten nach draussen und mein Lehrer ließ seinen Stab mit Wucht auf den Kopf des Gestürzten niederfahren.

Ich sprang an ihnen vorbei und stach mit meinem Speer auf den anderen Banditen ein. Er machte einen Satz zurück und mein Angriff ging ins Leere. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sich zwischen dem Rest der Banditen und den Bauern ein Kampf entwickelte und dass Dù Xīnwǔ in ihre Richtung eilte.

Ich hielt meine Waffe drohend in die Richtung meines Gegners und verschaffte mir einen raschen Überblick. Der Schuft war mit einer Keule bewaffnet und damit klar im Nachteil. Hinter ihm befand sich vor abfallendem Gelände ein einfacher Holzzaun. Rechts von mir kämpften Dù Xīnwǔ und die Hausbewohner vor dem Bauernhaus gegen die Gruppe der Wegelagerer. Zu meiner linken verschwand der Pfad im Dunkel des Waldes.

Mein Gegner schien sich unsicher, wie er mich angreifen konnte, ohne aufgespießt zu werden. Ich täuschte einen Stoß an, worauf er einen weiteren Sprung nach hinten machte. Der Bandit stand nun mit dem Rücken am Zaun. Seine Augen blickten nervös zu den Seiten. Er schien die Nähe zu seinen Kameraden zu suchen. Ich wartete ab, um ihn zu einer Bewegung zu verleiten. Ich lag richtig, denn plötzlich machte er einen Satz zum Bauernhaus hin. Ich stach zu. Ich hatte mir vorgenommen, ihn in den Unterleib zu treffen. Doch der Stoß war schlecht berechnet, striff bloß seinen Arm und fuhr dann in den Zaun.

Der Wegelagerer stieß einen Schmerzensschrei aus und nutzte die Gelegenheit, um in die entgegengesetzte Richtung des Waldes zu flüchten. Ich zog den Speer aus dem Holz und wollte nachsetzen, doch da war der Mann bereits zwischen den Bäumen und einen Moment später zur Gänze in der Finsternis verschwunden.

Sollte ich ihn verfolgen? Ich verwarf den Gedanken. In der Dunkelheit war es gefährlich und ich kannte das Gelände nicht. Plötzlich hörte ich einen lauten Schrei hinter mir. Ich fuhr herum. Zwischend den Kämpfenden lag ein Mann am Boden. Mein Blick landete auf Dù Xīnwǔ, der gerade dem Angriff eines Banditen auswich. Der Angreifer war mit einem Spieß bewaffnet und stand mit dem Rücken zu mir. Ich lief auf ihn zu, holte Schwung und stieß ihm meinen Speer in den Rücken.

Das Metall fuhr ihm ohne Widerstand ins Fleisch, bis ich in meiner Bewegung plötzlich gestoppt wurde. Ich musste auf einen Knochen gestoßen sein. Ein Gefühl von Hitze, dass in Kälte überging, schoss durch meinen Körper. Erschrocken ließ ich den Speer los. Der Räuber sackte zusammen, ohne einen Laut von sich zu geben. Dù Xīnwǔ sah mir kurz in die Augen und wandte sich dann ab, um einem bedrängten Bauern zu helfen.

Da ertönte ein lauter Ruf und die Wegelagerer ließen von uns ab. Ich benötigte einen Augenblick um zu begreifen, dass die Angreifer offenbar das Weite suchten. Die Räuber warfen ihre Fackeln weg und liefen, so schnell sie konnten, weg. Einen Moment später waren sie im Wald verschwunden. Ihre gefallenen Kameraden hatten sie zurückgelassen. Wir verharrten und lauschten. Nichts war zu hören, außer das angestrengte Keuchen der Bauern und das Stöhnen eines Verwundeten.

So schnell alles begonnen hatte, war es wieder vorbei gewesen. Wir hatten den Angriff überstanden.

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Bindung 2.2

“Im Kampf musst du viele Faktoren berücksichtigen. Bist du allein, oder hast du Verbündete? Kämpfst du gegen einen oder mehrere Gegner? Wie gut ist der Feind bewaffnet? Was für Waffen führst du selbst mit dir?”

Dù Xīnwǔ hatte seinen Stab genommen und war aufgestanden. “Damit noch nicht genug. Bist du überhaupt in der Lage, einen Kampf zu bestreiten? Das heißt: Bist du ausgeruht und siegessicher, oder bist du verletzt und hast Angst? Was ist mit deinem Gegenüber?”

Er deutete mit einer Hand zum Himmel. “Wie sind die Verhältnisse? Ist es Tag oder Nacht? Steht die Sonne hoch oder tief? Regnet es? Wie ist der Untergrund beschaffen?” Währenddessen war er zur Kiefer in der Ecke des Platzes gegangen und tat so, als würde er ihren Stamm als Deckung für seinen Körper nutzen. “Welche Dinge und Gegenstände befinden sich in deiner Umgebung? Nutze diese Informationen zu deinem Vorteil und zum Nachteil des Gegners!”

“Kämpfe mit allen Mitteln. Tritt deinem Gegner Staub in die Augen, lenke ihn ab. Täusche Schwäche vor und stoße überraschend zu. Bedenke aber, dass dein Gegner dasselbe versuchen wird!”

Er kam wieder hinter dem Baum hervor. “Die Tempel und Klöster auf dem Wǔdāng Shān haben zahlreiche Kampfkünste hervorgebracht. Doch sie zu erlernen ist schwierig und nimmt viel Zeit in Anspruch, weshalb ich dich im bewaffneten Kampf ausbilden werde. Das geht schneller.” Er klopfte mit seinem Stab auf den Boden. “Ein Stab oder ein Speer ist eine sehr einfach handzuhabende Waffe. Ideal für Anfänger.” Er nahm den Stab mit beiden Händen an einem der Enden und richtete die Spitze auf mich. “Der größte Vorteil ist die Reichweite. Mit einer einfachen Aktion bringst du eine Manneslänge Abstand zwischen dich und deinen Gegner. Der beste Schutz ist, wenn du dich vom Kampfgeschehen so weit wie möglich fernhälst.”

Er tat einen Schritt nach vorne, so dass die Spitze des Stabes meinem Gesicht gefährlich nahe kam. Unweigerlich trat ich einen Schritt zurück. “Der Speer ist eine Stichwaffe. Um den Gegner zu töten ziele auf das Gesicht, den Hals oder den Unterleib.” Dann holte er aus und tat so, als ob er mich damit von der Seite her mit dem Schaft treffen wollte. Dann führte er die selbe Bewegung über seinem Kopf aus, als ob er mich von oben herab erschlagen wollte. “Du kannst ihn jedoch auch als Schlagwaffe gegen Kopf und Oberkörper nutzen. Mit ausreichend Schwung vermagst du damit die Knochen deines Gegenübers zu brechen.”

Dann verschwand er durch die Tür und erschien wenig später mit einem Speer in der Hand. Der Schaft war aus dunklem Holz und überragte mich um zwei Köpfe. Die metallene Spitze funkelte in der Sonne.

“Dieser Speer ist ab sofort dein Begleiter. Lasse ihn nie aus den Augen und achte gut auf ihn. An ihm hängt dein Leben!” Er überreichte mir die Waffe. Der Speer war schwerer, als gedacht. “Aber ich kann erzählen was ich will. Du musst den richtigen Umgang selbst ausprobieren und am eigenen Körper erfahren. Erst dann lernst du es!”

Dù Xīnwǔ positionierte sich vor mir und gab mir Anweisungen: “Stelle deine Füße schulterbreit auseinander. Drehe deinen Körper – nein, nicht nur deine Hüften – zu mir, in Richtung deines Gegners. So bietest du ihm ein kleineres Ziel. Mit einem Fuß machst du einen Schritt nach vorne. Genau so! Der hinterer Fuß steht senkrecht zum Feind. So hast du einen guten Stand und kannst die Kraft für einen plötzlichen Angriff aufbringen. Gehe leicht in die Knie, um deinen Schwerpunkt zu senken. In dieser niedrigen Position gibt du zudem auch ein kleineres Ziel ab.”

“Nimm den Speer und ziele mit der Spitze auf meinen Körper. Die führende Hand ist eine Schulterbreite von der hinteren Hand entfernt. Wenn du den Abstand zwischen beiden Händen vergrößerst, kannst du den Speer leichter bewegen.”

“Nun stich mir in den Bauch!”

Ich wollte ihm zeigen, dass ich keine Angst hatte und versuchte ihn zu treffen. Scheinbar ohne Mühe wich er zur Seite, so dass mein Angriff ins Leere ging. “Nochmal! Nutze den Schwung deines ganzen Körpers.” Ich stieß wiederholt nach ihm. “Lehne dich dabei aber nicht nach vorne. Sonst…” Er packte den Speer mit seiner freien Hand und riss kurz daran, so dass ich einen Schritt auf ihn zu stolperte. Mit seinem Stab berührte er mich sanft an der Wange. “… verlierst du dein Gleichgewicht und machst deinen Kopf zum Ziel des nächsten Angriffs.”

“Greife deinen Gegner und nicht seine Waffe an. Jede Attacke muss schnell ausgeführt werden. Wer zögert, stirbt. Kehre nach jedem Angriff sofort in die Ausgangsposition zurück.” Er deutete auf meine Füße. “Bleibe immer in Bewegung. Mach kleine Schritte zur Seite, als ob du deinen Gegner umkreisen möchtest. Ja, genau so! Wer an einem Fleck verharrt, ist eine leichte Beute!“

—–

Dù Xīnwǔ verbrachten den ganzen Vormittag damit, mir die Grundlagen des Stab- und Speerkampfes beizubringen. Sie waren in der Tat nicht sehr schwer zu erlernen und schon bald bekam ich ein Gefühl für die verschiedenen Bewegungsabläufe. Nachdem ich die anfängliche Unsicherheit überwunden hatte, fand ich sogar Spaß daran, Stöße und Schläge auszuführen und den vorgetäuschten Angriffen meines Lehrers auszuweichen.

Gegen Mittag drängte er plötzlich zum Aufbruch. “Wir können nicht zu lange bleiben. Außerdem benötigen wir unsere Kraft für die Weiterreise.”

Mit dem Speer in der Hand und dem Beutel auf dem Rücken verließ ich mit Dù Xīnwǔ den Tempel. Einer der freundlichen Mönche hatte uns bis zum Tor begleitet und mir zum Abschied ein Päckchen mit Proviant überreicht. Das Wetter hatte umgeschlagen und grauen Wolken bedeckten den Himmel. Leichter Regen fiel. Das störte mich jedoch nicht. Zur Regenzeit hatte ich als Sklave tagelang im Regen auf Feldern gearbeitet. Ich fieberte unserem Weitermarsch sogar entgegen. Denn ich hatte mir vorgenommen, endlich einige Hintergründe in Erfahrung zu bringen.

“Warum gerade ich?”

Ich wartete mit dieser Frage, bis wir uns im Wald und außer Hörreichweite des Tempels befanden. Dù Xīnwǔ hob die Augenbrauen und lächelte. Er schien meine Erkundungen bereits erwartet zu haben und antwortete: “Du bist kräftig, ausdauernd und hattest ein entbehrungsreiches Leben, wie kaum eine andere Frau. Es gibt wenig bessere Voraussetzungen für eine Kriegerin.”

Das leuchtete mir ein. Meine Neugier war aber noch nicht gestillt. “Es gibt unzählige Sklavinnen, die ein schweres Leben haben. Warum fiel dein Auge ausgerechnet auf mich?”

Mein Begleiter antwortete: “Es war eine Mischung aus Zufall, Glück und Berechnung. Eile ist das oberste Gebot, damit die Rebellion erstickt werden kann, bevor sie sich zu weit ausbreitet. Um den Verräter zu besiegen, musste ich raschest eine passende Frau aus dem Shǔ-Reich finden. Das Tal der hundert Brücken ist nicht weit vom Reich der Sòng entfernt. Somit war es naheliegend, dass mich mein Weg hier zuerst hinführen würde.”

“Und meine alten Herren? Kanntest du sie?”

“Liù Róng war mir als ehemaliger General und aktueller Militärgouverneur der Shǔ namentlich bekannt. Dass ich vor den Toren der Stadt auf seinen Sohn traf, war Zufall. Ich konnte zunächst nur aus seinem Verhalten und Aussehen schließen, dass er aus einer wichtigen Familie stammen musste.”

Er lachte kurz auf, als er sich die Begegnung in Erinnerung rief. “Liù Jiàn ist ein Narr, genauso, wie sein Vater. Er vergeudete keine Zeit damit, in Prahlerei über Ochsen und Reisfelder zu verfallen. Nun, in Tiánwǔ genügt das anscheinend, um Händler und Reisenden zu beeindrucken. Zwar nicht in seinem Sinne, hatte seine Angeberei aber doch etwas Gutes. Denn so fand ich dich. Ein Mädchen, genau wie ich es suchte: Mit kräftigen Armen und Beinen, aber noch jung und nicht verbraucht.”

Wir hielten kurz an, um einem Mann und seinem Lastpferd auf dem engen Waldpfad Platz zu machen. Dann setzten wir unseren Weg fort und Dù Xīnwǔ sprach weiter. Er war sichtlich stolz darauf, dass es ihm Gelungen war, dass sein Besuch in Tiánwǔ so gut verlaufen war. “Als er dich zu uns befahl, war es für ihn nur eine plumpe Demonstrationen seiner Macht. Aber ich bin ihm dafür dankbar. Denn so konnte ich einen genaueren Blick auf dich werfen. Ich erkannte, dass dein Geist trotz der schlechten Behandlung noch nicht gebrochen war. Ich verstand sofort, was für ein Glück unser Treffen darstellte und dass ich schnell handeln musste. Zwar konnte ich damit rechnen, auf meinem Weg noch andere Mädchen vorzufinden, die ähnlich gute Voraussetzungen mitbrachten. Doch wie viel Zeit würde ich dabei vergeuden? Ich musste die Gelegenheit beim Schopf packen und dich rasch an mich binden!”

Seine Augen waren hart und kalt, als er fortsetze. “Ein paar Schmeicheleien und die Aussicht auf eine Gefälligkeit genügten, um mich der Familie Lìu als Gast zu empfehlen. Trotz ihrer Macht und ihres Reichtums sind sie sehr einfach gestrickt. In ihrem Haus angekommen, musste ich nur die passende Gelegenheit finden, um mit dir ungestört zu sprechen. Da die Lìus kräftig gefeiert und ihre Sklaven hatten darben lassen, habe ich mich in der Nacht in der Nähe der Küche auf die Lauer gelegt. Den Rest der Geschichte kennst du.”

Ich empfand seine Offenheit als großartig und erschütternd zugleich. Sowohl was seine Worte über mich als auch über meine alten Herren betraf. Ich hatte die Lìus als mächtige Menschen erlebt, deren Wort die absolute Wahrheit war und absoluten Gehorsam erforderte. Ein Wort, eine Geste oder ein Blick unserer Meister konnte für uns Sklaven Glück oder Verderben bedeuten. Auch wenn ich sie gehasst hatte – dass sie jemand als dumm bezeichnete, erschien mir unerhört. Ich konnte nicht anders, als hinter mich zu blicken. Hatte uns jemand gehört? Was, wenn meine alten Herren davon erfuhren? Würden sie Dù Xīnwǔ diese Worte nicht übel nehmen?

Doch im Wald hinter uns regte sich nichts und wir gingen ungestört weiter.

—–

Gegen Abend führte uns der Weg in ein sich immer weiter verengendes Tal. Auf dem Pfad gelangten wir an einem abgelegenen Bauernhof vorbei. Er wirkte ärmlich und heruntergekommen. Trotzdem beschlossen wir, hier die Nacht zu verbringen. Die Bewohner sprachen einen anderen Dialekt, als im Tal der hundert Brücken, und ich hatte Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Dù Xīnwǔ erkundigte sich nach dem weiteren Weg und bat um eine Schlafgelegenheit. Die Bauern schienen nicht sehr erfreut, dass wir die Nacht bei ihnen verbringen wollten. Da zog mein Lehrer ein paar Stücke Käsch hervor und plötzlich fand sich in einer kleinen Scheune neben dem Haus doch noch ein Platz für uns.

Trotz der Münzen, die sie erhalten hatten, zeigten die Bauern kein Interesse daran, mit uns weiter zu sprechen. Auch boten sie nicht an, mit uns ihr Abendbrot zu teilen, so wie es gute Sitte gewesen wäre. Stattdessen zogen sie sich in das Wohnhaus zurück und schlossen die Tür, so dass uns nichts anderes übrig blieb, als in die Scheune zu gehen. Unser Abendmahl nahmen wir im Finsteren ein. Es bestand aus Teilen des Proviants, den wir von den Mönchen erhalten hatten.

Das Verhalten der Hausbewohner störte und irritierte mich, doch Dù Xīnwǔ schien keinen Groll gegen sie zu hegen: “Das hier ist nicht mehr das beschauliche Tal der hundert Brücken, wo alles geordnet und gesittet zugeht. Hier oben ist es gefährlich und man überlegt es sich zweimal, ob man einem Fremden über den Weg trauen kann. Wer weiß, was diese Leute in der Vergangenheit erleben mussten?”

Nach dem Abendessen ging ich in den Wald hinter der Scheune, um meine abendliche Notdurft zu verrichten. Durch die Bäume beobachtete ich das Bauernhaus. Seine Fensterläden waren geschlossen, so dass kaum ein Licht nach außen drang. Wenn die Bewohner Tiere besaßen, so mussten sich diese im Haus befinden. Es war, als ob sie ihre Anwesenheit vor fremden Augen verbergen wollten. Außer den Geräuschen des Waldes war nichts zu hören. Eine bedrückende Atmosphäre lag über allem und ich war froh, meinen Speer bei mir zu haben.

Als ich in die Scheune zurück kehrte, schloss Dù Xīnwǔ die Tür und verkeilte seinen Stab im Türrahmen, so dass sie nur von innen her geöffnet werden konnte. Dann krochen wir in unseren Kleidern ins Stroh, um zu schlafen.

—–

Ein Geräusch weckte mich. Von draußen drangen laute Stimmen in die Scheune. Kurz darauf spürte ich Dù Xīnwǔs Hand auf meiner Schulter. “Auf! Nimm deinen Speer und folge mir!”

Verwirrt und noch schlaftrunken rieb ich meine Augen. Draußen war es noch dunkel. “Was bedeutet der Lärm? Gehen die Bauern schon auf die Felder?”

“Nein”, antwortete mein Lehrer grimmig. “Er bedeutet, dass du deine Fähigkeiten in einem Kampf beweisen musst.”

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Bindung 2.1

Die Sonne ging unter, als wir aus dem Wald traten und einen Komplex aus mehreren Bauwerken auf einer Bergkuppe erreichten. Wie ich erfuhr, befanden wir uns auf dem Wǔdāng Shān, einem heiligen Berg mit Klöstern, Pagoden und andere Bauten. Eine breite Freitreppe führte zum mächtigen Tor des Tempels, vor dem ein Mönch die einkehrenden Personen kontrollierte.

Nach einer kurzen Unterredung mit Dù Xīnwǔ wurden wir von ihm durch ein Netz aus Hallen, Gängen und kleinen Höfen zu zwei benachbarten Räumen gebracht, die uns als Unterkunft für die Nacht dienten. Die Einrichtung der Zimmer war zweckmäßig: Ein Bett und auf dem Boden daneben eine Schüssel für nächtliche Bedürfnisse. In einer Ecke stand ein grob gezimmerter Tisch und an der Tür befand sich ein Haken, um Kleidung daran aufzuhängen. Im Raum hing ein muffiger Geruch, aber er war sauber und um Welten besser, als das verrottete Sklavenhaus, in dem ich bisher meine Nächte verbracht hatte.

Unser Abendessen aus Reis mit etwas gedämpften Gemüse nahmen wir gemeinsam mit den Mönchen in einem großen Saal ein, dessen Dach von mächtigen Holzsäulen getragen wurde. Obwohl es ein im Sinne der Mönche einfaches Mahl war, genoss ich jeden Bissen. Unter den wohlwollenden Blicken der anderen holte ich mir dreimal einen Nachschlag vom weiß glänzenden Reis und ließ nicht ein Korn in meiner Schüssel übrig. Die Bewohner des Tempels waren freundlich. Mit Ausnahme ihrer privaten Gemächer gestatteten sie uns freien Zugang zu allen Bereichen der Anlage. Wir verspürten nach dem langen Aufstieg aber keine Lust, den Tempel zu erkunden. Nach einem kurzen Gebet an einem der zahlreichen Altäre gingen wir früh zu Bett. Satt und mit einem Gefühl der Dankbarkeit schlief ich ein.

—–

Am nächsten Morgen wurde ich von Dù Xīnwǔ früh geweckt. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er seinen Stab und führte mich durch das Labyrinth des Tempels, bis wir schließlich durch eine Tür ins Freie traten. Wir standen auf einem Platz, der zu drei Seiten von roten Mauern umschlossen war. An einer der Mauern befanden sich ein Tisch und zwei Hocker aus Stein. Bis auf eine Ecke, in der eine Kiefer stand, war der Platz vollständig mit Steinplatten gepflastert. Zur vierten Seite hin fiel das Terrain am Rand des Platzes abrupt ab und man konnte einen ungehinderten Ausblick auf die uns umgebende Berglandschaft genießen. Von irgendwoher ertönte das Pfeifen eines Mönches.

“Kannst du mit Waffen umgehen?”, fragte mich Dù Xīnwǔ unvermittelt.

Ich kannte ihn für keine drei Tage. Dennoch glaubte ich, den Charakter meines Führers bereits einschätzen zu können. Ich riskierte ein Bisschen Humor. “Nein. Aber mit Schaufeln und anderen Geräten für die Feldarbeit kenne ich mich aus!”

Dù Xīnwǔ kicherte und ich freute mich, dass ihm mein Scherz gefallen hatte. Dann wurde seine Miene wieder ernst und er sagte: “Das verwundert mich nicht. Denn das Letzte, was ein Herr will, sind Sklaven, die etwas vom Kampf verstehen.”

Er setzte sich auf einen der Steinhocker. “Lass uns bei den Grundlagen beginnen, damit du mir besser folgen kannst. Wie ich dir gestern schon erklärt habe und wie du auch am eigenen Leib erfahren hast, leben wir in einer harten Welt, die viele schlechte Menschen hervorgebracht hat. Und um in dieser Welt bestimmte Ziele zu erreichen, müssen wir manchmal zum äußersten aller Mittel greifen: Gewalt.”

Ich schwieg und als er sah, dass ich keine Einwände hatte, fuhr er fort. “Wird Gewalt von einem Herrscher gegen ein anderes Reich organisiert, spricht man von Krieg. Es gibt verschiedene Arten, wie ein Krieg geführt werden kann. Aber fast immer bedeutet er großes, zum Teil unermessliches Leid – abgetrennte Körperteile, ausgestochene Augen, Verstümmelungen aller Art. Verzweifelte und gebrochene Menschen.”

Mit Krieg hatte ich keine unmittelbare Erfahrung. Aber auch ohne ihn hatte ich Grausamkeit gesehen und erlebt. Ich dachte an weggelaufene Sklaven, die von ihren Herren wieder eingefangen und dann bestraft wurden. Ausgepeitschte Körper vor den Toren Tiánwǔs, von denen blutige Hautfetzen herab hingen. Menschen, denen man die Füße gebrochen hatte. Und ich erinnerte mich an den Schmerz, als man mir zur Strafe für ein Vergehen den kleinen Finger verstümmelte. Wie es sich wohl anfühlte, wenn einem die Hand oder den ganzen Arm abgehackt wurde?

Mein Lehrer setzte fort: “Ich werde mit dir nicht über die Sinnhaftigkeit oder Unsinnhaftigkeit des Kriegs sprechen. Im Gegenteil. Meine Aufgabe ist sogar, dich auf den Kampf vorzubereiten. Dich so auszubilden, dass du andere Menschen im Kampf besiegen und auch töten kannst.” Er blickte um sich. “Auch wenn wir uns hier auf dem Wǔdāng Shān, dem Berg der höchsten Harmonie befinden.”

Ich verstand nicht. “Warum sollte ich kämpfen und jemand anderen töten wollen?”

Dù Xīnwǔ richtete seinen Blick auf das Bergpanorama und fixierte einen Punkt in der Ferne. “Im Reich der Sòng gibt es einen bösen und gefährlichen Mann namens Cáo Yǔ. Er hat sich gegen den Kaiser Sòng Tàizǔ aufgelehnt, Dörfer überfallen und geplündert, unschuldige Bauern getötet und ihre Frauen vergewaltigt. Der Kaiser möchte ihn unschädlich machen, doch das ist nicht so einfach, denn er hat eine Gabe.”

Er wandte sich an mich. “Weißt du, was das ist?”

Ein ungutes Gefühl beschlich  mich. Mir gefiel nicht, in welche Richtung sich das Gespräch entwickelte. “Ich habe davon nur in Erzählungen gehört. Wer die Gabe hat, soll zum Beispiel über unermessliche Kraft verfügen, kann stundenlang unter Wasser verweilen oder trifft immer sein Ziel. Das besagen zumindest die Legenden”, antwortete ich.

“Keine Legenden”, sagte er bestimmt. “Es gibt nur wenige Menschen mit der Gabe, aber sie existieren! Dank ihr kämpft Cáo Yǔ mit der Kraft von 20 Männern. Er ist ein fast unbezwingbarer Gegner.”

Er blickte mir fest in die Augen. “Außer, wenn sein Gegner eine Frau aus dem Reich der Shǔ ist. Keine Sòng, sondern eine Shǔ. Das ist entscheidend! Dann verliert seine Gabe ihre Kraft und er ist nicht mehr, als ein feiger Deserteur!“

Er musterte mich, um meine Reaktion zu lesen. Dann sagte er: „Hier kommst du ins Spiel. Ich möchte, dass du gegen ihn kämpfst und mir dabei hilfst, das Monster zu besiegen!”

Ich wollte ihm widersprechen, doch er schnitt mir das Wort ab. “Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Warum ich gerade dich für diese Aufgabe ausgewählt habe. Dass du als Frau gegen ihn nicht bestehen können wirst, ob mit oder ohne Gabe. Wie du ohne jegliche Vorkenntnisse den Umgang mit einer Waffe erlernen sollst. Dass du noch nie in einem Kampf auf Leben und Tod standest und dir schon beim alleinigen Gedanken daran die Knie zittern.”

Ich blickte zu Boden, denn er hatte Recht. Das alles hörte sich unglaublich und gefährlich und überwältigend an. Da legte er mir eine Hand auf die Schulter. “Ich werde dich nicht dazu zwingen, diesen Weg mit mir zu gehen. Denn der brillianteste General kann keinen Erfolg haben, wenn seine Soldaten ihm nicht folgen.”

“Im Haus der Liù konnte ich dir das ganze Ausmaß dieser Aufgabe nicht erläutern. Darum kann ich es dir auch nicht verübeln, dass du mein Angebot angenommen und ohne alle Details zu kennen mit mir gegangen bist, um aus einer elenden Lage zu entkommen. Jetzt aber haben wir Tiánwǔ hinter uns gelassen und ich brauche deine unerschütterliche Zusage.”

Ich schwieg.

Dù Xīnwǔ schürzte die Lippen. “Wenn du ablehnst, gebe ich dich frei.” Er deutete zur Tür. “Dort ist der Ausgang. Ein Mönch wird dich zum Tor des Tempel begleiten und du wirst nie wieder von mir hören. Wie du aber allein, ohne Geld und Dach über dem Kopf überleben willst, bleibt dann deine Sorge. Ob du als Bettlerin in Dreck und Staub lebst, dich Männern als Bettgefährtin anbietest, oder dich wieder in die Abhängigkeit eines Herren begibst, ist mir gleich.”

Er machte eine Pause, um seine Worte auf mich wirken zu lassen. “Übernimmst du jedoch diese Bürde und hilfst mir dabei, Cáo Yǔ zu besiegen, dann verspreche ich dir, dass du frei sein wirst und nie mehr Not leiden musst! Kaiser Sòng Tàizǔ wird sich für diese Tat sehr erkenntlich zeigen. Außerdem werde ich dich ausbilden, so dass du gegen Cáo Yǔ kämpfen und ihn besiegen kannst. Du wirst auch nicht alleine gegen ihn bestehen müssen. Einige der besten Kämpfer aus allen Reichen werden dich bei deiner Aufgabe unterstützen.”

Dù Xīnwǔ sah, dass ich innerlich zerrissen war. Ich wollte frei sein und ich wollte auch kein Leben in Armut und Elend führen. Denn um zu überleben, brauchte man Arbeit und Geld. Das wusste sogar ich. Aber einen Menschen töten?

Da nahm sein Gesicht die Züge eines Raubvogels an und er sagte: “Bedenke auch das Gute, das deine Tat bewirken kann. Ich weiß nicht, was man dir über die Vergangenheit deines alten Herren Liù Róng erzählt hat. Aber ich Lüge nicht, wenn ich behaupte, dass es zwischen ihm und Cáo Yǔ nur wenige Unterschiede gibt. Der eine hat im Auftrag seines Königs und der andere gegen seinen Herrscher gehandelt. Ihre Taten waren aber fast dieselben.”

Hass durchströmte mich, als ich an Liù Róng und seinen verdorbenen Sohn denken musste. Welche Qualen ich in ihrem Haus erleiden hatte müssen! Ich wusste wirklich nicht viel über ihn, außer, dass er sich im Krieg gegen die Táng ausgezeichnet hatte. Niedergebrannte Dörfer, erschlagene Kinder und ähnliche Taten traute ich ihm aber definitiv zu. Wenn ich dabei helfen konnte mit Cáo Yǔ einen ähnlich schlechten Menschen zu besiegen, war das nicht tatsächlich etwas Gutes?

Ich traf meinen Entschluss. “Ich werde mit dir gehen und gegen den Rebellenführer kämpfen!”

Entgegen meiner Erwartung ließ Dù Xīnwǔ keine Regung der Freude erkennen. Statt dessen sah er mich entschlossen an und sagte: “Gut. Dann lass uns mit deinem Training beginnen!”

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Episode 1.5 – Vom Problem des Kaisers

Kaiser Sòng Tàizǔ hatte gut gefrühstückt. Mit ein paar Weinbeeren in der Hand schlenderte er durch den Steingarten bis zu jenem Teil des Sommerpalastes, in dem sich sein Arbeitszimmer befand. Von hier aus hatte man einen wunderbaren Blick auf den See mit seinen zahlreichen Buchten. Das Schilf schwankte sanft im Wind und zwischen Seerosen tummelten sich zahlreiche Schwäne und Mandarinenten.

Es war ein schöner Frühlingsmorgen und obwohl die Sonne erst vor kurzem aufgegangen war, konnte der Kaiser bereits viele Menschen ausmachen, die durch den Park am Ufer des Sees spazierten. Später würde er als Bediensteter oder Bote verkleidet ebenfalls einen Spaziergang machen. Derart getarnt gab es vielleicht die Chance, in einem der zahlreichen Pavillons ein Gespräch zu belauschen. Denn auch hier, eine halbe Tagesreise von der Hauptstadt entfernt, blühten die Palastintrigen. Und es war immer gut, über die neuesten Gerüchte und Verschwörungen informiert zu bleiben.

Nun aber musste er sich einer anderen Sache widmen. Es ging um eine Angelegenheit, die zwar nicht seine ungeteilten Aufmerksamkeit, aber doch einer baldigen Lösung bedurfte, bevor sie sich zu einem ernsthaften Problem auswuchs. Zur vereinbarten Zeit erschien an der Türschwelle Mǎ Sānbǎo, einer seiner engsten Berater und Ansprechperson für vertrauliche Dinge. Der Kaiser ließ ihn für einen Moment warten und deutete ihm dann, auf einem Sessel in einigen Metern Entfernung Platz zu nehmen. Die beiden Männer hätten Freunde sein können, aber derartige Gesten der Macht waren wichtig, um die Autorität zu wahren.

“Nun, mein Lieber. Wie stehen die Dinge im Norden?”

Der Berater striff sich sein Gewand zurecht und räusperte sich. “Es ist, wie wir befürchtet hatten. Eine Gruppe von Soldaten um den Rebellenführer Cáo Yǔ ist desertiert und hat nahe der nordöstlichen Grenze einen Aufstand angezettelt. Es ist ein schändliches Verhalten, das kaiserliche Vertrauen derart…”

Sòng Tàizǔ erhob eine Hand, um ihn zu unterbrechen, und der Berater verstummte. Derartige Bekundungen waren erfreulich, aber an dieser Stelle unangebracht. Der Kaiser fragte: “Wie weit ist die Rebellion fortgeschritten?”

“Noch sehr begrenzt. Nicht mehr, als ein paar Dörfer.”

“Wie viele Männer hat er?”

“Wir schätzen, dass es im Moment nicht mehr als 200 sind.”

“Wie gut sind sie bewaffnet?”

“Die Aufständischen konnten sich aus den Beständen der örtliche Garnison bedienen. Alles in allem gehen wir von etwa 50 ausreichend bewaffneten Männern aus. Der Rest wird nur mit minderwertigen Waffen wie Spießen in den Kampf ziehen.”

Der Kaiser machte eine Geste und der Berater trat zu einem großen Tisch. Darauf befand sich eine Karte des betroffenen Gebiets. Auf dem Tisch standen mehrere kleine Figuren aus Jade, Holz und Elfenbein. Sòng Tàizǔ nahm einige Jadefiguren und platzierte sie an verschiedenen Stellen auf der Karte. Das waren seine Truppen. Dann platzierte er eine Holzfigur in der nordöstlichen Ecke der Karte. “Das erste Ziel der Verräter wird somit sein, mehr Waffen und Ausrüstung zu erbeuten.”

Der Berater nickte. “Bis nach Dìngzhōu sind es von dort nur ein paar Tage. Die Stadt ist nur von wenigen Männern gesichert, verfügt aber über ein großes Kontor, da es als Versorgungspunkt für die umliegenden Garnisonen dient. Damit wird er in der Lage sein, einen Großteil seiner Männer gut auszurüsten.”

“Fällt Dìngzhōu ist der Weg nach Westen frei”, sprach der Kaiser. Die Stadt war ein wichtiger Handelsknoten. Von dort konnte die Rebellion rasch auf andere Gebiete übergreifen. Das war ein Problem.

“Können wir die Sache durch Bestechung regeln?”

Der Berater machte eine Miene. “Die zwei Boten, die wir mit Angeboten zu ihm geschickt haben, kamen nicht mehr zurück…”

“Also kein Pragmatiker”, schloss der Kaiser und erhob die Hand. Ein Diener erschien mit einem Teller voller Pfirsiche. Der Kaiser nahm sich ein zartrosanes, besonders pralles Exemplar und biss hinein. Nachdem der Diener sich wieder zurückgezogen hatte, setzte der Konsultant mit seinen Ausführungen fort: “Nein. Dass er unsere Avancen ausgeschlagen hat, bestätigt eine weitere Vermutung und deckt sich auch mit dem, was unsere Quellen über ihn berichtet haben.”

“Er hat eine Gabe”, sagte der Kaiser im Ton ernster Feststellung.

“Ja. Den uns vorliegenden Berichten zufolge scheint sie ihm die Kampfkraft von 20 Männern zu verleihen. Offensichtlich hat er Schaukämpfe veranstaltet, um seine Macht zu demonstrieren und um neue Anhänger zu gewinnen.”

Menschen mit einer Gabe. Menschen, deren Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich weit über jene normaler Personen hinausreichten. Der Kaiser betrachtete die ausgebreitete Karte. Im Falle des Rebellenführers war es weniger sein strategisches Geschick, sonder seine große Strahlkraft, die ihn gefährlich machte. Schaukämpfe also. Wenn sich erst einmal die Idee von seiner scheinbaren Unbezwingbarkeit in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatten, würde es sehr viel schwieriger werden, sich seiner zu entledigen. Hinzu kam: Wenn dieser Mann tatsächlich über eine solch enorme Kampfkraft verfügen sollte, würde es eine ganze Armee brauchen, um ihn zu besiegen. Soldaten, die er an anderer Stelle benötigte.

Der Kaiser deutete erneut auf die Karte. Seine Hand wanderte nun nach Süden. “Die Shǔ sind unruhig. Unsere Spione verzeichnen Truppenbewegungen unweit der Grenze. Wenn der Angriff gelingen soll, kann ich es mir im Moment nicht erlauben, zur Bekämpfung der Verräter größere Kontingente so weit nach Nordosten zu verlegen.”

Ohne von der Karte aufzublicken, setzte er fort: “Aber wie ich dich kenne, mein lieber Mǎ Sānbǎo, hast du doch sicher schon eine Idee parat.”

Der Berater fühlte sich ob dieses Lobs geschmeichelt und fühlte seinen Einfluss wachsen. “Tatsächlich habe ich einen Weg gefunden, das Problem zu lösen, ohne dass wir Truppen von anderen Teilen des Reiches abziehen müssen. Die Lösung hängt mit Cáo Yǔ selbst zusammen. Wie jeder Mensch mit einer Gabe verfügt auch er über einen Schwachpunkt, der ihre Vorteile außer Kraft setzt. Wir haben stichhaltige Hinweise darauf, wo diese empfindliche Stelle bei ihm liegt.”

Der Kaiser lächelte wissend, ließ den Konsultant aber weitersprechen.

“Setzt man seine Gabe außer Kraft, ist er leicht zu besiegen. Ist der Schlange erst einmal der Kopf abgeschlagen, werden sich seine Männer schnell in alle Richtungen verteilen und die Rebellion ist im Keim erstickt!”

Der Kaiser strich sich über seinen Bart. “Das hört sich alles gut an. Aber um Erfolg zu haben, braucht es doch sicherlich noch mehr?”

Mǎ Sānbǎo antwortete: “Wir müssen geschickt vorgehen. Cáo Yǔ darf nicht wissen, dass wir seinen Schwachpunkt kennen. Gleichsam muss verborgen bleiben, dass wir bereits entsprechende Vorbereitungen für den Schlag gegen ihn unternehmen.“ Dann senkte er den Ton in seiner Stimme und raunte: „Wenn mein Kaiser es erlaubt, werde ich mich zu diesem Zwecke an den blauen Lotus wenden.”

Der Kaiser erinnerte sich an frühere Berichte und sein Gesicht verfinsterte sich. “Ein Geheimorden?”

“Seid unbesorgt”, beschwichtigte der Berater seinen Herren. “Es ist ein Orden, dessen Mitglieder zwar zurückgezogen leben, aber wiederholt Unterstützung für Euren Thronanspruch geäußert haben. Der blaue Lotus verfügt über einige Elemente, die im Verborgenen wirken und uns einen entscheidenden Vorteil verschaffen. So können wir die Angelegenheit klären, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ihr selbst wisst, dass Feinde ihre Augen und Ohren überall haben. Sogar hier, in Eurem Palast.”

Der Kaiser war zu einem der Fenster gegangen und beobachtete von dort zwei Reiher, die am Ufer des Sees langsam durch das Wasser schritten und dabei nach Fröschen Ausschau hielten. “Den richtigen Moment abwarten und dann zuschlagen”, murmelte er mit Blick auf die Vögel und dachte dabei an den blauen Lotus, Cáo Yǔ und das Shǔ-Königreich. Sein Ausdruck war hart geworden und der Konsultant befürchtete, dass es ihm nicht gelungen war, die Zweifel des Kaisers zu zerstreuen. Doch dann wandte sich Sòng Tàizǔ zu ihm.

“Nun gut, vertrauen wir auf dein Urteilsvermögen. Leite umgehend alles in Notwendige in die Wege!”

Der Berater erschauderte unter diesen Worten. Doch schnell fasste er sich wieder und antwortete: “Sehr wohl. Ich werde einen der besten Männer des Ordens mit der Aufgabe betrauen.”

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Sklave 1.4

Wir verließen die Stadt. Die Sonne war aufgegangen und am blauen Himmel standen kleine Wölkchen. Es versprach ein warmer Tag zu werden. Mein neuer Meister führte uns nach Norden, wo eine Kette bewaldeter Hügel das Tal begrenzte. Die Straße führte uns durch Reis- und Gemüsefelder, die bereits seit dem Morgengrauen emsig von Bauern und Sklaven bearbeitet wurden. Obwohl auf den Feldern und Straßen reger Betrieb herrschte, schien sich niemand weiter um uns zu kümmern. Ich war aufgewühlt von den Ereignissen der letzten Stunden. Gestern noch war ich selbst im schlammigen Wasser dieser Felder gestanden, hatte hungrig neue Bewässerungsgräben gezogen, mit rissigen Händen nach Schädlingen auf den Pflanzen gesucht, oder mit abgebrochenen Fingernägeln Wurzeln ausgegraben. Nun aber schritt ich mit vollem Bauch und bis auf ein flaues Gefühl der Ungewissheit nahezu unbeschwert an meinem bisherigen Leben vorbei.

Mit federndem Schritt ging der alte Mann voran. In seiner Hand hielt er wieder den langen Stab. Ich folgte ihm mit einigem Abstand, wie es sich für einen Sklaven gehörte. Verschiedene Gedanken schossen mir durch den Kopf. Wer war er? Was wollte er von mir? Wohin führte er mich? Er hatte von einem weiten und gefahrvollen Weg gesprochen. Der Gedanke daran fühlte sich wie ein großer Stein in meinem Magen an. Mein ganzes Leben hatte ich im Tal verbracht. Nie war ich über die Felder, die sich rings um Tiánwǔ erstreckten, hinaus gekommen.

Ich blickte auf die Hügellandschaft, aus der sich in der Ferne einige Berge erhoben. Was lag hinter diesen Bergen? Dann schüttelte ich den Kopf und schalt mich in Gedanken selbst. Wie absurd. Die unbekannte Zukunft mit diesem Mann schien mich mehr zu belasten, als die Gewissheit der Schläge, die ich jeden Tag im Haus der Familie Liù erhalten hatte.

Wir passierten eine alte Holzbrücke, die sich über einen kleinen Bach spannte. Da drehte sich mein Führer um, deutete auf das sandige Ufer und sagte: “Wasch dich!” Wie befohlen trat ich an das Wasser heran und begann, mich auszuziehen. Ich watete in den Bach. Zunächst nutze ich nur meine Hände, um mich zu reinigen. Doch aus Furcht, meinen Führer warten zu lassen, legte ich mich schließlich mit meinem ganzen Körper in das kühle, knietiefe Wasser.

Er hatte sich von mir abgewandt. “Auch den Kopf!”, befahl er und ich tat wie geheißen. Er schien an meinem nackten Körper nicht interessiert zu sein. Fand er mich wegen meiner dunklen Haut auch abstoßend, so wie Liù Jiàn und die anderen? War er vielleicht ein Mönch und führte ein Leben in Enthaltsamkeit? Auch erinnerte ich mich an Erzählungen über Männer, die nicht an Frauen, sondern nur an anderen Männern interessiert waren. Es gab so viel, dass ich nicht wusste oder nicht verstand.

Seinen Blick weiter auf die Reisfelder gerichtet sprach er wieder zu mir: “Bevor wir weitergehen, möchte ich etwas klarstellen. Mein Name ist Dù Xīnwǔ. So möchte ich von dir auch genannt werden. Nicht Herr, nicht Meister oder sonst irgendetwas! Dù Xīnwǔ genügt.”

Obwohl er meine Reaktion nicht sehen konnte, nickte ich und stieg aus dem Bach. Da warf er ein Bündel in meine Arme und deutete mir, es zu öffnen. Ich war überrascht. Darin befanden sich ein Strohhut sowie eine Hose und ein Oberteil, beide aus einem grauen, groben Stoff. Dù Xīnwǔ lachte: “Wir werden einige Zeit lang miteinander unterwegs sein. Da kann ich dich doch nicht stinkend und zerlumpt neben mir herlaufen lassen!” Dann drehte er sich um und marschierte weiter in Richtung der Berge.

Ich lächelte ungläubig, zog mir die neue Kleidung an und warf die alte in einen Graben neben der Straße. Dann setzte ich mir den Hut auf und warf den Sonnenschutz, den ich am Tag zuvor aus Schilf geflochten hatte, in den Bach. Von der Brücke aus beobachtete ich, wie er vom Wasser langsam fortgetragen wurde. Dann wandte ich mich Dù Xīnwǔ zu und lief ihm rasch hinterher.

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Wir hatten den Talboden hinter uns gelassen und folgten einem schmalen Pfad in die Hügel. Seitliches des Weges befanden sich zwischen Gemüsebeeten zwei kleine Bauernhäuser. Nebenan war ein umzäunter Bereich, in dem einige Schweine grunzend durch die Erde wühlten. Ein Kind spielte im Staub mit zwei abgebrochenen Zweigen.

“Ich bin ein alter Mann. Wenn ich mich dauernd umdrehen muss, wird mein Hals irgendwann steif. Sofern es die Verhältnisse zulassen, möchte ich, dass du neben mir gehst!” Ich folgte Dù Xīnwǔs Worten und ging schneller, um an seine Seite zu gelangen.

Ich hatte nun zum ersten Mal die Gelegenheit, meinen Führer genauer aus der Nähe und bei Tageslicht zu betrachtet. Er mochte zwischen 50 und 60 Jahre alt sein. Seine Haut hatte einen dunklen Teint. Wie ich musste er viel Zeit unter der Sonne verbracht haben. Kleine Fältchen in den Augenwinkeln gaben ihm ein freundliches, fast verschmitztes Aussehen. Sein Mund hatte einen festen Zug, der ihn entschlossen wirken ließ. Seine Hände waren grob und rau. Dù Xīnwǔ musste regelmäßig körperliche Arbeit geleistet haben.

Auch er musterte mich mit Interesse. Schließlich sagte er: “Du musst viele Fragen haben. Zum Beispiel, warum ich dich von deinen früheren Herren frei gelöst habe.”

Ich nickte.

“In den kommenden Tagen werde ich dir alles erklären. Denke aber nicht, dass ich es aus reinem Edelmut getan habe, oder weil mir dein Gesicht so gut gefällt!”

“Die Menschen in dieser Welt unterscheiden sich nach dem Grad ihrer Schlechtigkeit. Es gibt manche unter ihnen, die sind sehr schlecht, und viele, die weniger schlecht sind. Aber keiner ist ohne Sünde. Du magst mir gegenüber Dankbarkeit empfinden, aber bedenke, dass in diesem Moment jemand anderes deinen Platz als neuer Sklave der Familie Liù einnehmen wird.”

Der Gedanke erschütterte mich.

In meinem Kopf sah ich Liù Jiàn, wie er im Auftrag seines Vaters durch den Sklavenmarkt von Tiánwǔ schlenderte und dabei Menschen wie Schweinehälften taxierte. Er war auf der Suche nach einer neuen Sklavin. Jung sollte sie sein und hübsch. Sein Auge fiel auf ein Mädchen, das in Seide gekleidet war, um interessierte Käufer anzulocken. Ihre Haut war weiß wie Jade und der gesenkte Blick ihrer mandelförmigen Augen verlieh ihr ein sanftmütiges Aussehen, dass ihn an ein Lämmchen erinnerte. Zufrieden langte er nach dem Geldbeutel. Seinem Vater würde dieses neue Ding für das Bett sicher gefallen.

Ich biss mir auf die Lippen.

Dann dachte ich mit Bestürzung an Lilie. Nach dem Fest hatte sie die Nacht im Bett eines Herren verbracht. Der raschen Aufbruch an diesem Morgen hatte keine Möglichkeit geboten, ihr Lebewohl zu sagen. Mit ihren Worten des Trostes war sie im Haus der Familie Liù meine einzige Freundin gewesen. Durch ihre versteckten Geschenke aus der Küche hatte sie zu meinem Überleben beigetragen. Was würde nun aus ihr? Auch wenn ihre Stellung im Haus eine weit bessere als die meinige war – würde sie nicht einsam sein?

Ein Gefühl der Schuld überkam mich und ich verspürte tausend kleine Stiche in meinem Herzen. Aber was konnte ich dagegen tun? So war das Leben eines Sklaven. Ein Wort unserer Meister genügte, um unserem Leben eine neue Wende zu geben.

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Wir hatten die Bauernhäuser hinter uns gelassen und folgten dem Pfad stetig bergauf. Die Felder waren in Buschland und Wald übergegangen. Ich genoss den Schatten, den die Bäume in der Mittagshitze spendeten.

„Wie alt bist du?“ wollte mein Führer von mir wissen.

„Ich weiß nicht genau. Als ich in das Haus der Familie Liù kam, war ich 8 oder 9 Jahre alt. Das war vor 5 oder 6 Jahren.“

„Wie kamst du in das Haus deiner früheren Herren?“

„Māma, bàba und gēge hatten nach einer schlechten Ernte kein Geld, um ihre Schulden zu bezahlen. Darum verkauften sie mich.“

„Eltern die ihre Kinder verkaufen müssen. Das Schicksal kann in der Tat grausam sein“, sagte mein Führer nachdenklich.

„Ich war nur eine Tochter. Mich wegzugeben, ist wie Wasser zu verschütten.“ Ich sprach ohne Emotionen. Warum auch? Als Mädchen war ich wenig wert. So hatten meine Eltern mit mir noch ein letztes gutes Geschäft gemacht.

Dù Xīnwǔ betrachtete mich für einen Moment. Er schien etwas sagen zu wollen. Doch dann besann er sich, richtete seinen Blick wieder nach vorne und schwieg.

Auch ich wollte ihm Fragen stellen und mehr über ihn und den Grund unserer Reise herausfinden. Doch er vertröstete mich: “In den kommenden Tagen werden wir noch ausreichend Gelegenheit finden, um zu sprechen. Lass uns vorerst sehen, dass wir rasch fort kommen. Hier kann es für uns gefährlich werden.”

Warum befanden wir uns in Gefahr? Zu meinen bestehenden kamen neue Fragen hinzu.

Doch da ich vorerst keine Antworten erwarten konnte, beschloss ich, meine Umgebung genauer zu studieren. Es war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich mich wieder ein einem Wald befand. Das Rascheln der Blätter, knackende Zweige unter unseren Füßen, die Geräusche verborgener Tiere. Alles wirkte befremdlich auf mich. Auch die Luft war anders, als in der Stadt oder auf den Feldern. Sie war kühl und roch frisch.

Als Sklavin hatte ich für solche Dinge nie Zeit gehabt. Entweder hatte ich gearbeitet oder waren auf dem Weg von oder zur Arbeit. Nun sah ich Käfer über die Rinde von Bäumen krabbeln. Ich lauschte dem Zwitschern unbekannter Vögel. Auch stellte ich fest, dass sich die Art der vorkommenden Pflanzen veränderte, je weitere wir dem Pfad in die Berge folgten. Jeder Baum war interessant und hinter jedem Stein lag eine Überraschung. Den ganzen Tag lang sog ich diese neuen Eindrücke gierig auf.

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Kurz vor Sonnenuntergang öffnete sich der Wald und ich folgte meinem Führer auf einen Felsvorsprung. Die sich uns offenbarende Aussicht war wunderschön. Unter uns befand sich das von der Nachmittagssonne durchflutete Tal. Zwischen grünen Feldern und einem Netz aus Kanälen lag friedlich Tiánwǔ mit seinen stattlichen Häusern, Tempeln und Straßen. Vor den Mauern der Stadt konnte ich eine Person erkennen, die einen Ochsen zum Fluss trieb. Menschen waren alleine oder in Gruppen über die Felder verteilt. Ein paar Reiter trabten auf ihren Pferden nach Osten.

Etwas abseits der Stadt lagen zwei kleine Siedlungen. Bauerndörfer, die aus Ansammlungen ärmlichen Hütten bestanden. Ich konnte mich nicht mehr genau daran erinnern, in welchem, aber in einem dieser Dörfer war ich aufgewachsen. Ich dachte an bàba, māma und großen Bruder, die irgendwo unter mir ihrem Tagesgeschäft nachgingen. Wie es ihnen wohl erging? Erinnerten sie sich noch an ihre Tochter, oder hatten sie mich vergessen? Hatte ihnen mein Verkauf das erhoffte besser Leben ermöglicht? Dù Xīnwǔ war wortlos auf den Pfad zurückgekehrt. Ich verharrte noch für einen Moment auf dem Felsen. Dann atmete ich tief ein und lief rasch in den Wald zurück, um wieder zu ihm aufzuschließen. Ich fühlte nichts.

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Sklave 1.3

Die Festlichkeiten waren bereits in vollem Gange, als wir verschmutzt und erschöpft von den Feldern zurück kamen. Man hatte zu Ehren des Gastes die  besten Familien der Stadt eingeladen. Fröhliche Musik erfüllte das Haus. Diener huschten geschäftig umher. Die Tafel im großen Saal war gedeckt mit köstlichen Speisen wie gebratenem Schweinebauch, Fischkopf in Chilisoße oder in Essig eingelegte Bambussprossen. Die Stimmung war gelöst, was sicher auch am Wein lag, der ohne Unterlass in die Gläser der Gäste gegossen wurde. Reden wurden gehalten und gerötete Köpfe sprachen sich gegenseitig Glückwünsche zu. Zwischen Liù Jiàn und seinem Vater hatte der alte Wanderer Platz genommen. Milde lächelnd lauschte er ihren Ausführungen und beantwortete geduldig Fragen.

Verschmutzt wie ich war, wollten mich die Herren nicht in der Nähe ihrer Gäste sehen und ich wurde rasch nach draußen geschickt. Vielleicht dachten sie auch, dass ich etwas von den Speisen stehlen würde, während ich sie bediente.

Ich schöpfte etwas Wasser aus dem Brunnen, um mich vom gröbsten Dreck zu befreien. Danach wartete ich am vereinbarten Ort auf Lilie, doch sie erschien nicht. Ich hatte sie nur kurz zu Gesicht bekommen, als sie neue Speisen für die Gäste reichte. Sie würde wohl bis spät in die Nacht beschäftigt sein.

Das Abendessen von uns Sklaven bestand aus etwas wässrigem Brei, in dem ein paar geschmacklose Pilzen schwammen. Der Aufseher verteilte das Gemisch in grob gefertigte Holzschüsseln, die er jedem einzeln überreichte. Jene, die seiner Meinung nach an diesem Tag hart genug gearbeitet hatten, bekamen eine größere Portion. Die „faulen“ unter uns bekamen eine Schüssel, die nur zur Hälfte gefüllt war. Als Frau, die noch dazu als hässlich galt, war ich fast immer unter jenen, die weniger bekamen.

Nach Sonnenuntergang wurde eine Laterne angezündet. Einige der Sklaven verbrachten die Zeit mit simplen Spielen, andere mit dem Erzählen von Geschichten. Ich zog es vor, diesen Märchen und Legenden zu lauschen, die meistens von einem der älteren Sklaven vorgetragen wurden. Es erinnerte mich an meine Kindheit, als mir meine māma vor dem Schlafengehen fantastische Geschichten erzählt hatte. Darin ging es oft um siegreiche Krieger, die Heldentaten vollbrachten, oder um arme Bauernmädchen, die einen Schatz fanden oder vom Kaiser zur Braut erkoren wurden. Um das Leben und Schicksal von Sklaven ging es in diese Erzählungen nie.

Als ich zu Bett ging, war ich froh, meinen Herren an diesem Tag nicht mehr dienen zu müssen. Doch der köstliche Geruch des Festmahls hing in der Luft und ich konnte trotz der anstrengenden Feldarbeit nicht schlafen.

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Die Musik hatte aufgehört, die Gäste waren aufgebrochen und die Bewohner des Hauses hatten sich in ihre Gemächer zurückgezogen. Endlich war die Stille eingekehrt, auf die ich gehofft hatte. Nachdem ich noch eine Zeit lang bewegungslos abgewartet und mich versichert hatte, dass tatsächlich überall im Anwesen Ruhe eingekehrt war, verließ ich mein Nachtlager und schlich mich hinter das Haus.

Ich hoffte in den Küchenabfällen verwertbare Reste des Festessens vorzufinden. Solche nächtlichen Streifzüge unternahm ich nach Feierlichkeiten unserer Herren häufig und ich war im Laufe der Jahre geübt darin geworden, mich ungesehen zu bewegen. Mitglieder der Familie Liù hatte ich zu dieser Zeit weniger zu fürchten. Vielmehr waren es andere Sklaven, der Aufseher oder der Wachmann am Tor, die mich für die Gunst unserer Herren verraten konnten. Doch die anderen Sklaven schliefen alle, und auch die Füße des Wächters ragten regungslos aus seinem Torhäuschen.

Mein Weg führte mich zum Stall. Ich presste mich an seine Wand aus grob gehauenem Stein und lugte vorsichtig um die Ecke. Vor hier aus hatte ich einen guten Überblick auf das Haus und einen Teil des Gartens. Ein Huhn gackerte schläfrig, sonst schien alles ruhig. Mein Ziel war die Küchentür an der Seite des Wohnhauses. Der Mond schien und tauchte alles in ein weißes Licht. Das kam mir ungelegen und ich beschloss, nicht den direkten Weg über den Vorplatz, sondern durch einen Teil des Gartens zu wählen.

Unter den herabhängenden Zweigen einer Weide pirschte ich mich näher ans Haus heran. Nichts regte sich, doch ich wartete noch für einen Moment ab. Schließlich entschloss ich mich den Weg zur Küchentür zu wagen. In wenigen Schritte war ich dort. Nun folgte der schwierigste Teil: Die Tür. Um unbemerkt ins Innere zu gelangen, musste ich sie ohne Geräusch öffnen. Das war bei dem alten Ding nicht ohne Probleme. Ich stellte mich zur Tür und übte sanft Druck aus. Langsam, ganz langsam, tat sich ein Spalt auf.

Ein Geräusch ließ mich vor Schreck umfahren.

Hinter mir stand der Fremde. Ich wollte mich auf den Boden werfen und ihn anflehen, mich nicht bei meinen Herren zu verraten. Doch er packte mich am Arm, drückte mir eine Hand auf den Mund und presste mich an die Wand des Hauses. “Still!” zischte er mich an und ich verharrte. Er sah sich rasch um und zog mich dann hastig in eine dunkle Ecke im Garten, wo dichte Bambusstauden den Blick verstellten.  

Panik stieg in mir auf. Wollte er sich an mir vergehen? Sollte ich um Hilfe rufen? Er hielt mich noch immer fest und ich war überrascht, mit welcher Kraft er es tat. Als er sprach, konnte ich den Wein in seinem Atem riechen. “Mädchen, wie heißt du?”

“Guàn” stieß ich hervor. Bewässerung – ein Name der meine bäuerliche Herkunft verdeutlichte.

“Wir haben nicht viel Zeit, also höre mir genau zu.”

Er vergewisserte sich noch einmal, dass wir ungestört waren und setzte schließlich fort: “Ich suche nach einer Gefährtin für eine weite Reise nach Osten. Du bist kräftig und ausdauernd, also genau richtig für dieses Vorhaben. Die Hintergründe kann ich dir noch nicht nennen. Nur so viel: Die Reise wird beschwerlich und gefährlich sein. Aber ich verspreche dir die Freiheit, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Willst du dich mir anschließen?”

Als er meinen Unglauben sah, wurde seine Stimme drängender: “Guàn, ich habe gesehen, wie die Familie Liù ihre Sklaven behandelt. Ich kann dir helfen und dich bei ihnen auslösen, aber dazu musst du jetzt eine Entscheidung treffen! Überlege rasch! Denn mit oder ohne dir werde ich diese Stadt morgen früh verlassen.”

Er hatte meinen Arm freigegeben. Was sollte ich ihm antworten? Ich wusste nichts über ihn und darüber, was er mit mir vorhatte. Aber ich war ein Sklave der Familie Liù und damit weniger wert als ein Stück Dreck. In Tiánwǔ wartete keine andere Zukunft auf mich, als zu Tode geschuftet und geschlagen zu werden. Weglaufen war unmöglich. Ich war nur eine schwere Krankheit oder Verletzung davon entfernt, dass man meinen gebrochenen Körper achtlos auf der Straße liegen ließ. Was auch immer mich jenseits des Tals erwartete, es konnte kaum schlimmer sein.

“Ich komme mit”, sagte ich schließlich.

Im Mondschein sah ich, wie ein Lächeln über das Gesicht des Fremden huschte. “Gut. Wir werden gleich im Morgengrauen aufbrechen. Erzähle niemandem davon, was wir besprochen haben und halte dich bereit!” Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab und war bald im Dunkel der Nacht verschwunden.

Verwirrt blieb ich zurück. Ich hatte die Worte leicht ausgesprochen, doch jetzt bereute ich sie. Was, wenn es ein Trick war? Falls ja, warum sollte der so fürstlich bewirtete Gast der Familie Liù so etwas tun? Und warum wollte er gerade mich als Gefährtin für eine lange Reise? Konnte er nicht ein andere Sklavin finden? Eine, die besser und hübscher waren?

Die Gedanken rasten durch meinen Kopf, doch ich fand auf diese Fragen keine Antworten. Mein Hunger war verflogen und ich beschloss, zu meinem Bett zurückzukehren. So leise ich konnte, schlich ich zum Sklavenhaus. Über allem lag Stille. Niemand schien meinen nächtlichen Ausflug und das Gespräch mit dem alten Mann bemerkt zu haben. Zitternd legte ich mich auf mein Nachtlager.

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“Der Herr verlangt nach dir!” rief die Stimme des Aufsehers. Nach dem unerwarteten Treffen mit dem Fremden hatte ich kaum ein Auge zugetan. Lilie hatte die ganze Nacht in einem anderen Bett verbracht. Auch wenn der alte Mann es mir verboten hatte, wie gerne hätte ich mich ihr anvertraut!

In der Empfangshalle des Hauses warteten Liù Róng und sein Sohn zusammen mit dem alten Mann auf mein Erscheinen. Als ich vor die Herren trat, befürchtete ich das Schlimmste. Da erhob der Kopf der Familie Liù seine Stimme. “Meister Dù Xīnwǔ wird heute zurück in seine Heimat reisen. Das Alter war nicht gut zu ihm und er benötigt einen Sklaven, um die weite Reise zu bewältigen. Er wünscht, dass du ihn begleitest.”

Der Fremde hatte die Wahrheit gesprochen!

Ich war nervös und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich beschloss, dass es das Beste für mich war, keine Reaktion zu zeigen und still an meinem Platz zu verweilen. Liù Róng sah mich streng an. Das Gesicht Liù Jiàns war eine Maske, nur seine Augen funkelten mich böse an.

Sein Vater fuhr fort: “Als unserem geschätzten Gast, dem wir viel zu verdanken haben, konnte ich ihm diese Bitte nicht abschlagen. Zwar habe ich versucht es ihm auszureden, da du nutzlos und hässlich wie die Kehrseite eines Schweins bist.” Er seufzte und machte eine kurze Pause. “Aber der Meister will sich nicht umstimmen lassen. Darum wirst du mit ihm dieses Haus verlassen!” In Richtung seines Gastes sagte er: “Sie ist ein faules, widerspenstiges Ding. Schlagt sie ordentlich, damit Ihr mit ihr keinen Kummer haben müsst!” Dann machte er eine Geste, um mich wegtreten zu lassen. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt und er würdigte mich keines weiteren Blickes.

Mein neuer Meister befahl mich an seine Seite und reichte mir sein Bündel. Er bedankte sich bei Liù Róng und seiner Familie für die Bewirtung. “Die Berichte über Eure Gastfreundschaft waren nicht übertrieben. Ich werde Euer Haus und Tiánwǔ in bester Erinnerung behalten und allen über die Großzügigkeit der Familie Liù berichten.” Die Gastgeber zeigten zufriedene Gesichter. Dann nahm die Stimme des alten Mannes einen verschwörerischen Ton an: “Und wie besprochen werde ich mich für Euer Anliegen einsetzen. Ich denke, dass ich die Dinge zu Euren Gunsten beeinflussen kann.”

Daraufhin machten Liù Róng und Liù Jiàn eine tiefe Verbeugung, was mein neuer Herr erwiderte. Dann gab er mir einen Wink und sagte: “Komm!”

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Wir traten ins Freie und gingen in Richtung des großen Tores. Auf dem Anwesen herrschte die übliche morgendliche Geschäftigkeit. Ich sah einen Diener, der Essensreste zum Stall brachte. Vor dem Sklavenhaus standen die Sklaven in einer Reihe vor dem Aufseher. Als sein Blick mich traf, senkte ich rasch meinen Kopf und ging etwas schneller, um nicht den Anschluss zum Fremden zu verlieren.

Als er uns sah, trat der Torwächter rasch aus seinem Häuschen und öffnete den Durchlass. Mein neuer Meister packte mich wortlos am Arm und schob mich am sich verbeugenden Wächter vorbei durch das Tor. Wir traten hinaus auf die Straße. Hinter mir hörte ich, wie der Zugang zum Anwesen der Familie Liù wieder verschlossen wurde.

Wir hatten das Anwesen verlassen.

Die Stadt erwachte gerade zum Leben. Die Bewohner öffneten die Fensterläden ihrer Häuser und die ersten Händler boten ihre Waren in Geschäften und an Ständen an. Der alte Mann ging zu einem der Stände und kaufte drei mit Gemüse gefüllte Teigtaschen. Er reichte sie mir. Erst, nachdem er mir freundlich zu nickte, griff ich zögerlich zu. Wie herrlich sie dufteten! Ich biss hinein. Der frische Teig, das köstliche Aroma von Gewürzen! Es war viele Jahre her, seit ich sie das letzte Mal probiert hatte.

Während ich aß, machte er in einem Geschäft weitere Besorgungen. Als er fertig war, klopfte er mit seinem Stab vor mir auf den Boden und sagte: “Lass uns gehen! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.”

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